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Sonntag, 21. Oktober 2018

Photo: Peter Gwiazda

Das Folkwang Kammerorchester Essen ? jung, energiegeladen, hochmusikalisch

Mit Vollgas ins Haus des Teufels


60 Jahre alt wird das Folkwang Kammerorchester Essen in diesem Jahr. Beginnende Faltenansätze sucht man bei ihm allerdings vergeblich, denn seiner jugendlichen Frische hat das ehemals als Zusammenschluss von nordrhein-westfälischen Musikhochschul-Absolventen gegründete Orchester bis heute erhalten. Fast 600 junge Musikerinnen und Musiker waren in diesem bundesweit einzigartigen Klangkörper beteiligt und prägten seinen Ruf ebenso stark wie seine Leiter. klassik.com-Autorin Elisabeth Deckers beobachtete das Orchester bei Proben und Aufführungen und begab sich zusammen mit den Mitgliedern des Orchesters tapfer in einen Höllenschlund.

Stilistisch flexibel

Morgens um halb elf im Chorforum Essen. Junge Musiker kommen auf die Probebühne, locker und scheinbar lässig, plaudern mit dem ebenso lockeren Dirigenten und untereinander. Ganz plötzlich ist Ruhe, alle rutschen auf die Stuhlkante und legen los. In zwei Tagen ist Konzert, und soeben begann die erste Probe. Ich sitze im Saal und bin sofort fasziniert, wie konzentriert, technisch extrem sauber und dazu musikalisch engagiert gespielt wird. Auf dem Programm steht eine Sinfonie von Luigi Boccherini und Glucks "Don Juan". Es dirigiert Gottfried von der Golz, der Geiger und langjährige künstlerische Leiter des Freiburger Barockorchesters, der inzwischen längst auch als ?reiner? Dirigent erfolgreich ist. In seiner nun schon dritten Saison als erster Gastdirigent des Folkwang Kammerorchesters verantwortet er die Barockreihe der Konzerte, und so ist er inzwischen mit den Musikern so vertraut, dass die Probe gleich in die musikalischen Details geht. Spielanleitungen zur historischen Aufführungspraxis sind nicht notwendig. Die Musiker spielen auf ihren gewohnten modernen Instrumenten, wissen aber genau, was von der Golz von ihnen stilistisch verlangt. Boccherinis Sinfonie trägt den Beinamen "Haus des Teufels" und greift damit auf Glucks "Don Juan" zurück, sogar mit thematischen Zitaten im letzten Satz. Es geht also in der Sinfonie um Dramatik, und genau die kitzelt von der Golz schon während der ersten Probe heraus. Technik und äußerste Präzision sind die Grundlage dafür, dass höchste Spannung entsteht, die sich gegen Schluss in einem wahrhaftigen Weltuntergang auflöst. Eine so ausdrucksstarke Musik hätte ich mit meinen Vorstellungen von Boccherini nicht erwartet.

Immer wieder von vorn

Das Folkwang Kammerorchester (in Kürze: FKO) feiert gerade sein sechzigjähriges Bestehen. Dass es trotz der hohen Qualität seiner Musiker über die Grenzen des Ruhrgebiets hinaus nur Insidern bekannt ist, hat mit seiner Zusammensetzung zu tun. Während sich andere Kammerorchester ? großes Vorbild ist da für die Essener die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen ? mit den einmal gefundenen Ensemblemitgliedern über Jahre hinweg ihr Repertoire, ihre Qualität und ihren Ruf erarbeiten, fängt das Folkwang Kammerorchester beinahe jedes Jahr ein wenig von vorn an. Oder wie es der Chefdirigent, Johannes Klumpp, provokant formuliert: "Nach dem Probespiel nehmen wir am liebsten den jungen Musiker, von dem man denkt, der ist so gut, der bleibt nicht lang."

