> > > > "Wenn jemand klatschen möchte, dann sollte er es tun."
Sonntag, 23. April 2017

Photo: Marco Borggreve

Der Geiger Daniel Hope spielt im Berliner Konzerthaus Mozart zum Frühstück

"Wenn jemand klatschen möchte, dann sollte er es tun."


Daniel Hope gehört zu den profiliertesten Geigern der Welt. Der Engländer mit südafrikanischen, deutschen und irischen Wurzeln begeistert Kritik und Publikum gleichermaßen durch raffinierte Interpretationen und durchdachte Konzertformen, die oft über die Klassik weit hinausgehen. Thomas Vitzthum sprach mit Daniel Hope während einer kleinen Konzertreise durch Italien über Vivaldi und Mozart, Raschelnde Zuhörer, Zivilcourage und den Abschied des Beaux Arts Trios.

Ach, Italien, Herr Hope Sie haben es gut!

Allerdings, es ist ein tolles Erlebnis hier in Mantua Vivaldi zu spielen. Vor allem in einem Saal, den Mozart seinerzeit eröffnet hat. Wir spielen im Angesicht einer Büste von Mozart. Früher war das hier ein anatomisches Theater, die Studenten konnten von den Rängen auf den Professor schauen, der dort Leichen obduziert hat. Dann wurde es umgebaut und Mozart hat dort ein Konzert dirigiert, das vier Stunden gedauert hat. Das muten wir unserem Publikum nicht zu (lacht).

Vivaldi hat Mozart wohl nicht gespielt. Der rote Priester gilt manchen ja als Vielschreiber und ziemlicher Langweiler.

Das kann ich nicht verstehen. Ich bin verrückt nach Vivaldi. Gerade in Italien Vivaldi zu spielen, ist etwas ganz besonderes. Gestern Abend bin ich lange durch die Stadt gewandert. Orte, an denen Komponisten gewirkt haben, kennen zu lernen, ihre Atmosphäre und Aura aufzunehmen, wirkt sich positiv auf meine Interpretationen aus. Venedig etwa feuert meine Vorstellung beim Spielen eines Vivaldi-Konzerts an, das Wasser, die alten Palazzi, die Brücken, der Geruch - gerade in den italienischen Städten kann man sich leicht in die Vergangenheit zurückversetzen. Aber auch wenn ich das Violinkonzert von Alban Berg spiele, denke ich mich in seine Wohnung in Wien, die noch heute erhalten ist. All diese Impressionen gehen in mein Spiel ein, dadurch wird etwas schwer zu Beschreibendes ausgelöst. Es fühlt sich echter an.

Wie ist das italienische Publikum?

Fantastisch. Kein Publikum reagiert so unmittelbar, wenn es ihm gefallen hat oder auch wenn es ihm nicht gefallen hat. Am Ende eines Satzes gibt es oft spontan Applaus…

….wofür man ja hierzulande als Dummkopf ausgezischt wird…

…und das ist sehr schade. Ich merke genau, wenn jemand aus Versehen oder aus Überzeugung zwischen den Sätzen klatscht. Wenn das aus Überzeugung passiert, ist das für mich ein wunderbares Gefühl. In früheren Jahrhunderten war das doch normal, hatten Konzerte mehr den Charakter eines Jazz-Events.

Vermissen Sie Direktheit?

Manchmal Ja. Ich kann doch niemandem verbieten, seine Emotionen zu zeigen. Wenn jemand klatschen möchte, dann sollte er es tun.

Copyright Marco Borggreve

Besser Applaus als das Zwischen-den-Sätzen-Gehuste.

