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Donnerstag, 30. März 2017

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Voralpenlandschaft, Copyright: Hotel Exquisit

Voralpenlandschaft, © Hotel Exquisit

Die Tage exquisiter Musik in Oberstdorf feiern Premiere

Ein Refugium für die Kunst in malerischer Landschaft


In Zeiten knapper öffentlicher Kassen sind Privatinitiativen für das heutige Kulturleben von immenser Bedeutung. Wenn darüber hinaus auch noch abseits der großen Metropolen eine neue Musikreihe entsteht, ist dies umso erfreulicher. Das Oberstdorfer Hotel Exquisit hat eine Konzertreihe ins Leben gerufen, die in der elegant-geschmackvollen Atmosphäre des Hotels ihr Zentrum besitzt, gleichzeitig aber in den gesamten Ort ausstrahlt. Bei den "Tagen exquisiter Musik" erfahren die Gäste geistige Inspiration, und auch das Sinnliche kommt nicht zu kurz. Draußen lässt sich die malerische Landschaft des Voralpenlandes genießen, in der Umgebung gibt es historische Bauwerke zu besichtigen und traditionelles Brauchtum kennenzulernen - das ist Urlaub für alle Sinne mit Kulturgenuss vom Feinsten. klassik.com besuchte die erste Ausgabe des Musikfestivals und konnte einen Blick hinter die Kulissen werfen.

Dresden in Oberstdorf

Die ersten "Tage exquisiter Musik" in Oberstdorf standen unter dem Motto "Oberstdorf heißt Dresden willkommen". Die Devise rückt Musik und Musiker in den Mittepunkt, denn der programmatische Spiritus rector der neuen Musikreihe stammt aus Dresden. Thomas Meining ist stellvertretender erster Konzertmeister der Sächsischen Staatskapelle und Primarius des Dresdner Streichquartetts, das als Kernformation der unterschiedlichen Programme auftrat. Weitere Musiker, allesamt Mitglieder der Dresdner Staatskapelle, hatten sie zur Unterstützung für die abwechslungsreichen Besetzungen der Konzerte mitgebracht. Bei der Veranstaltungsreihe wird Meining, der auch als Solist bei zahlreichen internationalen Festivals aufgetreten ist, auch in Zukunft die erste Geige spielen. Er zeichnet für die musikalische Seite verantwortlich, den organisatorischen und finanziellen Rahmen ermöglicht die Eigentümerfamilie des Hotels Exquisit. Eigentümer Ralf Schneider und seine Motan-Stiftung haben den ideellen und finanziellen Grundstein für das Musikfestival gelegt, in Zusammenarbeit mit dem programmatisch Verantwortlichen Thomas Meining soll die Reihe zu einer festen Institution des Kulturlebens in Oberstdorf werden.

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Fäden der Geschichte

Die neu gegründete Veranstaltungsreihe ist eines der wenigen Musikfestivals, die auf die Initiative eines Hoteliers zurückgehen. Charakteristisch sind in Oberstdorf vor allem die engen personellen Verbindungen, was der Musikreihe eine fast familiäre, intime Atmosphäre verleiht. Man merkt, dass dieses Festival nicht am Reißbrett entworfen wurde. Hier ist eine Idee gewachsen ist, hat sich entwickelt und ist nun zum ersten Mal erblüht. Seinen Ausgang nahm das zarte Pflänzchen in einer persönlichen Bekanntschaft, die sich über Jahre hinweg gefestigt hat. Die ehemalige Eigentümerin des Hotels, Gabi Wagner, ist gebürtige Dresdnerin. Einer ihrer Gäste war der Dresdner Geiger Thomas Meining, der schon seit Kindertagen eine besondere Beziehung zu Oberstdorf hat und später mit seiner Familie zu einem Stammgast des Hotels wurde. Schnell waren Bande geknüpft und Meining brachte Musik ins Hotel. Inzwischen bekam das malerisch gelegene Hotel durch den Konstanzer Unternehmer Ralf Schneider und seine Frau Renate ein neues Gesicht. Schneider nahm als neuer Besitzer des Hotels die bestehenden Fäden auf und hat sie als Musikliebhaber zusammen mit Thomas Meining weitergesponnen. Die Chemie zwischen beiden stimmte, und so war es nur folgerichtig, die Pläne in die Tat umzusetzen.

