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Mittwoch, 24. Mai 2017

Photo: Mathias Bothor

Ragna Schirmer erneut zu Gast bei Haydns

"Fahren Sie mit dem Auto oder mit der Kutsche?"


Beethoven, Haydn, Mendelssohn, Schumann - Ragna Schirmer ist und bleibt die Pianistin für die Klavierliteratur aus Klassik und Romantik im Hause Edel, worüber auch kurze Ausflüge zu Chopin und Schnittke kaum hinwegtäuschen können. Das zeigt nicht zuletzt ihr neuestes CD-Projekt, durch das die gebürtige Hildesheimerin ihre erste, hochgelobte Haydn-Platte aus dem Jahr 2003 um zwei Silberlinge mit weiteren Werken des wohl berühmtesten Vertreters der Wiener Klassik erweitert. "Joseph Haydn - revisited" hat man das Werk getauft, das neben vier Sonaten auch 12 Menuette und zwei Variationswerke umfasst. klassik.com traf Ragna Schirmer in der malerischen Kantine des Berliner RBB und ließ sich berichten von ihrer langen Suche nach "gutem Geschmack", von Motivationshilfen durch Sportler und davon, was man beim Betrachten von Baumrinde alles entdecken kann.

Frau Schirmer, es hat Sie als gebürtige Hildesheimerin ins Sachsen-Anhaltinische, nämlich nach Halle an der Saale verschlagen….

Ich sehe die Skepsis in Ihren Augen, aber wenn Sie noch nicht in Halle waren, sollten Sie das unbedingt nachholen. Es lohnt sich wirklich. Außerdem gibt es ein reiches Kulturangebot. Als kürzlich Händels Geburtstag anstand, habe ich dort eine phänomenale ‚Ariodante‘-Aufführung gehört unter der Leitung von Federico Sardelli. Es ist schon toll, was man in Halle für eine Tradition mit den Händelfestspielen hat. Und als Wahl-Hallenserin bin ich schon etwas stolz, dass ich dieses Jahr auch dort auftreten darf. Ich spiele am 8. Juni einen Klavierabend mit Werken von Händel und den Walzern, Rhapsodien und den ‚Variationen über ein Thema von Händel‘ von Johannes Brahms.

Nach einer intensiven Beschäftigung mit Bach, aus der ja u.a. Ihre Einspielung der Goldbergvariationen hervorging, nun also auch Händel. Was treibt Sie als Pianistin, die den modernen Flügel bevorzugt, ins Barockrepertoire?

Ich finde es ausgesprochen spannend, dass sich kaum jemand auf modernem Flügel an die Klaviermusik Händels wagt. Es ist ein verdammt heikles Thema.

Copyright Mathias Bothor

Warum heikel?

Weil es so schwer ist, die musikalischen Besonderheiten der barocken Musizierweise auf ein modernes Instrument zu übertragen. Ich kann nicht versuchen, das Cembalo zu kopieren, dann werde ich dem heutigen Flügel nicht gerecht. Ich kann aber auch nicht den Händel der Barockzeit komplett in unsere heutige Zeit übertragen und eine hochromantische Fassung spielen, dann werde ich der Musik nicht gerecht. Es ist also eine Gratwanderung zwischen den Stilen, an der ich gerade intensiv arbeite. Vielleicht auch in Fortsetzung meiner Beschäftigung mit der Musik Haydns, für die ich mich ja auch auf die Suche begeben habe, um eine für mich persönlich stimmige stilistische Mischung zwischen alt und neu zu finden.

Und wie sah diese Suche nach dem ‚richtigen‘ Haydn bei Ihnen praktisch aus?

Ich habe zunächst sehr viel Literatur der damaligen Zeit gelesen. Die Bibliotheken sind ja voll mit Büchern über die Aufführungspraxis; denken Sie nur an die Klavierschulen von Carl Philipp Emanuel Bach oder dem Hallenser Daniel Gottlob Türk. Natürlich habe ich mich dann immer wieder mit befreundeten Musikern und Experten der historischen Aufführungspraxis ausgetauscht und denen meine Vorstellungen vorgespielt. Das hat viel mit Experimentieren zu tun; vorspielen und Feedback einholen. Die Menuette von Haydn brauchen eher viel Kreativität in der Verzierung, die Sonaten hingegen sollte man vorsichtiger ausschmücken. Man bekommt irgendwann ein Gefühl für die richtige Mischung, für den ‚guten Geschmack‘, wie es der Bach-Sohn nennt.

