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Mittwoch, 20. September 2017

Photo: Wild und Leise

Das Quartettspiel sei die beste Schule des Zuhörens. Das Henschel Quartett gehört darin zu den Klassenbesten.

"Wir wollen ja nicht miteinander einschlafen"


Das Henschel Quartett gehört seit seiner Gründung Mitte der 1990er Jahre zu den führenden Streichquartett-Ensembles. In der Zwischenzeit sind eine Reihe - auch mit diversen Preisen gekrönte - Einspielungen erschienen, und auch auf den großen Konzertpodien und einschlägigen Festivals ist das Henschel Quartett ein regelmäßiger und hoch geachteter Gast. In mehrerlei Hinsicht hat es als eines der ersten Ensembles seiner Zunft neue Wege betreten. So etwa in der Etablierung eines gemeinnützigen Freundeskreises des Ensembles, der sich unter anderem der Nachwuchsarbeit widmet; darüber hinaus ist das Henschel Quartett als erster Vertreter aus dem Bereich klassischer Musik Botschafter des SOS Kinderdorf e.V. Vor zwei Jahren spielte das Quartett im Vatikan anlässlich des Namenstages von Papst Benedikt XVI. Dort wurde eine Fassung von Joseph Haydns ‚Sieben letzten Worten‘ für Sopran und Streichquartett aufgeführt, die das Henschel Quartett mit der Mezzosopranistin Susanne Kelling nun erstmals auf CD eingespielt hat. klassik.com-Autor Tobias W. Pfleger traf die vier Musiker in Bruchsal, wo sie ihm einiges über fragwürdige Schwerpunkte heutiger Hochschulausbildung, musikalische Telepathie und nicht zuletzt über die Vergleichbarkeit des Streichquartetts mit einer Ehe verrieten.

Das Henschel Quartett besteht seit 1994. Wie kam es damals zur Entscheidung, ein Streichquartett zu bilden?

Christoph Henschel: Wir waren ja drei Geschwister, Monika, Markus und ich selbst. Wir haben immer zusammen Kammermusik gemacht, in Ermangelung eines Cellisten in der Familie eben auch in anderen Besetzungen – unsere Mutter ist Pianistin und Cembalistin. Der Großvater von Mathias (Beyer-Karlshøj), Professor Beyer aus München, war ein Kollege von unserem Vater. Unser Vater war Solobratscher beim SDR-Symphonieorchester Stuttgart. Professor Beyer und er haben im Stuttgarter Kammerorchester bei Karl Münchinger zusammen gespielt. Herr Beyer hatte eine Professur für Viola und Kammermusik in München. Wir haben dort angefangen, Quartett zu lernen. So sind wir ans Quartett herangeführt worden. Über einen Kurs im Haus Marteau in der Nähe von Hof haben wir Siegmund Issel, den zweiten Geiger des Amadeus-Quartetts, kennen gelernt. Der hat uns nach London eingeladen zum Amadeus Summer Course. Schidlof, der Bratscher, war leider schon gestorben. Aber die anderen drei haben wir kennen gelernt, und auch, was für ein tolles Repertoire existiert, das man spielen kann. Dort haben wir entschieden: Ja, das wollen wir beruflich machen, das ist unser Zielpunkt. So kamen wir zum Quartett.

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Muss man sich in der Ausbildung relativ früh entscheiden, solistische Avancen zugunsten der Konzentration auf die Kammermusik zurückzustecken?