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Eine künstlerisch fruchtbare Symbiose

Das Ergebnis ist eine Musikreihe, die im Hotel Exquisit ihre Heimat gefunden hat, aber in den Ort ausstrahlt. Die Aufführungen fanden bei der ersten Ausgabe des Festivals am verlängerten Fronleichnams-Wochenende teils im sogenannten Prinzensaal des Hotels statt, aber auch in Oberstdorfer Kirchen - abgestimmt auf die Besetzung und den Charakter des jeweiligen Programms. Schließlich ist es das Ziel des Festivalgründers, Oberstdorf kulturell zu unterstützen und insbesondere auch die Bürger vor Ort zu erreichen. Daher sind die Aufführungen kostenlos, das Platzangebot wird mit Tickets reglementiert. Das Kulturangebot zu unterstützen, versteht Schneider als dringliche Aufgabe. So soll das mehrtätige Musikfestival einen festen Baustein des künftigen Oberstdorfer Konzertlebens bilden. Hier sind Programme zu hören, die ein aufgeklärtes und neugieriges Publikum voraussetzen und es herausfordern. Programme, die den verstehend nachvollziehenden Umgang mit Musik suchen, Hörherausforderungen moderner Musik nicht scheuen und das musikalische Erleben möglichst umfassend gestalten. So führt Thomas Meining moderierend durchs Programm oder eine "Nächtliche Serenade zum 200. Todestag von Matthias Claudius", mit der die Musikreihe eröffnet wird, bringt musikalische Beiträge und rezitierte Lyrik zusammen.

Die angestrebte Symbiose, die in solchen Programmideen aufscheint, gilt für die Musikreihe insgesamt. Denn die Aufführungen fügen sich nahtlos in den zeitlichen Verlauf eines Urlaubstages im Hotel. Mal am späteren Abend, mal als Matinee, mal als Festkonzert lassen die Konzerttermine freien Raum für andere Aktivitäten, etwa einen Festgottesdienst mit Fronleichnams-Prozession am Feiertag, sowie sportliche Touren oder Entspannungszeiten. Dass die Musiker unter demselben Dach wohnen und es Gelegenheiten gibt, mit ihnen persönlich ins Gespräch zu kommen, ist einer der Vorzüge dieser Musikreihe. In der kultivierten Atmosphäre des geschmackvoll eingerichteten Hotels werden die Erlebnisse der Konzerte durch das kulinarische Angebot zu einem vielgestaltigen Fest der Sinne. Die Festivaltage klangen im Restaurant des Exquisit jeweils mit einem mehrgängigen Feinschmeckermenü von Frank Aldinger aus. Der Küchenchef verwöhnte den Gaumen mit raffinierten Kompositionen aus vorwiegend regionalen Zutaten. Beim Genuss von Aldingers exzellenten Kreationen versteht man schnell, warum er zwei Jahre in Folge mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet wurde. Seine Menüs sind sorgsam aufeinander abgestimmt, ganz wie die musikalischen Menükarten der Konzerte.

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Kurzweilige, facettenreiche Programmgestaltung

"Kenner sollen beim neuen Festival in Oberstdorf ebenso auf ihre Kosten kommen wie wir auch Mutige an die Hand nehmen wollen, die sich gerne dem Neuland Musik öffnen wollen", versprach Meining bei der Einführungsveranstaltung. "Was wir nicht wollen, ist leichte Häppchenkultur bieten. Wir nehmen Gershwin und Strauß ebenso ernst wie Schostakowitsch und festliche Barockmusik. Es ist uns wichtig, den Horizont weit zu spannen und Neugierde zu wecken auf die unendliche Vielfalt der Musik." Diesen Anspruch erfüllte Meining dadurch, dass in den Konzerten nichts willkürlich aneinandergereiht ist, sondern die Programmteile durch vielgestaltige Querverstrebungen miteinander verbunden sind. So legten sich im Streichquartett-Konzert die Außensätze von Haydns "Sieben letzten Worten unseres Erlösers am Kreuze" als Paradigma christlicher Leidensdarstellung wie eine Klammer um Dimitri Schostakowitschs Streichquartett Nr. 8, in dem jüdische Volksweisen im Gedenken an die Pogrome mit einem musikalischen Duktus unerbittlicher Perkussivität verbunden werden, was wiederum im "Terremoto"-Satz bei Haydn weitergeführt wird. Den Abschluss machte Antonin Dvoráks Streichquartett F-Dur op.96, das sogenannte "Amerikanische", in dem das Element des Volkstümlichen in kunstmusikalischer Anverwandlung diesmal mit amerikanischen Weisen fortgeführt wurde. Neben der Serenade mit Streichquartett-Sätzen und Lyrik bot ein barockes Programm in der Pfarrkirche St. Johannes Baptist Festmusiken mit Trompetenglanz und straffen Oboenkantilenen, wobei mit Johann Gottlieb Goldberg auch ein wenig bekannter Komponist vertreten war und Arvo Pärts ruhig-zurückgenommene "Fratres" einen Moment meditativer Innenschau ermöglichten. Den Abschluss der ersten Festivalausgabe bildete ein Matinee-Konzert im eleganten Prinzensaal mit unterhaltsamer Salonmusik von Wolfgang Amadeus Mozart bis Leonard Bernstein mit Tango-Erweiterungen in der Zugabenstrecke.

