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Donnerstag, 23. Februar 2017

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Julian Prégardien macht die Aufführungsgeschichte großer Werke anschaulich - und setzt Impulse für die Zukunft

"Das ganze Projekt ist eine Reise durch die Musik"


Nur selten macht man sich bewusst, dass auch Musikwerke so etwas wie eine Biographie haben: Sie wurden komponiert, in der Regel zugeschnitten auf die gängige Praxis ihrer Entstehungszeit, und entfalteten in ihrer Aufführungsgeschichte ab diesem Zeitpunkt bis zur Gegenwart ein Eigenleben. Für gewöhnlich passte man sie an den jeweiligen Zeitgeschmack an und brachte Seite an ihnen zum Vorschein, die für ästhetisch relevant oder reizvoll erachtet wurden. Blickt man in die Werkentstehungszeit zurück, wie es sich die Historische Aufführungspraxis auf die Fahnen geschrieben hat, wird sichtbar, wie meilenweit Geschichte und Gegenwart auseinander liegen können. Ebenso gewinnbringend ist aber, nicht nur den geschichtlichen Ausgangspunkt in den Blick zu nehmen, sondern die gesamte Aufführungsgeschichte zu betrachten. So wird sichtbar, wie aus einem Werk über Jahrzehnte und Jahrhunderte das geworden ist, was es heute ist. Der forschende Sänger Julian Prégardien hat sich genau dies zur Aufgabe gemacht und eine Plattform geschaffen, auf der er die Biographie ausgewählter Werke anschaulich macht. "P.RHÉI" heißt das Projekt, und als erstes wird Schuberts "Winterreise" historisch ausgeleuchtet. Dabei tritt die ganze Fülle dessen zutage, was "Winterreise" sein kann - ein faszinierendes Panorama, das er klassik.com-Autor Dr. Tobias Pfleger im Gespräch eröffnete. Und Schubert ist erst der Anfang.

Sie haben ein Projekt angestoßen, das sich mit der Interpretations- und Rezeptionsgeschichte verschiedener ausgewählter Werke beschäftigt und ihm den Namen P.Rhéi gegeben. Wie kamen Sie auf diesen Titel?

Indirekt über den Komponisten und Musikphilosophen Hans Zender. Es gibt von ihm eine Essaysammlung mit dem Titel "Wir steigen niemals in denselben Fluss". Das Büchlein hatte ich dabei, als ich in Luxemburg Hans Zenders "Winterreise" szenisch geprobt habe. Während dieser Probenzeit ist die Idee entstanden, meiner Beschäftigung mit diversen Musikwerken, nicht nur der "Winterreise", ein Portal zur Seite zu stellen, auf dem ich die viele Mühe, die ich mir mit den Werken mache, präsentieren kann. Mir kam zunächst "panta rhei" in den Sinn. In Verbindung mit dem Akzent in dem Namen Prégardien kam ich dann auf den endgültigen Titel "P.Rhéi". Das fühlte sich stimmig an. Inzwischen habe ich von einem Esperanto-kundigen Luxemburger Redakteur erfahren, dass "perei" auf Esperanto die Bedeutung "zugrunde gehen" oder "vergehen" hat. Das hat also eher eine negative Konnotation. Ich fand es ganz spontan faszinierend, dass diese Sinnhaftigkeit auch in dem Namen steckt - weil ich mich in dem Projekt darum bemühe, eine Kultur editorischer Vorhaben gerade nicht zugrunde gehen zu lassen.

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Welchen Hintergrund hat das Projekt und was der Impuls, mit Schuberts "Winterreise" zu beginnen?