Monika Henschel: Nein, das kann man so, glaube ich, nicht sagen. Ich kenne kaum wirklich fantastische Solisten, die nicht auch Kammermusik machen. Das ist ein ganz wichtiger Teil ihres Lebens. Für uns ist während der Ausbildung natürlich auch das solistische Repertoire ganz wesentlich gewesen. Das sind schon zwei Standbeine, die bei uns vielleicht gleichbedeutender waren als bei manch anderen, aber die einen ganz wichtigen Aspekt in der Ausbildung bilden.
Mathias Beyer-Karlshøj: Und das widerspricht sich ja auch gar nicht. Im Studium ist das Instrument das Hauptfeld – da will man besser werden. Das wird man natürlich durch Solorepertoire. Je nach Charakter und Möglichkeiten sucht man sich natürlich schon im Studium irgendwelche Formationen, um Kammermusik zu machen und dort Erfahrungen zu sammeln. Aber das Primäre ist natürlich, dass man auf dem Instrument fit ist, denn man ist ja in der Kammermusik auch solistisch präsent.

Die Kammermusik als Schule des Solistischen und des Miteinanders?

Monika Henschel: Wir haben viel mit Asien zu tun. In China hat jemand angemerkt, dass das Quartett eine sehr gute Möglichkeit sei, um das Zuhören und Miteinander-Spielen zu lernen, und zwar egal, ob für die jungen Chinesen die Ausbildung in Richtung des Solistischen oder ob in Richtung Orchestermusiker gehen soll. Sie müssen, auch wenn sie mit einem Orchester und einem Dirigenten zusammenarbeiten, in der Lage sein zuzuhören – und da ist das Streichquartett schon sehr gut geeignet.
Mathias Beyer-Karlshøj: Das ist, finde ich, auch das Missverständnis vieler Hochschulen: dass sie sich sehr auf die Orchesterausbildung konzentrieren. Da kommt zum Tragen, was Sie angesprochen haben, dass man sich sehr früh spezialisieren soll. Das finde ich eine völlig kontraproduktive Vorgehensweise, gerade als Streicher, wo sich die Sachen im Studium des Instrumentalen konsolidieren sollen. Man verliert immer durchs Orchesterspiel, weil man sich selber nicht kontrollieren kann. Da wäre die Kammermusik eigentlich eine viel bessere Vorschule fürs Orchester...
Christoph Henschel: …Orchesterspielen ist Kammermusik im großen Maßstab. Mathias Beyer-Karlshøj: Klar soll das Orchesterspiel auch stattfinden. Aber ich finde, es ist viel zu viel und zu stark fokussiert.
Daniel Bell: Genau aus dem Grund habe ich, als ich Anfang 20 war, an der Hochschule aufgehört. Der Grund war vor allem, dass ich zu viel Orchester spielen musste. Ich hatte keine Zeit mehr zum Üben.

Was war der Grund, sich für die Kammermusik zu entscheiden?

Mathias Beyer-Karlshøj: Warum geht man in die Kammermusik? Es ist letztlich eine Charakterfrage und auch Veranlagung.
Monika Henschel: Für uns war es vor allem das Repertoire. Das Repertoire hat uns nicht losgelassen. Einmal kennen gelernt, kommt man davon nicht mehr weg.

Nachdem Sie 17 Jahre in einer angestammten Besetzung gespielt haben, haben Sie vor kurzem einen Wechsel vorgenommen. Wie lange dauert es, bis wieder eine Einheit entsteht, ein Quartettklang zusammengefunden hat?

Christoph Henschel: Das hängt vom Mitglied ab. Von jetzt auf gleich. Aber es gibt Mitglieder, da kommt es nie zustande. Das haben wir in der Vergangenheit auch gesehen.
Monika Henschel: Da wiederholt sich die Geschichte ein bisschen: Wir haben schon ein paar Jahre sehr intensiv Kammermusik im Quartett gespielt, bevor Mathias dazukam. Es gelang uns damals einfach nicht, einen Cellisten zu finden. Es war furchtbar schwierig. Es passte nicht – und das ist noch nicht einmal wertend. Entweder man passt oder man passt nicht zusammen, wenn auf einem gewissen Niveau alle zusammen sind, ob es nun das Schwingen ist oder die Intonation. Da kann man sich kaputt üben – es wird nie funktionieren, wenn man nicht gleich hört. Es gibt eben auch unterschiedliche Arten zu hören. Wir hatten ja eigentlich schon aufgegeben und zu unserem Lehrer gesagt: Es soll nicht sein, lassen wir’s halt. Er kam dann auf die Idee mit Mathias (Beyer-Karlshøj).

