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Sonntag, 24. September 2017

 Jerusalem Quartet

Das Jerusalem Quartett im Gespräch mit klassik.com

Virtuose Dialoge zu Viert


Sie sind ein klassisches Streichquartett, benannt nach der Stadt, wo die vier Herren musikalisch Freundschaft schlossen. Sie reiften musikalisch unter der Obhut des Jerusalem Music Centers. Alexander Pavlovsky und Sergei Bresler, die beiden Geiger, der Bratscher Amihai Grosz und der Cellist Kyril Zlotnikov verschrieben sich der Kunst, musikalisch Gespräche zu Viert und somit eine musikalische Ehe im Streichquartett zu führen. Keine leichte Aufgabe, vier Instrumentalisten unter einen Hut, das musikalische Geschehen auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen und sich in der wahrlich nicht einfachen Wettbewerbssituation zu behaupten. In München, im Hotel an der Oper, plauderten diese "fab Four" über die Aspekte des modernen Quartettspiels. Am Abend vorher begeisterten sie ihr Publikum im Herkulessaal der Residenz mit Haydn und Mozart.

Wie haben Sie sich kennen gelernt? Wie reifte die Idee, sich auf diese wunderbare musikalische Gattung „Streichquartett!“ einzulassen? Was waren entscheidende Impulse?

Alexander Pavlovsky (AP): Wir spielten als Stimmführer im Hochschulorchester in Jerusalem, pflegten nebenbei das Spiel in Duos, Trios und auch im Streichquartett. Avi Abramovici, unser Lehrer, war der Ziehvater unseres Quartetts. Wir traten regelmäßig im Jerusalem Music Center auf, besuchten Meisterkurse von Isaac Stern, vom LaSalle Quartett, Emerson String Quartet und von Frank Peter Zimmermann. Mit György Kurtág studierten wir seine Mikroludien ein. Dass wir den Borletti-Butoni Trust Award gewonnen haben, bedeutete für uns einen Sprung in der Karriere. Denn Mitsuko Uchida führte uns mit anderen Preisträgern in bedeutende Konzertsäle wie Tonhalle Zürich, Elisabeth Hall London, Concertgebouw Amsterdam und Wiener Musikverein. Da hatten wir Gelegenheit, Kontakte zu knüpfen und unser Repertoire zu erweitern. Das hat uns viel geholfen.

Gibt es eine Quartett-Vereinigung, die für Sie Leitbild ist?

Sergei Bresler (SB): Es waren zwei Quartette, die wir zum Vorbild nahmen: das Amadeus Quartett und das Alban Berg Quartett. Die Amadei führten noch ein wenig den traditionellen Quartett-Stil vor, ein wenig old-fashioned styled, aktuell in den Fünfziger und Sechziger Jahren. Dann trat das Alban Berg Quartett auf die Bildfläche. Die Bergs pflegten das moderne Streichquartett-Spiel, das wir spieltechnisch wie musikalisch bewunderten. Von beiden Quartett-Teams besuchten wir Meisterklassen. Wir studierten mit ihnen das Substanzielle des Quartett-Spiels hinsichtlich Vibrato, Artikulation, Dynamik und Balance der Stimmen. Man konnte aus jeder Aufnahme etwas Neues lernen. Schade, dass sich die Alban Bergs jetzt zurückziehen. Aber sie teilen das Schicksal jeder Legende.

Wie stellen Sie Ihre Programme zusammen? Welche Linie verfolgen Sie dabei?

Amihai Grosz (AG): Uns liegt sehr daran, unseren Hörern eine stilistische Vielfalt zu präsentieren. Zum Einstieg wählen wir ein klassisches Werk, z. B. Haydn, Mozart. Dann springen wir in die moderne Musik hinein, zu Bartók, Schostakowitsch, Kurtág und beenden das Konzert mit großer Romantik - Brahms, Tschaikowsky etc. Die Zuhörer haben so die Möglichkeit, die unterschiedlichen stilistischen Kriterien kennen zu lernen.

Spielen Sie auch Zyklen?