Der Impuls für das Projekt war, dass ich im Frühjahr 2015 zum ersten Mal die "Winterreise" gesungen habe, und eben nicht in der gängigen "Originalversion" mit Klavier, sondern in einer Bearbeitung. Es gibt von dem kanadischen Oboisten Normand Forget eine Bearbeitung für Bläserquintett und Akkordeon; das war meine erste "Winterreise". Es stellte sich im Laufe der nächsten Monate dann heraus, dass ich zwischen November 2015 und Februar 2016 ziemlich viele "Winterreise"-Konzerte habe, in zig verschiedenen Versionen und an unterschiedlichsten Orten, angefangen mit der von mir kreierten Version nach Vorbildern historischer Programmzettel von Clara Schumann und Julius Stockhausen, über eine "konservative" Version mit Gerhard Oppitz am Klavier, bis hin zu der "Winterreise"-Bearbeitung von Hans Zender und einer neuen Bearbeitung mit zwei Gitarren. Ich habe dann angefangen darüber nachzudenken, wie es kommt, dass all das "Winterreise" ist, auch wenn die gängige Meinung ist, die Originalversion sei die Aufführung aller 24 Lieder im Kammermusiksaal - und das Ganze ist ein großes Meisterwerk. Ich habe dann damit begonnen, für mich persönlich eine Materialsammlung über "Winterreise" anzulegen: was das ist, wie die Geschichte dieses Zyklus ist, die Aufführungspraxis und Interpretationsgeschichte. Das fügte sich dann allmählich zu einem Ganzen. Ich hatte den Eindruck, es sei vielleicht auch für das Publikum und auch für andere Interpreten interessant zu erfahren, was "Winterreise" alles beinhaltet und heißt. Ich sehe mich vor der Aufgabe, das niederzuschreiben - einmal für mich, dann aber eben auch für die Menschen, die daran teilhaben wollen.

Für Interpreten ist es eher ungewöhnlich, sich so stark in die Interpretationsgeschichte zu vertiefen, denn das künstlerische Handeln findet in der Gegenwart statt. Wie kommt es, dass Sie sich für die Geschichte von Werken und deren Aufführung so stark interessieren?

Das ist sicherlich beeinflusst durch meine frühe Arbeit mit Vertretern der sogenannten Historischen Aufführungspraxis, vor allem im Bereich der geistlichen Musik. Ich bin groß geworden mit Figuren wie Philippe Herreweghe, Gustav Leonhardt und Nikolaus Harnoncourt, mit denen mein Vater (Christoph Prégardien, Anm. d. Red.) sehr viel musiziert hat. Das sind Vertreter einer großen Musikergeneration, die irgendwann angefangen haben zu fragen: Warum machen wir es denn eigentlich so wie wir es machen? Und warum nicht anders? Wie führe ich ein Stück auf? Das Warum und Wie stand im Zentrum. Von diesem Faszinosum bin ich als Kind schon infiziert gewesen. Aufgrund meiner frühen Zusammenarbeit mit René Jacobs hat mich auch sein Verständnis von Alter Musik geprägt. Alte Musik meint eben nicht Barockmusik, sondern Musik, die älter ist als die zeitgenössische Musik. Das ist mein Verständnis von Alter Musik: Musik, bei der ich nicht den Komponisten fragen kann, wie er das gemeint hat. Sondern bei der ich mich bemühen muss herauszufinden, wie die Rahmenbedingungen für die Entstehung eines Musikwerks waren, welche Stilmittel eingesetzt wurden usw. Daher hat mich René Jacobs neben Hans Zender als gedanklicher Pate des Projekts wahrscheinlich sogar am meisten ermutigt, "P.Rhéi" ins Leben zu rufen - auch wenn er davon wahrscheinlich gar nichts weiß.

Ist das Projekt auch für Künstlerkollegen als Fundgrube zur zusätzlichen Inspiration gedacht? Oder ist es eher an ein interessiertes Publikum gerichtet, das sich auch für die Geschichte von Musikwerken interessiert?

