> > > > "Alle Kinder sind musikalisch"
Sonntag, 24. September 2017

Photo:

Reinhard Knoll, der „Vater“ des Neusser Sing-Projektes JeKi-Sti, weiß, welche positiven Effekte das Musikmachen auf Kinder hat - und strebt die Ausweitung von JEKI auf ganz NRW an.

"Alle Kinder sind musikalisch"


2007 wurde mit JEKI (Jedem Kind ein Instrument) ein Programm im Ruhrgebiet gestartet, das Grundschulkinder für Musik begeistern soll. Ab August 2015 möchte die nordrhein-westfälische Landesregierung diese Initiative unter dem etwas umständlichen Namen ‚Jedem Kind Singen, Tanzen, Instrumentalspiel’ (JeKits) auf das ganze Landesgebiet ausweiten. Einen Unterschied gibt es jedoch: Künftig sollen nordrhein-westfälische Grundschulen Kinder nicht nur an Instrumente heranführen, sondern sich für eine von drei Sparten entscheiden. Zur Wahl stehen neben Instrumentalunterricht Tanz oder Gesang. Dass gerade der Gesang eine gute Methode ist, um Grundschulkinder in die Welt der Musik einzuführen, zeigt ein Pilotprojekt in Neuss. Dort sorgt JeKi-Sti (‚Jedem Kind seine Stimme’) dafür, dass die Grundschüler der Stadt über gemeinsames Singen eine fundierte musikalische Ausbildung erhalten. Das Programm ist so erfolgreich, dass es 2011 beim Bundeswettbewerb ‚Kinder zum Olymp’ mit einem Ersten Preis ausgezeichnet wurde. Kurz bevor die Phase beginnt, in der sich die Grundschulen in NRW für eine Teilnahme an JeKits bewerben sollen, besuchten die nordrhein-westfälische Familienministerin Ute Schäfer und die Neusser Kulturdezernentin Dr. Christiane Zangs die Martinus-Schule-Holzheim, wo das Konzept JeKi-Sti seit Jahren erfolgreich umgesetzt wird. Miquel Cabruja war für klassik.com ebenfalls eingeladen und sprach bei der Gelegenheit mit Reinhard Knoll, dem langjährigen Leiter der Musikschule Neuss und ‚Vater‘ des Neusser Sing-Projektes.

Herr Knoll, vor sieben Jahren hoben Sie die Initiative JeKi-Sti in Neuss aus der Taufe. Wie kam es dazu?

Von Anfang an begeisterte mich die Überzeugung, dass alle Kinder musikalisch sind. Das klingt vielleicht auf den ersten Blick überzogen, aber vergleichen wir es mal: Wer käme schon auf die absurde Idee zu sagen, dass die meisten Kinder nicht rechnen oder lesen können? Wohl niemand! Aber in Bezug auf die Musik denken viele noch, sie sei nur wenigen Begabten vorbehalten.

Copyright Privat

Sie wollen das kreative Potential wecken, das in allen Menschen schlummert?

Genau das. Bevor es JEKI im Ruhrgebiet gab, hat die Musikschule Neuss an einer Neusser Grundschule mit Instrumentenkarussell und anschließendem Instrumentalunterricht plus Ensemble begonnen. Die Resonanz war sehr gut, mir wurde jedoch schnell klar, dass das Erlernen eines Instruments ein sehr differenzierter Ansatz ist, der Zeit braucht und Voraussetzungen verlangt, die an Grundschulen nicht selbstverständlich sind. Die Stimme aber steht jedem Kind ohne Einschränkung zur Verfügung. Und so entstand JeKi-Sti als eine Initiative, an der in Neuss inzwischen alle 25 Grundschulen mit mehr als 4.500 Kindern teilnehmen.

Sie lassen die technische Hürde der Instrumentalbeherrschung weg, um Kinder auf dem direkteren Wege des gemeinsamen Singens an Musik heranführen zu können?