Und mit dem neuen zweiten Geiger Daniel Bell verhält es sich ähnlich?

Ja, so ist es jetzt auch mit Daniel. Wir hatten tolle Leute; zweifellos sind die ganz fantastisch auf ihrem Gebiet, aber wir passten eben nicht zu ihnen, um es mal so herum auszudrücken. Und mit Daniel haben wir in Bologna ein Konzert gespielt – das ist jetzt genau ein Jahr her –, das war einfach the perfect match. Das hat sofort einfach Klick gemacht. Und es ist auch ganz interessant, dass sich jetzt die Geschwisterkonstellation ein bisschen in den Hintergrund bewegt. Es war vorher eben immer klar: die Familie plus Mathias. Die Geschwisterthematik ist jetzt erfrischend in den Hintergrund getreten.
Mathias Beyer-Karlshøj: Wie lange das dauert, ist eine ganz schwer zu beantwortende Frage. Es ist ja ein Prozess, ein oszillierender Prozess, weil jeder sich ja auch persönlich entwickelt. Und das, was persönlich durchgemacht wird, beeinflusst auch die Gruppe. Das heißt: Es ist natürlich etwas da, was gewachsen ist, an Erfahrungen und Verständnis. Das ist vielleicht auch das, was die Magie ausmacht: Dass man im Grunde schon Takte im Voraus weiß, was passieren wird, ohne dass es vorher festgelegt wurde. Diese Telepathie funktioniert natürlich nach so vielen Jahren anders als wenn man sich vorgestern getroffen hätte. Das fünfte Element, das sich da bildet, ist ja nicht fassbar. Es ist eben genau dieses Phänomen, das über langjähriges Zusammenleben entsteht, wie in einer Ehe…
Monika Henschel: …das ist eigentlich das Stichwort: Beziehungen. Es ist vielleicht am leichtesten zu verstehen für Leute, die selbst nicht Quartett spielen, wenn man von Beziehungen redet. Wenn wir irgendwo zusammen auftauchen, dann ist das Quartett anwesend. Das sind also nicht vier Einzelpersonen, sondern es ist das Quartett da. Diese Präsenz merkt man. Aber das ist ganz schwer in Worte zu fassen. Mathias Beyer-Karlshøj: Und das braucht eben Zeit. Das bildet sich naturgemäß erst durch Zeit.

Beziehungen können ja auch konfliktreich sein…

Monika Henschel: …aber das hält uns am Leben. Wir wollen ja auch nicht miteinander einschlafen, sondern wir wollen lebendig miteinander im Dialog bleiben.

Sie haben Werke seit Jahrzehnten im Repertoire. Wie entwickeln sich interpretatorische Sichtweisen darauf? Als verabredete Ideen während der Proben oder quasi unter der Hand, weil in Konzerten jeder Einzelne minimale Nuancen einbringt? Entscheidet man sich dafür, einem Werken einen neuen Dreh zu geben?

Christoph Henschel: Nein, nicht willkürlich. Aber man entwickelt sich natürlich als Mensch und im Umgang mit der Musik. Jeder bringt neue Ideen ein, während man an Stücken probt, dann entwickeln sich die Stücke zwangsläufig. Wir sind nicht festgefahren. Ich finde es ganz schrecklich, wenn man sich zehn Jahre später hört, und es ist eigentlich identisch mit dem, was man vor zehn Jahren dargeboten hat. Mathias Beyer-Karlshøj: Es ist bei uns auf jeden Fall nicht vorsätzlich. Nicht dass wir jetzt sagen würden: Wir wollen jetzt etwas ändern. Es entsteht eher so aus der Probe heraus.
Monika Henschel: Es kann auch mal sein, dass einer aus einem ganz großen Erlebnis eines Pianistenabends kommt und sagt: Wie der Pianist sozusagen Quartett mit seinen zwei Händen gespielt hat, so frei – ich wünschte mir, dass wir uns hier oder dort noch mehr Freiheiten nehmen. Solche Impulse nehmen wir natürlich auf.

