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Mittwoch, 20. September 2017

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Programme abseits der Konventionen beim Festival Printemps des Arts de Monte-Carlo

Musik ohne Grenzen


Das Festival Printemps des Arts de Monte-Carlo findet in diesem Jahr zum 37. Mal statt. Auch in diesem Jahr hat der Festivalleiter Marc Monnet mehrere Schwerpunkte gesetzt, die das umfangreiche Programm mit thematischen Strängen durchziehen. Hector Berlioz ist einer davon, dessen Werke auch auf historischen Instrumenten vorgestellt werden. Darüber hinaus werden bei dem vom 17. März bis 8. April stattfindenden Festival auch in diesem Jahr die Konzerte durch ein reiches Rahmenprogramm flankiert. Von der inhaltlichen Vielfalt konnte sich klassik.com-Autor Michael Pitz-Grewenig überzeugen, der in Monaco ein mit Konzerten prall gefülltes Wochenende verbracht hat.

Preispolitik in Monaco

Das Festival Printemps des Arts de Monte Carlo kann mittlerweile auf eine lange Tradition zurückblicken. Seit seiner Gründung im Jahre 1976 unter der Patronage von Grace Kelly bietet es zu Beginn des Frühlings, also zwischen Mitte März bis Mitte April, zahlreiche reizvolle Konzerte mit international renommierten Interpreten. Die Eintrittspreise sind moderat und bewegen sich zwischen 17 und 50 Euro, hinzu kommen zahlreiche Ermäßigungen. Der Zutritt für Kinder bis 13 Jahre ist generell kostenlos, jugendliche Musikliebhaber zwischen 13 und 25 Jahren zahlen nur 10 Euro. Man wollte in Monte Carlo von Anfang an den Zugang zur Musik nicht durch überhöhte Eintrittspreise verhindern und auch den Ruf des Elitären vermeiden. Und wenn man weiß, dass es für alle Restaurants in Monte Carlo Plicht ist, zur Mittagszeit ein komplettes Menü inklusive Getränke zu bezahlbaren Preisen anzubieten, so kann man entspannt in hochwertigen Restaurants speisen. Man muss allerdings ein sogenanntes Formule bestellen, sonst kann einem der Preis dann doch auf den Magen schlagen.

Spannende Entdeckungen

Das große Programmbuch umfasst über 150 Seiten und bietet eine Fülle von spannenden Entdeckungen. Zu jedem Konzert gibt es zudem umfangreiche Programmhefte, die - wie das Programmbuch - kostenlos verteilt werden. Marc Monnet, der seit 2003 das Festival leitet, hat in Bezug auf die Programmplanung seit langem vom Charakter einer Gemischtwarenmesse Abstand genommen und mit Komponistenporträts schon in den letzten Jahren sinnvolle Schwerpunkte gesetzt. In diesem Jahr war es Hector Berlioz. Zahlreiche Konzerte, Ausstellungen und Vorträge drehten sich um sein Werk. Marc Monnet, selbst renommierter Komponist, erweist sich immer mehr als Glücksfall. Ihm geht es um Vielfalt, die Entdeckung und Förderung junger Talente, aber auch um außereuropäische Kulturen. Er ist in der glücklichen Lage, seine Vorstellungen ohne finanziellen Druck realisieren zu können, und so entstehen Konzertprogramme, die im üblichen Konzertwesen kaum zu realisieren sind.

Kongo zu Gast

Bestes Beispiel hierfür ist das "Monaco Musik Forum" bei dem simultan in drei Sälen 10 Konzerte mit Avantgardemusik veranstaltet wurden. Vier Stunden dauerte dieses Mammutprogramm. Ähnlich lang dauerten auch die vier Konzerte der Reihe "Concept Piano", bei denen teilweise bis zu drei Pianisten und zwei Dirigenten auftraten. In diesem Jahr gab es ein Wiedersehen mit Komponisten und Musiker aus dem Kongo. Der Aspekt der Völkerverständigung auf kultureller Ebene ist dabei nicht nur sekundär. Mit dem vorzüglichen Orchestre symphonique kimbanguiste kam ein hervorragender Klangkörper des Kongos zum Festival. In einem Konzert erklangen sinfonische Werke von Armand Diangienda Wabsolele, Héritier Mayimbi Mbuangi und Ludwig van Beethoven – eine interessante Kombination.

