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Samstag, 5. Dezember 2020

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Edlira Priftuli hat den Straßburger Wilhelmerchor zur historisch informierten Aufführungspraxis geführt

"Musikalisch praktizierte Ökumene"


Seit 2013 arbeitet die römisch-katholisch getaufte Edlira Priftuli (40) mit ihren ostkirchlich-orthodoxen familiären Wurzeln als Leiterin des protestantischen Straßburger Wilhelmerchors. Mit dem seit 135 Jahren bestehenden Chor wendet sich die aus Albanien stammende Dirigentin vor allem der historisch informierten Aufführungspraxis barocker Kirchenmusik zu. Die Werke Bachs bilden beim „Choeur de Saint-Guilaume“ Straßburgs, 1885 vom Vater der Elsässer Münch-Dynastie, Ernest Münch, gegründet, einen besonderen Schwerpunkt. Das hatte weniger mit der seinerzeitigen Zugehörigkeit des Elsass zum Deutschen Kaiserreich zu tun als vielmehr mit der durch César Franck und Charles-Marie Widor ausgelösten Bach-Begeisterung im 19. Jahrhundert in Frankreich, dem sich Straßburg in der Neuzeit kulturell immer zugehörig fühlte. Bachs Matthäus- und Johannes-Passion wurden und werden in der Straßburger Wilhelmerkirche jeweils zu Karfreitag im Wechsel aufgeführt. Das war sogar 1944 unter dem Hakenkreuz noch so. Nur in diesem Jahr musste die Aufführung der Johannespassion, die dieses Mal an der Reihe gewesen wäre, wegen der Corona-Pandemie abgesagt werden. Wie Wilhelmerchor-Leiterin Priftuli die derzeit darnieder liegenden Aktivitäten umschifft, schilderte sie ebenso wie ihren musikalischen Werdegang unserem Autoren Prof. Kurt Witterstätter im folgenden Interview.

Frau Priftuli – in Zeiten von Corona können die Proben mit Ihren Ensembles, dem Wilhelmerchor „Choeur de Saint-Guilaume“ und dem Bach-Collegium Strasbourg-Ortenau nicht normal ablaufen. Bleiben Sie dennoch in Kontakt mit Ihren Musikanten?

Das Corona-Virus schränkt uns wie alle Musikensembles sehr ein. Seit drei Monaten konnten wir uns nicht treffen. Aber über elektronische Kanäle kann ich mit Sängern und Musikern in Verbindung bleiben. Musikensembles sind auch gewachsene und sich befruchtende Gebilde. Ich habe zur Wahrung der Gemeinschaft das „Radio CSG/BCSO“ – Choeur Saint-Guilaume/Bach-Collegium Strasbourg/Ortenau – installiert, durch das sich die Mitglieder untereinander besser kennen lernen: Ihre unterschiedlichen musikalischen Vorlieben austauschen können, die von Jazz über Progressiv-Rock bis zu Minimalismus oder Country-Bluegrass reichen. Ich denke, dass wir uns besser kennen, wenn wir wieder zusammentreffen.

Können Sie den Sängern auch Ratschläge zum Stimmtraining zuhause geben?

Die Präsenz-Proben beginnen üblicherweise mit Stimmübungen. So erwirbt jedes Chormitglied seine eigenen Mittel, um selbstständig zu agieren. Nun schicke ich per Internet entsprechende Übungs-Anweisungen für zuhause.

Bereiten Sie für Ende 2020 Konzerte vor? Können sich Ihre Choristen dafür mit den Noten zuhause vorbereiten?

Ja, wir wollen im September wieder mit aller gebotenen Vorsicht gemeinsame Proben abhalten und planen für Ende des Jahres unter gesundheitlicher Achtsamkeit Konzerte. Ich setze fürs erste auf die eigenständigen Studien der Sänger und Musiker. In den Proben wird das dann ausgefeilt.

