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Donnerstag, 23. Februar 2017

Photo: Stefan Knauer

Ein Treffen mit dem Instinktmusiker Sebastian Knauer

Am Klavier etwas erzählen


Wie würden Sie als Elternteil reagieren, wenn Ihr Nachwuchs im Alter von vier Jahren den Wunsch äußert, Konzertpianist zu werden und es ihm ganz offensichtlich ernst ist mit diesem Vorhaben? Sebastian Knauer stieß mit seinem Wunsch bei den Eltern auf offene Ohren und entwickelte sich am Klavier schell vom jungen Talent zum gestandenen, vielseitigen Künstler. Dass der gebürtige Hamburger eine besondere Nase für die Musik der Wiener Klassik besitzt, beweist nicht zuletzt seine aktuelle CD-Veröffentlichung, auf der sich, neben vier Impromtus, die Weltersteinspielung der "Sonate Oubliée" in der Demus-Sölder-Fassung und das "Adagio und Rondo concertante" in einer Variante für Klavier und Streichorchester, von Knauer selbst arrangiert, befinden. klassik.com Redakteur Felix Hilse traf den norddeutschen Lokalpatrioten im süddeutschen Stuttgart zu einem Gespräch über Wunderkinder, Karriereplanung und den Hamburger Sportverein.

Herr Knauer, Sie präsentieren sich dieser Tage den Klassik-Freunden auf einer neuen CD-Produktion mit Klaviermusik Franz Schuberts. Warum sollte es ausgerechnet dieser Komponist sein?

Der eine ganz entscheidende Grund ist, dass ich von Kindheitszeiten an sehr viel Schubert spiele, er mir einfach liegt und ich eine große Affinität zu dem Komponisten entwickelt habe. Es ist ja nicht meine erste Schubert CD. Schubert gehört für mich von der Musik her zu den allergrößten Komponisten. Natürlich ist es auch ein kleines Risiko, dass ich es ‚gewagt’ habe, noch eine Schubert Platte zu machen, weil man ja immer schnell an den großen berühmten Namen gemessen wird. Doch die Reaktionen der Presse auf meine letzte Produktion mit Schubertwerken und vor allem die Publikumsreaktionen bei meinen Schubertprogrammen zeigen mir doch deutlich, dass ich zu diesem Komponisten offenbar etwas Wichtiges zu sagen habe.

Was ist es denn aus Ihrer Sicht, das Schuberts Musik so besonders, ja vielleicht sogar höherwertiger macht im Vergleich zu anderen Zeitgenossen?

Ich möchte gar nicht sagen, dass Schubert besser wäre als beispielsweise Beethoven. Was mich aber so fasziniert ist die Person Schubert. Dass ein so junger Mensch, der knapp 31 Jahre alt wurde, im Leben nur Pech, nur Unglück hatte, krank war, keinen Erfolg hatte - dass ein so trauriges Dasein trotzdem eine solche Vielfalt und Fülle an großartiger Musik schaffen konnte, fasziniert mich ungemein. Ganz entscheidend für mich ist Schuberts Umgang mit Harmonik, ich bin zutiefst gefesselt von den harmonischen Wendungen in seiner Musik. Er springt von einer Tonart in die nächste wie kaum ein anderer Komponist. Schuberts Musik ist ganz einfach himmlisch. Vielleicht hilft mir da ja auch, dass ich etwas Wiener Blut in mir trage. (lacht)

Aha, wie darf ich das verstehen? Sie sind kein echter Hamburger?

Oh doch, das bin ich. Aber mütterlicherseits kommt die Großmutter aus Wien. Die väterliche Seite ist ganz klar hamburgerisch.

Sind Sie denn der einzige Musiker in der Familie?

