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Donnerstag, 30. März 2017

Photo: Thorsten Hönig

Der Geiger Erik Schumann über seine neue CD, Johannes Brahms, Kammermusik, das Aufwachsen in einer Musikerfamilie, das Internet und Musik als therapeutisches Mittel.

"Musik ist mein Lebensinhalt"


Erik Schumann wirkt sportlich. Sein Händedruck ist fest, sein Lächeln sympathisch. Doch hinter der dynamischen Oberfläche verbirgt sich ein nachdenklicher, vielleicht auch zweifelnder Charakter. Schumann nimmt seine Kunst sehr ernst und gibt sich nicht mit einfachen Antworten zufrieden. Ein Suchender, der in der Musik seine Lebensaufgabe gefunden hat. Bei Berlin Classics veröffentlicht Schumann jetzt eine CD mit dem Violinkonzert und dem Doppelkonzert von Johannes Brahms. klassik.com-Autor Miquel Cabruja traf den Geiger in Köln, um mit ihm über das Album zu sprechen, das der Geiger zusammen mit seinem Bruder Mark Schumann, dem Dirigenten Alexander Shelley und den Nürnberger Symphonikern eingespielt hat.

Herr Schumann, gerade ist bei Berlin Classics ihre Einspielung des Violinkonzerts von Johannes Brahms erschienen.

Brahms’ Violinkonzert ist eines der größten Werke im Repertoire und nach den Werken von Mendelssohn und Tschaikowsky sicher das am häufigsten aufgenommene Violinkonzert. Entsprechend habe ich mich natürlich gefragt: Sollst du das jetzt echt machen oder ist dieser Gipfel zu hoch? Aber am Ende war der Drang, dieses Stück einzuspielen, stärker als die Zweifel. Ich kann mich derzeit mit Brahms am besten identifizieren und ich freue mich umso mehr, dass das Label Berlin Classics mich unterstützt und sich auf dieses Projekt eingelassen hat. Denn es war mir sehr wichtig, dieses Konzert aufzunehmen.

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Bei der Flut an Aufnahmen, die es gibt, steht immer auch die Frage im Raum, wieso man ein Werk neu aufnimmt.

Das stimmt. Natürlich spielt jeder etwas anders, wenn man ins Detail geht. Aber es geht um mehr, nämlich um die Philosophie und den Geist, den man in eine Aufnahme legt. Ich würde natürlich auch nicht behaupten, dass ich Amerika neu entdeckt habe, aber für mich war es vor allem wichtig, den großen Bogen, den Geist der Komposition zu erforschen, anstatt einfach nur Floskeln aneinanderzureihen.

Ist das bei Brahms besonders wichtig?

Bei jedem Komponisten ist das wichtig. Aber bei Brahms kann es in der Tat leicht passieren, dass sich der Interpret in einer Selbstgefälligkeit feiert, die vom Kern der Musik wegführt. Brahms hat sich zu Lebzeiten beschwert, dass man seine Stücke zu langsam gespielt habe.

… eine Klage, die auch von seinem Antipoden Wagner überliefert ist.

Aber es geht nicht nur um das richtige Tempo, sondern vor allem darum, wie die Musik psychologisch auf einen wirkt. Die harmonische Struktur und die inneren Zusammenhänge eines Werkes sind genauso maßgebend wie jede einzelne Note. Was aber mindestens genauso wichtig ist, sind die Pausen. Es geht insgesamt darum, wie man ein Stück wahrnimmt und fühlt.

Die Architektur der Musik?

Ja, ganz genau. Ich muss die Struktur der Musik erfühlen. Nicht nur intellektuell, sondern auch emotional.

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Zusammen mit Alexander Shelley haben Sie sich für eine historische Orchesterbesetzung der Nürnberger Symphoniker entschieden.

Nicht nur aus Gründen der historischen Korrektheit. In originaler Besetzung ist das Orchester flexibler, in den Streichergruppen sind schnellere Tempowechsel, präzisere agogische Nuancen möglich. In den letzten 20 Jahren sind sehr viele neue Informationen über die historische Spielpraxis dazugekommen, von denen wir jetzt enorm profitieren. Dabei will ich nicht sagen, dass wir als neue Generation alles anders und besser machen. Auch unsere Vorgänger haben auf ihre Weise historisch informiert gespielt, sind zu bedeutenden Aussagen gekommen. Wichtig ist nur, dass historisch informiertes Spiel nicht zum Selbstzweck wird. Mit Alexander habe ich einen Partner an meiner Seite, der vor allem an die Musik denkt. Deswegen war es auch mein Wunsch, für diese Aufnahme mit ihm zusammenzuarbeiten. Zum Glück hat er zugesagt. Es ist einfach so, dass wir uns musikalisch ohne große Diskussionen verstehen. Ich erinnere mich, dass er schon oft in einer gemeinsamen Probe gesagt hat: Diesen Übergang hätte ich gerne so oder so. Und man denkt nur: Danke, lieber Gott, dass ich darüber jetzt nicht diskutieren muss. Er sieht es tatsächlich genauso wie ich! Wir haben einfach einen guten Draht zueinander, nicht nur musikalisch.