Es geht noch schlimmer. Das langsame Auswickeln von Hustenbonbons ist entsetzlich, aber alles wird vom Läuten von Handys getoppt. Einmal habe ich ein Konzert wegen Störung abgebrochen. Es war in New York, ich trat mit dem Beaux Arts Trio auf. In der ersten Reihe saß ein Herr und war offensichtlich mit seinem Sitz nicht zufrieden. Wir spielten schon. Plötzlich stand er auf und beschwerte sich laut, schließlich habe er viel Geld bezahlt. Ich bat ihn dann, den Saal zu verlassen oder sich endlich wieder hinzusetzen. Er ging und das ganze Publikum hat laut applaudiert. Ich merke genau, wenn ich ein Publikum habe oder eben nicht. Und das faszinierende ist, dass es oft nur einer Sekunde bedarf, um diesen Kontakt zu gewinnen oder komplett zu verlieren.

Am 26. Oktober spielen Sie mit dem Konzerthausorchester Mozarts G-Dur-Konzert. Haben Sie auch den Eindruck, dass sich die Musik der Komponisten vor Beethoven aus den Konzertsälen zurückzieht?

Es kommt sehr darauf an, wo man hinsieht. In den USA sind die Klassiker noch sehr präsent. In Europa werden sie nicht mehr so häufig gespielt wie früher. Bach etwa scheint heute nur noch den Ensembles der historischen Aufführungspraxis zu gehören. Kaum ein modernes Orchester spielt das noch. Ein Stück weit gilt das auch schon für Mozart. In der vergangenen Woche hat das Orchester der Metropolitan Opera ein Bach-Stück gespielt. Die Presse hat lange darüber geschrieben, wie ungewöhnlich es sei, wieder einmal Bach von einem Symphonieorchester zu hören. Das ist eine Mode. Das wird sich wieder ändern.

Muss man als Interpret die Aufführungspraxis der Mozart-Zeit kennen?

Ich glaube, es gibt Musiker und Geiger, die so viel zu sagen haben, dass sie seine Werke auch ohne dieses Wissen vollgültig spielen können. Für mich gilt, dass ich möglichst viel wissen will, nicht nur über Mozart, sondern auch darüber, wie er von anderen vor mir gespielt wurde.

Copyright Felix Broede

Hat sich ihr Mentor Yehudi Menuhin viele Gedanken über die Artikulation der Mozart-Zeit gemacht?

Nein, darum ging es nicht. Kaum einer hat Mozart individueller gestaltet als er. Wenn er gespielt hat, ging es um Menuhin, da war sein unglaublicher Klang und Ausdrucksgehalt. Heute denken wir die Komponisten und ihre Stücke immer aus ihrer Zeit heraus. Das macht die Interpretationen aber manchmal leider austauschbar. Bei Heifetz, bei Menuhin oder Milstein brauche ich dagegen nur zwei Töne zu hören und weiß, wer der Interpret ist. Ich habe gerade Menuhins Aufnahme des G-Dur-Konzerts aus den 30ern gehört. Es gibt keinen Menschen auf der Welt, der die ersten fünf Töne des Violinsolos im langsamen Satz so spielt wie er. Man könnte sagen, das ist zu romantisch oder es passt angeblich nicht zu Mozart. Aber das ist mir egal, denn wie es gespielt ist, ist es zum Weinen schön. Das ist ehrlicher und natürlicher als das Spiel anderer, die mit Absicht davon absehen etwas zu machen, was nicht in ein Regelwerk passt. Es kann doch nicht sein, dass Jahrhunderte von Musikern falsch gespielt haben.

Wie haben Sie Menuhin kennen gelernt?

Unbewusst schon mit sechs Monaten. Ich bin ihm quasi in den Schoß gefallen. Meine Eltern sind aus Südafrika geflüchtet, weil mein Vater Anti-Apartheid-Schriftsteller ist. Da war ich ein halbes Jahr alt. Sie gingen nach England und weil das Geld knapp wurde, suchte sich meine Mutter einen Job. Durch Zufall kam sie über eine Teilzeitagentur an den Posten als Sekretärin bei Menuhin. Sie sollte das eigentlich bloß ein halbes Jahr machen, daraus wurden aber 26 Jahre. Die ersten sieben Jahre hat sie mich jeden Tag in sein Haus mitgebracht, ich bin mit ihm groß geworden. Er hat sich als mein musikalischer Großvater verstanden.

