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Dienstag, 27. Juni 2017

Photo: Christine Schneider

Barrieren abbauen, Neugier wecken, Klassik "salonfähig" machen: Um dies zu erreichen, haben die Cellistin Raphaela Gromes und der Pianist Julian Riem einen Kurzfilm über ihren ganz persönlichen Künstler-Alptraum gedreht.

"Wir wollen den Menschen wundervolle Augenblicke schenken"


Seit 2013 fasziniert das Münchner Duo Raphaela Gromes (Violoncello) und Julian Riem (Klavier) die Kammermusikwelt, Kritiker schwärmen von einer idealen Balance. Begonnen hat alles beim Richard-Strauss Wettbewerb 2012. Damals gewann die junge Cellistin Raphaela Gromes den 1. Preis. Beim Preisträgerkonzert mit dem Pianisten Julian Riem fanden sich anschließend zwei sich ideal ergänzende Musikpartner. Bald darauf erschien ein Mitschnitt von diesem Konzert bei FARAO classics. klassik.com-Autorin Christiane Franke hat ein Konzert der beiden Künstler am Starnberger See besucht und im Anschluss mit den beiden Musikern gesprochen. Unter dem Motto „England und Frankreich“ erklangen englische Cello-Romantik sowie Sonaten von Claude Debussy und César Franck. Im ersten wie im zweiten Konzertteil boten Raphaela Gromes und Julian Riem dazu eine kleine Einführung. Sie wollen ihr Publikum an die Hand nehmen, mit bekannten Melodien verwöhnen, an neue, wenig oder bislang gar nicht gehörte Werke heranführen, Berührungsängste abbauen, Zuhörer einfangen. Dafür beschreiten sie ungewöhnliche Wege, etwa mit dem Kurzfilm "Cello nightmare"mit Figaro-Klängen von Gioachino Rossini und Mario Castelnuovo-Tedesco.

Sie haben ein Programm unter dem Titel "England und Frankreich" zusammengestellt. Nach welchen Maßgaben entwickeln Sie Ihre Konzertprogramme?

Julian Riem: Man schaut das Repertoire an, was es alles gibt, was gut zusammenpasst und sucht natürlich Stücke, die die Leute anziehen, weil sie schon ein wenig bekannt sind, wie zum Beispiel die Franck-Sonate und Debussy. Zudem suchen wir sinnvolle Verbindungen mit weniger bekannten Stücken. Wesentlich ist ein Spannungsverlauf: Warum kommt jetzt das nächste Stück? Das kann vollkommen abstrakt sein und unabhängig von einer Konzeption, deren Stückabfolge man im Vorhinein überlegt hat.

Wie stimmen Sie sich denn über solche Fragen ab? Oder schlägt es einer vor und er andere sagt: Das könnte passen …

Riem: Das geht so hin und her.

Sie streiten nicht darüber?

Raphaela Gromes: Wir streiten nie! (lacht)

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Haben Sie auch immer eine einheitliche Vorstellung davon, wie ein Werk interpretiert werden soll?

Riem: Das ist sehr unterschiedlich. So kann es zum Beispiel sein, dass der eine im Konzert spontan die Initiative ergreift und darauf setzt oder vertraut, dass der andere mitmacht - was meistens erstaunlicherweise gut klappt; oder dass eine Interpretation einfach entsteht, die wir beide gar nicht intendiert haben - das ist dann fast ein metaphysisches Erlebnis. Plötzlich ist die Interpretation da, und wir machen das gleichzeitig. Das ist ein genialer Moment, wenn das passiert. Gromes: Wobei man dazu sagen muss, dass wir beim Proben über viele Stellen auch diskutieren und verschiedene Ideen haben. Dann probieren wir einfach aus und entscheiden uns für eine. Manchmal sagen wir aber auch: Okay, machen wir es, wie es dann im Moment auf der Bühne passt.

Sie wählen Ihr Programm mit Blick auf das Publikum aus. Wie schnell merken Sie, wie ihr Publikum darauf reagiert?

Riem: Eigentlich sofort. Man hat manchmal das Gefühl, man merkt schon vorher, bevor man eigentlich angefangen hat, wie das Publikum, wie die Stimmung im Saal ist.

Wie reagieren Sie darauf?