Neben dem Violinkonzert enthält die neue CD auch Brahms’ Doppelkonzert für Violine und Cello. Es heißt ja vielfach, Brahms habe mit dem Werk seine Freundschaft zu dem Geiger Joseph Joachim kitten wollen.

Ja, als ein Versöhnungsangebot. Das klingt ein wenig nach Sandkastenstreitigkeiten, nicht wahr? Aber wenn man sich die Entwicklung des Konzerts anschaut, kann man durchaus zu diesem Schluss kommen: Die vielen Widerstände, die im ersten Satz noch zwischen den Instrumenten bestehen, aber letztlich aufgelöst werden, so dass die Instrumente schließlich zueinander finden. Und dann die Coda des Schluss-Satzes: ein regelrechtes Happyend! Vielleicht kann man sagen, dass in den Noten spürbar wird, was Freundschaft für Brahms bedeutet hat.

Ihr Partner am Cello ist auf der CD Ihr Bruder Mark.

Ich wollte das Konzert unbedingt mit meinem Bruder zusammen einspielen, und es hat mich sehr gefreut, dass er Lust darauf hatte. Dadurch, dass wir zusammen im Schumann-Quartett spielen, war die musikalische Richtung gegeben. Wir kennen uns einfach sehr gut und bei den wichtigen Fragen herrscht Einigkeit.

Im Schumann-Quartett spielt nicht nur Ihr Bruder Mark. Die zweite Geige spielt Ihr Bruder Ken, Liisa Randalu spielt die Bratsche.

Das Quartett ist für mich inzwischen zum Zentrum meines Musizierens geworden. Ich finde darin die größte Erfüllung. Es geht im Quartettspiel vor allem darum, gemeinsam Dinge auszuprobieren und die Meinungen des Gegenübers so anzunehmen wie die eigene. Das ist nicht immer leicht, denn man möchte natürlich am liebsten Lösungen finden, in denen man sich selbst hundertprozentig wohlfühlt, das ist menschlich. Aber man muss lernen, auch die andere Seite anzunehmen. Dadurch kann man übrigens nur gewinnen. In jedem Fall gibt es nichts Besseres, um einen musikalischen Partner kennenzulernen, als mit ihm Kammermusik zu machen.

Auch menschlich?

Ich glaube schon. Das gemeinsame Reisen, das Erarbeiten von Werken, die Suche nach Aussage… All das stellt eine große Intimität her. Vielleicht geht das bei Geschwistern etwas schneller, weil man direkt sein kann und ist. Möglicherweise besteht bei Geschwistern die Gefahr, zu direkt zu sein. Da muss man einfach eine professionelle Haltung wahren, auch wenn das Gegenüber der eigene Bruder ist.

Sie kommen aus einer Musikerfamilie.

Unser Vater stammt aus Siebenbürgen und ist Deutsch-Rumäne. Daher der Nachname Schumann. Unsere Mutter ist aus Osaka in Japan. Kennengelernt haben sich beide in Köln, während ihres Musikstudiums.

Sind Sie mehrsprachig aufgewachsen?

Japanisch spreche ich fließend, Rumänisch allerdings kaum. Ich hoffe, das wird bei meinem Sohn anders sein: Meine Frau stammt aus Russland, und ich gehe davon aus, dass er sehr gut Russisch sprechen wird. Ich versuche, mit ihm Japanisch zu sprechen, bin aber durch die Arbeit leider nicht sehr oft daheim.

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Wie haben Ihre Eltern das Familienleben mit drei musizierenden Söhnen organisiert?

Unsere Eltern haben die Kinderzimmer so eingerichtet und umgebaut, dass wir alle gleichzeitig üben konnten. Tatsächlich haben sich unsere Eltern ziemlich unserer Musikausbildung verschrieben und alles rund um die Musik organisiert. Allerdings waren sie immer darauf bedacht, dass wir auch einen Ausgleich haben und vom restlichen Leben etwas mitbekommen. Es ist nie vorgekommen, dass ich etwa nicht auf eine Geburtstagsfeier durfte, weil ich üben sollte. Da gibt es extremere Eltern. Und genauso würde ich es auch mit meinem Sohn machen. Ich möchte ihn bei allem unterstützen, was er machen mag. Er soll mit den Erfahrungen aufwachsen, die für seine Persönlichkeit wichtig sind. Wenn der Wunsch nach einer Spezialisierung da ist - ob in Richtung Musik oder was auch immer -, werde ich ihn genauso fördern, wie es meine Eltern mit uns gemacht haben.

Haben Sie selbst in Ihrer Kindheit etwas vermisst?

Es gab schon Momente als Kind, in denen ich gerne länger mit anderen Kindern gespielt hätte, anstatt zu üben. Da mussten meine Eltern eine gute Balance finden. Für mich war der Moment entscheidend, in dem ich gemerkt habe, dass ich etwas erarbeitet habe und es auf der Bühne funktioniert. Da war mir auch Zakhar Bron, mein Lehrer an der Musikhochschule Köln, eine große Hilfe. Er hat es immer geschafft, Probleme gemeinsam mit mir schrittweise zu lösen und mich dadurch immer wieder zu motivieren.