Haben Sie noch einen Bezug zu Südafrika?

Ich fühle mich überhaupt nicht als Südafrikaner. Für mich ist es nicht entscheidend, wo jemand geboren wurde, sondern wo sich jemand zuhause fühlt. Ich bin Engländer und dazu Europäer, auch kulturell. Meine Familie hatte aus verschiedenen Gründen Europa verlassen, meine jüdische Hälfte kam aus Deutschland, meine katholische Seite aus Irland. Sie sind alle nach Südafrika geflüchtet, aber im Herzen doch Europäer geblieben. Südafrika war eine Teilzeitheimat für ihre Seelen. Deshalb war die Rückkehr nach Europa auch eine Art Heimkehr. Aber ich verfolge genau, was in Südafrika passiert. Das Land hat riesige Probleme. Ich bin schockiert, wie Politiker dort über das Drama Aids reden, es herunterspielen. Dabei ruiniert Aids die ganze Gesellschaft in diesem wunderschönen Land.

Viele Künstler haben Südafrika während der Apartheid boykottiert, würden Sie im Iran auftreten?

Das ist eine spannende Frage, die mir noch nie gestellt wurde (überlegt lange). Ich würde keine offizielle Einladung durch den Präsidenten annehmen. Wenn ich dort auftreten würde, dann würde ich versuchen ein Zeichen zu setzen, ich würde jüdische, sowie iranische Musik aufs Programm setzen. Wenn ein Land sagt, dass Israel nicht das Recht hat zu existieren, dann ist das eine inakzeptable Äußerung. Man würde mich wahrscheinlich verhaften, bevor ich die Bühne betrete.

Copyright Marco Borggreve

Sie sind katholisch getauft und praktizierender Protestant. Wie wichtig sind Ihnen Ihre jüdischen Wurzeln?

Sehr, sehr wichtig. Diese Wurzeln reichen zurück bis zum ersten Rabbiner von Potsdam. Für mich gehört das Judentum zu mir und zu meiner Musik. Die Geschichte meiner Familie hat mich tief bewegt und ich versuche das auch in den Konzerten zu zeigen. Am 9. November veranstalte ich im Flughafen Tempelhof ein Benefizkonzert anlässlich des 70. Jahrestags der Reichsprogromnacht. Diese Nacht hat meine Familie direkt betroffen. Danach haben sie alles verloren, vor allem haben sie gemerkt, dass sie falsch waren. Meine Urgroßväter Clemens Klein und Wilhelm Valentin waren lange begeisterte Anhänger der Nazis und das obwohl sie Juden waren. Beide waren getaufte Christen, fühlten sich als Deutsche, kämpften im 1. Weltkrieg und waren hoch dekoriert. Doch spätestens ab dem 9. November hat Clemens Klein gemerkt, dass ihn keiner mehr will. Er hat das nicht verwunden und sich einige Monate später das Leben genommen. Er konnte es nicht ertragen Deutschland zu verlassen und alles aufzugeben. Das Konzert ist mir deshalb sehr wichtig und das gerade in Tempelhof.

Was bedeutet der Ort?

Er ist auf Grund seiner Architektur eine Erinnerung an die Nazi-Zeit, aber es ist auch der Ort der Luftbrücke, ein Ort der Zivilcourage. Einen besseren Erinnerungsort gibt es gar nicht in Berlin. Dass der Flughafen nun geschlossen wird, ist ein großes Drama. Das ist ein Markenzeichen für Berlin.

Gibt es so etwas wie Normalität im Umgang mit dem Judentum in Deutschland?