Gilt das Gleiche für stilistische Fragen? Man spielt ja heute Mozart nicht mehr so wie vor zwanzig Jahren. Ergeben sich solche stilistischen Modifikationen dadurch, dass man andere Musiker, andere Ensembles hört?

Mathias Beyer-Karlshøj: Ich glaube, dass auch hier der Prozess eigentlich der entscheidende Faktor ist. Was da passiert ist seit Harnoncourt, nimmt man natürlich wahr und auf. Für uns ist entscheidend, dass wir authentisch bleiben in unserem Empfinden. Was aber nicht heißt, dass uns diese Dinge nicht beeinflussen. Man liest darüber, man nimmt diese Klänge wahr und irgendwo, natürlich auch unterbewusst, hinterlässt das Spuren. Und das kommt natürlich in den Prozess hinein. Man nimmt diese Stilmittel mit hinein und tariert sie aus – aber immer im Bezug auf die Authentizität des eigenen Gefühls.
Monika Henschel: Es ist natürlich mittlerweile zur Selbstverständlichkeit geworden, dass man sich den Urtext besorgt und die Quellen genau anschaut. Das ist sozusagen das Rüstzeug, bis man sich dann als Künstler frei macht und wir für uns das Wie und Warum entscheiden.
Mathias Beyer-Karlshøj: Authentisch spielen ist im Grunde ein Widerspruch in sich. Denn natürlich kann man im 21. Jahrhundert nicht authentisch spielen, so wie im 18. Wie sollte man das auch können? Es hat aber – da kann ich nur von mir selbst reden – Zeit gebraucht, bis man sich von dem Fanatismus, der einem – was ja immer bei neuen Bewegungen die Gefahr ist – da verkauft wurde, freimachen konnte.

Die Rede von der historischen Authentizität war ja auch eine Werbeschlagwort, das von den jeweiligen Künstlern – Gardiner, Norrington, Harnoncourt – selbst nicht als Ideal formuliert wurde…

Mathias Beyer-Karlshøj: Es ist ja ganz deutlich, dass sich Harnoncourt – bei Roger Norrington sehe ich das ein bisschen anders – über die ganze Zeit extrem entwickelt hat. Das was gestern Wahrheit war, ist bestimmt nicht die Wahrheit morgen. Das wiederum spricht für den Prozess, in den man sich notwendigerweise begibt.
Monika Henschel: Es ist sehr interessant, dass wir uns über Fragen der Authentizität bei Haydn und Mozart so viele Gedanken machen, bei Bartók aber aufhören darüber nachzudenken. Wir hatten das Glück, noch mit Eugen Lehner und Louis Krasner arbeiten zu können, die Schönberg und Bartók selbst noch erlebt haben und uraufführen durften. Das war für uns ein Salto mortale! Wir kamen aus dem sogenannten Zeitgeist, wie man heute Bartók zu spielen habe, dorthin, und der alte Mann - er war in seinen Neunzigern – versank in seinem Stuhl. Wir merkten schon zusehends, dass wir ihn damit gepackt haben. Da wurde uns berichtet, wie damals die authentische Spielweise war. Da sind wir heute meilenweit davon entfernt. Die Spieltechnik war viel lyrischer, viel mehr am oberen, leichteren Teil des Bogens, viel weniger perkussiv… Es wir sind noch nicht da angelangt, dass man sich darum kümmert, auch Bartók authentisch zu spielen. Da sind wir noch lange nicht.