Gleichermaßen, würde ich sagen, aber es wird sich letztlich herausstellen, wer sich von dem Projekt angesprochen fühlt. Es ist aber definitiv so, dass sowohl Musikerkollegen, denen ich von diesem Vorhaben erzähle, Interesse zeigen als auch das Publikum. Ich führe nach Konzerten gelegentlich Publikumsgespräche, und als ich das Projekt erwähnte, habe ich gemerkt, dass es eine gewisse Neugier gibt. Um beim Beispiel "Wintereise" zu bleiben: Es gibt viele, die sich noch nie die Frage gestellt haben: War es denn immer so, dass die "Winterreise" im Kammermusiksaal aufgeführt wurde und dass die 24 Lieder ohne Pause durchgesungen werden? Bevorzugt von einem Bariton, weil die prägenden Interpreten im Verlauf der letzten 150 Jahre Aufführungsgeschichte Baritone waren oder zumindest tiefere Stimmen - das fängt an mit Julius Stockhausen und geht über Hans Hotter bis zu Dietrich Fischer-Dieskau oder auch zu heutigen Interpreten wie Matthias Goerne oder Christian Gerhaher. Natürlich ist es großartig fürs Publikum wie auch für den Interpreten, eine "Winterreise" in einem Kammermusiksaal zu singen und zu hören, alle 24 Lieder ohne Pause. Trotzdem stelle ich aber die Frage: Wie kam es denn dazu, dass dieses Stück als eine "Ikone unserer Musiktradition" (Zender) betrachtet wird?

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Vieles hat sich im Laufe der Interpretationsgeschichte gewandelt. Ist nicht auch die Zuordnung von männlichen und weiblichen Sängern und Sängerinnen zu den typischen aus Männersicht gesungenen Zyklen und umgekehrt erst recht jung?

Genau, das war im 19. Jahrhundert gar nicht so streng getrennt. Natürlich hat sich Franz Schubert vornehmlich in männlicher Gesellschaft bewegt. Auch daher liegt es nahe, da einen jungen Mann zu sehen, der diese Winterreise begeht. Aber es ist gerade aus dem Umfeld von Julius Stockhausen, dem - könnte man sagen - "Erfinder des Liederabends", der mit Clara Schumann zusammen sehr viele Liederabende gegeben hat, bekannt, dass er von Schülerinnen überrannt wurde, die Ende des 19. Jahrhunderts die "Winterreise" singen wollten. Stockhausen selbst hat "Frauenliebe und -leben" gesungen, mit Clara Schumann am Klavier. Die Genderfrage gab es in diesem Repertoire schlichtweg nicht. Es ist sogar so, dass in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Liedersingen und Liederspielen am Klavier zuhause viel eher Frauendomäne war. Es gibt Äußerungen von Clara Schumann, dass sie sich zum Beispiel keine idealere Sängerin für die Lieder ihres Mannes vorstellen könnte als Pauline Viardot-Garcia, die berühmte Mezzosopranistin, Tochter von Manuel Garcia (einem berühmten spanischen Tenor und Gesangslehrer, Anm. d. Red.). Und nicht umsonst ist die "Dichterliebe" Wilhelmine Schröder-Devrient und der "Liederkreis" Pauline Viardot-Garcia gewidmet, also Sängerinnen. Dabei sehen wir heute darin typische Tenorzyklen. "Frauenliebe und -leben" ist der Zyklus, den heute die Mezzosoprane und Soprane singen, dafür singen die "Dichterliebe" die Tenöre. Das hat sich im Laufe des 20. Jahrhunderts manifestiert. Heute hängt das vielleicht auch damit zusammen, was man beim Schauspiel und auch auf der Opernbühne Type-Casting nennt.

Durch die historische Beschäftigung mit Interpretationsstationen eines Werkes wird einem stärker bewusst, in welchen Fußspuren man historisch wandelt. Macht das die Annäherung an einen so bedeutenden Zyklus wie "Winterreise" schwieriger?