Gromes: Manchmal wird man dann ganz unruhig und versucht, irgendetwas Spannendes zu machen, zum Beispiel schneller zu spielen. Riem: Oder langsamer. Manchmal kommt mir die Aufmerksamkeit vor wie eine fast plastische Masse, die kommt und mit der man umgehen kann - oder eben auch nicht, wenn man beispielsweise den Kontakt nicht findet. Das Publikum hat sehr großen Einfluss auf das Gelingen des Abends. Wir spielen ja nicht für uns.

Für Ihr Publikum haben Sie einen Film gedreht. Was erzählen sie in ihrem Film?

Gromes: Wir zeigen - passend zu dem flotten Charakter der Musik - in Form eines satirischen Alptraums, was einen Musiker vor seinem Auftritt plagen könnte, wenn Lampenfieber und Chaos im stressigen Konzertleben überhand nehmen.

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Warum haben Sie sich für diese Geschichte entschieden?

Riem: Wir wollten einen Film machen, der nicht den klassischen Internet-Musikvideos entspricht. Meist sieht man die Musiker beim Spielen, mal von hinten, mal von vorne, mal ist es dramaturgisch gelungen, wenn man beispielsweise über die Totale auf eine groß angelegte Stelle hinweist, oder die Kamera bei einer schwierigen Stelle nur die Hände zeigt. Wir wollten eine Geschichte, die einem Stück eingeschrieben sein könnte, die man sich beim Hören so im Kopf zurechtlegt oder die auch spontan entsteht. Gromes: Wir haben gemerkt, dass Menschen ganz anders zuhören, wenn sie sich dabei etwas vorstellen können. Wenn wir spielen, produzieren wir ja nicht einzig Töne, sondern erzählen eine Geschichte. Dieser Film eröffnet uns die Möglichkeit, den Leuten zu zeigen, was wir damit meinen. Wir möchten, dass die Zuhörer nicht einfach nur dasitzen und die Musik als Abstraktion erleben, sondern sie sich inspirieren lassen, bei klassischer Musik auch ein Kopfkino anschalten.

Glauben Sie, dass das bei jedem funktioniert?

Gromes: Das ist schwer zu sagen. Oft geben wir aber in unseren Konzerten, wie auch heute Abend, Anstöße dazu in kurzen Moderationen.

Wer hatte denn die Idee zum Film?

Gromes: Wir wollten schon lange etwas machen, wussten aber nicht genau zu welcher Musik, an welchen Orten usw. Dann haben wir "Figaro" als Zugabe ins Repertoire aufgenommen. Das Stück ist die Paraphrase einer Opernarie aus Rossinis "Barbier von Sevilla" und legt dadurch naturgemäß eine Handlung nahe. Der Beruf des Protagonisten Figaro - Barbier - führte uns in den Friseursalon. Dann kam eins zum andern.

Sie haben also gemeinschaftlich diesen Film entwickelt?

Riem: Ja, wir hatten die Idee, eine Geschichte zu erzählen, die möglichst nahe an der Musik ist. Gromes: Wir haben die Geschichte nicht von Anfang an durchgeplant, sondern hatten verschiedene Szenen vor Augen, die zur Musik gut passten. Wir haben anfangs nur versucht, die Musik in Bilder umzusetzen. Und irgendwann ist dann eine Geschichte daraus geworden. Die Alptraumwendung, dieses Aufwachen am Ende des Films, kam erst ganz am Schluss dazu. Die Idee hatte unsere Regisseurin Marie Reich.

Gab es ein Vorbild für Ihren Film?

Gromes: Nein. Es gibt von uns ja schon länger die üblichen Videos, wie wir einfach auf der Bühne spielen. Wir dachten, dass das bestimmt auch anders gehen kann.

Im Film laufen Sie, Herr Riem, der Cellistin hinterher. Sind Sie der typische Begleiter?

Gromes: Nein, überhaupt nicht! (lacht) Auch dieser so oft gebrauchte Begriff „einfühlsamer Begleiter“ kommt bei Julian nicht so wahnsinnig gut an.

Sie spielen zum Teil auswendig. Das ist in einer Duobesetzung ungewöhnlich. Weshalb lassen Sie die Noten weg?

Gromes: Weil wir gemerkt haben, dass wir viel freier sind und noch besser zusammenspielen können. Riem: Für einen Pianisten ist das ja eigentlich normal. Klavierabende spielt man immer auswendig.

Bei Klavierabenden schon, wenn man solistisch auftritt. Fühlen Sie sich in dieser Situation dann auch ein bisschen solistisch?