Sprungbrett

Damit ist schon Wesentliches gesagt: Die jungen Streicher haben ihr Studium alle bereits erfolgreich abgeschlossen und befinden sich auf dem Weg zu einem der professionellen Orchester. Bis dahin bietet ihnen das FKO die Möglichkeit, sich im Ensemble auszuprobieren, Repertoire kennenzulernen, sich stilistisch fortzubilden und sich damit ganz allgemein auf die hohen Anforderungen vorzubereiten, die ein Sinfonieorchester heutzutage von seinen Mitgliedern verlangt. Diese Vorbereitung ist in Essen auch deshalb so intensiv möglich, weil sich im kleinen Ensemble von nur sechzehn Streichern niemand hinter den Kollegen verstecken kann (wie das ?Tuttischwein? in einem Sinfonieorchester, das als Position aber durchaus von dem einen oder anderen Streicher herbeigewünscht wird).

Ideal der Kammermusik

Auch finanziell ist im FKO niemand auf Rosen gebettet. Die Arbeit dort entspricht einer halben Stelle, auch wenn ca. 35 Konzerte pro Saison gespielt werden. Die Proben sind entsprechend zeitlich so konzentriert, dass die Musiker darüber hinaus die Chance haben, in anderer Form an ihrer Karriere zu arbeiten. In der Probenpause frage ich Moritz Ter-Nedden, den Konzertmeister, und Moritz Benjamin Kolb, den Solocellisten, nach ihren weiteren Plänen. Beide Moritze haben ein festes Streichquartett-Ensemble: Ter-Nedden das Daphnis -Quartett und Kolb das Alinde-Quartett, mit denen sie intensiv tätig sind. Kolb träumt dazu von einem Aufbaustudium mit dem Barockcello. Trotzdem sehen sich die beiden in der Zukunft als Orchestermusiker und schwärmen in den höchsten Tönen von dem, was sie im FKO an Erfahrung sammeln. Das ist nicht nur, wie beim Boccherini/Gluck-Konzert, die historische Aufführungspraxis, sondern sie sehen auch, dass das Orchesterspiel im kleineren Rahmen, wie es ein Kammerorchester mit sich bringt, sie dazu zwingt, genauestens auf die Mitmusiker zu hören und sich aktiv einzubringen. Und dann schwärmen sie von der Vielseitigkeit des Programms und davon, wie spannend es für einen klassisch ausgebildeten Streicher ist, sich etwa von der Band UWAGA Spieltechniken beibringen zu lassen, die vom Schlagzeug her kommen.

Copyright Peter Gwiazda

Themenkonzerte

Dass die jungen Musiker eine gehörige Portion Flexibilität aufzubringen haben, dafür sorgt nicht zuletzt der Chefdirigent, Johannes Klumpp. Der Fantasie für die Programmgestaltung sind nur durch den Etat Grenzen gesetzt. Innerhalb dieser Grenzen spielt sich aber folgendes ab: Die Reihe "Extraklang" bietet z.B. das Thema "Von Göttern und Sagen" mit Dittersdorf und Strawinsky und einem Erzähler. Mit der schon erwähnten Band UWAGA geht es um Originale und Fälschungen von und über Beethoven ("Alle Menschen werden Brüder"). Die Mozart-Reihe enthält "Schwarze Gedanken" oder "Des Esels Ochs und Narr erbarmt". Die Barock-Reihe befasst sich mit dem schon erwähnten "Haus des Teufels" oder der Welt der Bach-Söhne. Jedes Konzert ist klug und fantasievoll konzipiert und weckt so ganz schnell die Neugier des Besuchers. Es gibt Familienkonzerte, bei denen die Kinder vorn auf dem Boden Platz nehmen und vom KiKa-Moderator Juri Tetzlaff durch das Programm geführt werden. Es gibt Konzerte im Kino, in der Zeche Zollverein und sogar im Varieté. Die ?normalen? Konzerte finden vor allem in der gediegenen Villa Hügel, der alten Krupp-Residenz, statt ? mit festem Stammpublikum. Aber das FKO ist längst über diese Aufführungstraditionen hinausgewachsen.

