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Donnerstag, 23. Februar 2017

Ein Gespräch mit dem Geiger Leonidas Kavakos

"Mozarts Musik hat die Struktur eines griechischen Tempels"


Leonidas Kavakos gilt jetzt schon als einer der ganz Großen. Als der berühmte polnisch-amerikanische Violin-Professor Josef Gringold den griechischen Virtuosen auf einer Aufnahme hörte, glaubte er zunächst an Betrug. War es möglich, Paganini ohne aufnahmetechnische Tricks so schnell und perfekt zu spielen? Makellose Technik ist nur eine Seite der Faszination, die von Kavakos" Spiel ausgeht. Zu seinen atemberaubenden Fähigkeiten kommen ein tiefgründiges musikalisches Verständnis und der unbedingte Glaube an das, was Musik aussagt und bewirken kann. Im Glauben an diese Fähigkeit der Musik tritt er nicht nur als Solist auf, sondern übernimmt auch immer mehr die Rolle eines Dirigenten. klassik.com traf Leonidas Kavakos bei einem Konzert in der Kölner Philharmonie.

Ihre aktuelle CD ist ganz Mozart gewidmet. Sie sind Grieche und dazu in Athen geboren. Welche Parallelen gibt es zwischen der klassischen Musik Mozarts und der griechischen Klassik? Gibt es Verbindungen zwischen den Tempeln der Akropolis, den Plastiken des Polyklet und einem Violinkonzert Mozarts?

Davon bin ich zutiefst überzeugt. Die klassische Musik wurde gewissermaßen in der Renaissance geboren. Und die Renaissance hatte in der Klassik ihre Vorbilder, schöpfte daraus ihre Inspirationen, fand dort ihre Prototypen. Natürlich hat Mozart zu einer späteren Zeit seine Musik geschrieben. Aber die Musik seiner Epoche hat sich aus der Musik der Renaissance entwickelt. Mozarts Musik - wie die Musik anderer Klassiker - hat diese besondere Struktur. Es ist die Struktur eines griechischen Tempels.

Es geht also um Dimensionen und Proportionen?

Ja. Es sind zwei Erscheinungsformen desselben Phänomens. Es geht um Spiritualität, um spirituelle Werte. Mozarts Musik ist wie eine architektonische Meisterschöpfung. Sie hat Harmonie, Rhythmus, Farben, Schattierungen, Ecken und Kurven. Es sieht anders aus, aber letztlich ist es auf einer höheren Ebene doch das gleiche. Ich hoffe sehr, dass man das auch in meiner Musik hört. Jeder Künstler bringt seine Lebenserfahrung in das Werk ein, das er spielt. Das ist genau das, was klassische Musik am Leben hält! Unsere Musik ist ja nicht seit 2000 Jahren dieselbe. Sie wird immer wieder neu gespielt und jeder Künstler bringt seine Persönlichkeit ein. Die griechische Klassik gibt ein ästhetisches Niveau vor, das nie wieder erreicht wurde und vielleicht auch nie wieder erreicht werden wird. Ich sage das nicht aus Nationalstolz. Es geht mir um Kultur und Spiritualität. Dieses ästhetische Niveau treibt mich an - als menschliches Wesen, Violinist und Musiker.

Ihr Großvater war Geiger in einer der berühmtesten Volksmusikgruppen Griechenlands. Dort gibt es eine ganz andere Herangehensweise an das Instrument. Inwiefern hat Sie das beeinflusst?

Sehr! In der ganzen Musikgeschichte ist die Volksmusik konstant präsent. Sogar zeitgenössische Komponisten bedienen sich einzelner Elemente der Volksmusik, und ich denke, es muss auch so sein. Volksmusik ist eine ganz eigene, intensive menschliche Erfahrung. Menschen sind instinktiv musikalisch. Wir können ohne Musik doch gar nicht existieren. Deshalb ist die Volksmusik ein instinktiver Ausdruck des Lebens, der in der klassischen Musik sehr wissenschaftlich wird.

Mozart, Haydn und andere Vertreter der Wiener Klassik haben sich der deutschen Volksmusik bedient und daraus einen internationalen Stil gemacht.