Gromes: Eben nicht. Wenn ich alleine auswendig spiele und Julian mit Noten, dann hat es etwas Solistisches. Das finde ich nicht gut. Mir ist es wichtig, dass das Duo als solches erlebt wird. Daher finde ich es ganz toll, dass Julian jetzt tatsächlich auch auswendig spielt. Riem: Nun, das liegt nicht fern, und für mich ist es ein anderes Spielgefühl, näher an einem Recital. Es befreit und ermöglicht eine größere Souveränität in spontaner Gestaltung, im Eingehen auf die momentane Atmosphäre, auf vielleicht etwas, was gerade knistert.

Das Duo GromesRiem existiert seit 2012. Was sind Ihre Erinnerungen an den Anfang?

Riem: Ich erinnere mich, dass es von vorneherein super funktioniert hat. Es war einfach von Anfang an klar: Wir spielen und es passt. Gromes: Unserem ersten gemeinsamen Konzert sind viele Engagements, gute Kritiken und tolle Stimmen gefolgt, die uns ermutigt haben, als Duo zusammenzubleiben.

Im Film gewinnt man den Eindruck, Sie haben viel Spaß miteinander und es kommt Ihnen in der Hauptsache darauf an, dass Sie zusammenspielen. Was sind Ihre Pläne als Duo?

Gromes: Anfang nächsten Jahres spielen wir als Duo auf der MS Europa und haben auch sonst einige Duorecitals auf der Agenda, unter anderem kehren wir im November zurück nach Garmisch. Riem: Als Duo planen wir auch schon wieder ein paar CDs - und wollen auch noch weitere Videos drehen.

Copyright Christine Schneider

Sie nennen Videos und CDs. Was ist nötig, damit ein Künstler heute in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird?

Riem: Ich glaube, es muss ein Zusammenspiel von allen diesen verschiedenen Medien sein, die heute allgegenwärtig sind. Für mich persönlich sind diese aber eigentlich nur ein Hilfsmittel, um wirklich Konzerte spielen zu können. Im Ergebnis zählt für mich nur die lebendige Situation - die Aufmerksamkeit, die der musikalische Prozess in Gang setzt, real und unwiderruflich. Gromes: Als Künstler muss man heutzutage abgesehen vom Musizieren sehr viel beherrschen. Wir haben uns zum Beispiel lange überlegt, ob wir in einem sozialen Netzwerk aktiv werden sollen, um uns dort zu vermarkten. Auch für das Video wäre das natürlich die ideale Möglichkeit gewesen, um eine große Plattform zu haben. Aber wir leben in einer Zeit, in der so viele Informationen auf die Menschen einströmen und eigentlich ständig eine Überflutung stattfindet. Da wollen wir nicht eine weitere Quelle sein, die die Menschen überflutet. Für eine erfolgreiche Socialmedia-Seite muss man alle zwei bis drei Tage etwas schreiben, ständig Bilder, Kritiken oder Einladungen posten, dann geht es weiter mit den Likes, und man braucht ganz viele sog. Follower. Das ist uns einfach zu unreal. Wir haben das Gefühl, da entsteht eine Parallelwelt, die wenig mit dem Eigentlichen zu tun hat. Wir wollen den Menschen wundervolle Augenblicke schenken und ihnen nicht ihre Zeit stehlen.

Wie schaffen Sie das, dem Publikum diese Momente zu schenken?

Gromes: Auf der Bühne ist es tatsächlich das Wichtigste, einen Kontakt zu den Menschen herzustellen, sie zu berühren, sie vielleicht vom Alltag abzulenken, von ihren Sorgen, aber vielleicht auch einfach, ihnen etwas zu geben, was sie vorher noch nicht empfunden haben - einen einzigartigen Moment! Riem: Es geht uns um die unmittelbare Verbindung mit dem Publikum, die Teilhabe am musikalischen Verlauf. Im günstigsten Fall tritt man selber immer weiter dahinter zurück, so dass nur noch die Musik wirkt. Für mich ist Musik immer so etwas wie Homöopathie. Diese innere Berührung, die stattfindet, kann etwas sehr Machtvolles sein. Nur weiß kein Mensch so genau, in welcher Weise es wirklich wirkt, nur dass einiges passiert.

Gibt es für Sie als Duo so etwas wie einen großen Traum?

Gromes: Ja, dass eine riesige Agentur kommt und sagt: Wir schicken Euch durch die ganze Welt, und ihr müsst nichts anderes tun als spielen und die Leute berühren. (lacht)

Das Gespräch führte Christiane Franke.
(11/2015)

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