Es ist auf jeden Fall so, dass es mir unglaublich schwerfällt, mich festzulegen. Ich kann es mir deswegen momentan nur schwer vorstellen, ins Studio zu gehen und auf eine momentan ideale Art und Weise einen Liedzyklus einzuspielen, so differenziert wie möglich. Ich bin sehr froh, dass ich die Möglichkeit habe, in diesem Editionsprojekt ausschließlich Live-Mitschnitte zu präsentieren. Die haben natürlich Fehler im Zusammenspiel sowie in der Intonation und es gibt verrutschte Töne, aber es sind echte Momentaufnahmen. Da ist meiner Meinung nach interessant zu beleuchten: Wie kam es zu diesen Momentaufnahmen? Wie ist die Vorgeschichte, wie sieht die Beschäftigung aus? So ist mein Projekt nicht nur eine künstlerische und intellektuelle Beschäftigung mit einem Liedzyklus, die man dann auf CD bannt, sondern das ganze Projekt ist eine Reise durch die Musik. Beim Konzertprogramm der dritten CD, die im Januar 2017 veröffentlicht wird und "Winterreise" nach Vorbild historischer Programmzettel enthält, hat sich inzwischen einiges verändert, sogar die Tonarten. Im Zuge der Veröffentlichung durch den Verleger Haslinger hatte Schubert den Tonartenplan verändert. Also haben wir eine bewegliche Vorlage, wir können wählen. Und ich habe inzwischen eine andere Wahl getroffen als ich es noch bei dieser Aufnahme tue. Um den Bogen zum Anfang zu schlagen: Daraus lerne ich, dass es mir persönlich schwerfällt, mich festzulegen.

Auch wenn man sich die Interpretationsästhetik des 19. Jahrhunderts vergegenwärtigt und historische Stadien Revue passieren lässt, zeigt sich, dass es so etwas wie eine einzige ideale oder "richtige" Interpretation gar nicht geben kann und auch in der Vorstellung des 19. Jahrhunderts nicht vorhanden war.

Ja, vor allem wenn man betrachtet, dass damals größtenteils zeitgenössische oder zumindest sehr junge Musik aufgeführt wurde, wohingegen wir heute zum größten Teil Alte Musik spielen. D. h. man muss sich immer vorstellen, dass die ersten Interpreten von Musik des 19. Jahrhunderts in ihrer musikalischen Muttersprache agierten, in der Sprache der aktuellen Zeit. Und dazu gehörte ganz immanent ein als "stile espressivo" zu bezeichnender Stil. Es gibt Berichte von dem Geiger Joseph Joachim, der sein eigenes Violinkonzert spielt und darüber begeistert ist, dass die Hörner im Orchester über seine einfachen Hornsignale improvisieren. Und es gibt von der anderen Seite her Berichte, dass es so schrecklich ist, dem Mann folgen zu müssen, weil er ständig neue Tempi anschlägt und neue Ideen hat, die er im Konzert dann zu Klang macht. Das gehörte dazu. So wie es für Clara Schumann dazugehörte, zu den Einzelstücken, die sie spielte, Präludien zu improvisieren. Das war auch die Erwartungshaltung des damaligen Publikums: an einer Kreation beteiligt sein. Heute dagegen hat man beim Besuch eines Konzerts den Eindruck, dass das Streben nach dem Perfekten, nach der Konservation einer absoluten Idee von Musik im Vordergrund steht. Natürlich ist das ein Erfolg des Konzertbetriebes, aber es birgt auch die Gefahr, dass man dadurch die persönliche Kreativität beschneidet.

Sie haben bereits mehrere CD-Projekte als Teil von "P.Rhéi" angesprochen. Was wird das Projekt bzw. die Plattform noch beinhalten?