Kyril Zlotnikov (KZ): Ja, im letzten Jahr nahmen wir einen Schostakowitsch-Zyklus in Angriff, und zwar alle 15 Quartette einschließlich Klavierquintett. Zum Zyklus gehörten auch die drei Brahms-Quartette und seine Klavierquintette. Mit Haydn geht es dann ins Gedenkjahr. Und Mozart befindet sich ebenfalls in unserer Programm-Planung. Reizvoll ist es auch, von ein und demselben Komponisten Werke aus unterschiedlichen Schaffensperioden vorzustellen. Dem Zuhörer wird hier die Möglichkeit geboten, den kompositorischen Reifeprozess kennen zu lernen.

Wie weit spannen Sie ihr Repertoire? Machen Sie sich auch Gedanken darüber, wie zeitgenössische Musik am sinnvollsten in die Programme einbezogen werden kann ohne die Hörer gleich zu verprellen?

AP: Eigentlich gibt es für uns keine Limits. Wenn uns ein Komponist über den Weg läuft, der seine Komposition anbietet, dann sagen wir in der Regel auch zu. In jedem Jahr geben wir bei einem israelischen Komponisten ein modernes Werk in Auftrag, das dann in Israel aus der Taufe gehoben wird. Es sind in der Regel in gemäßigt moderner Sprache verfasste Kompositionen, die geräuschhafte Experimente meiden. Die Kombination Haydn und Kurtág öffnet reizvolle Perspektiven: einmal die mit so vielen überraschenden Effekten gespickten Haydn-Quartette und dann die kürzelhaften, in knappster Sprache gefassten Erzählungen von Kurtág. Es ist für uns sehr wichtig, so viel moderne Musik zu spielen wie irgend möglich.

Copyright Alvaro Yanez

Eine Streichquartett-Formation wird ja entscheidend durch das klangliche Profil geprägt. Klang und Intonation sind ja entscheidende Faktoren. Wenn die Quinte nicht stimmt, dann wird sie nicht klingen, vor allem wenn sie in puncto Intonation nicht sauber ist. Verfolgen sie ein bestimmtes klangliches Ideal? Liegt Ihnen mehr der vollmundige Klang des Guarneri Quartetts am Herzen oder die schlanke Tongebung des Juilliard String Quartet?

AP und KZ: Entscheidend ist doch, in welchen klanglichen Rahmen der Komponist sein Quartett gestellt hat. Wenn wir beispielsweise ein Haydn-Quartett spielen, versuchen wir unsere Idee zu entwickeln, welches klangliche Profil zu diesem Quartett wohl passen könnte. Die Musik diktiert den Klang und nicht das Ensemble. Natürlich kann man sagen, für russische Musik gefällt mit der Sound vom Borodin Quartett, Beethoven höre ich gerne vom Alban Berg Quartett - aber ich kann generell nicht sagen, das Julliard String Quartet ist mein klanglicher Favorit. Es ist schwierig, von einem globalen Klangprofil zu sprechen. Jedes Quartett entwickelt seine eigene tonliche Identität. So kann ich den Klang identifizieren, wenn das Juillard String Quartet Ravel spielt oder die Alban Bergs sich mit Beethoven beschäftigen. Aber für uns gilt stets die individuell gewählte Sprache. Wir formen unseren eigenen Klang, und der sollte unverwechselbar sein.

Wie funktioniert eigentlich so ein Quartett-Leben zu Viert? Ich denke an gemeinsame Reisen, an die harte Probezeit. Harmonie und Einverständnis bedarf es nicht nur in interpretatorischen Angelegenheiten, sondern auch in der gegenseitigen Rücksichtnahme der Kollegen untereinander. Inwieweit lassen sich hier die familiären Belange mit den beruflichen Zwängen in Einklang bringen? Familiäre Konstellationen sind ja oft genug der Grund, dass Mitglieder aus dem Verband ausscheiden. Wie stehen Sie dazu?