Ist der ‚gute Geschmack‘ damals noch der gleiche, den wir für unsere heutigen, musikalisch arg strapazierten Ohren benötigen?

Es stimmt, wir benötigen heute oft ins Extreme gesteigerte Ausdrucksformen, um noch verstanden zu werden. Ich hingegen habe mich auf meiner aktuellen Haydn-Platte um Schlichtheit bemüht, weil ich denke, dass es für diese Literatur nicht angebracht ist, mit krassen Gegensätzen, Echowirkungen oder intensiver Agogik zu arbeiten. Sonst hörten Sie sich diese Aufnahme wahrscheinlich kein zweites oder drittes Mal an, sondern würden sie nach einmaligem Hören in den Schrank schieben. Ich wollte vor allem mit kleinen Nuancen arbeiten, so dass man auch beim zweiten und dritten Hören immer noch etwas Neues entdeckt. Ein bisschen wie in einer spannenden Theaterinszenierung, an deren Ende ich das Gefühl habe, nicht alles entdeckt zu haben, und sie daher unbedingt noch einmal sehen muss.

Dieser Ansatz funktioniert aber nur auf einem Tonträger…

Richtig, im Konzert ist das etwas anderes. Wenn ich nur eine Aufführungschance habe, kann ich extremer auftreten, Dinge auch mal überziehen. Ich muss es sogar. Aber daher ist das Konzert für mich ein ganz anderes Genre. Konzert und Platte sind so gegensätzlich wie Film und Theater.

Sie berichten von Ihrer intensiven Vorbereitung auf die stilistischen Besonderheiten der Haydn-Zeit für Ihre neue Platte. Das wirft zwangsläufig die Frage auf, warum Sie sich für einen modernen Flügel anstelle eines Cembalos, eines Clavicords oder eines Pianoforte entschieden haben.

Eine Gegenfrage: Wenn Sie ins Konzert gehen, fahren Sie mit dem Auto oder mit der Kutsche? Nehmen Sie das elektrische Licht oder doch lieber die Kerzen? Wo setzen wir die Grenze? Wir leben in der heutigen Zeit mit den Gesetzen der heutigen Zeit. Entsprechend ist unsere Wahrnehmung auch angepasst. Als Interpretin ist es meine Aufgabe, diese Musik in die heutige Zeit zu transportieren. Daher muss für mich die primäre Frage sein: Was hätten Händel und Bach gemacht, wenn sie unsere modernen Flügel zur Verfügung hätten. Ich suche nach dem Gedanken, der hinter einer Komposition steht und übersetze ihn für die Menschen heute. Dabei ist es doch außerordentlich spannend zu sehen, dass diese Musik auch nach 300 Jahren noch Bestand hat, dass Menschen sie heute noch hören wollen. Und der moderne Flügel ist für mich das ideale Ausdrucksmittel.

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Es war also eine bewusst musikalische Entscheidung und keine, die auf Erfahrungsmangel im Umgang mit altem Instrumentarium beruht?

Ganz genau. Ich habe oft auf Cembali und auch auf Clavicords gespielt und setze mich auch immer wieder an solche Instrumente, meist zu Übungszwecken. Zum Erarbeiten bestimmter Musik kann das eine große Hilfe sein. Bach, auf einem Cembalo gespielt, erschließt ihnen Ausdrucksmöglichkeiten, die sie auf einem Flügel niemals erreichen können. Man versteht dann manchen kompositorischen Vorgang viel leichter. Doch sind dies für mich primär Übungsmethoden und Experimente. Ich bin auf dem Flügel zu Hause und möchte natürlich auf dem Instrument spielen, das ich glaube am besten zu beherrschen. Vielleicht ändert sich das eines Tages mal; wer weiß.

Es ist bereits Ihre zweite Beschäftigung mit Haydns Klavierwerken, die auf CD erscheint. Haben sich Ihr Zugang zu seinen Kompositionen, Ihre Vorbereitung auf die Aufnahmen, die Werkauswahlkriterien verändert?