Nein, ich fürchte nicht. Wenn man allein an die vielen Sicherheitsvorkehrungen denkt, die immer noch nötig sind. Aber als Musiker will ich doch zur Normalität beitragen. Ich kann mich da an ein prägendes Erlebnis erinnern. Es war 1996, da gaben Yehudi Menuhin und ich ein Konzert in Wunsiedel. Dort liegt der Hitler-Stellvertreter Rudolf Hess auf dem Friedhof und jedes Jahr Ende August findet ein von Neonazis veranstalteter Gedenkmarsch statt. Die Stadt konnte lange nichts dagegen machen. Nun, ausgerechnet am Tag unseres Konzerts war es wieder soweit und der Bürgermeister kam zu Menuhin entschuldigte sich dafür und meinte, dass es wohl besser sei, das Konzert abzusagen, weil am Ende noch die Neonazis kommen könnten, um es zu stören. Menuhin sagte: Nur über meine Leiche. Dieses Konzert findet statt. Wenn sie kommen wollen, sollen sie kommen. Im Gegenteil machen sie die Türen weit auf. Und wir haben das Konzert gespielt. Das hat mich sehr bewegt.

Sie waren nun einige Jahre Mitglied des Beaux Arts Trios. Gerade haben Sie Ihre Abschiedstournee gegeben. Was ist in Ihnen vorgegangen?

Es war ein wahnsinnig emotionaler Abschied. Aber die Tournee ging ein Jahr lang, das erste Konzert war wohl das schwerste. Nach 80 Konzerten bekam ich es besser in Griff, obwohl sich die Gefühle des jeweiligen Publikums ja immer wieder sehr stark äußerten.

Ich stelle mir das kurios vor, ein Mitte 30-Jähriger auf Abschiedstournee…

…(lacht), genau, vor allem in Amerika kamen Leute und fragten mich ratlos, was ich denn nun für den Rest meines Lebens tun werde. Sogar Menahem Pressler, immerhin weit über 80, hat im nächsten Jahr über 100 Konzerte. Auch wir beide werden weiterhin zusammenspielen. Aber für die Leute war das dennoch wie die Beerdigung von uns drei Musikern. Auch ich bin mit dem Beaux Arts Trio groß geworden, ein Leben ohne ist schon sehr seltsam.

Gab es die Überlegung, das Trio ohne Menahem Pressler mit einem neuen Pianisten weiterzuführen?

Ja, aber da habe ich mich dagegen gewehrt. Pressler sagte, dass er uns das Beaux Arts Trio irgendwann gerne überlassen hätte. Aber meiner Meinung nach hätte das nicht funktioniert, denn für mich ist Pressler die schillernde Persönlichkeit des Beaux Art Trios, mehr als alle Streicher, die in den Jahren mit ihm gespielt haben. Ich habe mich immer ein wenig wie ein Gast gefühlt, ganz dabei, aber gleichzeitig sehr geehrt, Teil dieses legendären Ensembles zu sein. Im Nachhinein bin ich über diese Form des Abschieds dankbar, es fühlt sich richtig an.

Copyright Manuela Bachmann

Wie gut kennen Sie das Konzerthausorchester, mit dem Sie am 26. Oktober spielen werden?

Sehr gut, ich habe in den vergangenen Jahren sicher sechsmal mit ihnen gespielt. Ich mag auch diesen neuen alten Saal extrem gerne. Immerhin steht er auf dem Grundstück, wo schon Paganini aufgetreten ist. Die ganze Ecke der Stadt mag ich und wohne dort auch immer, wenn ich in Berlin bin. Mich erinnert das immer an eine sehr wichtige Phase meines Lebens. Ich habe vor Jahren mit dem Orchester Schumanns Violinkonzert gespielt und während dieser Tage das Haus meiner Urgroßeltern in Berlin wieder besucht. So habe ich begonnen, mich mit den deutschen Wurzeln meiner Familie zu beschäftigen.

Vor dem Konzert können die Zuhörer im Konzerthaus frühstücken. Ich könnte mir vorstellen, dass ihnen so eine kulinarische Musikvermittlung gefällt ….

… (lacht). Ich finde das toll. Alles, was Publikum und Musiker zusammen bringt, ist gut. Was gibt es schöneres als gut zu essen und dann gute Musik zu hören, so sollte jeder Morgen anfangen.

Das Gespräch führte Dr. Thomas Vitzthum.
(10/2008)

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