Parallel zu den drei CD-Editionen wird es auf der Website "prhei.com" einen Medienpool geben, auf dem ich die Breite der Bearbeitungen des Liedzyklus zur Verfügung stelle: angefangen von der Rezitation der Liedtexte durch Lotte Lehmann bis hin zu Zenders Version gibt es ja eine ganze Menge dazwischen, z. B. literarische Bearbeitungen wie von Elfriede Jelinek, es gibt Josef Bierbichlers Film mit dem Titel "Winterreise", es gibt Ian Bostridges großartiges Buch, in dem er weite Assoziationsräume aufmacht, was "Winterreise" alles bedeutet, es gibt von Hanspeter Padrutt "Der epochale Winter", es gibt in Berlin ein Theaterprojekt mit Behinderten, Rambazamba heißt das Theater - dies alles möchte dem Phänomen auf die Schliche kommen, dass uns diese "Winterreise" anrührt wie kaum ein anderes Stück von Franz Schubert. Es übt eine große Faszination aus. Was aber bleibt, ist ein Kern, den ich selbst nicht benennen kann. Was ist denn "Winterreise"? Ist das nur die Aufführung des Zyklus im Kammermusiksaal oder ist "Winterreise" ein Lebensgefühl? Ist es nicht großartig, dass dem Material im Laufe der letzten fast 200 Jahre so kreativ begegnet wurde? Dass das Werk so einen tollen Lebenslauf hat - bis heute. Das möchte ich durchleuchten, um Fragen zu stellen, zum Beispiel: Wie tolerant kann man als Zuhörer sein? Und wie neugierig, wie ernsthaft, wie frei ist man als Interpret? Es ist einfach ein faszinierender Raum, in den man sich begibt, wenn man sich mit "Winterreise" beschäftigt. Ich möchte digital einen Raum zur Verfügung stellen, in man sich gedanklich austoben kann, wissenschaftlich und künstlerisch. Das hat ganz verschiedene Facetten. Mich hat dieses Projekt als Künstler sehr geprägt und bereichert. Die intensive Beschäftigung damit hat mich stark und selbstbewusst gemacht.

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Wie kam es denn zu der Idee, das Ganze nicht nur künstlerisch aufzuziehen, sondern auch musikhistorisch zu unterfüttern?

Das ist seit Studienzeiten ein Steckenpferd von mir. Vielleicht wurde ich das erste Mal durch ein musikwissenschaftliches Seminar an der Freiburger Musikhochschule zum Lied im Kontext kultureller Praxis dazu angeregt. Die Lehrveranstaltung wurde geleitet von Janina Klassen, einer Expertin für Clara Schumanns Schaffen und Leben, und einem damaligen Doktoranden, Martin Günther. Günther hat übrigens den Booklettext zur dritten "Winterreise"-CD geschrieben, wie auch bereits zu meiner CD "Schubertiade", die 2015 bei myrios classics erschienen ist. In dem Seminar ging es darum, wie Lieder damals aufgeführt wurden, was man unter Lied zu verstehen hat und wo die interpretatorische Freiheit liegt. Es ging auch um die Frage, wie es um Verzierungen bei Schubert-Liedern steht. Da kamen bei mir Fragen auf: Warum merkt man davon heute so wenig, wenn man in einen Liederabend geht? Ist da etwas verloren gegangen? Wo liegt die Qualität? Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, als sei es falsch, einen Liederzyklus möglichst werktreu im Kammermusiksaal zu singen, darum geht es nicht. Es geht darum, dass es wahnsinnig interessant ist nachzuvollziehen, in was für eine Welt das hineingeboren wurde und was auch die Erwartungshaltung eines Komponisten war, als er ein Lied geschrieben hat. Warum schreibt einer zwei Phrasen wortwörtlich hintereinander gleich? Erwartet er, dass der Sänger kreativ ist und da eine Verzierung singt - oder erwartet er das gerade nicht? Von diesen Fragen war ich früh angesteckt. Das spiegelt sich heute, mit einem Abstand von 10, 15 Jahren, in diesem Editionsprojekt wider.

Ist es Ihrer Meinung nach auch wichtig, dem Publikum nicht nur das künstlerische Ergebnis Ihrer Beschäftigung zu präsentieren, sondern gewissermaßen auch den Weg dorthin, zum Beispiel durch Gesprächskonzerte und Einführungen?