Ich bin der einzige Profimusiker, aber unmusikalisch ist bei uns daheim ganz sicher niemand. Mein Vater hat in Hamburg lange Zeit NDR Kultur geleitet, war vorher bei NDR2 im Unterhaltungsbereich tätig und einige Zeit als Manager des NDR Sinfonieorchesters. Und meine Mutter hat Klavier gespielt und auch unterrichtet. Sie wollte wohl einmal richtig professionelle Pianistin werden, doch setzte sich da der Wunsch ihrer Eltern, etwas ‚Anständiges’ zu lernen durch. Es war so aber immer Musik in unserer Familie, weil sie eben unterrichtet hat. Wenn Klaviermusik erklang, so erzählt man heute, habe ich als Säugling immer ganz wild geschrieen, was nur heißen konnte, dass ich es entweder mochte oder hasste. Und ganz offensichtlich liebte ich es. Dann hat meine Mutter weiter als Kritikerin für eine Presseagentur gearbeitet und Opern, Konzerte, Ausstellungen besucht und mich oft mitgenommen. Vieles habe ich damals sicher verschlafen, aber Musik ist so immer um mich herum gewesen. Ich habe auch sehr früh, also mit drei oder vier Jahren, deutlich gesagt: Ich will Pianist werden!

Da waren Sie sich absolut sicher? Ein doch eher ungewöhnlicher Wunsch für ein Kleinkind…

Nun, zuerst hielten das natürlich alle für Kindergerede. Dann habe ich Unterricht erhalten und es war die ganze Zeit über mein Traum, diesen Beruf aktiv auszuüben. Da kam auch nie wirklich etwas dazwischen. Natürlich hatte ich während der Schulzeit ab und an Phasen, in denen die Lust auf das Üben eher geringer war. Diese Abschnitte hat wohl jedes Kind einmal. Während der Schulzeit habe ich viel Sport gemacht; war sehr aktiv im Feldhockey tätig. Das war ein sehr professionelles Team und es ging gar bis zu Deutschen Meisterschaften, war also durchaus mit einigem Aufwand verbunden. Außerdem habe ich noch andere Instrumente gelernt, habe Geige und Oboe gespielt für die Schule damals, weil man ein Orchesterinstrument spielen sollte. Sie sehen, da waren noch viele andere Interessen da, aber das Klavier war für mich immer das Instrument, das absolut im Mittelpunkt stand. Das wollte ich auch nie ändern.

Copyright Stefan Knauer

Und die Eltern standen den Plänen des Sohnes immer offen gegenüber?

Absolut! Ich habe sehr viel Unterstützung bekommen. Ich wurde unterrichtet, nicht von meiner Mutter, sondern von einer externen Lehrerin. Das war auch wichtig, einen außenstehenden Menschen als Lehrer zu haben. Gerade wenn die Gefahr besteht, dass zwei Dickköpfe aneinander geraten könnten. So etwas passiert innerfamiliär nun mal schneller als bei einer familienfremden Lehrerin. Meine Eltern haben mir stets ermöglicht, Kurse zu besuchen, ins Ausland zu gehen, große Pianisten zu treffen und Privatstunden zu bekommen. Die volle Unterstützung war immer gegeben, jedoch stets im Sinne des Wortes, also unterstützen und niemals zwingen. Es war nie so, dass es hieß: „Du musst das machen!“ oder „Du musst üben“. Es wurde sicher ‚mal ermahnend erwähnt, dass ich mehr tun müsse, wenn ich den Beruf wirklich ernsthaft anstreben wolle, jedoch stets mir selbst die letzte Entscheidung gelassen.

Wann ließ sich erkennen, dass Sie neben dem Wunsch, Pianist zu werden, auch das nötige Talent mitbrachten? Der Wille an sich genügt ja nun wahrlich nicht immer…

Oh, das war früh. Ich würde sagen im Alter von sechs Jahren. Da hatte ich eine richtige Lehrerin, die das ganz professionell angegangen ist, so eine Art Profiunterricht für kleine Kinder. Und mit 11 oder 12 habe ich dann zu einem Professor an die Musikhochschule gewechselt, wo ich sehr schnell ein höheres Niveaus erklomm. Meine Eltern haben meinen Berufswunsch also von Beginn an absolut ernst genommen.

