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Montag, 24. Juli 2017

Photo: Privat

Manfred Cordes verhilft der Alten Musik im Norden Deutschlands zu neuem Glanz

"Dem Hörer neue Klangwelten eröffnen"


Prof. Dr. Manfred Cordes, Rektor der Hochschule für Künste Bremen, ist Spezialist für die Musik des 16. und frühen 17. Jahrhunderts. Als Leiter des 1993 gegründeten Ensembles Weser-Renaissance Bremen entwarf und leitete er eine Vielzahl von Konzertprogrammen, die sowohl in Deutschland wie auf internationalen Festivals große Beachtung fanden. Zahlreiche CDs wurden nicht nur von der Fachwelt begeistert aufgenommen. Am 28. Oktober wird der Konzertzyklus "Renaissance im Norden, Musik an den Höfen der Weserrenaissance" mit einem Konzert in der Kirche Unser Lieben Frauen eröffnet. klassik.com-Autor Michael Pitz-Grewenig sprach mit dem Vater zahlreicher Konzertreihen vor allem über Alte Musik und deren optimale Aufführungsmöglichkeiten.

Herr Cordes, Sie feiern mit der Konzertreihe ein kleines Jubiläum und können auf zehn erfolgreiche Jahre zurückblicken, in denen Sie sich einen beachtlichen Ruf erworben haben. Sie gelten mittlerweile als einer der renommiertesten Vertreter der sogenannten Alten Musik.

Das ist eine Entwicklung, die intensiver Arbeit geschuldet ist. Aber, das muss auch betont werden, die speziellen Gegebenheiten in Bremen, die Verbindung mit der Hochschule für Künste, haben einen fruchtbaren Boden dafür bereitet.

Für die jeweiligen Konzerte engagieren Sie stets Spezialisten. Ist dieser Luxus nicht auf Dauer zu kostenintensiv?

Das ist ein hoher Kostenfaktor, die Musiker sind international gefragte Spezialisten. Auf andere Weise, etwa mit Laien, lässt sich diese Musik aber nicht darstellen; sie wurde ja auch damals ausschließlich von Profis gemacht. Die Konzertreihen sind jedoch nicht gewinnorientiert, sondern kostendeckend konzipiert. Zudem erhalten wir Zuschüsse von mehreren Stiftungen, die durchaus erkennen, dass wir mit unserer Arbeit etwas Besonderes für unsere Stadt leisten.

Das klingt nach einer sehr guten Ausgangssituation.

Wir haben keinen festen Etat, jede neue Konzertreihe muss ich inhaltlich begründen und Mittel dafür einwerben, das ist schon mühsam, erzieht aber zu durchdachten Konzeptionen. Ich versuche außerdem meine Konzerte mit meiner Arbeit als Hochschullehrer zu verbinden, indem ich – wo immer es sich qualitativ anbietet – unseren Absolventen oder sogar Studierenden die Möglichkeit der Mitwirkung eröffne. Sie bekommen einen Einblick in die berufliche Realität unter professionellen Bedingungen; zudem ist es für sie sehr motivierend, mit hervorragenden Musikern zusammenzuarbeiten.

Was erwartet die Hörer in Konzerten des Ensembles Weser-Renaissance Bremen?

Unser Kernrepertoire, die Musik zwischen ca. 1450 bis 1700, spielt im ‚normalen‘ Konzertleben eine eher untergeordnete Rolle. Das ist unser Alleinstellungsmerkmal. Aus diesen Epochen gibt es einen Riesenfundus an Musikwerken höchster Qualität, ein kulturelles Erbe erster Güte, für dessen Aufführung die herkömmlichen Klangkörper (Chöre, Orchester) nicht geeignet sind, die sich jedoch mit der Klanglichkeit der historischen Instrumente und gezielt geschulten Stimmen auch dem modernen Hörer direkt erschließen und ihm neue Klangwelten eröffnen.

Haben Sie das Gefühl, dass sich die Hörgewohnheiten geändert haben oder erscheinen Ihre Konzerte manchen Zuhörern noch immer als Expeditionen ins Tierreich?