Im Mittelpunkt steht schon die Aufführung als solche. Aber die Informationen rund herum, die ich mir ansammle und die sich auch viele Zuhörer und Interpreten selber ansammeln, beeinflussen doch sehr das Erlebnis oder das Erleben. Ich spiele ganz gerne mit Wörtern. Wichtig ist mir zum einen das Wortpaar Werktreue und Wirktreue, zum anderen auch das Wortpaar Erlebnis und Erleben. Um dabei kurz zu bleiben: Erlebnis hat in seiner Ausstrahlung etwas Festeres als das Erleben, wo der Verlauf noch mehr im Vordergrund steht. Das Erleben ist mir wichtiger als das Erlebnis. Und die Wirktreue ist mir wichtiger als die Werktreue. Ich glaube, man tut sich als Zuhörer eines Konzertes einen Gefallen, wenn man nicht sagt: Jetzt schauen wir mal, ob der Julian Prégardien es genauso singt wie sein Vater oder ob er es auch nur annähernd so gut singt wie Dietrich Fischer-Dieskau - darum sollte es nicht gehen. Damit tut man dem Interpreten und auch der Tradition musikalischer Aufführungspraxis Unrecht. Das Konzerterlebnis ist durch das Wissen als Zuhörer über den Rahmen des Konzertes und über die Historie bzw. Interpretationsgeschichte eines Stückes beeinflusst. Ein Schubertianer weiß über "seine Winterreise" bescheid. Wenn ich ein Werk aufführe, sehe ich es - gerade bei der "Winterreise" - als meine Pflicht an, 200 Jahre Lebenslauf des Werkes zu kennen, im Moment der Aufführung aber nicht mit erhobenem Zeigefinger zu sagen: So ist es aber richtig, ich weiß, wie es geht. Mir geht es darum, dass ich ein möglichst großes Maß an Freiheit dadurch generiere, dass ich mich informiere. Das ist der zentrale Ansatzpunkt der Historischen Aufführungspraxis und das sind die Fragen, die für mein Verständnis von Interpretation wichtig sind.

Heißt das auch, der Zugang zu einem neuen Werk passiert bei Ihnen erst einmal durch Informationen über ein Werk? Oder steht zunächst das Werk an sich im Vordergrund und dann kommen nach und nach weitere Informationen hinzu?

Das ist schwer abzuwägen. In meinem Fall halten sich Information und Intuition hoffentlich die Balance. Natürlich ist der ursprüngliche, intuitive Zugang zur Musik erst einmal ein emotionaler, wenn ich mich durch ein Stück angesprochen fühle. Ich habe in den letzten Jahren im Zuge der Gesamtaufführung aller Schubert-Lieder in der Wigmore Hall und bei der Schubertiade so viele unbekannte Lieder singen dürfen, da wäre es gar nicht möglich und auch nicht angebracht gewesen, jedes einzelne Werk in dem Maße zu durchforsten, wie ich es aktuell bei der "Winterreise" tue. Bei einem neuen musikalischen Projekt ist mir wichtig, dass ich mir keine starre Meinung davon bilde, wie ich es singen und aufführen werde, sondern dass ich mich davon immer wieder löse und weiß: Ich kenne meine Noten, ich kenne meinen musikalischen Partner, wir vertrauen uns gegenseitig, tauschen im Zuge des Probenprozesses Informationen aus - und legen nichts fest. Das ist auf der Opernbühne natürlich etwas ganz anderes, da müssen Absprachen getroffen werden, da muss der Gang von A nach B genau abgestimmt sein. Das Tolle bei der Kammermusik ist ja gerade, dass die spontane Kommunikation im kleinen Rahmen möglich ist.

Das "Winterreise"-Projekt umfasst drei CDs. Wie kam es zu der konkreten Auswahl?