Spielen Sie Bartók nun im Wissen um die frühere Aufführungsweise?

Wir sind da tatsächlich viel mehr als bei Haydn und Mozart in so einer Art Zwiespalt, wenn wir es interpretieren. Denn wir wissen jetzt darum, wie es eigentlich authentisch wäre, aber so kann man ja im Grunde als junges oder mittlerweile mittelaltes Quartett den Bartók nicht spielen. Wir sind in so einer Art Zwischensituation, dass wir für uns selbst aus dem, was wir um die Historie wissen und dem, wie man Bartók gerne spielt, einen Weg suchen. Das sind tatsächlich die Dinge, bei denen wir in den Proben viel mehr diskutieren als bei Haydn oder Mozart.

Sie haben sich neben dem traditionellen Kernrepertoire stets um Neues – zeitgenössische Werke wie auch ‚Ausgrabungen‘ unbekannter älterer – gekümmert. In welchem Verhältnis stehen diese beiden Bereiche zueinander?

Christoph Henschel: Wir versuchen keine Nischenpolitik zu betreiben. Wir bekommen manchmal Sachen angeboten oder entdecken auch manches, aber wir versuchen, nur wirklich wertvolle Dinge ins Repertoire zu übernehmen. Wir machen nicht uferlos zeitgenössische Musik, sondern nur das, was uns wirklich etwas sagt; das bringen wir aufs Podium und erarbeiten es auch mit den Komponisten.
Monika Henschel: Uns ist da eine lange Beziehung wichtig. Und dem Komponisten ist der Austausch mit uns Musikern genauso wichtig, und auch, dass die Zusammenarbeit langfristig angelegt ist. Es wird mit Manfred Trojahn sicherlich nicht bei einer CD bleiben, weil man sich in seiner Tonsprache wieder findet. Da gibt es auch ein paar andere Komponisten im amerikanischen Sprachraum, die uns sehr am Herzen liegen. Es ist wichtig, dass man einer Tonsprache und einem Komponisten treu bleibt und mit ihm die Entwicklung durchmacht. Das ist für beide Seiten schön.

Ist es schwierig, gemischte Programme mit Bekanntem und Neuem bei den Veranstaltern durchzusetzen?

Mathias Beyer-Karlshøj: Wir erleben oft, dass es am Anfang ein Tauziehen gibt, wenn es um die Programme geht. Dann setzt man sich vielleicht doch durch und spielt den Schulhoff oder was auch immer, und nachher ist genau das dann der Höhepunkt des Abends. Da ist wirklich große Begeisterung da und auch Überraschung, wie interessant das ist. Das ist der Klassiker.

Wie kamen Sie auf die Version von Haydns ‚Sieben letzten Worten‘ für Sopran und Streichquartett, die Sie nun auf CD vorgelegt haben?

Monika Henschel: Die Version kam sozusagen auf uns zu, nicht anders herum. Sie wurde uns seitens des bearbeitenden Komponisten angeboten, der am spanischen Hofe die Konzerte organisiert. Wir kannten uns von vorherigen Konzerten in Madrid, und er hat recht schüchtern angefragt, ob wir es uns vorstellen könnten, das mal am Hofe zu machen, er hätte da etwas. Und als doch gerade bei Haydn recht urtexttreues Ensemble hat man doch etwas Bauchschmerzen am Anfang. Aber wir haben uns darauf eingelassen, wir waren neugierig und letztlich waren wir einfach begeistert von dem, was ihm gelungen war. Die Uraufführung in Madrid am Hofe mit einer spanischen Sängerin war ein packendes Erlebnis; das hat nicht nur das Publikum sehr ergriffen, sondern uns selbst nicht mehr losgelassen. So kam dann der Stein ins Rollen.

Sie haben dem Label Challenge dann vorgeschlagen, das als Einstiegs-Produktion bei Ihrem neuen Label aufzunehmen? Wie kam der Kontakt zu Challenge zustande?