Zusammengehalten wurden diese facettenreichen, kurzweiligen Programme durch Meinings dramaturgisches Geschick sowie sein Talent, in seinen Moderationen die musikalische Essenz der Konzertprogramme leichtfüßig und geistvoll zu vermitteln. Auch hier trifft das Bild der Symbiose, das für die "Tage exquisiter Musik" auf so vielfache Weise zutreffend ist, ins Schwarze.

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Oberstdorf und das Hotel Exquisit

Kulinarische Überraschungen vom Sternekoch, ein mehr als 1000 qm großer Spa-Bereich sowie ein 200 km langes Wander- und Radwegenetz in unterschiedlichen Höhenlagen - das darf man durchaus als exquisites Angebot bezeichnen. Die überwältigende Bergkulisse animiert zu Bewegung im Freien: gesunde Luft und freie Natur, und von beidem gibt es in Oberstdorf mehr als genug. Berge, Täler, Seen und modernste Sportanlagen laden dazu ein, jeden Tag unterschiedlichen Sport zu treiben. Skifahren, wandern, langlaufen, snowboarden, segeln, Rad fahren, schwimmen, raften oder golfen - über ein mangelndes Angebot kann man in Oberstdorf wirklich nicht klagen. Wer lieber den Ort erkundet und sich für Geschichtliches interessiert, durchwandert eine Gegend, die von 1200 Jahre Klostergeschichte in Ottobeuren geprägt ist. Noch immer leben die Mönche im Kloster nach den Regeln des heiligen Benedikt. Die zugehörige Basilika zählt zu den bedeutendsten Bauwerken des europäischen Barocks. Sie ist für reich verzierte Altäre aus Stuckmarmor und ihre Innenausstattung im Stil des Rokoko berühmt.

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Ausblicke: 2016 geht es hoch hinaus

Nach dem gelungenen Start in diesem Jahr laufen die Planungen für 2016 bereits auf Hochtouren. Vom 8. bis 12. Juli 2016 laden Familie Schneider, das Hotel Exquisit und Thomas Meining wieder ins Allgäu ein. Neben den Spielstätten Prinzensaal und der Pfarrkirche Oberstdorf geht es als besonderer Höhepunkt und "musikalischer Höhenrausch" hoch hinaus bis auf über 2000 Meter, wenn unter dem Motto "Dem Himmel ein Stück näher" auf dem Fellhorn Melancholie und Abschied in zwei Werken von Franz Schubert und Astor Piazzolla im Mittelpunkt stehen. Auch das Programm der nächsten Festivalausgabe hat Thomas Meining bereits sorgsam abgeschmeckt: "Wie ein Sommelier habe ich mich bemüht, ein facettenreiches Programm zu kreieren, welches hoffentlich viele Geschmacksnerven anspricht." Eröffnet werden die Musiktage mit einem literarisch-musikalischen Abend mit Lyrik von Hermann Hesse. Das Dresdner Streichquartett interpretiert Meisterwerke der Streichquartett-Literatur von Haydn, Beethoven und Schostakowitsch. Abgerundet wird das Programm mit einer humorvollen Lesung durch Lars Jung "Der Kurgast - Aufzeichnungen von einer Badener Kur". Die Naturnähe betont das Dresdner Kammerorchester mit einem doppelten Jahreszeiten-Programm. Zu hören sind die "Vier Jahreszeiten" von Antonio Vivaldi und Astor Piazzolla. Natur und Kunst werden auch in der zweiten Ausgabe der "Tage exquisiter Musik" eine symbiotische Beziehung eingehen.

Das Gespräch führte Florian Schreiner.
(12/2015)

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