Sie hatten ihr Bühnendebüt in großem Rahmen mit 13 Jahren. Da gilt man leicht als Wunderkind. Sie auch?

Ja, das habe ich schon oft über mich gehört. Aber ich sage immer, Wunderkinder sind die Menschen, denen alles zufällt, die sich einfach hinsetzen und Dinge fast von alleine können. Und in diesem Sinne bin ich ganz sicher kein Wunderkind, weil ich alles, was ich mache und kann mir hart habe erarbeiten müssen. Ich war niemand, der Beethovens ‚Apassionata’ im Radio gehört hat und sie danach am Klavier nachspielen konnte.

Was haben Sie damals mit 13 gespielt?

Das war ein Haydn-Klavierkonzert mit Orchester. Sicher kein Chopin-Konzert zum Anfang, aber es war ein durchaus anspruchsvolles Werk, dazu in Hamburgs großer Halle. Das war schon eine sehr aufregende Angelegenheit damals, die auch eine Menge Spaß gemacht hat. Sonst wäre ich wohl kaum dabei geblieben.

Halten Sie es für einen normalen, notwendigen Weg, in so jungen Jahren schon auf großen Podien zu spielen, wenn man eine internationale Kariere als Solist machen möchte?

Viele suchen natürlich heutzutage, wo wir wissen, dass der klassische Musikmarkt mit großen Problemen kämpft, sich an spektakulärem Nachwuchs gesund zu stoßen. Man sucht das Besondere, das Außergewöhnliche, aber eben auch das Schnelllebige. Das sehen wir ja auch im Konzertsaal. Wenn Frau Netrebko auftritt, dann sind die Säle rappelvoll. Oder nehmen Sie, um bei meinen Kollegen zu bleiben, Lang Lang, der große Säle auch bis auf den letzten Platz füllt. Der ist auch solch ein Phänomen und kein Pianist, der einen ganz normalen Werdegang gemacht hat. Er ist aus dem Nichts wie eine Rakete nach oben geschossen, weil er vor allem eine Technik mitbringt, die wohl einmalig ist. Was da an den Tasten losgeht ist schon enorm. Die Frage ist nur, wie lange hält sich so einer? Ist das vielleicht nur eine Modeerscheinung, an der sich die Plattenfirma mit viel Aufwand gesundstößt? Ich finde es bedenklich, wenn heute junge Künstler, nein man muss sagen Kinder im Altern von 9 oder 10 Jahren Klavierabende in großen Konzerthallen oder Konzerte mit berühmten Dirigenten geben.

Ist dies ein Phänomen der Gegenwart oder kennen Sie solche Entwicklungen auch aus Ihrer eigenen Ausbildung?

Auch zu meiner Zeit gab es solche ‚Jungstars’. Jevgeni Kissin, der ja fast meine Altersklasse ist, war auch ein solches Jungtalent. Kissin hat jedoch sehr schnell seine Persönlichkeit weiter entwickelt und ist zu einem angesehenen großen Pianisten gereift, zu einem wirklich bedeutenden Künstler. Doch wenn man den Stress bedenkt, den eine solche Kariere für ein Kind mit sich bringt, glaube ich, dass das nicht ganz schadenfrei an einem vorbei geht. Ein Jugendlicher von 13 oder 15 Jahren, der das ganze Jahr nur mit Eltern oder Lehrer durch die Welt reist, der kann aus meiner Sicht ganz fundamentale Erfahrungen des täglichen Lebens nicht machen, einen normalen Lebensweg nicht gehen.

Sehen Sie solche Defizite auch bei sich?