Sie haben Ihre Musikstudien in Metz und Colmar absolviert. Hat sie die Musik in Ihrem Ursprungsland Albanien oder erst in Frankreich gepackt?

Musik zu machen habe ich mit sechs Jahren begonnen. Albanien ist ein reiches Musikanten-Land. Zwischen den verschiedenen Regionen gibt es unterschiedliche Musikkulturen. Persönlich bin ich in einer musikbegeisterten Familie mit einem Dutzend Musikern aufgewachsen. Mein Großvater väterlicherseits konnte spontan zur Mandoline greifen und mit meiner Oma zweistimmig die Klänge der südöstlichen Region anstimmen. Opa und Oma mütterlicherseits schmückten alle Familienfeste mit mehrstimmigem A-cappella-Gesang aus dem Südwesten.

Welche Instrumente haben Sie zuerst erlernt?

Ich habe gut zwölf Jahre Geige gespielt und dabei schon in Kinderchören gesungen. Als Heranwachsende habe ich Begleit-Gitarre und Dirigieren sowie Klavierbegleitung erlernt. Und immer dabei gesungen.

Wollten Sie schon bald Dirigentin werden oder kam dieser Wunsch erst beim Weiterstudium und der Tätigkeit als Berufsmusikerin auf?

Mein Hauptziel ist und bleibt, gute Musik zu bringen. Ich wollte nicht unbedingt eine große Dirigentin werden, sondern wollte erlebnisreiche Musik machen, ob diesseits oder jenseits des Dirigentenpults. Mit der Zeit eröffneten sich Möglichkeiten, große Werke zu leiten. Und seit 2013 habe ich die Chance, große Musikwerke mit Sängern und Musikern aufzuführen, die wie ich vom Streben nach Musizierqualität beseelt sind.

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Durch welche Musik-Pädagogen wurden Sie besonders geprägt?

Viele Lehrkräfte haben mich nach meiner Übersiedlung nach Frankreich 2000 stark beeinflusst. Besonders nenne ich Catherine Fender, die mich zur Direktion animierte. Als ich im „Atelier Vocal d'Alsace“ unter ihr sang, habe ich ihre Prägekraft gespürt. Unter ihr bin ich auch mit Hans Michael Beuerle zusammen gekommen; unter ihm habe ich gesungen, Dirigierkurse und Meisterklassen absolviert. Er hat mich auch bei der Übernahme des Wilhelmerchors beraten. Als er 2015 in Freiburg starb, habe ich quasi einen Vater verloren. Ich gedenke seiner mit viel Dankbarkeit.

Wodurch sind Sie auf die historisch informierte Aufführungspraxis der Harnoncourt, Brüggens, Linde, Herreweghe und Kuijken gestoßen?

Als ich 2013 den Wilhelmerchor übernahm, war die historische Aufführungspraxis nichts Neues mehr. Es war klar, dass man Bach nicht mehr wie zu Beginn des letzten Jahrhunderts brachte. Genau gesehen, stellte ich mir die Frage gar nicht. Ich habe mir viele Interpretationen angehört, ältere und neuere. Ich habe da viel Beeindruckendes gehört, das mich ansprach. Aber am meisten haben mich die von Philippe Herreweghe, Sigiswald Kuijken, Rudolf Lutz und René Jacobs gerührt.

Wie viele Musiker zählt Ihr Bach-Collegium Strasbourg-Ortenau und wie viele davon leben in Straßburg und wieviele in Baden?

Unser Collegium zählt rund fünfzehn feste Mitglieder. Bei Bedarf können das 25 bis 30 werden. Wir engagieren des öfteren semi-professionelle Spieler von der rechten Rheinseite. Derzeit haben wir keine festen Mitglieder aus der Ortenau, aber der Name des Collegiums ist Absicht: Unser Orchester strebt Kontakte über die Grenze an. Ich nutze die Gelegenheit des Interviews mit Ihnen: Wer immer Ihre Zeilen liest und historisch informierte Barockmusik spielt, ist herzlich eingeladen, bei uns mitzutun.