(Lacht) Genau das ist es! Ohne unsere kulturelle Vergangenheit ist es doch unmöglich, in die Zukunft voranzuschreiten. Genies wie Haydn, Mozart, Beethoven oder Brahms und dann später Bartok, Stravinsky oder Berg nutzten Elemente ihrer Volksmusik. Ich wüsste nicht, warum Menschen wie wir, die nicht ein Zehntel des Talents solcher Genies haben, das nicht auch tun sollten. Meine kulturellen Wurzeln sind mir sehr wichtig, und sie werden es immer mehr. Leider habe ich meinen Großvater nie spielen gesehen.

Die Geigen-Technik in der griechischen Volksmusik unterscheidet sich sehr vom klassischen Spiel, oder?

Ja, sehr. In der griechischen Volksmusik geht alles von der Stimme aus. Die Violine spielt sehr nah an der menschlichen Stimme. Die Fingerstellung ist anders, nicht wie in der klassischen Technik, wo es Parallelen zum Klavierspiel gibt. Man spielt mit geschlossener Hand, die Intervalle sind sehr klein und nicht so klar voneinander abgegrenzt.

Copyright Yannis Bournias

Man hat also mehr Glissandi?

Viel mehr. Es ist sangbarer - als würde die Geige singen. Je älter ich werde, desto mehr sehe ich, was für ein Reichtum in dieser Musik liegt und wie wichtig dieser für die klassische Musik ist. Als ich heranwuchs, war ich mir dessen nicht so bewusst. Ich wollte modern sein, sah nach vorn. Das tun wir alle in dieser Phase und denken, alles was hinter uns liegt, sei unnütz. Die Spontaneität in der Volksmusik hat eine riesige Bedeutung. Die Art wie gespielt wird, die Art wie die Musiker aufeinander reagieren: ein Mitglied der Gruppe macht etwas Überraschendes und alle folgen ihm auf dem Fuße, ohne dass es vorher abgesprochen worden wäre. Das ist ungeheuer vital. Bei Mozart, Beethoven und Bach ist es eigentlich nicht anders. Alle diese Musiker haben viel improvisiert. Um auf Mozart zurückzukommen: in den Concerti hat man vor allem in den letzten Sätzen Tänze. Urplötzlich steht da mitten im Satz ein Volkstanz - ganze zwei Minuten lang. Erst dann geht Mozart wieder zurück und beendet den Satz. Genau das macht er in den letzten drei Violin-Konzerten. Aber nicht nur er macht das. Denken Sie an jedes große Violinkonzert - welcher Finalsatz beinhaltet da nicht einen Tanz? Brahms, Beethoven, Sibelius, Tschaikowsky, Bartok - noch Fragen?

Schade, dass Mozart so wenige Violinkonzerte geschrieben hat.

Ja, leider! Vielleicht ist der Grund ganz einfach der, dass er das Klavier bevorzugt hat. Vielleicht entsprach es ihm mehr. Wir wissen, dass er gut Violine spielte, und dass sein Vater ihn ermutigte, mehr zu spielen. Aber ich glaube, dass er aus irgendeinem Grund lieber mit dem Klavier weiter machte. Danach konzentrierte er sich auf die Oper und arbeitete mit der menschlichen Stimme. Vielleicht führte das dazu, dass er quasi keine Notwendigkeit mehr dazu sah, für ein eher vokales Instrument wie die Violine zu komponieren.

Die Violinkonzerte Mozarts sind technisch sehr anspruchsvoll.

Sie sind ungeheuer anspruchsvoll. Die Musik ist sehr exponiert und sehr klar. Was jedoch die Technik angeht, so stellt Mozart an den Violinisten Ansprüche, wie sonst niemand zu seiner Zeit. Man muss sich vor Augen halten, dass unsere heutige Technik auf dieser Musik aufbaut. Aber zu der Zeit als diese Concerti neu waren, müssen sie unerhört schwierig gewesen sein.

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Trotzdem klingen Mozarts Konzerte nicht gerade wie die typische Virtuosen-Literatur der Zeit.