Ich habe immer eine ganz normale Kindheit erlebt und dadurch manchmal vielleicht mehr Zeit mit Freunden verbracht als zu üben. Aber ich kann heute von mir sagen, dass ich mich jeder Situation, der ich ausgesetzt bin, gewachsen fühle. Ich werde nie vergessen, wie ich vor vielen Jahren von meinem damaligen Lehrer Philippe Entremont einen Anruf erhielt und er mich fragte: „Kannst Du für mich einspringen im Concertgebouw Amsterdam, sechs Abende hintereinander mit Gershwins Rapsody in Blue?“ Und ich habe sofort begeistert zugesagt. Das war für mich eine neuen Stufe, in so einer heiligen Halle mit einem so berühmten Stück aufzutreten. Und als ich beim ersten Konzert oben durch die Tür kam und die Treppen hinunter ging, merkte ich, dass ich für diesen Schritt absolut bereit war. Ich hatte so viel Erfahrung gesammelt, hatte jede Gelegenheit für Auftritte genutzt, um dieses besondere Gefühl für das Spielen vor anderen Menschen zu entwickeln. Man ist da vorne auf dem Podium ja ziemlich allein. Diesem Druck standzuhalten und die Kariere langsam aufzubauen, Stück für Stück weiter zu kommen, das war für mich der richtige Weg, so dass mich herausfordernde Überraschungen heute nicht mehr aus der Bahn werfen können.

Beinhaltete die geduldige Karriereentwicklung auch Wettbewerbsteilnahmen? Ohne Preise ist es heutzutage ja sehr schwierig im Konzertgeschäft Fuß zu fassen.

Oh ja, Wettbewerbe sind wirklich ein sensibles Thema. Ich habe einen guten Freund, der vor vielen, vielen Jahren einmal den Van Cliburn-Wettbewerb in den USA gewonnen hat. Im Anschluss daran hatte er in zwei Jahren 200 Konzerte, quer über den ganzen Erdball verstreut. Danach war er total ausgebrannt. Heute ist er in seiner Entwicklung jedoch noch nicht dort, wo er gerne wäre, wo er qualitativ auch hingehören würde. Er hat diesen Stress einfach nicht durchgehalten. Ich habe Wettbewerbe mitgemacht, auch auf internationaler Ebene und kann sicher nicht von mir sagen, dass ich einen renommierten Preis wie den Chopin- oder Tschaikowsky-Wettbewerb vorzuweisen hätte. Ich war auch nie so ein Wettbewerbstyp. Das hat mir mein Lehrer damals auch bescheinigt. Aus seiner Sicht war ich immer viel zu sehr mit der Musik beschäftigt als damit, technische Rekorde aufzustellen. Es ist bei solchen Veranstaltungen ja so, dass man Unmengen an Repertoire in kürzester Zeit spielen muss, unter einer fast unmenschlichen nervlichen Belastung. Das war einfach nicht mein Ding.

Wie kamen Sie dann an Ihre Konzerte, wie bekamen Sie den Fuß in das Tor zu den Konzertpodien?

Es fing sicher klein an, mit einigen Jugendwettbewerbspreisen und Förderstipendien. Dann ist ein Dirigent auf mich aufmerksam geworden und wir haben kleine Konzertserien zusammen gemacht. Ich bin auch ein sehr kommunikativer Mensch, habe mich Leuten aus der Branche einfach vorgestellt, ihnen vorgespielt. Später kam eine Agentur dazu, Kontakt über meine Lehrer. So kam eines zum anderen - sehr kontinuierlich, jedoch nie aufgrund von Wettbewerbsteilnahmen.

Eine ganz besondere Vorliebe für die Klaviermusik der Klassik, für Mozart und Schubert wird beim Blick auf Ihre Programme schnell deutlich. Wo fühlen Sie sich jenseits dieser Komponisten zuhause?

Ich spiele sehr viel Chopin, Brahms und Ravel - die Konzerte ebenso, wie andere Genres. Für Tschaikowsky oder Rachmaninow bin ich hingegen nicht der Typ. Auch Liszt ist nicht unbedingt der Komponist, der bei mir höchste musikalische Prioritäten genießt. Schostakowitsch und Prokofjew hingegen spiele ich gerne und oft. Ich bin in meinem Repertoire eigentlich recht breit gefächert. Bach gehört genau so dazu, wie Zeitgenössisches oder eben amerikanische Musik. Ich verschließe mich niemandem. Natürlich habe ich Vorlieben und Komponisten, die mir besonders liegen, bei denen ich das Gefühl habe, etwas Wesentliches sagen zu können. Die Wiener Klassik ist ein wichtiger Teil davon, aber auch Johannes Brahms - vielleicht weil ich Hamburger bin. (lacht)

Copyright Stefan Knauer

Sie haben im Alter von 28 einmal alle Mozartklavierkonzerte gespielt und vom Instrument aus auch geleitet. Wie kam es zu diesem Projekt?

