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Freitag, 22. November 2019

 Wiener Philharmoniker

Wiener Philharmoniker im Portrait

Biografie


Der Beginn
Bis zum ersten Philharmonischen Konzert am 28. März 1842 besaß die Stadt der nach ihr benannten "Wiener Klassiker" - Haydn, Mozart und Beethoven - kein aus Berufsmusikern bestehendes Konzertorchester. Der Bedarf an Aufführungen symphonischer Werke wurde durch jeweils eigens zusammengestellte Ensembles gedeckt. Orchester, die ausschließlich aus Berufsmusikern bestanden, gab es damals nur in den Theatern. Der naheliegende Gedanke, mit einem dieser Klangkörper zu konzertieren, wurde bereits Ende des 18. Jahrhunderts realisiert: Wolfgang Amadeus Mozart verpflichtete im Jahr 1785 das Orchester des Wiener Hofburgtheaters für einen Zyklus von sechs Konzerten. Auch Ludwig van Beethoven engagierte dieses Ensemble für seine Akademie vom 2. April 1800, in deren Rahmen er die erste Symphonie zur Uraufführung brachte. Bei der Uraufführung der "Neunten" am 24. Mai 1824 spielte hingegen das vom Orchester der Gesellschaft der Musikfreunde und der Hofmusikkapelle verstärkte Hofopernorchester. Trotz dieser Ereignisse bedurfte es eines skurrilen Umweges, ehe dieses Ensemble, das größte und beste Wiens, selbst als Veranstalter klassischer Symphoniekonzerte auftrat: Der bayerische Komponist und Dirigent Franz Lachner, seit 1830 als Kapellmeister am Hofoperntheater tätig, brachte in den Zwischenakten der Ballettvorstellungen Symphonien Beethovens zur Aufführung. Von diesen Experimenten bis zur unternehmerischen Initiative des Opernorchesters war es nur ein kleiner Schritt, welcher erstmals im Januar 1833 unter Lachners Leitung vollzogen wurde; der von ihm gegründete "Künstler-Verein" löste sich jedoch aufgrund struktureller Mängel nach vier Veranstaltungen wieder auf.

Die Geburtsstunde: Otto Nicolai
Im Jahre 1841 wurde Otto Nicolai (1810-1849) als Kapellmeister an das Kärntertortheater berufen. Gedrängt von führenden Persönlichkeiten aus dem Musikleben Wiens, griff er die Idee Lachners auf und dirigierte am 28. März 1842 im Großen Redoutensaal ein "Großes Concert", das vom "Sämmtlichen Orchester-Personal des k.k. Hof-Operntheaters" veranstaltet wurde. Diese "Philharmonische Academie", so der ursprüngliche Titel, gilt mit Recht als die Geburtsstunde des Orchesters, weil erstmals alle Prinzipien der bis heute gültigen "Philharmonischen Idee" verwirklicht wurden: nur ein im Orchester der Wiener Staatsoper (früher: Hofoper) engagierter Künstler kann Mitglied der Wiener Philharmoniker werden; es besteht künstlerische, organisatorische und finanzielle Eigenverantwortlichkeit; alle Entscheidungen werden von der Hauptversammlung der aktiven Mitglieder auf demokratische Weise getroffen; die eigentliche Verwaltungsarbeit wird von einem demokratisch gewählten Ausschuß, dem zwölfköpfigen Komitee, durchgeführt. Noch vor den politischen Ereignissen des Jahres 1848 wurde mit Hilfe eines revolutionär neuen Modells - demokratische Selbstbestimmung und unternehmerische Initiative einer Orchestergemeinschaft - endlich jene Basis geschaffen, welche die technisch und musikalisch einwandfreie Wiedergabe klassischer symphonischer Werke ermöglichte. Freilich war dies erst ein Anfang - es bedurfte schwerer Rückschläge und leidvoller Erfahrungen, ehe die Musikervereinigung zu tatsächlicher Stabilität gelangte.

Die Philharmonischen Abonnementkonzerte
Als Nicolai im Jahre 1847 Wien für immer verließ, brach das junge Unternehmen beinahe zusammen, fehlte ihm doch mit einem Schlag nicht nur der künstlerische, sondern auch der administrative Leiter. Nach zwölf Jahren der Stagnation brachte schließlich eine grundlegende Neueinführung die ersehnte Wende: Am 15. Januar 1860 fand im Kärntnertortheater das erste von vier Abonnementkonzerten unter der Leitung des damaligen Operndirektors Carl Eckert (1820 - 1879) statt. Seither bestehen die "Philharmonischen Konzerte" ohne Unterbrechung und haben als einzige grundlegende Änderung den Wechsel vom jeweils für die Dauer einer Saison gewählten Abonnementdirigenten zum Gastdirigentensystem erfahren, wie die folgende Übersicht zeigt:

1860 Carl Eckert
1860-1875 Otto Dessoff
1875-1882 Hans Richter
1882/1883 Wilhelm Jahn
1883-1898 Hans Richter
1898-1901 Gustav Mahler
1901-1903 Joseph Hellmesberger jun.
1903-1908 Gastdirigenten
1908-1927 Felix von Weingartner
1927-1930 Wilhelm Furtwängler
1930-1933 Clemens Krauss
seit 1933 Gastdirigenten

Otto Dessoff
Unter der Führung Otto Dessoffs (1835-1892) wurde das Repertoire konsequent ausgebaut, wichtige organisatorische Grundlagen (Notenarchiv, Geschäftsordnung) geschaffen und ein drittes Mal das Konzertlokal gewechselt: Mit Beginn der Saison 1870/71 übersiedelte man in den Goldenen Saal des Musikvereinsgebäudes in Wien, der seither die ideale Wirkungsstätte der Wiener Philharmoniker ist und durch seine akustischen Qualitäten Klangstil und Spielweise des Ensembles beeinflußte.

Die "Goldene Ära": Hans Richter
Mit Hans Richter (1843-1916), dem legendären Dirigenten der Bayreuther Uraufführung von Wagners Tetralogie "Der Ring des Nibelungen", gelang die endgültige Etablierung als Orchester von Weltruf und unvergleichlicher Tradition. Dazu trugen auch Begegnungen mit Wagner, Verdi, Bruckner, Brahms, Liszt u. a. bei, die als Dirigenten bzw. Solisten mit den Wiener Philharmonikern konzertierten. In der als "Goldene Ära" bezeichneten Amtszeit Richters wurden die 2. und 3. Symphonie von Brahms sowie die 8. Symphonie von Bruckner uraufgeführt. Mit Gustav Mahler (1860-1911) trat das Orchester erstmals im Ausland auf (Pariser Weltausstellung von 1900). Die ausgedehnte Reisetätigkeit der Wiener Philharmoniker, die 1908 ein behördlich genehmigter Verein wurden, setzte erst unter Weingartner ein, der das Orchester im Sommer 1922 bis nach Südamerika führte. Musikhistorisch von großer Bedeutung ist die enge Beziehung zu Richard Strauss, die einen Höhepunkt in der an großen Ereignissen so reichen Geschichte der Wiener Philharmoniker darstellt.

Einen weiteren Höhepunkt bildete die Zusammenarbeit mit Arturo Toscanini (1867-1957) in den Jahren 1933 bis 1937 sowie mit Wilhelm Furtwängler (1886-1954), der ungeachtet des Abrückens vom Abonnementdirigentensystem von 1933 bis 1945 sowie zwischen 1947 und 1954 der eigentliche Hauptdirigent des Orchesters war.

1938 griff auf brutalste Weise die Politik ins philharmonische Geschehen ein: Die Nationalsozialisten entließen fristlos alle jüdischen Künstler aus dem Dienst der Staatsoper und lösten den Verein Wiener Philharmoniker auf. Lediglich die Intervention Wilhelm Furtwänglers bewirkte die Annullierung des Auflösungsbescheides und rettete die "Halbjuden" und "Versippten" vor Entlassung und Verfolgung. Dennoch hatten die Wiener Philharmoniker die Ermordung von sechs ihrer jüdischen Mitglieder in den Konzentrationslagern sowie den Tod eines jungen Geigers an der Ostfront zu beklagen.

Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs setzte das Orchester seine 1933 begonnene Linie fort und band alle bedeutenden Dirigenten an sich. Einen besonderen Stellenwert in der Orchestergeschichte nach 1945 nimmt die Zusammenarbeit mit den beiden Ehrendirigenten Karl Böhm und Herbert von Karajan sowie mit Ehrenmitglied Leonard Bernstein ein. Schallplatten- und Filmaufnahmen, Konzertreisen in alle Welt, die Teilnahme an den bedeutendsten Festivals - die Wiener Philharmoniker entsprechen vollkommen den Anforderungen des heutigen multimedialen Musik"betriebs" und setzen doch individuelle Akzente, wie etwa mit dem Neujahrskonzert, mit ihrer dominierenden Rolle bei den Salzburger Festspielen oder mit ihren "Wiener Philharmoniker-Zyklen" in New York, Japan und Köln bzw. mit dem "Euro-Zyklus" (je zwei bis drei Abonnementkonzerte in London und Paris). Trotz dieser Anpassung an moderne Anforderungen gehen sie nicht von traditionellen Prinzipien ab: Sie stützen sich auf Selbstverwaltung, und seit 1860 bilden die Abonnementkonzerte die künstlerische, organisatorische und finanzielle Basis ihrer Tätigkeit. Die Wiener Philharmoniker sind nicht bloß ein begehrter "Kulturexportartikel" Österreichs, sondern Botschafter des mit Musik untrennbar verbundenen Gedankens von Frieden, Humanität und Versöhnung. Für ihre künstlerische Leistungen erhielten sie zahlreiche Preise, Schallplatten in Gold und Platin, nationale Auszeichnungen sowie die Ehrenmitgliedschaft vieler kultureller Institutionen.



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