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Sonntag, 24. September 2017

Über den Jahrhundertmusiker Placido Domingo

Rasten heißt rosten


Viele Worte über den Sänger Placido Domingo zu verlieren, hieße Eulen nach Athen tragen. Doch gibt es den einen oder anderen Punkt in der vielfarbig schillernden Vita des spanischen Ausnahmekünstlers, der nicht jedem Musikfreund geläufig sein dürfte. klassik.com reflektiert einige wichtige Stationen in Domingos Biographie und beleuchtet sein besonderes Verhältnis zur musikalischen Nachwuchsförderung. Denn hier gilt es ein besonders ambitioniertes Projekt zu würdigen, das jüngst auch von Klassikfreunden in Deutschland live erlebt werden konnte. Das Youth Orchestra of the Americas spielte unter Placido Domingos Leitung Giuseppe Verdis monumentale "Messa da Requiem".

Nennt man seinen Namen, so beginnen die Augen der Opernfreunde auf der ganzen Welt hell zu leuchten. Kaum einem zweiten Künstler ist es zu Lebzeiten gelungen, sich einer solch uneingeschränkten Popularität zu erfreuen wie er es tut. Selbst die große Maria Callas sah sich einer nicht geringen Schar von Gegnern ausgesetzt, die ihrem Gesang aus den verschiedensten Gründen feindlich gesinnt waren. Doch spricht man von Placido Domingo, so herrscht weltweit einhellige Beigeisterung über seine sängerischen Fähigkeiten. Umso beachtenswerter, als dass der spanische Ausnahmetenor dieses Jahr seinen nach offizieller Zählung 65. Geburtstag begeht und seit über vier Jahrzehnten auf den Opernbühnen aller Kontinente zu Hause ist. Während seine beiden großen Mitstreiter vergangener Tage José Carreras und Luciano Pavarotti, mit denen er Anfang der Neunziger Jahre die legendären ‚Drei Tenöre’ anlässlich der Fußballweltmeisterschaft in Italien formte und über viele Jahre ungeahnte Popularität auch über die gängige Klassikszene hinaus genoss, längst ihren sängerischen Rückzug haben antreten müssen, ist Domingo unverändert ein vielgefragter Mann, dessen Kalender kaum Erholungslücken aufzuweisen hat. Und das nicht nur als Sänger. Längst ist er auch ein gefragter Dirigent und darüber hinaus Generaldirektor der Los Angeles Music Center Opera und der Washington National Opera.

Barpianist und Backgroundsänger

Der Blick auf Placido Domingos Biographie lässt schnell erkennen, dass das Schicksal wohl kaum einen anderen Werdegang zugelassen hätte, als den einer Musikerkarriere. 1941 in Madrid als Sohn zweier Sängerstars der Zarzuela - einer Form der spanischen Operette - geboren, wuchs der kleine Placido in einer von Musik und Bühne geprägten Atmosphäre auf. Als die Eltern 1949 nach Mexiko auswanderten und eine eigene Zarzuela-Kompanie gründeten, war eine Künstlerlaufbahn wohl unausweichlich. Im Alter von acht Jahren bekam er Klavierunterricht und verbrachte viel Zeit neben der Schule in der Musiktheaterkompanie seiner Eltern. Unschwer lässt sich erahnen, dass er so von Kindesbeinen an mit den künstlerischen und ökonomischen Besonderheiten des Kulturbusiness eng vertraut gemacht wurde. Mit vierzehn besuchte Domingo das Nationale Konservatorium für Musik in Mexico City, wo er Klavier- und Dirigierunterricht erhielt, heiratete mit sechzehn und wurde nur eine Jahr später Vater eines Sohnes. Als junger Familienvater sah er sich ungewohnt früh mit der Situation konfrontiert, aus seinen musikalischen Talenten Kapital schlagen zu müssen, um seine Familie zu ernähren. So trat als Klavierbegleiter seiner Mutter Pepita Embil in deren Recitalen auf oder übernahm kleinere Baritonpartien in der Kompanie seiner Eltern. Früh schon hatte er durch seine Eltern ersten Gesangsunterricht erhalten, den er auch am Konservatorium fortführte. Zunächst entwickelte sich seine Laufbahn auf gemäßigtem Niveau, jedoch auf ausgesprochen vielfältigem musikalischen Terrain weiter. So sang Domingo kleinere Rollen in Produktionen wie ‚My fair Lady’ und ‚Die lustige Witwe’, trat als Begleiter von Sängern in Bars auf, war für die Musikauswahl in mexikanischen Fernsehserien zuständig, übernahm auch kleinere Schauspielrollen in Fernsehproduktionen und leitete Proben von Zarzuela-Chören . Er arrangierte sogar amerikanische Popsongs für mexikanische Künstler und sang gelegentlich die Background Vocals in deren Aufnahmen. Es dürfte für die namhaften Künstler der jungen Generation unserer Tage unvorstellbar sein, eine solch umfangreiche und teilweise genrefremde Entwicklung durchleben zu müssen. Doch hat es der Persönlichkeit Placido Domingo keinesfalls geschadet. Ganz im Gegenteil.