AP und SB: Verheiratet sind wir beiden Violinen (Alexander Pavlovsky und Sergei Grosz)…Gelächter… Aber nicht mit einander! Das Reisen mit dem Quartett ist mit allerhand Stress verbunden. Da bedarf es schon vieler Energien: Packen der Koffer, Flughafen, Taxis, Hotelaufenthalt, und die vielen Dinge, die man für die Bühne benötigt. Wenn die Tournee langsam zu Ende geht, dann freut man sich schon auf die Rückkehr. Unsere Gemeinschaft begann ja schon im Alter von fünfzehn Jahren, und da entwickelt manches viel natürlicher als wenn man erst zu späterer Zeit zusammenfindet. In so einem künstlerischen Team gibt es schöne, aber auch belastende Zeiten. Aber in dem Augenblick, wo man die Bühne betritt, vergisst man all diese technischen Begleitumstände des Reisens. Dann ist man eben Musiker, der all die schönen Dinge dem Publikum präsentieren will.

Ist es nicht reizvoller, als Solist aufzutreten oder im Orchesterverband zu spielen?

AG: Nein, man fühlt sich als Solist oft sehr einsam, und denken wir daran, welch großes Repertoire wir im Streichquartett spielen können. Wie oft macht ein Komponist ein Quartett zum Höhepunkt seines Schaffens!

Könnten Sie sich vorstellen, dass Sie einmal ihre Karriere als Mitglied des Jerusalem Quartetts beenden, um als Professor für Violine, Viola oder Cello zu lehren?

AP: In unserer Situation werden wir so lange wie irgendwie möglich im Quartett Konzerte spielen, und gemeinsam reisen. Aber es kann die Zeit kommen, wo wir sagen, jetzt spielen wir weniger Konzerte, um andere Abenteuer des Lebens zu genießen, und dazu könnte auch die Unterweisung an der Hochschule kommen. Uns schwebt vor, bei einem Festival oder anderswo als Quartet in Residence zu agieren und andere Ensembles zu unterrichten. Im Übrigen halten wir schon Meisterkurse ab, nicht nur in Israel sondern auch an anderen Orten, z. B. unlängst in Spanien.

Wie viele Konzerte spielen Sie im Jahr? Sie leben doch vom Quartettspiel. Er wird ja immer wieder behauptet, man müsse schon hart am Ball bleiben, um eine ausreichende Sicherung der Existenz zu erreichen. Es gibt Quartett-Vereinigungen, die 130 Konzerte pro Jahr spielen sollen.

SB und KZ: Wir wollen auf der Bühne musizieren und nicht alles über den ökonomischen Leisten schlagen. Bei uns bleibt alles im Rahmen und bewegt sich zwischen 60 - 75 Konzerten. Das scheint uns das Optimum zu sein, was uns genügend Freiheit in privaten Dingen lässt und auch die Zeit, neue Werke einzustudieren und das Spiel mit dem Instrument zu perfektionieren. Wer 130 Konzerte spielt, dem bleibt kaum noch Freiraum, um sich solistisch zu betätigen.

Die Quartettszene ist heiß umkämpft. Ein extrem anspruchsvoller Beruf. Haben Sie ein Management engagiert, um all die Termine mit den örtlichen Veranstaltern zu koordinieren?

AP: Für uns ist - ausgenommen die USA und Deutschland - ein Global Player aktiv. Wir zählen uns zu den jüngeren Quartetten, weil wir jung an Jahren sind. Was unsere Laufbahn betrifft, sind wir jedoch kein so junges Ensemble mehr. Immerhin feiern wir nächstes Jahr unser fünfzehnjähriges Jubiläum.

Haben Sie schon einen Wettbewerb gewonnen?

SB: 1997 waren wir zweimal Preisträger beim Schubert-Wettbewerb in Graz, auch für die Interpretation von zeitgenössischer Musik mit Bartóks sechstem Quartett und Kurtágs 12 Mikroludien.

Ist ein erfolgreicher Wettbewerb ein Karriere fördernder Baustein?