Am Anfang des Editionsprojekts stand tatsächlich die Idee, die Rezitation der "Winterreise"-Gedichte durch Lotte Lehmann zu veröffentlichen. Das sind für mich absolute Trouvaillen. Ihre Rezitation der "Winterreise" gab es bislang nur in den USA und auf der sehr guten Website der Lotte-Lehmann-League. Nun ist es die erste "Winterreise"-Edition geworden. Auf der CD befindet sich nichts als die Rezitation der "Winterreise"-Gedichte durch Lotte Lehmann sowie ihre Aquarellzeichnungen zu den 24 Liedern im Booklet. Diese erste Folge nenne ich "Inspiration. Die Schere klafft dann möglichst groß zur komponierten Interpretation von Hans Zender aus dem Jahr 1993 auf, die in einem Mitschnitt präsentiert wird, der im Januar 2016 entstanden ist - zusammen mit der Deutschen Radio-Philharmonie, die das Nachfolgeorchester des Orchesters ist, das Hans Zender in den 1970er und 1980er Jahren geprägt hat. Wir machen mit den ersten beiden CDs eine Spanne von der inspirativen Quelle der Gedichttexte bis zur komponierten Interpretation durch Hans Zender auf. Die dritte CD, "Imagination", beleuchtet dann, in welcher Form der Zyklus "Winterreise" zum ersten Mal dem Konzertpublikum präsentiert wurde, nämlich nicht als 24 Lieder ohne Pause im Kammermusiksaal, sondern zwar schon im Konzertsaal, aber im Verbund mit Instrumentalstücken, mit Alter Musik, vor allem im konkreten Fall der Aufführung mit Clara Schumann und Julius Stockhausen. Clara Schumann spielte Bach und Scarlatti und Felix Mendelssohns "Lieder ohne Worte". Die verschiedenen Schritte von der Poesie Wilhelm Müllers als Inspirationsquelle, über das Entstehen der Konzertform Liederabend bis zur postmodernen Sichtweise von Hans Zender auf das Stück - das ist der Rahmen, der das gesamte Projekt musikalisch umspannt.

Hans Zender und Julius Stockhausen sind in der Interpretationsgeschichte der Schubert-"Winterreise" Stationen, die mit jeweils unterschiedlichen Stilistiken der Aufführung umgehen und rechnen. Versuchen Sie bei der Beschäftigung mit historischen Stadien auch Stil- und Ausdrucksmittel, die damals üblich waren, aufzugreifen? Und kann das heutige Publikum die historischen Ingredienzen der Deutung identifizieren?

Das ist eine sehr wichtige Frage. Wenn ich die "Schöne Müllerin" oder die "Winterreise" vor einem fachkundigen Publikum singe, dann fällt den Menschen auf, dass ich über den Notentext hinausgehe und verziere. Es fällt denselben Menschen allerdings dasselbe nicht auf, wenn ich ein unbekanntes Schubert-Lied singe. Dann meinen viele, das gehört wohl so, das ist von Schubert so geschrieben. Ich traue mir eine stilistische Versiertheit zu, da ich mich sehr bewusst mit der Stilistik des 19. Jahrhunderts auseinandergesetzt habe. Es gibt ja Zeugnisse, wie Johann Michael Vogel, Schuberts bevorzugter Sänger, gesungen hat. Man kann das anhand von Notentexten nachvollziehen, z.B. anhand der Diabelli-Ausgabe der "Schönen Müllerin", die 1830 veröffentlicht wurde. Es gibt auch eine Notenedition, aus der hervorgeht, wie Julius Stockhausen die "Müllerin" gesungen hat, mit seinen Verzierungen, mit seinen rhetorischen Eingriffen und mit seinen Rückführungen auf Müllers Originaltexte. Es gibt mannigfaltige weitere Zeugnisse von Interpreten dieser Zeit. Ich mache das erfahrbar, weil es meiner Meinung nach zur musikalischen Sprache der Zeit gehört - sogar viel eher als das "richtige" Instrument. Die Stilistik ist auch am Klavier entscheidender, als ob das auf einem Graf-Flügel oder einem Steinway-Flügel gespielt wird.

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Das Zentrum des Projekts "P.Rhéi" ist eine Internetplattform. Welche Möglichkeiten ergeben sich durch das Internet?