Das gemeinsame Singen beginnt in den Grundschulen mit dem zweiten Halbjahr des ersten Schuljahres. Erst einmal sollen sich die Kinder an die neue Situation in der Schule gewöhnen. Nach dieser Orientierungsphase geht ‚Jedem Kind seine Stimme’ los. Ein Jahr lernen die Kinder dann beim gemeinsamen Singen die Grundlagen der Musik. Von Anfang an funktioniert das System so, dass eine Lehrkraft aus der Musikschule in die Schulklasse kommt und dabei von der Kollegin oder dem Kollegen aus der Grundschule begleitet wird. Es gibt also eine musikalische und eine pädagogische Instanz, die beide Hand in Hand zusammenarbeiten. Ein eigens erstelltes Rahmenkonzept ist die gemeinsame Grundlage. Später führen wir die Kinder dann in einem zweiten Schritt an Instrumente heran. Kinder sollen Musik und Musikinstrumente erst einmal kennenlernen, bevor sie eine Wahl treffen und sich für ein Instrument entscheiden können.

Wie genau funktioniert der Übergang vom Singen zum Instrumentalunterricht?

Im zweiten Halbjahr des zweiten Schuljahres beginnt zusätzlich zu den ‚Singklassen‘ das, was wir als ‚Instrumentenkarussell‘ bezeichnen. Die Klassen bekommen dann Besuch von qualifizierten Instrumentallehrkräften, die vorführen und die Kinder ausprobieren lassen, wie ihr Instrument funktioniert, wie es klingt, welche Musik es dafür gibt. Nach drei Stunden kommt dann die nächste Lehrkraft mit einem anderen Instrument an die Reihe. Wichtig ist, dass die angebotenen Instrumente für die Altersgruppe in Frage kommen und auch die Vielfalt unserer Kultur widerspiegeln. Deswegen bieten wir Gitarre, Klarinette, Block- und Querflöte sowie Blech- und Streichinstrumente an. Zum Schluss gibt es für die Kinder und deren Eltern noch einen Informationstag in der Musikschule. Dort werden dann alle Instrumente im Konzertsaal vorgestellt und die Kinder haben Gelegenheit, sich in den Unterrichtsräumen umzusehen sowie Fragen zu stellen. Auch der Prozess des ‚Instrumentenkarussells‘ wird durch die Grundschullehrkräfte begleitet, damit eine Kontinuität für die Kinder gewahrt wird.

Wie wird JeKi-Sti finanziert?

JeKi-Sti ist bis in das zweite Schuljahr einschließlich des ‚Instrumentenkarussells‘ für die Familien der Kinder kostenfrei. Stemmen können wir das natürlich nur, weil das Land Nordrhein-Westfalen eine Hälfte des Programms (über Fördermittel) finanziert. Die andere Hälfte kommt von der Stadt sowie über Drittmittel.

Und wenn der Unterricht nach Ablauf von anderthalb Jahren weitergehen soll?

Für die Kinder, die ein Instrument erlernen möchten, bietet die Musikschule an den Grundschulen Instrumentalunterricht plus Ensembleunterricht mit Entgelten an. Hier werden in begründeten Fällen Ermäßigungen gegeben, damit dieses Angebot zugangsoffen ist. Das Singprogramm wird nur fortgesetzt, wenn Fördervereine oder andere die Finanzierung übernehmen. In den letzten Jahren haben sehr viele Schulen mit einem eintägigen ‚Sponsored Walk‘ so viele Gelder zusammenbekommen, dass es bis ins vierte Schuljahr gereicht hat.

So etwas funktioniert aber auch nur, wenn Sie an den Schulen bereitwillige Partner haben.

Das stimmt. Im Grunde fragen wir jedes Jahr jede Schule für die ersten Schuljahre neu. Spätestens nach sechs Tagen liegen dann von allen Grundschulen die Rückmeldungen vor. Das ist natürlich ein schönes Stimmungsbarometer, das mir sagt: Wir machen es richtig, unser Engagement ist gefragt. Und JeKi-Sti kann ja auch hervorragende Erfolgsquoten vorweisen. Wenn es früher höchstens 14 Prozent der Kinder waren, die im Grundschulalter in Kontakt mit der Musikschule kamen, erreichen wir jetzt alle Kinder.

