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Donnerstag, 23. Februar 2017

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Das Festival Printemps des Arts de Monte-Carlo wartet mit illustren Künstlern auf.

Mahler in Monte-Carlo


Das Festival Printemps des Arts de Monte-Carlo präsentiert sich in seinem 36. Jahr mit vielen liebgewordenen Traditionen, aber auch mit einigen Neuerungen. Das ist ganz im Sinne des französischen Komponisten Marc Monnet, der das Festival seit 2003 künstlerisch leitet und wichtige Impulse setzt. Mit Neugier und Verve haben sich Monnet und sein Team in die programmatische Gestaltung der Veranstaltungen gestürzt, die vom 19. März bis zum 10. April stattfinden. Auf dem Festival hat sich klassik.com-Autor Michael Pitz-Grewenig umgeschaut.

Neue Zielgruppen

Marc Monnet sieht es als Herausforderung, neue Zielgruppen zu begeistern. Musikalisch reicht die Bandbreite in diesem Jahr vom klassischen bis zum zeitgenössischen Repertoire, von ethnischer bis elektronischer Musik. Schwerpunkt in diesem Jahr ist das Schaffen von Gustav Mahler. Eingeladen wurden die Bamberger Symphoniker, das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin, die NDR Radiophilharmonie, das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR und das Monte-Carlo Philharmonic Orchestra. Andreas Staier, Till Fellner und Arcadi Volodos und renommierte Streichquartett-Formationen wie die Diotima-, Tana- und Signum-Quartette sind ebenfalls zu hören.

Moderne Multimediatechnik

In diesem Jahr liegt ein weiterer Schwerpunkt auf der zeitgenössischen Musik, naturgemäß ein besonderes Anliegen von Marc Monnet, dem auch stets am Herzen liegt, moderneste Technologien und die damit verbunden neuen ästhetischen Auffassung von Musik verbunden mit bildender Kunst in das Festival zu integrieren. Anlässlich des neunzigsten Geburtstages der Komponistin Betsy Jolas wurde ein Kompositionsauftrag erteilt. Das Werk soll im Rahmen eines Workshops auf der Multimedia-Plattform IanniX erarbeitet und präsentiert werden. IanniX ist eine Opensource-Plattform. Die entsprechenden Programme können kostenlos im Internet herunterladen werden, ebenso die damit entstandenen Werke. Podiumsdiskussionen, Meisterkurse und Treffen mit den Künstlern runden das spannende Festival ab.

Erstaunliche Perspektiven im Liederabend mit Maria Riccarda Wesseling

Mann und Weib reichen nach Schikaneders empfindsamem Singspiel an die Gottheit heran. Dieser fromme Wunsch ist nun schon fast 300 Jahre alt, aber komponierende Frauen müssen sich bis heute noch immer arg anstrengen, während die Männer selbstsicher durch die Musikgeschichte stapfen. Es ist ja keineswegs so, dass es nicht unzählige Untersuchungen und Einspielungen zum Liedschaffen von Alma und Gustav Mahler gäbe. Es wird aber oft vergessen, dass die Sicht auf komponierende Frauen durch Verfälschungen, die aus herkömmlichen Rezeptionsweisen resultieren, oft auch noch immer eine adäquate interpretatorische Auslegung verstellt. Wenn das Musikfestival Printemps des Arts de Monte-Carlo sich in diesem Jahr dem Schaffen Gustav Mahlers widmet, so war es eine kluge Entscheidung, das Eröffnungskonzert mit einem intimen Liederabend zu beginnen, in dem Lieder von Alma und Gustav Mahler erklangen. Bei allen Brüchen, die Alma Mahlers Biographie bestimmten, ist fraglos, dass sie eine ausgezeichnete Komponistin gewesen ist. Bekannt ist der Ausspruch von Bertha Zuckerkandl: ‚Schön ist sie – das ist unangenehm. Klavier spielt sie famos – das verdrießt. Und componieren thut‘s auch – das ist doch rein zum aus der Haut fahren.‘ Das trifft aber nur einen Aspekt – Alma war ihrem Mann bei kompositionstechnischen Fragen eine kompetente Partnerin, wie man heute weiß. Mit der Mezzosopranistin Maria Riccarda Wesseling wurde eine Künstlerin ausgewählt, die auch über ein herausragendes Wissen um die Sache verfügt. Das zeigte sich auch in der Zusammenstellung der Lieder. Von Gustav Mahlers "Frühlingsmorgen" bis hin zum abschließenden "Wo die schönen Trompeten blasen" wurde ein reizvoller Bogen geschlagen. Maria Riccarda Wesseling verfügt über eine große Bandbreite vokaler Ausdrucksmöglichkeiten, die notwendig ist, um in der emotional wie geistig so fesselnden Musik wie den Liedern von Alma und Gustav Mahler die Grenze zwischen einer distanzierenden und expressiven Gestaltung zu finden. Es machte das Besondere dieses Liederabends aus, dass Maria Ricarda Wesseling und ihr Partner, der Pianist Peter Nilsson, ein sich glänzend verstehendes Team sind, das mit hochsensibler Sensorik aufeinander reagierte. Beide entwickelten für diese Lieder einen klanglichen Kosmos, in dem sie sich mit einer filigranen Seismik ausgestattet souverän bewegten und so die ganze Ausdruckskraft dieser Musik zum Klingen brachten, ohne je übertrieben emotional zu agieren.