Weltkarriere durch Fachwechsel

Die Frage, ob ihm schon früh bewusst gewesen sei, dass er einmal als Sänger seine Brötchen verdienen würde, verneint Domingo deutlich. Seine Eltern hätten sicher eine große Vorbildfunktion für ihn gehabt - auch als Sänger. Aber er hat sich damals nicht vorstellen können, dass seine Fähigkeiten ausreichten, um eine Gesangskarriere zu starten. Das mag auch daran gelegen haben, dass die ihm ursprünglich zugedachte Baritonlage sich schnell als wenig ideal und zu tief herausstellte. Erst der Wechsel ins Tenorfach brachte den großen Aufschwung. So gab Domingo sein offizielles Bühnendebüt als Tenor 1960 in Monterrey/Mexiko als Alfredo in Verdis ‘La Traviata’, das schon bald ein Engagement in Dallas nach sich zog, wo er als Arturo in Donizettis ‚Lucia di Lammermoor’ Partner Joan Sutherlands war. Es folgten wichtige zweieinhalb Jahre an der Oper in Tel Aviv. Hier konnte Domingo in über dreihundert Vorstellungen zwölf Hauptpartien geben. In der Sängerszene sprach sich die Vielfältigkeit und Flexibilität des jungen Tenors schnell herum und die Weltkarriere nahm ihren Lauf: 1968 Debüt an der Metropoliten Opera in New York, 1969 erstmals an der Scala in Mailand, 1971 Covent Garden in London, 1973 Paris und 1975 Debüt bei den Salzburger Festspielen. Seitdem ist Placido Domingo an allen großen Bühnen des Erdballs beheimatet.

Schon früh trat er auch als Dirigent in Erscheinung. Was 1973 in Barcelona mit der Leitung von Verdis ‚Attila’ am Teatro del Liceo begann, ist bis in die Gegenwart fester Bestandteil der Domingo’schen Spielzeitgestaltung. Regelmäßig ist er auch heute noch an den Pulten großer Opernhäuser als Dirigent zu erleben; in der laufenden Saison beispielsweise an den Bühnen von Wien, Paris und Madrid. Ein ganz besonderes Projekt, das zwei der wichtigen Betätigungsfelder Placido Domingos zugleich bedient, ist das Youth Orchestra of the Americas (kurz YOA), dessen künstlerischer Berater der Spanier seit Orchestergründung im Jahr 2002 ist. Von je her ist dem Tenor die Förderung des musikalischen Nachwuchses ein bedeutsames Anliegen gewesen. So hat er nicht nur Förderprogramme für junge Sänger an den Opernhäusern von Los Angeles und Washington installiert, sondern richtet auch seit 1993 den renommierten Gesangswettbewerb ‚Operalia’ aus, zu dessen Gewinnern so illustre Namen wie Nina Stemme, Kwangchul Youn, José Cura, Joyce DiDonato, Rolando Villazon und Stéphane Degout gehören. Mit seinem Engagement beim YOA stellt Domingo seine dirigentischen Fähigkeiten in den Dienst der Förderung hochtalentierter Nachwuchsmusiker.