Die Alte-Musik-Bewegung ist ja inzwischen schon Jahrzehnte alt; vieles, das vor 30-40 Jahren ‚unerhört‘ war, ist heute völlig normal. Hörgewohnheiten haben sich geändert, und auch die vertraute Musik der Klassik und Romantik hören wir – mit entsprechendem Instrumentarium – heute völlig neu. Ich glaube, es war letztlich die Existenz einer Neuen Musik, die damals die Ohren geöffnet hat…

…siehe John Cages ‚Happy new ears!‘

Genau! Das hat sich auf die gesamte Bandbreite der Musikrezeption positiv ausgewirkt.

Auf welche Konzertreihe der letzten 10 Jahre blicken sie am Liebsten zurück?

Das sind alle meine ‚Babys‘ gewesen, jedes war anders, jedes wurde geliebt und ist mir ans Herz gewachsen.

Der Notendruck steckte im 16. Jahrhundert noch in den Anfängen. Damit stellt sich die Frage nach der Authentizität der Kunstwerke. Es gibt zumeist keine Werkfassung ‚letzter Hand‘. Wie gehen Sie mit dieser Problematik um?

Bei der aktuellen Konzertreihe gibt es im Prinzip wenig textkritische Probleme, die Quellen sind zuverlässig. Spannend ist jedoch die Frage nach der jeweiligen Besetzung. Auf dem Titelblatt steht häufig nur ‚zum Singen und Spielen auf allerley Instrumenten‘. Die Frage der Besetzung hing davon ab, welche klanglichen und personellen Möglichkeiten, Traditionen und Vorlieben an den jeweiligen Höfen anzutreffen waren.

Die uns heute vertraute und durchaus fragwürdige Unterscheidung zwischen U- und E-Musik existierte damals noch nicht. Könnte es nicht sein, dass wir heute diese Musik zu ernst nehmen, denn auch sie diente zumeist der Unterhaltung…

…es ist eine Frage der Definition von Unterhaltung. Intellektuelle Beschäftigung und Spaß müssen sich ja nicht ausschließen.

Das Schöne an der diesjährigen Konzertreihe ‚Renaissance im Norden‘ ist nicht nur, dass Sie den Zusammenhang und die Vielfältigkeit dieser Kulturregion wieder ins Bewusstsein rufen, sondern ist auch die ungeheure Vielfalt der einzelnen Konzerte. Wie kommen Sie auf solche interessanten Zusammenstellungen?

Es sind in der Kulturregion, der sog. ‚Weserrenaissance‘, also dem Gebiet zwischen Kassel und Bremen, zwischen Paderborn und Helmstedt, vier Höfe, an denen Musik nachgewiesen werden konnte: Kassel, Lemgo/Brake, Bückeburg und Wolfenbüttel. Unter diesem Aspekt schrieb sich eine vierteilige Programmkonzeption fast von selbst.

Welches Konzert liegt Ihnen besonders am Herzen?

Die Entscheidung fällt schwer, aber wahrscheinlich war die Rekonstruktion einer Ostermesse mit Werken von Michael Praetorius, die – als Gottesdienst nach der Kirchenordnung von 1569 konzipiert – ja auch in Konzertform überzeugen soll, die interessanteste Aufgabe.

Kultur steht aufgrund Geldmangels immer öfter an letzter Stelle. Viele Studien weisen nach, dass eine Gesellschaft mehr floriert, je mehr in die Kultur investiert wird. Ohne Lorenzo de Medici gäbe es die Renaissance in dieser Form wohl nicht. Das Gleiche gilt auch für Moritz Landgraf von Hessen-Kassel, mit dessen Kompositionen in der Kirche Unser Lieben Frauen der 10. Konzertzyklus eröffnet wird. Wo gibt es heute noch solche kunstliebende Führungskräfte? Können wir von der Renaissance noch etwas lernen?

Die Höfe konkurrierten untereinander, der umfassend gebildete Herrscher galt als Ideal der Zeit.

Das Gespräch führte Michael Pitz-Grewenig.
(10/2010)

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