Das ist jetzt unsere erste CD für Challenge, und das wird dann weitergehen. Wir kamen auf Challenge über unseren ursprünglichen BMG-Chef, der zufällig mit jemandem bei Challenge bekannt ist und uns den Rat gegeben hat – das Label war auch gleich begeistert. Und da hat es eben gleich gefunkt zwischen der Firma und uns. Sie waren auch gleich sehr neugierig auf dieses Projekt

Als ich die CD zum ersten Mal gehört habe, war ich bei den verschiedenen Einsätzen der Sopranstimme erstaunt, fast erschrocken. Steht eine solche Reaktion dem Charakter von Haydns Musik als Meditationsmusik nicht eigentlich entgegen?

Monika Henschel: Das glaube ich nicht, denn es ist ja das Expressivste, das man sich vorstellen kann, wenn Jesus am Kreuze, ‚Vater, Vater‘ und ‚Mein Gott, warum hast Du mich verlassen?‘ ruft. Was soll es Persönlicheres und Verzweifelteres geben? Sicher, das ist Meditationsmusik, aber über ein hochdramatisches Thema. Die Musik geht richtig unter die Haut. Und es ist ja nicht so, dass Peris (José Peris Lacasa) herginge, und der Musik etwas aufoktroyiert. Haydn selbst hat vor der Drucklegung der Erstausgabe dafür gesorgt, dass unter die Violinstimme, die ja diese Ausrufe enthält, die Worte geschrieben wurden – sicher zur Verdeutlichung, dass es im Grunde ein Lied ohne Worte ist. Das Wort liegt also im Stück selbst drin. Aber natürlich stimmt, dass man im Konzert, wenn man die Sängerin aufstehen sieht, nicht ganz so überrascht über ihren ersten Einsatz ist, der ja auch ein sehr expressiver Ausruf ist. Auf der CD muss man darauf gefasst sein.

Welche Projekte haben Sie für die Zukunft im Blick?

Christoph Henschel: Zuerst einmal einen Beethoven-Zyklus in Tokyo in der Suntory Hall. Es ist das erste Mal seit 20 Jahren, dass ein europäisches Quartett dort einen Beethoven-Zyklus aufführt. Da arbeiten wir jetzt darauf hin.

Und als nächstes CD-Projekt? Gibt es bereits Pläne?

Monika Henschel: Wir haben natürlich großes Glück mit Challenge, dass sie uns – siehe eben auch bei Haydn – sehr vertrauen. Wir sind nicht abgeneigt, uns mit Beethoven zu befassen. Jetzt müssen wir mal schauen. Die nächsten Monate über werden wir sehr viel spielen und auf Tournee sein.

Welche Rolle spielt für Sie als Quartett das Internet? Betrachten Sie das Internet eher als Informationsressource, als Vertriebsmöglichkeit Ihrer Musik oder auch als Kommunikationsmittel mit dem Publikum?

Mathias Beyer-Karlshøj: Als Quartett kann man darauf nur schwer antworten, denn das ist doch recht individuell. Wenn wir jetzt als Quartett antworten müssten: Wir sind auf jeden Fall nicht bei einem Sozialen Netzwerk, auch nicht bei einem Kurznachrichtendienst und so weiter…
Monika Henschel: …das stimmt nicht ganz. Wir sind wohl, wie man mir gesagt hat, da drin, aber wir haben es nicht reingesetzt.
Mathias Beyer-Karlshøj: Wir sind aber zumindest nicht aktiv. Primär nutzen wir das Internet natürlich als Informationsplattform. Da ist das Internet natürlich höchst interessant und aufschlussreich. – Eben auch bei Bartók. Das ist ja Wahnsinn, was man bei diversen Downloadplattformen so findet: Bartók spielt Chopin-Nocturnes und solche Sachen, das ist natürlich gigantisch…
Christoph Henschel: …oder auch um bestimmte Noten zu finden. Hierzulande bekommt man zum Beispiel von Reinhold Glieres Oktett nur das Leihmaterial für viel Geld. Wir haben übers Internet einen Verlag gefunden, der das Werk gedruckt hat. Und jetzt haben wir es dort käuflich erworben und können es jederzeit spielen, ohne für jedes Konzert Leihgebühr zu bezahlen.
Daniel Bell: Jedes Mal, wenn ich ein neues Stück zu lernen habe, suche ich es bei zunächst bei einer bekannten Video-Plattform. Es gibt dann wahrscheinlich mindestens zehn konzertante Aufführungen, wo man eben nicht nur die Musik hört, sondern auch die Musiker sieht, z. B. welchen Fingersatz sie wählen oder welche Striche. Als Ressource ist das Internet einfach unglaublich. Was man sich mittlerweile alles anhören kann – das war noch vor zehn Jahren undenkbar.