Dezent und nuancenreich

Alma Mahlers Lieder "Der Erkennende" und "Kennst Du meine Nächte" wurden nicht zu sentimentalen Schmonzetten degradiert, sondern in ihrer Zartheit und Zurückhaltung erfasst und bekamen so eine emotionale Tiefe, wie sie nur selten zu erleben ist. Klug wurde auch Heinrich Heines Ironie in dem Lied "Ich wandle unter Blumen" interpretatorisch durchschaut. Das gilt auch für das Ambivalente von "Wenn mein Schatz Hochzeit macht" und "Die zwei blauen Augen von meinem Schatz" aus den "Lieder eines fahrenden Gesellen" von Gustav Mahler. Hinsichtlich Textverständlichkeit und Tongestaltung blieben keine Wünsche offen. Peter Nilsson artikulierte den stellenweise auch technisch sehr anspruchsvollen Klaviersatz klar und nuancenreich und erfasste die schwelende Sinnlichkeit dieser Lieder genau, ohne ihr jedoch zu verfallen und bildete so ganz im Sinne von Gustav Malers Verständnis einen musikalischen Kommentar zur latenten Sinnlichkeit der Singstimme. Die Zuhörer in der fast ausverkauften Opéra Garnier schienen die Botschaft verstanden zu haben. Begeisterter Beifall.

Mahlers Sechste in einer ungewöhnlichen Fassung

Als ‚Tragische‘ Sinfonie ging die Sechste Sinfonie Gustav Mahlers in die Geschichte ein. Für den Beinamen gibt es keinen direkten Beleg vom Komponisten selbst, bis auf die Tatsache, dass er bei der Wiener Erstaufführung im Jahre 1907 den Untertitel auf dem Programmzettel stillschweigend duldete. Bedeutsamer sind aber die Ungereimtheiten in der Überlieferungsgeschichte, die sich vor allem auf die Reihenfolge der Mittelsätze beziehen. Ein Grund hierfür liegt darin begründet, dass noch vor der Uraufführung eine Partitur erschien, in der das Scherzo an zweiter Stelle stand; für die Fassung der Dirigierpartitur entschied sich Mahler aber für die Reihenfolge langsamer Satz–Scherzo. Er führte die Sinfonie auch stets in dieser Form auf – wobei zudem von den drei berühmten Hammerschlägen am Ende noch zwei übrigblieben. Dass in der ersten kritischen Gesamtausgabe die Reihenfolge wieder umgekehrt wurde, ist der "Beratung" durch Alma Mahler zu verdanken. Seit einiger Zeit besinnt man sich wieder auf die ursprüngliche Fassung. Tugan Sokhiev, der mit dem glänzend vorbereiteten Deutschen Symphonie-Orchester Berlin im Auditorium Rainier III gastierte, wählte glücklicherweise diese Fassung. Befreit von der antiquierten, irreführenden, aber weiterhin von einigen Dirigenten vertretenen Haltung, Mahlers Sinfonien seien ein probates Mittel zur Vorführung orchestraler Potenz, erschien diese Sinfonie in faszinierender Größe und in der ganzen Tiefe ihrer Widersprüchlichkeiten. Es wurde so klar, das sich Gustav Mahler am Ende dieser Sinfonie keineswegs am Ziel befand, aber zwangsläufig an einem Ende angekommen ist, an dem Widersprüche sich nicht mehr auflösen lassen. Tugan Sokhiev hielt sich intelligent mit interpretatorischen Interventionen zurück, mied agogische Dehnungen und Rubati und strebte eine unaufgeregte, nüchterne Sachlichkeit an. Das Hypertrophe, ja stellenweise Gewalttätige dieser akustischen Gipfelbesteigung wurde so gemildert, aber nicht entschärft. Gleichwohl ließ Sokhiev die kunstreichen Charaktere des Kopfsatzes nebeneinander stehen.

Besonnenheit des Verstehenden

Ganz klar erscheint das "Andante moderato" des zweiten Satzes, wenn es unmittelbar dem Kopfsatz folgt, als dramaturgisch bessere Lösung. Mit deutlich geführten melodischen Linien, die gegen den ungestümen Strom der Musik des ersten Satzes zu fließen schienen, wurde eine Atmosphäre unergründlicher und gleichzeitig sinnlicher Labilität geschaffen. Indem Sokhiev die Dynamik zurückfuhr und jedes Piano der Partitur ernst nahm, wurden die filigranen strukturellen Zusammenhänge dieses Satzes, die oft einem dicken Pinselstrich zum Opfer fallen, deutlich. Das Scherzo wirkte wie ein Sich-Festbeißen gegen unheimliche Lebhaftigkeit. Das Finale ließ Sokhiev mit enormer Intensität und gleichzeitiger Besonnenheit des Verstehenden fließen. Natürlich kann so eine so exzellente und spannungsvolle Interpretation nur gelingen, wenn alle Instrumentalisten auf höchstem Niveau musizieren. Am Ende herrschte nach rund 80 Minuten eine andächtige Ruhe. Begeisterter Applaus und Standing Ovations folgten.

Das Gespräch führte Michael Pitz-Grewenig.
(03/2016)

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