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Donnerstag, 14. Dezember 2017

Photo: Martin Jehnichen

Spartenübergreifender Gesang - das Männer-Vokalquintett Amarcord

"Die einzige Grenze, ist die des guten Geschmacks"


"Das Ensemble Amarcord ist eine Ausnahmeerscheinung unter den sich inflationär tummelnden Männer-Vokalensembles, von denen die meisten sich lediglich durch den Namen, nicht jedoch durch klangliche Individualität unterscheiden", schrieb klassik.com Autor Erik Daumann im Jahr 2006 über Deutschlands berühmtestes Vokalquintett und traf damit den Nagel auf den Kopf, denn kaum eine andere Vokalvereinigung verfügt über einen so wandelbaren und doch charakteristischen Klang wie die fünf ehemaligen Thomaner aus Leipzig. Davon legen nicht nur die zahlreichen Wettbewerbspreise und die vielen CD-Produktionen der Sachsen Zeugnis ab. Es sind nicht zuletzt die stilistisch vielfältigen Programme, die Amarcord eine große, stetig wachsende Fangemeinde beschert haben. klassik.com ließ sich an einem verregneten Sonntagmorgen im malerischen Wiesbaden von Gründungsmitglied und Bassist Holger Krause aus erster Hand über die Ensemblearbeit, das Leben bei den Thomanern und die musikalischen Grenzen der fünf Sänger berichten.

Was tun, wenn man nach neun Jahren seines Lebens und Leidens in einem Knabenchor von Weltrang plötzlich ausscheiden muss, aber auf das Singen als Lebenszentrum nicht verzichten kann oder will? Nun, ‚Die Prinzen‘ haben es vorgemacht, andere folgten mit unterschiedlichem Erfolg - man gründet ein Männergesangsensemble. So geschehen im Jahr 1992, als sich sechs ehemalige Mitglieder des Leipziger Thomanerchors zusammen taten, um fortan dem a-capella Gesang zu frönen. Amarcord, eines der erfolgreichsten Vokalquintette Deutschlands, war geboren. Dieser Tage erscheint das nunmehr neunte Album der Sachsen, auf dem sie sich vornehmlich französischer Vokalmusik der vergangenen 150 Jahre verschrieben haben - ein bis dato auf Konserve noch weitgehend unbeackertes Feld des Ensembles, das nach einer kurzen Phase der Sechstimmigkeit wieder zur Quintettformation zurück gekehrt ist. Live kann man Amarcord in seiner aktuellen Besetzung - Wolfram Lattke (Tenor), Martin Lattke (Tenor), Frank Ozimek (Bariton), Daniel Knauft (Bass) und Holger Krause (Bass) - und mit dem Programm der neuen Platte unter anderem in Berlin (18.4.), Essen (26.4) und Hamburg (27.4) erleben. Auch im sechszehnten Jahr seiner Existenz erweist sich ein Erkennungsmerkmal des Ensemble als unumstößlich: der nach allen Seiten offene Geist seiner fünf Sänger für neue Projekte, neues Repertoire und neue Darreichungsformen.

Copyright Martin Jehnichen

Thomaner, und was dann?