Klar, immer. Die erste Haydn-Platte hatte einen Riesenerfolg, und ich bin immer wieder auf sie angesprochen und für Haydn-Programme eingeladen worden. Bei jedem Gespräch, das ich in dieser Zeit zum Thema Haydn führe, mit jeder Aufführung eines Haydn-Konzerts gemeinsam mit anderen Künstlern, entwickele ich meinen Interpretationsansatz weiter, entdecke Neues, verwerfe Altes. Es war dann klar, dass ich dieses Projekt fortsetzen muss; und ich hatte absolut nicht im Kopf, dass 2009 Haydn-Jahr ist.

Was macht das Besondere an Haydns Musik für Sie aus?

Seine Musik ist sehr vielschichtig: es gibt melancholische Momente, es gibt überschäumende Momente, es gibt schnelle Charakterwechsel und manchmal reduziert er Musik auf nur einen Ton. Dabei ist Haydns Musik immer unerhört humorvoll und oft schlicht, zumeist mit einem ironischen Augenzwinkern versehen. Sie kann innerhalb eines Taktes vollkommen unerwartete Wendungen nehmen, die auch einen erfahrenen Pianisten immer wieder neu überraschen. Es ist Musik, die mir einfach Spaß macht; an vielen Stellen sehe ich Haydn richtig vor mir, mit einem breiten, schelmischen Grinsen.

Ist uns diese Form von vertrackter Schlichtheit, die Haydns Musik ja bestimmt, heute nicht ein wenig fremd? Haftet ihm deshalb gelegentlich die Aura des Langweiligen an?

Haydn ist mit Sicherheit alles andere als langweilig! Aber auch ich kenne Menschen, die Haydn nicht besonders spannend finden. Es ist durchaus ein Phänomen unserer Zeit: Niemand ist mehr wach für Nuancen. Viele Dinge im Umfeld werden gar nicht mehr wahrgenommen, man schaut nicht mehr hin. Heute muss alles noch schneller, noch extremer sein - brauchen wir im Kino Brutalität und Aggression, um überhaupt noch etwas zu empfinden? Diese Entwicklung kann ich nicht nachvollziehen. Meine Körperschulungslehrerin im Studium hat immer gesagt: „Geht in den Wald, beschäftigt euch 90 Minuten mit einem Stück Baumrinde und ihr werdet einen ganzen Film erleben.“ Und sie hat Recht.

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Hatten Sie diese Vorliebe für die Musik des Barock, vor allem die Klaviermusik Bachs und Händels, schon in jungen Jahren? Das wäre ja eher ungewöhnlich, wenn man bedenkt, dass auch viele Klavierstudenten diese Epoche oft versuchen zu umgehen, weil sie ihnen zu viel Struktur und zu wenig ‚Musik‘ sei.

Das kenne ich von meinen Schülern auch: „Ach nee, nicht schon wieder Bach!“ - ist ein häufig gehörter Satz. Ich selbst war aber schon immer sehr stark von dieser Musik fasziniert. Auch meine Eltern berichten, dass ich schon als Kleinkind auf das Heftigste reagierte, wenn klassische Musik lief. Das ging soweit, dass ich spontan in Tränen ausbrach, wenn etwas schön klang - und keiner wusste, warum ich weinte.

Sie sind in Hildesheim geboren und aufgewachsen…

Genau, im schönen Niedersachsen; mitten im Dreistädteeck Hannover, Braunschweig, Hildesheim.

Man kennt die Stadt vor allem wegen des berühmten Domes, der historischen Altstadt und der Handballmannschaft…

Vom Handball war ich immer befreit, wegen der Finger. Dafür war ich eine gute Turnerin und habe viele Jahre auch Ballett getanzt. Im Alter von sieben Jahren habe ich mich dann dem Klavier gewidmet.

Copyright Mathias Bothor

Und mit 9 Jahren haben Sie Ihren ersten Wettbewerb gewonnen - ein Sieg, dem noch 14 weitere folgen sollten. Da Sie ja nicht bei jeder Wettbewerbsteilnahme auch gewonnen haben werden, müssen Sie eine wahre Odyssee von Wettkämpfen durchlaufen haben. Waren Sie also eine extrem ehrgeizige Schülerin?