Spielen Ihre Streicher mit Darmsaiten?

Unsere Streicher spielen mit Darmsaiten. Darüber hinaus kommt es aber auch auf ein für den Barock spezifisches Tempo, eine Phrasierung und eine Artikulation an. Die Instrumente selbst sind zwar wichtig, aber sie allein machen noch nicht die Musik.

Werden spezielle Bogen benutzt oder macht es die Bogenhaltung?

Die Musiker benutzen spezielle Barock-Bögen. Die sind noch wichtiger als die Saiten. Sie sind kürzer und leichter, was eine beweglichere, luftigere und plastischere Tonbildung erbringt.

Reicht die Klangkraft Ihres Bach-Collegiums im Verein mit Ihrem Wilhelmerchor mit seinen 70 bis 80 Stimmen in Sälen mit über tausend Zuhörern hin?

Als ich 2015 das Collegium bildete, wollte ich ein für die Probenarbeit stets anwesendes, beständiges Ensemble, so dass die beiden Gruppen einander hören könnten. Das trägt jetzt Früchte. Der Chor hat an Nuancenreichtum gewonnen und der Klang beider Ensembles verschmilzt. Für groß dimensionierte festliche Stücke engagieren wir allerdings zusätzliche Musiker.

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Haben Sie mit Ihren Wurzeln in Albanien einen geistlichen Zugang zum lutherisch-religiösen Ursprungs-Charakter Ihres Wilhelmerchors mit seinen geistigen „Vätern“ Ernest und Fritz Münch gewinnen können?

Ich bin christlich groß geworden. Meine Eltern sind ostkirchlich-orthodox. Wir Kinder sind nach dem Mauerfall 1989 und der Wieder-Zulassung der Religionen in Albanien römisch-katholisch getauft worden. Als ich 2013 den Wilhelmerchor übernahm, wollte ich einen Zugang zum lutherischen Glaubensgeist finden. Dazu belegte ich an der theologischen Fakultät der Universität Straßburg Kirchenmusik-Seminare, die mir viel gebracht haben; ebenso betrieb ich eigene Studien über den Barock sowie Bachs und seiner Zeitgenossen Lebenswelt. Ich will so authentisch wie möglich in die Barock-Musik eintauchen, die mein Chor nun seit weit über hundert Jahren singt.

Vor sechzig Jahren waren Wilhelmer- und Münsterchor tragende Pfeiler in Straßburgs Musikleben. Nun sind Rheinopern- und Philharmonischer Chor hinzu gekommen. Welche Rolle wird der Wilhelmerchor in der kommenden Zeit in Straßburg und seiner Umgebung spielen?

Straßburg ist musikalisch reich. Es besitzt eine Musikhochschule, viele Musikschulen, Chöre und sängerisch kompetente Privatpersonen. Der Wilhelmerchor ist mit seiner 135jährigen Geschichte noch immer eine erste Adresse für die Straßburger, die mit hoher Erwartung die Passionsaufführung zu Karfreitag erwarten. Das ist einzigartig in Frankreich. Über sein angestammtes Repertoire wendet sich der Chor auch anderen Epochen bis zum Zeitgenössischen zu. Auch das Bach-Collegium findet seine Fans. Beim jüngsten Corelli-Konzert war die Wilhelmerkirche voll besetzt. Seit einiger Zeit führen wir unsere Konzerte nicht nur in Strasbourg selbst auf, sondern mit Erfolg auch in andren Städten der Region. Das zeigt, dass der Wilhelmerchor mit seinem angestammten und sich erweiternden Repertoire weiter seine Bedeutung für Strasbourg und das Elsass hat.

Das Gespräch führte Prof. Kurt Witterstätter.
(06/2020)

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