Das stimmt. Aber Virtuosität ist sowieso ein unglaublich missverstandenes Wort. ‚Virtuose’ enthält das Wort ‚Virtus’, also Tugend. Das hat nichts mit schnellen Noten zu tun. Wir nennen heute denjenigen einen Virtuosen, der eine herausragende Technik hat. Aber ein Virtuose ist eigentlich genau das Gegenteil davon. Er ist eben nicht jemand, der unbegrenzte technische Fähigkeiten hat. Er ist jemand, der eine Botschaft vermitteln kann, etwas, was über die Klänge hinausgeht. Genau das ist ‚Virtus’. Im Sinne Platons muss man erst weise werden, um zur Tugend zu gelangen. Mozart war natürlich ein Virtuose, aber er war es, weil seine Musik eine Botschaft vermittelt. Selbst in jungen Jahren, als in seinem Leben noch nichts Dramatisches passiert war, wies seine Musik schon auf seine späteren Werke hin. Genau deswegen haben wir auf der CD noch eine seiner letzten Sinfonien eingespielt. Die Melancholie der jungen Jahre wird später zum Drama. Das ist natürlich die Lebenserfahrung. Man muss inkarnieren, Fleisch werden und absteigen, um wieder aufsteigen zu können. Das ist auch das Thema des dionysischen Mythos: man muss sterben, um neu geboren zu werden. Das ist Tugend. Mozart hatte das.

Was ist das Neue an ihrem Ansatz? Sie spielen mit der Camerata Salzburg und treten als künstlerischer Leiter in die Fußstapfen Roger Norringtons. Norrington ist dafür bekannt, dass er ohne Streichervibrato spielt, weil er davon ausgeht, dass dies eine Erfindung des 20. Jahrhunderts ist. Er gilt als Revolutionär der historischen Spielpraxis. Gibt es da wechselseitige Einflüsse, sind sie auf einer Linie mit Norrington?

Für Sir Roger ist es sehr wichtig, Musik so zum Klingen zu bringen, wie sie klingen soll. Für mich hat Musik keine Regeln. Vor allem Musikmachen hat keine Regeln. Das sieht man an der Evolutionsgeschichte der Musik. Musik ist ein dynamischer Prozess, eine stete Veränderung. Für mich ist der Weg über das Instrument wichtig. Natürlich haben auch die Erkenntnisse zur historischen Spielpraxis Gewicht. Ich nutze diese Erkenntnisse auch da, wo ich denke, dass es der Musik dient. Aber für mich ist da mehr als nur Technik. Es ist wichtiger, das Menschliche hinter der Musik herauszuarbeiten. Wie ist die Stimmung, was für Nuancen sind dort? Es ist wie bei einem Maler, der viele Farben auf seiner Palette hat. Ich kann nicht nur einen Weg gehen.

Copyright Yannis Bournias

Sie wollen kein Dogma, ist das richtig?

Nein, und es ist sehr interessant, dass sie das in diesem Zusammenhang sagen, denn die Religion des Landes, aus dem ich komme, die griechische Orthodoxie, hat viele Dogmen. Ich glaube nicht, dass Dogmen in der Regel den Menschen helfen. Das bedeutet nicht, dass ich nicht an Gott glaube. Das meine ich absolut nicht. Aber Dogmen sind nicht hilfreich. Wenn eines dieser Genies, die wir heute verehren, Dogmen gehabt hätte, wären wir nicht da, wo wir heute sind. Für mich geht es auch immer um Respekt. Der Interpret darf nie größer sein als der Komponist. Das ist ein Prinzip, kein Dogma. Es ist ein Grundprinzip! Die Musik Mozarts reflektiert die Ästhetik einer bestimmten Zeit. Wir leben in einer anderen Zeit, und meine Aufgabe als Künstler ist es, die Botschaft durch die Zeiten ins Jetzt zu tragen. Dabei wissen wir nicht, wie Mozart geschrieben hätte, hätte er gewusst, wie Konzerte heute aussehen. Das Klavier klang damals nicht so wie heute, die Violine auch nicht. Die Orchester sind größer, weil auch die Säle größer geworden sind. Aber auch die Zuhörer sind andere. Damals ging man rein und raus, trank Champagner und unterhielt sich sogar. Das hat niemanden gestört. Aber versuchen sie das heute mal! Derzeitig haben wir einen eher rituellen Zugang zur Musik. Es geht also darum, weiterhin die Botschaft zu vermitteln - erlauben Sie den Ausdruck - die ewige Botschaft. Nur so kann man zeigen, dass die Ästhetik jener und die unserer Zeit nicht weit voneinander entfernt sind. Leider ist unsere heutige Gesellschaft sehr weit entfernt von allem, was menschlich ist. Auch in der Ästhetik. Allein die Geräusche, die uns umgeben: in den Städten müssen Sie Ihre Ohren zusperren. Unsere Augen werden förmlich bombardiert.