Nachwuchsförderung - das ‚YOA’

Das Youth Orchestra of the Americas, ist ein multikulturelles Orchester, das sich aus 110 jungen Musikern im Alter von 18 bis 26 Jahren aus Süd-, Mittel- und Nordamerika zusammensetzt. Gegründet wurde es 2000 vom New England Conservatory and Vision. Wesentliche Impulse gingen dabei vom 1975 ins Leben gerufenen Youth and Children’s Symphony Orchestra Movement Venezuela aus, ein Ensemble, das sich jungen Hochbegabten des Landes annimmt und dessen künstlerischer Leiter Gustavo Dudamel sich derzeit anschickt, eine Weltkarriere als Dirigent zu starten. Das ‘YOA’ umfasst Mitglieder aus 20 US-Bundesstaaten sowie aus 21 Nationen quer durch den amerikanischen Kontinent. Seit seiner Gründungstournee 2002 absolvierte das Orchester über 75 Auftritte in den bedeutendsten Konzertsälen Amerikas, einschließlich dem Teatro Colón in Buenos Aires, Teatro Carreño in Caracas, Palacio de Bellas Artes Mexico City, der Carnegie Hall in New York, der Sala São Paulo sowie dem John F. Kennedy Center for Performing Arts in Washington D.C., um nur einige zu nennen.

Im Sommer 2006 war das YOA auch in Deutschland zu Gast, wo es unter Domingos Leitung das ‚Requiem’ von Giuseppe Verdi einstudierte und in der Münchner Philharmonie am Gasteig aufführte - gemeinsam mit der EuropaChorAkademie, deren Leitung Joshard Daus inne hatte. Gefragt, woher er bei all seinen beruflichen Verpflichtungen als Sänger, Dirigent und Generaldirektor zweier Opernhäuser die Zeit und die Energie für diese Aufgabe nimmt, entgegnet Domingo: ‚Das gehört für mich zu den wichtigsten Aufgaben. Wenn man seit so vielen Jahren musikalisch aktiv ist, kann man den jungen Sängern und Musikern viel von seinen Erfahrungen mitgeben. Mit ihnen zu arbeiten, bedeutet für mich eine große Bereicherung.’ Er selbst lerne auch immer wieder Neues bei der Arbeit mit den jungen Musikerinnen und Musikern. Begeistert zeigt sich der Maestro nicht nur vom technischen Können des Nachwuchses - längst nicht alle Mitglieder sind auch professionelle Musiker oder Musikstudenten. Auch die Offenheit und die Begeisterung, mit der musikalische Ideen und Anregungen aufgesogen und umgesetzt werden, faszinieren Domingo. Die große Probenintensität, die Disziplin und musische Spontaneität führen immer wieder zu außergewöhnlichen Momenten größter Spiritualität und expressiver Spannung, die Domingo zutiefst berühren. Dabei sei es für ihn eine ganz besondere Verantwortung, mit jungen Menschen zu arbeiten, die mit seinen CD-Aufnahmen groß geworden sind und nun, mit einem ihrer musikalischen Vorbilder gemeinsam arbeiten können. Das Ergebnis dieser Zusammenarbeit, bei der auch Cristina Gallardo-Domas (Sopran), Frederika Brillembourg (Mezzo), Marco Berti (Tenor) und Ildar Abdrazakov (Bass) mitgewirkt haben, ist dieser Tage als CD und DVD bei Glor classics erschienen.