Das hat sich aus einem Zufall heraus ergeben. Ein Veranstalter, in Zusammenarbeit mit zwei Sponsoren, hatte die Idee, sämtliche Mozart Konzerte, also alle 27 großen plus der frühen Jugendkonzerte plus der Doppelkonzerte, innerhalb von zwei Jahren zyklisch aufzuführen. Den lernte ich kennen und er fragte mich, ob ich mir vorstellen könne, Teil dieses Projektes zu sein. Ich wollte, aber nur wenn ich alle spielen konnte. Es war eh’ ein Traum von mir, einmal alle Mozartkonzerte zu spielen. Er hat erst etwas gezögert, schlussendlich ist es so gekommen. Es wurde ein Orchester aus Mitgliedern der Hamburger Philharmoniker und dem NDR-Orchester gebildet. Da es keinen Dirigenten gab, habe ich das eben selbst gemacht; und es hat funktioniert. Es war aber auch sehr viel Musik, die ich in kürzester Zeit lernen musste. Rückblickend eine große Herausforderung aber auch eine enorme Bereicherung für.

Wie ordnen Sie sich denn stilistisch ein, wenn es um die Aufführung dieses Repertoires geht - eher der traditionell romantisierenden Schule folgend, oder verfolgen Sie die historisch informierte Spielweise?

Ich würde sagen, ich nähere mich der Musik sehr natürlich. Ich stelle die Musik immer sehr in den Vordergrund. Jemand hat das mal sehr treffend beschrieben: Da wird nicht viel Drumherum geredet. So wie die Musik wirken soll, so wie sie ist, spiele ich sie auch. Ich nehme mich dabei sehr zurück. Mozarts Musik verträgt aus meiner Sicht nicht sehr viel an individueller Zugabe. Es ist sicher heute so, dass man sich über jede Bindung, über jeden Pedaleinsatz, über jede Tempowahl umfangreich vorher in Bezug auf ihre historische Korrektheit informieren kann. Ich gebe zu, dass ich vieles zuerst einmal aus dem Bauch heraus mache. Da lasse ich mich von meinem musikalischen Empfinden, meinem Instinkt leiten und lag damit eigentlich immer recht gut. Ich bin kein Verfechter einer reinen historischen Aufführungspraxis. Das wäre mir zu einseitig. Warum muss man Bach ohne Pedal spielen? Was wäre gewesen, wenn Bach und Mozart einen tollen Steinway-Flügel vor der Nase gehabt hätten? Hätten Sie ihn benutzt und vielleicht ganz andere Musik geschrieben?

Sie sprechen das Instrumentarium gerade schon an. Variieren Sie Ihre Instrumentenwahl je nach Repertoire? Weichen Sie auch auf Hammerklaviere aus, wenn es das Werk aus historischer Sicht zuließe?

Nein, für mich sind Hammerklaviere nicht wirklich ein Thema. Ich habe sie ausprobiert und auch einmal Pleyel-Flügel gespielt. Mir fehlt da aber einfach das klangliche Volumen, die Vielfarbigkeit. Es gibt bei mir eigentlich nur Steinway - und auch nur die großen Steinways. Da bin ich ganz ehrlich. Ich bin auch kein Freund des Klanges von Bösendorfer beispielsweise, auch wenn ich weiß, dass es große Pianisten gibt, die darauf ganz ausgezeichnet musizieren, wie András Schiff. Doch Steinway ist aus meiner Sicht das unübertroffen beste Instrumentarium, das uns Pianisten zur Verfügung steht.