Im Internet ist das Verfügbarmachen von Informationen sehr leicht geworden. Gleichzeitig ist das alles durch die Fülle der Angebote nicht leicht zu überblicken, auch qualitativ. Ich stelle gewissermaßen einen Pool von vorsortierten Informationen zur Verfügung, die aber nicht nur von mir individuell, sondern von einem Gremium vorsortiert wurden. Das Ganze ist also supervisiert, ich stehe mit Wissenschaftlern und Künstlern im Austausch. Daneben möchte ich einen digitalen Salon konzipieren, in dessen Rahmen es möglich ist, sich supervisiert darüber auszutauschen, was es bedeutet, ein Werk wie "Winterreise" aufzuführen, wo die Tragweite und Sinnhaftigkeit einer historischen Aufführungspraxis liegen, was die Stärken von historischen und modernen Instrumenten sind. Diese Fragen möchte ich gerne auf einem hohen Niveau diskutieren. Es besteht daher nicht die Möglichkeit wie bei Youtube oder Facebook, den Daumen hoch oder runter zu machen und einfach einen Kommentar abzugeben. Die Art und Weise, wie dort Kommentare abgegeben werden, finde ich der Sache nicht gerecht werdend.

Sind über "Winterreise" hinausgehend noch weitere Projekte geplant?

Ja. "P.Rhéi" wird sich in den nächsten Jahren hoffentlich nicht nur als Verlag oder als Medienplattform für Editionsprojekte etablieren, sondern ist auch ein Partner für Konzertveranstalter. Es sind gerade schon zwei Konzeptionen am Laufen, eine in Zürich im "Haus zum Lindengarten", in einem Dachstuhl, wo ich eine Reihe von Liederabenden mit verschiedenen Programmen für verschiedene Tasteninstrumente konzipiert habe. Das zweite Projekt ist die Konzeption der "Lounge Amadé" für das Mozartfest Würzburg in Zusammenarbeit mit dem Musikwissenschaftler Hansjörg Ewert. Sie wird beim nächsten Mozartfest im Juni 2017 zum ersten Mal öffentlich präsentiert. Daneben gibt auch schon den konkreten Plan eines Projektes "Johannespassion". Bei der "Johannespassion" von Johann Sebastian Bach ist für mich der kreative und aufführungspraktische Ansatz der folgende: Das Werk wird heutzutage häufiger im Konzertsaal aufgeführt als in der Kirche und vor allem nicht im Rahmen eines Gottesdienstes, sondern im Konzertrahmen inklusive Pause. Ein essenzieller Bestandteil des - heutig gesprochen - aufführungspraktischen Ur-Konzeptes der "Johannespassion" ist die Predigt nach dem ersten Teil, nachdem Petrus Jesus verleugnet hat. Heute gehen da die Leute in die Pause und trinken ein Glas Sekt. An diesem Punkt möchte ich ansetzen und bin dabei, eine Auftragskomposition zu konzipieren. Es geht darum, an der genannten Stelle eine Reflexionsebene einzuziehen, die im Konzert die Funktion einer Predigt im Gottesdienst einnehmen kann. Eine Textvorlage dazu habe ich bereits erstellt, indem ich Auszüge aus dem Johannesevangelium mit Auszügen der apokryphen Evangelien nach Judas, Maria und Thomas in Verbindung gesetzt habe.

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Unter dem Dach von "P.Rhéi" wird also nicht nur Interpretationsgeschichte veranschaulicht, sondern es gehen auch Impulse für die Interpretation der Gegenwart aus.

Ich würde gerne "P.Rhéi" als Marke oder als Gütesiegel etablieren für Konzertprogramme, die von verschiedenen Blickwinkeln aus Werke beleuchten. Man wird sehen, wie sich das entwickelt. Der Name "P.Rhéi" beinhaltet auch ganz bewusst, dass ich das nicht zu sehr beeinflusse und nicht in eine Richtung dränge, sondern dass ich in den Fluss steige ohne zu wissen, wohin er mich trägt.

Das Gespräch führte Dr. Tobias Pfleger.
(01/2017)

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