Durch die dort lehrenden Professoren ist die russische Geigentradition an der Musikhochschule Köln sehr stark. War das für Ihr Spiel prägend?

Ganz sicher. Wobei ich bis heute jemand bin, der Dinge grundsätzlich erst einmal hinterfragt. Vielleicht sind bei mir deshalb einige Dinge auch langsamer vorangegangen als bei vielen Kollegen. Erst wenn ich im Inneren von etwas überzeugt bin, kann ich daran glauben. Mir geht es weniger um Traditionen. Ich will einfach der Musik näherkommen, der Kraft, die Musik ausmacht. Mir geht es um diese Energie, die auch die Zuhörer nach dem Konzert sagen lässt: Ich weiß nicht genau, was es war, aber ich habe etwas Großartiges erlebt! So geht es mir ja auch, wenn ich ein besonderes Konzert höre, wie vor kurzem ein Recital mit Grigory Sokolov. Das war einfach nur fabelhaft; und ich würde schon sagen, dass es für ein paar Tage einen besseren Menschen aus mir gemacht hat. Musik ist eben eine Sprache, die auf einer geistigen Ebene Kommunikation ermöglicht. Wenn diese knisternde Spannung im Saal ist, ohne dass jemand es diktieren würde. Wenn die Musik es schafft, diesen Geist in einen größeren, harmonischen Zusammenhang zu bringen, das ist wirklich fantastisch.

Das klingt nach einem romantischen Kunstverständnis.

Schon. Aber anders ginge es für mich auch nicht. Ich versuche mich selbst kennenzulernen über die Musik, identifiziere mich damit, versuche hundertprozentig ehrlich zu sein. Musik ist mein Lebensinhalt, mein Lebenselixier. Das habe ich früher sicher auch so gesagt, aber jetzt fühlt es sich anders an, es zu sagen.

Würden Sie sich als selbstreflektiert bezeichnen?

Ja. So ist einfach mein Wesen.

Ein zweifelndes Wesen?

Ein Wesen, das nicht leichtgläubig ist.

Auch in Bezug auf sich selbst?

Da besonders!

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Ist Musik für sie ein therapeutisches Mittel?

Auf jeden Fall! Vielleicht ist das ein wenig extrem ausgedrückt, aber ich würde mich ohne Musik sehr leer fühlen. Für mich geht es um den größeren Sinn im Ganzen. Es ist für mich die Richtung, die am besten funktioniert. Ich kann einfach nicht ohne Bedeutung leben, und Musik schenkt Bedeutung. Man muss natürlich aufpassen, dass man keine Bedeutung dort sucht, wo keine ist. Aber ich weigere mich zu glauben, dass die großen Komponisten nicht nach der großen Bedeutung gesucht haben. Das waren große Geister, Philosophen. Ich bin mir entsprechend der Tatsache bewusst, dass ich nie soweit kommen kann, wie die Größe der Musik es eigentlich verlangt, man kann sich dem nur annähern. Dazu reicht das Bauchgefühl definitiv nicht, man muss insgesamt als Mensch reifen, muss die Literatur kennen, die den Komponisten bewegt hat, sollte um seine Ideale wissen, muss versuchen herauszufinden, wie sein Leben war.

Wie gehen Sie da vor?

Natürlich kann man jeden Komponisten nur insoweit kennenlernen, wie er es selbst zulässt. Jeder gibt ja nur soviel preis, wie er will. Aber Quellen wie Briefe und Originalpartituren machen das Bild vollständiger. Bei Brahms ist es übrigens wohl so, dass man ihm über seine Musik am nächsten kommt.

Hilft Ihnen bei Ihren Recherchen auch das Internet?

Das Internet ist eine sehr große Hilfe. Einerseits gibt es so tolle Seiten wie klassik.com, die ich fest in meinem Browser eingerichtet habe und regelmäßig lese, um mich über Neuigkeiten zu informieren. Andererseits gibt es darüber hinaus auch noch viele andere Recherchemöglichkeiten. Video-Plattformen etwa bieten die Möglichkeit, sich mit einer unglaublichen Vielzahl an Künstlern und Interpretationen auseinanderzusetzen. Das ist wirklich wunderbar. Und natürlich bietet das Internet die Möglichkeit, schnell und unkompliziert Musik zu kaufen, zum Beispiel als MP3. Aber da bin ich ein wenig altmodisch. Für mich ist und bleibt die CD weiterhin ein Muss. Ich möchte gute Musik einfach in der Hand halten. Und wenn man nach Jahren ein Album anschaut, das einem in einer bestimmten Phase des Lebens etwas bedeutet hat, dann reist man gedanklich sofort zurück in diese Zeit. Das ist wunderschön!

Das Gespräch führte Miquel Cabruja.
(04/2015)

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