Glauben Sie, dass im Bereich klassischer Musik der Bereich des Downloads in einiger Zeit dem physischen Tonträger den Rang ablaufen wird?

Monika Henschel: Ich brauche nur meine Kinder anzusehen. Da weiß ich, dass das vor der Tür steht. Bei meinen Kindern spielt die CD schon fast keine Rolle mehr. Die wollen runterladen.
Christoph Henschel: Ich glaube nicht, dass es so weit kommt. Vor allem weil die Klangqualität schlechter ist. Ich persönlich stelle mir lieber eine CD ins Regal. Daniel: Also ich lade inzwischen mehr herunter als ich kaufe. Wenn ich ein neues Stück lernen muss – und das ist eben der Grund, wofür ich meistens Musik kaufe –, dann brauche ich nicht alle Stücke, die auf einer CD drauf sind, zu kaufen. Aber das sind natürlich spezielle Zwecke eines Berufsmusikers.

Was bei einem Download natürlich fehlt, ist das Booklet, auf das gerade auch kleinere Labels große Mühe verwenden.

Monika Henschel: Ja, wenn man Produkte anschaut, wie zum Beispiel Challenge sie macht – die sind ja sehr hochwertig und teuer produziert mit einem riesigen Booklet, das man sich beim Download nicht holt. Ich weiß nicht, ob das verzichtbar sein wird.
Mathias Beyer-Karlshøj: Ich denke, das ist ein wichtiger Faktor: die CD eben auch als Informationsträger in Bezug auf das Buch, das Booklet. Auch im Bezug aufs Buch haben sich die Gefahren, vor denen noch vor einigen Jahren gewarnt wurde, nicht bestätigt. Ich werde mir sicher weiterhin CDs kaufen. Sicherlich auch aus Qualitätsgründen, weil die MP3 eine Verflachung darstellt, die ich bedingt akzeptiere, wenn ich unterwegs bin. Aber ich glaube, dass der haptische Aspekt so menschlich, so menschenimmanent ist – das ist meine große Hoffnung. Ich hoffe, dass sich dieser Urinstinkt des Menschen irgendwie durchsetzen wird. Wenn man sich mit der modernen Neurobiologie auseinandersetzt, dann weiß man auch, was das für den Menschen bedeutet und was da alles korrumpiert wird.
Daniel Bell: Das wird man sehen. Wir sind ja mit CDs aufgewachsen. Wir werden sehen, inwieweit die junge Generation konditioniert ist, so etwas noch haben zu wollen, die Generation, die die Option hat, ohne Objekt auch die Musik zu hören.
Monika Henschel: Fakt ist: Wenn Kinder nicht mit einer Zeitung aufwachsen, werden sie sie später nicht vermissen. Das kann analog mit der CD natürlich auch passieren. Was man nicht kennt, vermisst man nicht unbedingt. Was man allerdings bei all dem meist übersieht, ist dass mehr und mehr das – wie man heute sagt – Live-Event, also das Konzert, Anlass für die Leute ist, was zu kaufen. Wenn sie an der Konzertkasse stehen, kaufen sie eben keinen Download, sondern da liegt eine schön aufgemachte CD – und die möchten sie dann gerne kaufen.