Na klar! Wettbewerbe fand ich toll. Sie waren für mich eine sportliche Angelegenheit in einem ganz wörtlichen Sinne. Es ist bekannt, dass Musiker sich gerne Leistungsport im Fernsehen anschauen: das Gewinnenwollen, die Selbstdisziplin, die Nervenstärke, all das ist uns nur zu gut bekannt! Wir Musiker müssen auch in der Lage sein, in einem bestimmten Moment die optimale Leistung zu erbringen. Man muss sich fragen: Wie schaffe ich es, in einer Situation unter Druck und vor den Augen und Ohren einer Jury, genau so zu spielen, wie ich es mir vorgenommen habe? Ich bin sehr dankbar, dass meine ersten Lehrer diese ehrgeizige Veranlagung erkannten und mich zu Wettbewerben schickten. Da habe ich Erfahrungen machen können, die ich nicht missen möchte und die für meine Entwicklung auch ganz wesentlich waren.

Haben Sie manchmal das Gefühl, in den Jugendjahren durch dieses harte Training etwas verpasst zu haben? Fehlt Ihnen etwas?

Nein, ganz im Gegenteil. Musizieren ist ein intensiver Selbsterfahrungsprozess. Man setzt sich schon in jungen Jahren sehr mit sich selbst auseinander, dass fördert eine gewisse Reife. ich mit 15 bei großen internationalen Wettbewerben auftrat, waren meine Gesprächspartner eben die anderen Teilnehmer, die durchaus auch 10 bis 15 Jahre älter sein konnten. Mich hat das nie gestört, im Gegenteil: Ich hab’s genossen. Die wirklich tiefen und engen Freundschaften entwickeln sich ja ohnehin erst später im Leben, und da bin ich sehr dankbar, einige liebe Menschen gefunden zu haben, die mir sehr viel bedeuten.

Sie waren, wie fast alle erfolgreichen Klaviersolisten aus Deutschland, Schülerin von Karl-Heinz Kämmerling. Was ist das Besondere an ihm, das seine Schüler oft so erfolgreich werden lässt?

Unsere Hauptbeschäftigung als Pianisten ist ja das Üben. Zu lernen, wie man richtig übt, wie man die Dinge nachhaltig erarbeitet, ist ein so wesentlicher Prozess. Das habe ich bei Karl-Heinz Kämmerling gelernt. Wenn Sie mich fragen, was das Besondere an ihm ist: Es ist die unerbittliche Genauigkeit im Umgang mit Disziplin, Arbeitseinstellung, Effektivität. Mich hat das intensive Klavierüben immer glücklich gemacht.

Copyright Mathias Bothor

Sie sind mit 28 Jahren als Professorin für Klavier an die Musikhochschule Mannheim berufen worden…

Genau, und diese Stelle habe ich auch heute noch und genieße diese Aufgabe. Außerdem habe ich auch eine Lehrstelle an der Spezialschule für Musik in Halle. Es ist mir eine sehr wichtige Aufgabe, weil ich davon überzeugt bin, dass musikalische Grundausbildung in Deutschland viel mehr gefördert werden muss. Aus diesem Grund habe ich diese Chance in Halle gerne ergriffen. Ich bin der Auffassung, dass jemand, der im heutigen Konzertleben als Solist erfolgreich ist, auch die Verpflichtung hat, etwas von diesen Erfahrungen und seinen musikalischen Ansichten weiter zu geben.

Bleibt bei einem so vielfältigen Aufgabengebiet auch noch Zeit für die Kammermusik?

Ich habe immer gerne Kammermusik gemacht. Neben Solorezitals und Klavierkonzerten muss ich mir aber meine Zeit gut einteilen, um mich nicht zu verzetteln. Es gab kammermusikalische Partnerschaften mit dem Gewandhaus-Quartett und mit dem Cellisten Michael Sanderling. Ich werde jetzt zusammen mit dem Shanghai-Quartett beim Festival in Warschau das Brahms-Quintett spielen. Darauf freue ich mich schon.

Gibt es noch musikalische Dinge, die Sie unbedingt machen möchten, zu denen Sie aber noch nicht gekommen sind?

Oh ja, da gibt es vieles. Allein ein Blick auf die Klavierliteratur zeigt mir deutlich, was mich alles noch reizen würde. Wie ich eingangs versprach, steht demnächst Brahms bei mir auf dem Programm. Ich habe mir für die Beschäftigung mit diesem Komponisten bisher Zeit gelassen. Die Fülle seiner Kompositionen, die Schwere, das Vollgriffige seiner Musik faszinieren mich jetzt und ich beschäftige mich sehr intensiv damit. Ich spüre ganz deutlich - das ist jetzt dran.

Das Gespräch führte Frank Bayer.
(03/2008)

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