Beste Schule: Mozart

Johannes Klumpp hat die künstlerische Verantwortung für das Folkwang Kammerorchester im Jahr 2013 übernommen. Der mit 38 Jahren noch junge Chef stammt aus Stuttgart, wo er auch heute noch mit seiner Familie lebt, studierte in Weimar und erhielt Preise bei Wettbewerben in Besançon und beim Deutschen Dirigentenwettbewerb. Er übt eine rege Konzerttätigkeit aus mit sehr unterschiedlichen Formationen wie Sinfonieorchestern, Opernorchestern und Kammerorchestern. Seine besondere Liebe gehört dabei Mozart, und diesem großen und vielseitigen Komponisten ist seit einigen Jahren auch eine Konzertreihe in Essen gewidmet. Klumpp ist überzeugt, dass Mozart für die Orchestererziehung die beste Schule ist. Wer Mozart spielen gelernt hat, der kann auch das romantische Repertoire spielen.

Über die Schwelle führen

Johannes Klumpp ist ein ausgesprochen kommunikativer Mensch. Er hält es heutzutage für unbedingt notwendig, den Konzertbesuchern den Weg "zu dem, was wir so sehr lieben, zu zeigen, ihn über die Schwelle zu führen". Also gibt es kein Konzert, ohne dass Johannes Klumpp dem Publikum vorher eine Einführung gibt, auch zusammen mit ein oder zwei der Musikern des FKO. Das kommt gut an und hat bereits dazu geführt, dass die Besucherzahl deutlich angestiegen ist.

Selbstständig

Das Folkwang Kammerorchester ist an keine Institution angebunden. Obwohl es die Bezeichnung "Folkwang" im Namen führt, hat es mit der gleichnamigen Hochschule in Essen oder dem Museum nichts zu tun. "Folkwang" ist in der nordischen Mythologie Sitz der Götter und dieser Begriff stand Anfang des 20. Jahrhunderts vom Mäzen Karl Ernst Osthaus für seine Idee, nach der Kunst und Leben versöhnbar seien. Daraus erwuchsen mehrere kulturelle Einrichtungen, zunächst in Osthaus? Heimatstadt Hagen, später dann in Essen. Das Folkwang Kammerorchester wird wesentlich vom Land Nordrhein-Westfalen finanziert. Was dann noch am Etat fehlt, muss durch Gastkonzerte, Eintrittsgelder und Spenden hereinkommen. Das bedeutet, dass scharf gerechnet wird, wenn Solisten zu engagieren sind, was aber auch insbesondere für junge Künstler eine Chance ist, Auftrittserfahrung zu sammeln. Aber es kommen auch Größen wie der Bratscher Nils Mönkemeyer (und das mit einer Bearbeitung des Mozart-Klarinettenkonzerts!) oder die Schauspielerin Martina Gedeck.

Rasende Höllenfahrt

Im Konzert "Haus des Teufels", das ich nach meiner Vorbereitung in den Proben nun hören kann, tritt auch ein Solist auf ? der Solo-Cellist des Orchesters, Moritz Benjamin Kolb. Er spielt hinreißend Boccherinis selten aufgeführtes G-Dur-Konzert. Kolb ist vor und nach seinem Soloauftritt ganz selbstverständlich an seinem Platz im Orchester zu erleben, ein Kollege mit allen anderen. Nach der Pause folgt Glucks Ballettmusik "Don Juan", die ich ja schon aus der Probe kenne. Aber gegen Schluss, als Don Juan in die Hölle fährt, zieht Gottfried von der Golz das Tempo noch einmal gehörig an, schneller als in den Proben. Der Ritt auf der Rasierklinge gelingt, und es läuft mir kalt den Rücken herunter, Schreck und Graus stellt sich ein aber auch Bewunderung für die hohe Qualität des jungen Orchesters.

Das Gespräch führte Elisabeth Deckers.
(03/2018)

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