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Dienstag, 23. April 2019

Reinhard Goebel, Manuela Bachmann

Reinhard Goebel im Portrait

Biografie


Reinhard Goebel, 1952 in Siegen geboren, studierte nach dem Abitur Violine bei Franzjosef Maier und Saschko Gawriloff. Kurse bei den damaligen Barock-Spezialisten Hugo Ruf in Köln, Eduard Melkus in Wien und Marie Leonhardt in Amsterdam sowie das Studium der Musikwissenschaften an der Universität Köln bildeten die Basis für seine Karriere.

Mit dem 1973 gegründeten Ensemble Musica Antiqua Köln profilierte sich Reinhard Goebel als einer der wichtigsten Exponenten der "Early Music Scene", insbesondere als unbestrittene Autorität im Bereich der deutschen Musik des Barock. Für seine Aufnahmen mit dem Ensemble wurde er international mit Preisen und Auszeichnungen geehrt.

Reinhard Goebels künstlerische Laufbahn als geigender Konzertmeister seines Ensembles endete 1990 nach der Aufnahme von Bibers Mysterien-Sonaten abrupt durch eine Handlähmung: nach einigen Wochen des Überlegens entschied er sich dafür, sein Instrument noch einmal - nun rechts haltend und links streichend - neu zu lernen und nicht nur Musica Antiqua Köln während der neuerlichen Lehrjahre dirigierend und leitend zur Verfügung zu stehen, sondern auch dem Drängen moderner Orchester nach Aufklärung und Beratung nachzugeben.

Reinhard Goebels ausgeprägtes Interesse an der deutschen Musik der Bach-Zeit, aber auch die enorm integre Haltung der Deutschen Grammophon gegenüber ihrem "fingerlahmen" Künstler führte dazu, dass Reinhard Goebels erste dirigentische Tätigkeit, die Aufnahme der "Dresden Concerti" von Johann David Heinichen aus dem Jahre 1992, zu einem sensationellen Welt-Erfolg wurde: erneut wurde ein bedeutender Zeitgenosse Bachs vom Staub befreit und der Musikwelt zurückgegeben. Diese Aufnahme der Dresdener Fest-Konzerte wurde mit einer wahren Flut von internationalen Preisen ausgezeichnet.

Nach wie vor stehen "Bach und seine Zeit" im Mittelpunkt von Reinhard Goebels Interesse. Mozart gehört ebenso zum Zentrum seiner Tätigkeit als Dirigent moderner Ensembles. Aber auch hier werden die "Fußnoten" mit zum Klingen gebracht: die Mannheimer Schule, die Werke von Mozarts Freunden und auch diejenigen seiner vielen Feinde, was Mozart hörte und meistens mit übler Kritik bedachte, all das, was man als den historischen Kontext bezeichnet, interessiert den Dirigenten Goebel vornehmlich.

Grundlage für das Innere seiner "klassischen" wie natürlich auch der "barocken" Arbeit ist eine umfassende Kenntnis der theoretischen Sekundärliteratur, Insonderheit der Instrumental-Schulen, während seine enorme Repertoire-Kenntnis und "der Mut zum Neuland" den äußeren Rahmen bilden.

Wissend um den Anachronismus, Musik zu dirigieren, die ursprünglich vom generalbaßspielenden Kapellmeister und vom geigenden Konzertmeister geschmacklich und fachlich koordiniert wurde, erarbeitet Reinhard Goebel in den Proben eine von "Stab-Führung" im wesentlichen unabhängige Eigenaktivität des Ensembles. Die vielseitige, ästhetisch-spielerische Durchgestaltung einer klassischen Partitur ist mit zwei dirigierenden Händen schlechterdings nicht zu erreichen: sie setzt wache, für das Eigenleben der Partitur bewusste Musiker voraus.

Dies zu erreichen, ist das Ziel von Goebels Probenarbeit. Bei ihm müssen auch Bratschen laut spielen, werden Bässe wieder zum Fundament, wird nicht Melodie gesucht, wo keine ist. Goebels Klassik räumt auf mit dem gängigen Vorurteil, mit Bach seien 1750 auch harmonische Funktionen, eher beiläufig anzubringende Verzierungen und strenges Tempo gestorben: seine Klassik leitet sich nahtlos aus dem Barock her.

Zahlreiche Orchester haben sich mittlerweile dem "Experiment Goebel" erfolgreich gestellt, darunter das Beethoven Orchester Bonn, die Duisburger Philharmoniker, das Gewandhaus-Orchester Leipzig, das Orchester des Nationaltheaters Mannheim, die Dresdner Philharmonie, das Deutsche Symphonieorchester Berlin, das Orchester der Komischen Oper Berlin, die Hamburger Symphoniker, das Münchner und Zürcher Kammerorchester, das Tonhalle-Orchester Zürich, das Royal Philharmonic Orchestra London, das Orchester der Königlichen Oper Kopenhagen sowie die Rundfunk-Sinfonieorchester von Saarbrücken (SR), Köln (WDR), Frankfurt (HR), Hannover (NDR) und München (BR).



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