Umfassendes Rahmenprogramm

Weitere Schwerpunkte sind neben Hector Berlioz die Musik der Renaissance sowie Klaviermusik. Insgesamt sind fast 300 Künstler in diesem Jahr in Monte Carlo zu Gast. Rund um das Festival gibt es zahlreiche Ausstellungen, die im Zusammenhang mit den Konzerten stehen. Da in diesem Jahr ein Schwerpunkt auf Werken von Hector Berlioz liegt, gab es eine Ausstellung mit Blasinstrumenten, damit verbunden zahlreiche Vorträge zur Entwicklung des Instrumentenbaus, Spieltechniken und die Bedeutung der Instrumentierung bei Hector Berlioz. Zu Beginn einiger Konzerte gibt es Vorträge und seit 2016 Gesprächsrunden. In diesem Jahr gab es davon zwei, die sich mit der Musikausbildung und Problemen heutiger Orchester beschäftigten. Vervollständigt wurde das umfangreiche Angebot durch kostenlose Meisterkurse von Mario Caraoli, Flöte, und Jean-Efflam Bavouzet, Klavier. Neue Musiktechnologien stehen wie auch schon vor einem Jahr im Mittelpunkt eines fünftätigen Workshops "IanniX" im Yacht Club de Monaco.

Aus unserer Zeit

Das Festival Printemps des Arts de Monte Carlo, das noch bis zum 8. April läuft, fand niemals zuvor eine so große Publikumsresonanz wie in diesem Jahr. Das lag sicher nicht nur an der Zugkraft der spannenden Konzeption von Marc Monnet und seinem Team, sondern bestimmt auch daran, dass dieses Festival gerade auch aufgrund der Betonung der Avantgardemusik immer mehr einen bedeutenden Stellenwert innerhalb des Musiklebens Frankreichs einnimmt, und vermutlich nicht nur dort. In einer Zeit, in der finanzielle Mittel für zeitgenössische Musik immer mehr gekürzt werden, sind solche Festivals umso wichtiger.

Neues und Altes

Das zweite Wochenende des Festivals Printemps des Arts de Monte Carlo bot innerhalb der Reihe "Concept de Piano" zwei spektakuläre Konzerte: einen Solo-Klavierabend mit zwei Pianisten und einen weiteren mit drei Dirigenten und vier Pianisten. Der erste Klavierabend in der wunderschönen Opéra Garnier wurde von zwei Pianisten gestaltet. Dabei stellte sich heraus, dass beide – zwar durch eine Generation voneinander getrennt – sich in der strukturellen Auffassung der Werke sehr nahe sind. Die leider viel zu selten zu hörende Sonate "1.X.1905" aus demselben Jahr von Leos Janacek wurde vom tschechischen Pianisten Ivo Kahánek expressiv bis zum Äußersten aufgeladen. Extreme Tempi und ganz unsentimentale Empfindsamkeit war in den drei Scherzi (Nr. 1 op. 20, Nr. 2 op. 31 und Nr. 4 op. 54) von Frédéric Chopin zu hören. Gleiches galt auch für die "Trois danses tchèques" von Bohuslav Martinú. Verbunden mit einer genauen Befolgung des Notentextes ergab sich eine hinreißende Interpretation dieser Werke. Ivo Kahánek bewies die Fähigkeit, bei diesen Werken, deren Substanz den Zugriff der Virtuosenhand nicht verträgt, auf jegliche aufgesetzte pianistische Gestik zu verzichten und so eine Art Selbstverwirklichung der Wirkung zu erlauben. So wurde der Wert des Werkes quasi überhöht, der Interpret trat in den Hintergrund. Letztlich wurde so der Eindruck unübertreffbarer Authentizität des Spiels hervorgerufen.