Repertoireerweiterung stand schon zu Beginn der langjährigen Ensembleformung als entscheidendes Gründungskriterium Pate. Nach neun Jahren als Internatsschüler der Thomaner, von denen die Gründungsmitglieder aufgrund kleiner Altersdifferenzen fünf gemeinsam im Chor verbrachten, und erfolgreich abgeschlossenem Abitur stand für alle die Frage, was denn nun kommen solle. Längst nicht für jeden war die Fortsetzung des Singens in Form eines Gesangstudiums mit anschließender Solistenkarriere beschlossene Sache; ganz im Gegenteil. Zwei Sänger, darunter der Bassist Daniel Knauft, wandten sich zunächst erfolgreich dem Studium der Humanmedizin zu, das sie im Jahr 2000 „innerhalb der Regelstudienzeit“, wie das Journal der Universität Leipzig anlässlich der Absolventenverabschiedung stolz vermerkte, abschlossen. Ein anderes Mitglied wandte sich dem Wirtschaftsingenieurswesen zu und Bassist Holger Krause verschwandt zunächst in den Untiefen eines Geisteswissenschaftlichen Studiums: „Germanistik und Kulturwissenschaften standen auf dem Speiseplan“, weiß der hochgewachsene Sänger zu berichten. Über professionell geschulte Stimmen verfügen alle Fünf, schließlich schaffte man es nicht als talentfreier Jungsänger zu den Thomanern nach Leipzig. Hier formte vor allem Thomaskantor Hans-Joachim Rotzsch die Nachwuchskräfte neun Jahre lang und brachte ihnen die Vokalmusik von Heinrich Schütz bis zur Klassischen Moderne nahe. Auch wenn im Zentrum der musikalischen Arbeit die Werke Johann Sebastian Bachs standen, blieb den Thomanern die Chormusik aus Renaissance, Romantik und Moderne nicht fremd. Die Zeit im Leipziger Internat haben die Sänger in weitgehend bester Erinnerung, trotz des teilweise großen Druckes, der auf den Jungendlichen lastete. Nicht immer war es einfach, Schulisches und Musikalisches in perfekten Einklang zu bringen und darüber hinaus auch die persönlichen Freizeitbedürfnisse befriedigt zu sehen. Innerhalb der ehemaligen DDR standen die Thomaner in direkter Konkurrenz zum Dresdner Kreuzchor: künstlerisch und sportlich. Mit leuchtenden Augen berichten die Sänger von den regelmäßigen Fußballmatches gegen die innersächsische Widersacher - Spiele, die selten von rein freundschaftlichem Charakter waren.

Singende Ärzte

Mit dem Ende der Schulzeit waren Amarcord zunächst getrieben von zwei Dingen: dem Wunsch, solistisch in einem Ensemble zu singen, anstatt einer unter zehn Sängern in der gleichen Stimmlage zu sein, und der Neugier an Vokalmusik jener Epochen, die bei den Thomanern weitgehend unbeachtet geblieben waren. „Wir wollten uns mit dem beschäftigen, was die musikalische Grundlage der Musik Heinrich Schütz` war, uns also zu den Ursprüngen der mitteleuropäischen Vokalmusik zurück begeben. Madrigale, Chansons, Mittelalterliches“ erzählt Krause. Bis heute gehören die vielfältigen Kompositionen dieser Zeit, mit ihren großen regionalen Besonderheiten zum Kernrepertoire des Ensembles. Vieles erschlossen sich die jungen Sänger in autodidaktischer Arbeit; jeder war an der Repertoireentwicklung, dem Aufstöbern neuer Werke und dem Formen eines eigenen Ensembleklanges aktiv beteiligt. Doch es bedurfte auch externer Unterstützung, zum Beispiel durch das Hilliard-Ensemble, dem Holger Krause einen Vorbildcharakter für Amarcord nicht absprechen mag: „Sicher ist der Altus-lastige Klang des Hilliard-Ensembles nicht jedermanns Geschmack, aber für uns waren sie ein erster und sehr wichtiger Anlaufpunkt, ein absolutes Vorbild darin, wie selbstverständlich und stimmlich ausgewogen man Alte Musik angehen kann. Wir sind aus diesem Grund zu den Hilliards nach Cambridge zu einem Workshop gefahren und haben viel gelernt. Es war eine wichtige Schule, auch deshalb, weil uns bewusst geworden ist, dass diese Art des Singens für unsere Repertoirevielfalt nicht ausreichend ist.“ Beim Füllen der erwähnten Lücke half ein anderes, ebenfalls namhaftes englisches Vokalensemble, mit dessen aktuellen und ehemaligen Mitgliedern Amarcord bis in die Gegenwart freundschaftliche Verhältnisse pflegt: The King’s Singers. „Es gab und gibt ja leider keine Professuren für Vokalensemble, so dass wir nur die Möglichkeit hatten, Kurse bei etablierten Ensembles zu besuchen oder Mitglieder von diesen zu selbstveranstalteten Kursen als Dozenten nach Leipzig einzuladen. Vielleicht ändert sich diese Situation eines Tages, wenn das Genre ‘Vokalensemble‘ die Popularität von Streichquartetten erreicht hat“, hofft Holger Krause. Doch nicht nur diese beiden etablierten Größen der internationalen a-capella-Szene hatten Einfluss auf die Entwicklung von Amarcord. Jede Zusammenarbeit mit ensemblefremden Künstlern hat Spuren bei den fünf Sängern hinterlassen. Ob nun das gemeinsame Konzertieren mit andere Gesangsensembles, Projekte mit Instrumentalisten, Experimente mit Tanz, Gesang und Video - eine jede Unternehmung hat das Bewusstsein für die eigene Kunst und das Medium Vokalquintett erweitert, die stimmlichen Fähigkeiten verfeinert und die Bühnenpräsenz als Ensemble geformt.