Die Videoclip-Ästhetik ist überall.

Genau, und sie wirkt sich auf Alles aus. Die Art, wie die Leute sich bewegen, die Geschwindigkeit, die Aggression - dessen müssen wir uns bewusst sein.

Ist die künstlerische Leitung der Camerata Salzburg eine neue Herausforderung für Sie oder sehen Sie die Arbeit als Dirigent und als Solokünstler auf einer Ebene?

Wir reden doch über Musik. Es sind einfach zwei Wege, Musik zu machen. Beide sind gleichermaßen faszinierend, und sie ergänzen sich. Natürlich ist es für mich ein Riesenschritt. Aber die Musik ist die große Klammer, die alles zusammenhält. Und es geht mir weiterhin um die Botschaft. Allerdings erlaubt mir das Dirigieren, mit einem Repertoire zu arbeiten, dass ich als Solokünstler nicht praktisch umsetzen kann.

Sie spielen selten sogenannte Alte Musik. Woran liegt das, ist Ihnen der Markt zu überschwemmt?

Nein, es geht mir weniger um den Faktor Markt. Dass ich es bis jetzt nicht gemacht habe, bedeutet nicht, dass es nie passieren wird. Ich bin wirklich offen und mache oder vermeide nichts bewusst. Vielleicht ist die Tatsache, dass Alte Musik heute so gespielt wird, wie sie gespielt wird, ein Faktor. Ich schließe jedoch nichts aus.

Andererseits sind Sie am modernen Repertoire durchaus interessiert.

Nicht an allem!

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Wo liegt Ihre Grenze?

Es gibt keine, außer der Ästhetik! Solange Musik für mich eine Botschaft bereithält, eine Identität hat, eine eigene Klangwelt, bin ich dabei. Ich bin froh, wenn ich mich damit identifizieren kann. Wenn es jedoch nur darum geht zu zeigen, dass einer mehr Talent hat als der Andere, dann ist es uninteressant für mich. Wenn man heute in eine Harmonie-Klasse geht, lernt man, genau das nicht zu tun, was Mozart, Beethoven oder Schubert getan haben. Mit solcher Musik kann ich mich nicht identifizieren. Ich identifiziere mich nicht mit der Ästhetik unserer Zeit. Um es positiver auszudrücken: Ich glaube nicht, daß die Ästhetik, die heute den Ton angibt, die einzige ist. Es gibt noch eine andere Ästhetik. In der griechischen Mythologie wurde Zeus nach seiner Geburt in einer Höhle versteckt, weil Kronos aus Angst vor dem Verlust seiner Macht seine Kinder fraß. Die Korybanten veranstalten einen Höllenlärm, um Zeus vor seinem Vater zu schützen. Das ist für mich ein Bild unserer Zeit. Da, wo dieser infernalische Lärm grassiert, liegt verborgen auch etwas Kostbares. Es braucht Pflege und Schutz. Aber es wird auch irgendwann aufblühen.

Zurück in die Zukunft?

Je weiter man sich von der Quelle entfernt, desto näher ist man ihr. Wenn man voranschreitet, muss man es im Einklang mit der Vergangenheit tun. Auch wenn es unbewusst geschieht, wird es nicht weniger wahr. Man kommt immer wieder zur Quelle zurück!

Das Gespräch führte Miquel Cabruja.
(09/2006)

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