Copyright Stefan Knauer

Sie machen schon seit einigen Jahren gemeinsame Projekte mit bedeutenden Schauspielerinnen wie Gudrun Landgrebe und Hannelore Elsner. Wie ist es zu dieser nicht ganz alltäglichen Zusammenarbeit gekommen?

Ich hatte immer die Vorstellung, dass Wort und Musik kombiniert gut zusammen passen. Musikalische Lesungen sind auch nicht gerade meine persönliche Erfindung. Es war damals so, dass ich mein Programm ‚Ein Winter auf Mallorca’ unbedingt einmal mit Text untermahlt haben wollte. Da fielen mir eben diese berühmten Geschichten von George Sand ein, die ich aber umgeschrieben haben wollte. Dazu sollten die von Chopin auf Mallorca geschriebenen Werke erklingen. Diese Idee stieß bei meinem Hauslabel Berlin classics auf großes Interesse. Und auf die Frage, wer das lesen solle, habe ich gleich gesagt: Hannelore Elsner. Ich wollte wirklich ganz oben anfangen und eine berühmte Persönlichkeit mit einer charakteristischen Stimme und einer tollen Ausstrahlung für das Projekt gewinnen. Der Kontakt kam zustande, und aus dem ersten Projekt entwickelte sich eine ganze Serie von Programmen, mit denen ich unterwegs bin. Zu den Schauspielern, die diese Programme mit mir machen, gehören heute neben Frau Elsner auch Gudrun Landgrebe, Klaus Maria Brandauer, Friedrich von Thun und Maria Gedeck. Mittlerweile habe ich manchmal sogar Anfragen von Agenturen, die mir ihre Schauspieler als Partner für diese Programme ans Herz legen. Sie sind auch beim Publikum überaus beliebt, weil man die Musik durch den Text und den Text durch die Musik einfach besser versteht und tiefer durchdringt.

Wenn Sie mit solch Persönlichkeiten aus der Welt des Theaters zusammen auftreten, wie viel Raum bleibt dem Künstler Sebastian Knauer neben diesen starken Charakteren?

Sehr viel. Nicht zuletzt auch weil ich den sehr viel größeren Anteil am Programm habe. Zwei Drittel sind Musik und ein Drittel ist Text. Natürlich kommen viele Gäste auch, wegen eines berühmten Schauspielernamens. Das gesamte Programm, also die Textzusammenstellung, die Musikauswahl, das ganze Konzept stammen jedoch von mir. Und es ist ein sehr schönes Gefühl, wenn die Besucher hinterher nicht nur den Schauspieler und den Pianisten, sondern dem Gesamtkunstwerk, der Symbiose aus Konzept und Umsetzung Anerkennung zollen.

Sie haben die für Sie enge Verbindung von Wort und Musik erwähnt. Arbeiten Sie regelmäßig mit Sängern zusammen, was ja unter diesen Umständen sehr nahe läge?

Ja, selbstverständlich arbeite ich auch mit Sängern. Nicht in allzu großer Regelmäßigkeit, da ich prinzipiell viel Kammermusik mache. Ich habe also keinen festen Partner, den ich bei Liederabenden regelmäßig begleite. Doch kommt es immer wieder vor. Nicht zuletzt, weil ich noch die große Freude hatte, mit Hermann Prey zusammen arbeiten zu können. Mit Olaf Bär habe ich Teile der Winterreise aufgenommen. Dies sind alles Begegnungen und Erfahrungen, die ich nicht missen möchte. Vielleicht liegt mir das Arbeiten mit Sängern auch etwas, weil sie ja Schauspielern doch sehr ähnlich sind. Auf musikalischer Ebene bin ich jedoch ehrlich gesagt den Instrumentalisten in der Kammermusik etwas näher.