Experimentierfeld

Genau in diesem Punkt traf sich Ivo Kahánek mit dem Pianisten Jean-Efflam Bavouzet, der in der zweiten Konzerthälfte eine überragende Interpretation von Ludwig van Beethovens Klaviersonate Nr. 6 in F-Dur op. 10 Nr. 2 ablieferte. Faszinierend, wie Bavouzet im ersten Satz jenen experimentellen Charakter dieser Sonate herausarbeitet und so nachvollziehen ließ, dass dieses Werk einst provozierend wirkte. Im schnellen Presto-Finale lotete Bavouzet mit äußerster Sorgfalt rhythmische Grenzen aus, achtete dabei aber stets darauf, dass trotz des halsbrecherischen Tempos alles gut durchhörbar blieb. Gleiches galt auch für die Kompositionen von Béla Bartók ("En plein air" Nr. 4)und Maurice Ravel ("Oiseaux tristes", "Une barque sur l’océan" und "Alborada del gracioso"). Interpretatorischer Höhepunkt blieben aber die "Douze Notations pour Piano" von Pierre Boulez. Eine Komposition aus der Sturm-und-Drang-Periode des Komponisten, in der er die Klaviermusik als intellektuell-schöpferisches Experimentierfeld begriff und seine klanglichen Vorstellungen mit äußerster Radikalität umsetzte. Bavouzet arbeitete die klanglichen und rhythmischen Kontraste dieser Musik plastisch heraus. Er verfügt über eine hoch sensibilisierte Genauigkeit, extreme Kontrolle und intellektuelle Zügelung, ohne dabei ins Akademische zu verfallen und schuf somit eine überzeugende Wiedergabe dieser Musik, die leider bei anderen Pianisten oft in morbide Trostlosigkeit verfällt. Am Ende, nach über vier Stunden (!), begeisterter Beifall im ausverkauften Saal der Opéra Garnier.

Vier Pianisten und drei Dirigenten an einem Abend

Am nächsten Tag standen vier Klavierkonzerte mit vier Pianisten und drei Dirigenten im Auditorium Rainer III auf dem Programm. Bei György Ligetis Klavierkonzert demonstrierte der belgische Pianist Jan Michiels einen sachlichen, unpathetischen Musizierstil bei gleichzeitiger genauer Beachtung der Spielanweisungen. Fülle, Brillanz, Farbigkeit und Virtuosität, all das war in reichem Maße vorhanden. Jan Michiels ging mit äußerster Konzentriertheit vor und gab dem diffizilen Werk durch die Herausarbeitung differenzierter Farben und kleiner rhythmischer Verschiebungen die notwendige Fantastik. Das Orchestre Philharmonique de Monte-Carlo unter Leitung von Jean Deroyer erwies sich als gewissenhafter Partner und lieferte eine durchstrukturierte Interpretation dieser komplexen Musik, der es an elektrisierender Hochspannung nicht mangelte. Das galt auch für das leider viel zu selten aufgeführte Klavierkonzert Nr. 4 von Bohuslav Martinu. Ivo Kahánek stürzte sich in das schwindelerregend virtuose Werk ohne Vorbehalte und bewies, dass Martinus Musik nicht nur zu den spannendsten Werken des 20. Jahrhunderts zählt. Die Ablehnung oder zumindest Nichtbeachtung seines Schaffens beruht wohl eher auf ideologischen Dogmen denn mangelnder Qualität der Werke. Bei Wolfgang Amadeus Mozarts Klavierkonzert Nr. 19 in F-Dur KV 459 faszinierte der Pianist Jean-Efflam Bavouzet gemeinsam mit Dirigent Gábor Takács-Nagy mit einer impulsiven, gestenreichen, plastisch modellierten Deutung der thematischen Zusammenhänge. Dabei wurde bei aller ernsthaften Konzentration luftig-spritzig musiziert und der Klavierklang in den der Streichinstrumente eingebunden, ohne dass es zum Einheitsflächenklang kam.

Ausnahmepianist

Den Zenit seines Könnens hat der Pianist Bruno Leonardo Gelber leider überschritten. Die Gründe hierfür sind hinlänglich bekannt. Aber trotz der gesundheitlichen Probleme, die ihn sichtlich plagen, besitzt sein Spiel noch etwas von der Magie, die ihn zur Legende werden ließ. Nach anfänglichen Problemen im ersten Satz des Klavierkonzertes Nr. 5 von Ludwig van Beethoven gestaltete er die schnellen Sätze mit einer hinreißenden Verve und einer eloquenten Eleganz. Sein Spiel ist unmissverständlich antiheroisch. Er setzte mit wundervoll nuancenreichem Ton auf Kommunikation mit dem Orchester, das ihm unter der Stabführung von Gábor Takács-Nagy willig folgte. Mit großem Sinn für klangfarbliche und strukturelle Zusammenhänge gestaltete Gelber auch den langsamen Satz. Dieses Konzert bewies, dass dieser Pianist noch immer eine große Ausnahme darstellt. Großes Kompliment auch an das Orchestre Philharmonique de Monte Carlo, das unter den drei Dirigenten und den unterschiedlichen kompositorischen Anforderungen sich stets als kompetenter Klangkörper erwies. Nach über vier Stunden gab es etwa eine halbe Stunde vor Mitternacht begeisterten Beifall für ein herausragendes und spannendes Konzert.

Das Gespräch führte Michael Pitz-Grewenig.
(03/2017)

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