Gelebte Demokratie

Dabei ist das Erarbeiten eines abendfüllenden Programms zumeist ein zeitintensiver Vorgang, der von allen Sängern großen Einsatz und viel Energie erfordert. „Wenn wir an Neuem arbeiten, ist es zunächst so, dass wir 50% der Zeit nicht singen, sondern über die Musik reden, gemeinsam Texte lesen, Informationen und Meinungen zu dem neuem Material zusammentragen und darüber debattieren“ weiß Holger Krause zu berichten. Schließlich ist es bei einem Ensemble solch übersichtlicher Größe von elementarer Wichtigkeit, dass absoluter Konsens über die jeweilige Interpretation herrscht. Jeder Mitwirkende muss den musikalischen Ansatz, die übergeordnete Idee und die Klangvorstellung unumschränkt mittragen. Waren die fünf Sänger zunächst verwundert über die Zeitintensivität einer solchen Interpretationsentwicklung, hat ihnen der Austausch mit anderen professionellen Vokalensembles gezeigt, dass es ein ganz natürlicher Vorgang ist, beispielsweise an einem Werkabschluss von vier Takten eine volle Stunde zu arbeiten, um zu einem gemeinsamen Ergebnis zu gelangen. Was nach gelebter Demokratie klingt, ist zumeist auch eine solche: jede Meinung zählt, jede Idee soll Berücksichtigung finden. Dass es dabei immer wieder zur Schließung von Kompromissen kommt, ist im Interesse einer schlussendlich harmonischen und homogenen Ensemblekultur unumgänglich. „Es ist uns absolut wichtig, dass vor allem künstlerisch alles auf den Tisch kommt und besprochen wird. Nichts wäre für ein Ensemble wie Amarcord schlimmer, als wenn zwei Sänger die Linie vorgäben und andere, weil sie vielleicht etwas stillere Typen sind, ungehört blieben und dadurch etwas mitmachen müssten, das vielleicht gar nicht ihrer musikalischen Vorstellung entspricht. Ein solches Arbeiten wäre nicht Amarcord“, erzählt Bassist Krause in ernstem Ton.