Und da pflegen Sie ja eine durchaus enge Freundschaft mit dem Geiger Daniel Hope…

Richtig. Wir ticken wirklich beängstigend gleich, wenn es um Musik geht. Dabei begann diese Partnerschaft etwas skurril. Es war wohl im Jahr 1990 als plötzlich mein Telefon klingelte und Daniel Hope sich meldete. Er wollte sich einmal treffen für eine Probe, um sich etwas kennen zu lernen. Es bestünde vielleicht die Chance auf einen gemeinsamen Duoabend. Wir haben uns dann getroffen, er kam sehr gut vorbereitet mit einem ganzen Haufen von Noten, sehr schweren Sonaten, die ich teilweise noch nie gespielt hatte. Ich hatte auch keinen so tollen Tag, entsprechend verlief die Probe und man hatte nun nicht unbedingt das Gefühl, dass er und ich fortan immer zusammen spielen müssten. Er rief mich dann später wieder an und sagte mir, dass das Konzert nicht stattfinden würde. Bis heute weiß ich nicht, ob das wirklich stimmte oder ob er mich nur höflich wieder ausgeladen hat. (lacht) Wir haben uns dann einige Zeit später zufällig am Flughafen in Hamburg, wo er damals lebte, wieder getroffen, und da habe ich ihn gefragt, ob er nicht mit mir Klaviertrio spielen würde. Ich wollte damals sehr gerne ein Klaviertrio gründen. Und er hat sofort zugesagt. Wir suchten uns einen Cellisten, und von da ab ging es sehr schnell recht erfolgreich voran, mit Konzerten und Tourneen in verschiedensten Besetzungen bis hin zum Quintett. Daraus entwickelten sich dann auch mehr und mehr Duoprojekte; er war ja auch zu einem gefragten internationalen Solisten geworden. Aus dieser Zusammenarbeit ist auch eine sehr enge Freundschaft gewachsen. Ich bin sein Trautzeuge, er ist der Pate meines Sohnes. Wir sind also privat sehr eng verbunden, und musikalischen schwimmen wir ohnehin auf einer Wellenlänge.

Fühlen Sie sich mittlerweile in der Kammermusik heimischer als im Solokonzert?

Nein, sicher nicht. Ich mache beides sehr gerne. Habe da auch keine Vorlieben. Natürlich ist es manchmal etwas leichter, mit einem interessanten Duo-Programm gebucht zu werden, wenn man die großen Säle mit seinem Namen nicht automatisch füllt. Doch mag ich auch Recitals sehr, da man sich hier eben ganz auf sich allein gestellt beweisen kann, man nicht von einer anderen Person abhängig ist. Es gibt Phasen, da würde ich gerne mehr Klavierkonzerte spielen, es gibt Phasen, da würde ich lieber mehr Soloprogramme spielen. Mir macht alles sehr viel Spaß und bin durch meinen Werdegang sehr vielseitig und auch flexibel geworden. Jetzt hat mich zum Beispiel gerade Thomas Hengelbrock angefragt, ob ich im Juli mit seinem Balthasar-Neumann-Chor Johannes Brahms Liebeslieder-Walzer spielen könne. So etwas ist auch toll. Da freue ich mich sehr drauf. Solche Programme kann ich eben auch nur machen, weil ich mich nicht verschließe und vielerlei Musik gegenüber aufgeschlossen bin. Im nächsten Jahr steht eine Tournee mit der Staatskapelle Dresden und Fabio Luisi bevor, auf der wir Beethovens erstes Klavierkonzert musizieren werden. Das ist auch wieder eine großartige Chance, die sich ergibt, weil die Dresdner mich angefragt haben.

Wenn Sie heute zurückblicken - wer waren die für Sie prägenden Lehrer und Mentoren?