AG: Als wir den Wettbewerb gewannen, waren wir gerade mal 17 Jahre alt. Andere Teilnehmer hatten schon mehr Jahre am Buckel. Das war für uns das Signal, dass wir zweifelsohne den Schritt des professionellen Quartettspiels wagen könnten. Wer heute einen Wettbewerb gewinnt - da spielt nicht primär die Musik eine Rolle. Da ist mehr Business im Spiel und nimmt den Charakter eines Events an. Publicity nimmt hier einen breiten Raum ein. Wir begründeten unsere Karriere ganz im Zeichen harter Probenarbeit ohne nach den Lorbeeren eines Wettbewerbsgewinns zu schielen.

Copyright Alvaro Yanez

Ein wichtiger Aspekt für ein Streichquartett scheint die Sitzposition zu sein. Da sind die Meinungen ja geteilt: Nimmt das Cello gegenüber der Primgeige Platz, oder rückt es in die mittlere Position, während Sekundgeige und Bratsche nebeneinander sitzen. Wie haben Sie das Problem gelöst? Europäische oder amerikanische Sitzordnung oder gar die historische alte „Mozart-Aufstellung“, wo die beiden Geigen gegenüber sitzen?

Alle: Für mehr als zehn Jahre wählten wir die amerikanische Sitzweise, wo das Cello vorne thront. Das ganze ist ein Problem der klanglichen Balance. Wenn die Viola als Instrument in gemäßigter Lautstärke spielt - wir hatten für einige Jahre kein gutes Viola-Instrument - schien uns die mittlere Position für die Bratsche sinnvoller, um den Klang zu homogenisieren. Jetzt, nachdem Amihai Grosz ein klangvolles altes Instrument spielt, schien uns der Platztausch zwischen Cello und Bratsche optimaler. Außerdem kann das Cello aus der hinteren Position das Bassfundament besser koordinieren und die klangliche Balance steuern. Hinzu kommt noch ein weiterer Aspekt: wenn die zweite Geige und die Bratsche zusammensitzen, kann die Klarheit der Artikulation unter Umständen zu wünschen übrig lassen.

Cross over ist im Augenblick die große Masche, auch in der Kammermusik. Könnten Sie sich eine Richtung vorstellen, die das Kronos Quartett aus den USA seit langem begeht?

AP: Ich besuchte ein Konzert in Israel. Das Kronos-Quartett inszenierte seinen Auftritt mit Light-Design wie eine Pop-Gruppe. Eine höchst amüsante Atmosphäre, eine gut gemachte Show. Da erhält die Kammermusik einen anderen Charakter. Wir sollten mit der Gruppe einmal das Mendelssohn Oktett in diesem besonderen Outfit machen.

Die Phonographische Industrie leidet derzeit unter erheblichen Umsatzeinbußen. Da wird es nicht leicht sein, Projekte auf CDs zu realisieren. Wie beurteilen Sie die Zusammenarbeit mit harmonia mundi s.a.?

AP, SB: Wir produzieren in der Regel eine CD pro Jahr. Die Aufnahmebedingungen im Teldec Studio in Berlin sind optimal. Sehr akkurat wird da die klangliche Balance mit dem Aufnahmeteam austariert. Wir freuen uns schon auf die in diesen Tagen erscheinende Aufnahme mit Werken von Franz Schubert.

Zum Abschluss: Was halten Sie von dem in letzter Zeit in Mode gekommenen System, wenn die erste und zweite Geige ihre Plätze tauschen? Der Primarius spielt abwechselnd mal zweite Geige, während die zweite Geige nach vorne rückt?

AP, SB, KZ: Jeder von uns spielt im Ensemble eine bedeutende Rolle. Für uns war von allem Anfang an die Rollenverteilung fixiert. Wir praktizieren keinen Wechsel. Der erste Geiger verrichtet seinen ebenso wichtigen Job wie die zweite Geige. An der Wichtigkeit der Instrumente gibt es nichts zu rütteln. Wenn man im Alter von 15 Jahren mit dem Quartett-Spiel beginnt, dann ist der instrumentale Weg schon in früher Zeit vorgezeichnet. Nicht ausgeschlossen, dass wir zu einem späteren Zeitpunkt die Angelegenheit überdenken und einen Wechsel der Pulte ins Auge fassen.

Das Gespräch führte Prof. Egon Bezold.
(04/2008)

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