Angesprochen auf die besonderen Herausforderungen, die Verdis Requiem für ein Orchester und Chor mit sich bringt, weiß der Maestro Bedenken schnell zu entschärfen: ‚ Ja, sicher ist das eine Herausforderung für ein Jugendorchester, aber die Musiker sind wirklich alle sehr gut, technisch versiert und stilsicher. Man braucht natürlich viel Zeit, aber sie können es. Sie arbeiten mit unterschiedlichen Dirigenten zusammen, oft in einzelnen Gruppen, etwa nur die Streicher oder nur die Holzbläser. Insgesamt sind sie jedenfalls sehr gut vorbereitet und auch während der Tourneen proben sie intensiv. Auch die Kombination mit den jungen Sängern der EuropaChorAkademie gefällt mir sehr gut. Seine Klangqualität und sein Enthusiasmus harmonieren bestens mit dem Orchester.’ Und wie intensiv hat sich Placido Domingo in die künstlerische Arbeit des Ensembles bisher einbringen können? ‚Wir haben noch nicht sehr viel zusammen gearbeitet. Es ist erst das zweite Mal, dass ich das Orchester dirigiere. Aber auch als Musikalischer Berater kann ich das Ensemble öfter dirigieren, was wundervoll ist. Es gibt in dem Orchester eine Altersbegrenzung und entsprechend eine große Fluktuation. Viele der Mitglieder sind Studenten, die zusätzlich noch andere Aufgaben erfüllen müssen. Was ich anstrebe, ist vor allem eine gewisse Kontinuität. Wir sollten mehr Zeit haben, zusammen intensiver zu arbeiten, vielleicht auch im Sommer und auf Tourneen. Die Qualität und die Begeisterung der jungen Musiker sind groß. Und für mich ist es eine Riesenfreude, mit ihnen zu musizieren.’

‘When I rest, I rust.’

So steht auch völlig außer Frage, dass diese für beide Seiten spannende Arbeit zukünftig ihre Fortsetzung finden wird. Einen ersten Wunsch für diese Zukunft hat Domingo auch schon: ‚Ich denke, das Orchester sollte nicht zuviel reisen. Es sollte seine ganze Kraft auf das Festival konzentrieren und einen bis eineinhalb Monate darauf hinproben. Danach kann man dann eine zwei- oder dreiwöchige Tour machen und in aller Welt konzertieren.’ Auch andere namhafte Dirigentenkollegen werden mit dem Klangkörper zusammenarbeiten. In Bälde liegt die Leitung eines Projektes mit Aufführungen in Buenos Aires beispielsweise in den Händen des Musikkosmopoliten Kent Nagano, der sicher einen spannenden Kontrapunkt zum Emotionsmusiker Domingo bilden wird.

Es muss sich glücklich schätzen, wer einen musikalischen Mitstreiter wie Placido Domingo in seinen Reihen weiß. Einen Menschen, für den die Musik das Leben bedeutet; der seine Leidenschaft mit unermüdlichem Engagement, gespeist aus scheinbar endlosen Kraftreserven Musikliebhabern in aller Welt vermitteln möchte. Und dies immer mit bedingungsloser, ja aufopferungsvoller Hingabe. Sein selbstgewähltes Lebensmotto: ‘When I rest, I rust.’ steht dabei exemplarisch für Domingos unermüdlichen Einsatz für die Musik, die er einst als den Quell all seiner Energie bezeichnete. Wer ihn einmal als Dirigent auf dem Podium oder, noch besser, als Sänger auf der Bühne erlebt hat, wird seine elektrisierende Persönlichkeit gespürt haben, die einen als Hörer nie wieder loslässt. Es lässt sich nur ahnen, wie es da den Musikern des Youth Orchestra of the Americas bei der gemeinsamen Arbeit mit Domingo gegangen sein muss. Für viele wird er wohl zum Quell für das eigene musikalische Leben geworden sein.

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