Copyright Martin Jehnichen

Grenzüberschreitungen

Ein wichtiges Ergebnis dieser Arbeitsweise ist das enorm breite Repertoire des Ensembles. Hier fließen die verschiedenen musikalischen Vorlieben aller fünf Sänger zusammen, die von Mittelalterlichem und Musik der Renaissance bis hin zu Jazz und Popmusik reichen. Das setzt zunächst eine große Offenheit gegenüber Neuem voraus und minimiert Ängste vor, in der Klassischen Musikszene oft argwöhnisch beäugten, Grenzüberschreitungen zwischen den Genres. Die Probenarbeit muss dann zeigen, welche Stücke mit den Möglichkeiten des Quintetts realisierbar sind. In den nunmehr 16 Jahren seiner Existenz hat sich Amarcord ein unerhört breites Repertoire erarbeitet, das in seiner Vielfalt auch auf internationalen Podien wohl seinesgleichen sucht. Einzig den um ein Vielfaches älteren King’s Singers kann man guten Gewissens eine ähnliche Experimentierfreude unterstellen. Doch wie bewältigt man diesen stilistischen Spagat zwischen den Genres? Krause weiß eine Antwortmetapher auf diese Frage: „Im Grunde müssen wir die Offenheit eines Schauspielers haben, der auch die verschiedensten Epochen abdecken und die dazugehörigen Kontexte kennen muss. Stimmliche Flexibilität, Stilsicherheit, Einfühlungsvermögen und die uneingeschränkte Neugier an Neuem müssen die Basis für unser Arbeiten sein.“ Eine klare Trennung zwischen U- und E-Musik zieht man bei Amarcord entsprechend ungern. Was zählt, ist die Qualität des Aufgeführten; es muss überzeugen, das Publikum berühren. So sind die Programme des Ensembles einem permanenten Wandel ausgesetzt. Durch regelmäßiges Aufführen entwickeln sich Interpretationen stetig weiter, werden Stücke immer wieder neu hinterfragt und Programmabläufe nach wandelbaren dramaturgischen Gesichtspunkten modifiziert. Dabei kann das Quintett auf einen internationalen Pool von befreundet Arrangeuren und Komponisten zurückgreifen, die mit den klanglichen Besonderheiten und den individuellen Fähigkeiten der Mitglieder bestens vertraut sind. So wird darüber hinaus sichergestellt, dass jeder Sänger die Möglichkeit erhält, sich auch mit solistischen Einlagen innerhalb eines Programms profilieren zu können - ein für studierte Sänger durchaus relevantes Anliegen. Ob Auftritte mit Big Band oder einfacher Bandoneon Begleitung, ob Konzerte mit klassischen Instrumentalisten oder Perkussionisten und Zeitgenössischem Tanztheater - der Gestaltungsfreude und Programmfantasie der Leipziger sind kaum Grenzen gesetzt. „Die einzige Grenze, die wir nicht überschreiten wollen, ist die des guten Geschmacks“ fügt Holger Krause lachend hinzu.

„Man sieht die Kollegen meist öfter als sich selbst“

1997 geründete Amarcord das Internationale Festival für Vokalmusik ‚a capella‘ in Leipzig, das zunächst in kleinem Rahmen ein Forum für befreundete Ensembles und das eigene Quintett sein sollte. Längst hat sich daraus eines der wichtigsten Festivals von internationalem Rang entwickelt, dass jedes Frühjahr das ‚Who is Who‘ der weltweiten Vokalensembleszene zu Konzerten und Meisterkursen nach Leipzig und Umgebung lockt. Ein Blick auf das Programm der diesjährigen, nunmehr neunten Festivalsaugabe (16. - 25. Mai 2008) zeigt, dass dies keinesfalls eine Übertreibung ist: The Hilliard Ensemble (England), The Vocal Octet (Israel), I Fagiolini (England), Ensemble Planeta (Japan), Club for Five (Finnland), Sound Affaire (Deutschland) und M-Pact (USA) bilden, neben den Gastgebern, das vielversprechende ‚Line up‘ des Festivalprogramms. Entsprechend aufwendig gestaltet sich sie Organisation dieses Highlights der Vokalmusik, die die fünf Sänger weitgehend in Eigenregie bewältigen. Natürlich hat sich im Laufe der Jahre nicht nur der Ensemblegesang professionalisiert, sondern auch die Infrastruktur, die das Quintett umgibt. Ein professionelles Management kümmert sich um die Vermarktung des Ensembles, die Platteneinspielungen erscheinen auf dem ensembleeigenen Label Apollon Classics in Kooperation mit dem Label Raumklang, ein gemeinnütziger Verein wurde gegründet, der als Veranstalter des ‚a capella‘ Festivals und des darin integrierten Wettbewerbs für Vokalensembles fungiert. Dass die ehemaligen Thomaner auch nach zwanzig Jahren des gemeinsamen Singens und trotz des beinahe täglichen gemeinsamen Probens einander kaum müde sind, ist keineswegs selbstverständlich. „Man sieht die Kollegen meist öfter als sich selbst“, berichtet lachend Holger Krause. „Wir konzertieren beinahe ganzjährig weltweit, die Urlaubsphasen sind nicht sonderlich ausgedehnt. Da ist es ganz wichtig, dass man lernt, sich kleine Freiräume zu schaffen, um nicht auf die Anderen loszugehen. Und ohne Humor, der bei uns durchaus auch skurril ausfallen kann, kommt man nicht weit.“

Das Gespräch führte Frank Bayer.
(04/2008)

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