Es gibt ein paar entscheidende Mentoren, die wichtig waren. Ich habe in Hannover bei Karl-Heinz Kämmerling studiert, wo wohl jeder, der Konzertpianist in Deutschland werden will, mal gewesen sein muss. Das hat mir pianistisch sehr viel gebracht, weil Kämmerling jemand ist, der einem wie kaum ein anderer das notwendige Rüstzeug beibringen und einen auch auf die Bühne vorbereiten kann. Er ließ mir aber auch immer den Freiraum, mit anderen Pianisten und Künstlern zu arbeiten. So hatte ich viele Jahre bei Philippe Entremont Unterricht, bin auch noch mit ihm eng befreundet, spiele ihm regelmäßig vor. Ich habe auch bei András Schiff, Alexis Weissenberg, György Sandor und Christoph Eschenbach Unterricht bekommen. Das waren kurze Arbeitsphasen, die mich musikalisch enorm voran gebracht haben. Sicherlich war auch Gernot Kahl, mein erster Lehrer als Kind an der Hamburger Musikhochschule, eine wichtige Person, weil er neben dem Technischen immer viel Wert auf die Musik gelegt hat. Man kann vielleicht sagen, dass er die Musikalität in mir als Kind geweckt hat. Er sagte immer: „Du musst nicht nur schnell oder langsam, laut oder leise spielen. Du musst Musik machen, am Klavier etwas erzählen.“

Sie sind dem norddeutschen Raum schon sehr verbunden…

Ja, sehr. Da bin ich total Lokalpatriot. Ich reise fast das ganze Jahr durch die Gegend, aber freue mich jedes Mal unheimlich nach Hamburg zurück zu kehren. Nicht zuletzt, weil ich dort auch immer richtig gelebt habe, hier war immer meine Heimat. Auch wenn ich mal längere Zeit in Paris, in Holland und auch in England gewohnt habe - Hamburg ist ein heimatliches Gefühl. Mein Herz klopft für den Hamburger Sportverein, das ist völlig klar. Da geh ich auch ab und zu ins Stadion mit meinem fünfjährigen Sohn, der dort immer ganz euphorisch ist.

Will er in die Fußstapfen seines Vaters treten und auch Musiker werden?

Nun, er ist gerade erst fünf Jahre alt geworden, findet Musik aber total toll. Ich werde ihn nicht in die gleiche Bahn drängen, die sein Vater gewählt hat. Wenn es sich ergibt, dass er ein Instrument spielen möchte, dann werde ich der letzte sein, der ihn daran hindert. Allen Eltern kann ich nur empfehlen, ihre Kinder ein Instrument lernen zu lassen. Das schult auch das Gehirn schon in frühen Jahren ungemein. Ob mein Sohn aber Pianist wird oder etwas anders, das überlasse ich ganz ihm.

Erklären Sie mir doch bitte zum Abschluss, warum ich ihre neuen CD unbedingt im Abspielgerät liegen haben sollte.

Nun, zunächst einmal, weil sie besonders schön geworden ist. Nicht nur optisch, sondern auch musikalisch, wie ich finde. Es gibt verschiedene Aspekte, die für mich bei dieser Produktion sehr wichtig sind. Da ist zum einen der Punkt, dass eine Schubertsonate hierauf zu finden ist, die bis 1978 überhaupt nicht bekannt war. Die Version der ‚Sonate Oubliée (D 916B) ist wirklich eine Weltpremiere. Für jemanden, der Schubert mag und gerne hört, ist dies zweifelsohne eine Bereicherung, ja eine ziemlich neue Erfahrung sogar, weil er dieses Werk so zum ersten Mal hören kann. Auch das ‚Adagio und Rondo concertante’ (D487) ist in der hier aufgenommenen Fassung für Streichorchester und Klavier eine Premiere. Die Bearbeitung habe ich nämlich selbst vorgenommen. Auch wenn man das Stück vorwiegend als Klavierquartett kennt, hat nicht zuletzt die Schubertforschung immer wieder belegt, dass dieses Werk vom Komponisten durchaus orchestral gedacht war. Es rückt so auch dem Genre des Klavierkonzerts recht nah. Schubert hat uns ja ein solches nicht hinterlassen. Und bei den vier Impromptus habe ich besonderes Augenmerk auf den Klang gelegt: von der Raumwahl, über den Toningenieur bis hin zur Instrumentariumswahl. Die Produktion ist also eine echte Repertoirebereicherung und dazu aus klanglicher Sicht ausgesprochen gut gelungen. Wie ich finde, sehr gute Gründe, sie sich anzuhören.

Das Gespräch führte Frank Bayer.
(05/2007)

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