Sie haben vor kurzem die Gründung des Verbands Deutscher Streichquartette e.V. bekannt gegeben. Welche Ziele stehen hinter dieser Gründung – wirtschaftliche oder die Vertretung von Interessen?

Monika Henschel: Unter dem Aspekt der Wirtschaftlichkeit kann man das im Moment überhaupt nicht sehen. Es ist keine Gewinnerzielungsabsicht dabei. Es ist vielmehr ein sehr ideeller Anspruch von den Quartetten, die sich da zusammenschließen. Wir haben hier in Deutschland, was das Strukturelle angeht, noch großen Nachholbedarf. Das hat nicht damit zu tun, dass aus einer Absicht heraus irgendwas versäumt worden wäre, sondern es ist versäumt worden, weil niemand darauf hingewiesen hat. Wie soll der Politik denn bewusst sein, dass das Vollzeit- oder Profi-Quartett auf lange Sicht in Deutschland einen schweren Stand haben wird, wenn wir jetzt nicht die Weichen stellen? Es geht um einen Strukturaufbau.

Welche Strukturen gilt es zu schaffen?

Monika Henschel: Es sprießen ständig Wettbewerbe aus dem Boden. Auch im Bereich Quartett sind wir noch lange nicht am Ende; da kommen immer wieder neue dazu. Es ist ja nicht so, dass es in der Jugendförderung irgendeinen Mangel gäbe. Es ist fantastisch, was da nachkommt. Aber wir haben das Phänomen bei einem Quartett – wir haben das vorhin ja in anderem Zusammenhang bereits angesprochen –, dass es einfach Zeit braucht. Man darf diese Gruppen, die gefördert wurden, dann nicht alleine lassen kann, wenn es tatsächlich schwierig wird. Da müssen wir in Deutschland sehen, dass wir die paar, die es bis dahin schaffen, auch noch darüber hinaus teilsichern. Es geht darum, die vier Leute an einem Ort unterzubringen. Man muss jetzt die politischen Weichen dafür stellen, damit es einem Quartett möglich sein wird, diese Grundsicherung an einem Ort umzusetzen, so dass das Quartett nicht logistisch auseinander gerissen wird. Da ist uns das Ausland, gerade die angelsächsischen Länder, weit voraus. Da haben die Universitäten ihre Ensembles in residence, und das sind meistens Quartette, weil man nun mal ein flexibler Klangkörper ist. Das ist ein tolles Modell. Das hat große Vorteile für beide Seiten. Wenn also jemand einen Kulturbotschafter sucht – für ein geringes Budget und von hohem Renommee –, dann ist er beim Quartett eigentlich richtig.

Gehen die Bemühungen auch in Richtung eines Alumni-Modells, dass also ehemalige Schüler einer Hochschule dann als Quartett in residence dort ‚anheuern‘?

Monika Henschel: Quartette als Klangkörper werden an den Konzertorten zu 80 Prozent ortsgebunden angepriesen oder vorgestellt. Man wird uns auf den meisten Konzertplakaten der Welt als Henschel Quartett München finden. Es scheint ein Bedürfnis da zu sein, Klangkörper an einen Ort zu binden. Wir haben sechzehn Bundesländer. In vielen Bundesländern sind überhaupt keine Vollzeitquartette ansässig, auch keine, die das Bundesland als Kulturvertreter nach außen repräsentieren können. Nun gilt es zu schauen, wo wir ein offenes Ohr finden und wo wir Quartette finden, die, wenn das Bundesland das haben will, das Bundesland vertreten, die sich dann dort auch zuhause fühlen und als Botschafter wirken können.

Das Gespräch führte Dr. Tobias Pfleger.
(04/2012)

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