Kann das Neusser System auch in anderen Städten funktionieren?

Natürlich sind wir als Mittelstadt überschaubar. Deshalb gibt es viele direkte Kontakte. Die Neusser Kulturdezernentin Dr. Christiane Zangs engagiert sich sehr für das Programm und auch die Vorsitzenden und Mitglieder des Schul- und Kulturausschusses unterstützen uns sehr. Ich glaube, dass es so oder so ähnlich grundsätzlich überall funktionieren kann.

Sind Initiativen wie die Ihre vor allem deswegen nötig, weil der klassische Musikunterricht verfällt?

Ich unterstelle mal, dass in den letzten 50, 60 Jahren von allen Beteiligten versucht wurde, das Fach Musik ernst zu nehmen und in den Grundschulen zu verankern. Man darf aber nicht vergessen, dass derzeit ca. 75 Prozent des Musikunterrichtes an den Grundschulen ausfallen. Von den verbleibenden 25 Prozent werden darüber hinaus annähernd 75 Prozent fachfremd unterrichtet. Die Frage ist: Welche Konsequenzen ergeben sich daraus? Meiner Meinung nach braucht es eine Doppelstrategie. Einerseits muss an den Grundschulen neben dem qualifizierten Unterricht im Fach Musik wieder eine musikbezogene Qualifikation für alle Lehrkräfte ermöglicht werden. Ob man das auf dem Niveau einer grundlegenden, ästhetischen Ausbildung macht oder fachbezogene Fähigkeiten vermittelt, darüber kann man diskutieren. Wichtig ist jedoch, dass Musik ein integraler Bestandteil des Grundschulunterrichts bleibt bzw. wieder wird. Andererseits bin ich fest davon überzeugt, dass es nur mit darüber hinaus ergänzenden Initiativen möglich ist, alle Kinder mit der Musik in Berührung zu bringen.

Abgesehen davon, dass Ihre Initiative Kinder an die Musik heranführt, wird ja immer wieder postuliert, das Musikmachen habe eine Vielzahl positiver Wirkungen auf die kognitiven Fähigkeiten von Kindern.

Ich war selbst von der Eindeutigkeit der Befunde überrascht, die kürzlich eine Evaluation der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf bezüglich JeKi-Sti ergeben hat. Ob Musik wirklich schlauer macht, wie es oft verkürzend in dem Zusammenhang heißt, würde ich aufgrund der derzeitigen Forschungslage nicht mit einem eindeutigen Ja beantworten wollen. Eines kann man aber in jedem Fall sagen: Was die soziale Kompetenz und die Persönlichkeitsentwicklung angeht, hat Musik ganz sicher einen positiven Effekt. Vor allem profitiert die sprachliche Entwicklung der Kinder. Die Aussprache, das Gefühl für Sprache und ihre Melodie, der Einsatz der Stimme, all das wird durch Musik geschult und trainiert. Sprache wird durch das Singen einfach differenzierter und bewusster wahrgenommen.

Geht es bei Musik nicht auch um Emotionalität?

Es geht um Ausdruck. Heute wird man häufig darauf dressiert, möglichst sachlich zu sein und sich bloß keine Gefühle anmerken zu lassen. Viele Probleme kommen meiner Überzeugung nach daher, dass häufig die emotionale Ebene hinter einer Sachaussage zu wenig zum Ausdruck kommt. Ausdrucksfähigkeit muss aber auch geübt werden. Dazu ist Praxis nötig und das Singen ist diesbezüglich ein wunderbares Instrument.

Der heutige Besuch der nordrhein-westfälischen Familienministerin Ute Schäfer hatte einen konkreten Anlass: Ein Modell, das gewissermaßen im Ruhrgebiet und in Neuss seinen Anfang genommen hat, soll jetzt landesweit umgesetzt werden. Allerdings sollen die Schulen, die sich jetzt um eine Teilnahme bewerben müssen, für eine der drei Sparten Instrumentalunterricht, Tanz oder Gesang entscheiden. Haben JeKi-Sti Vorbildfunktion für die Sparte Gesang?

Im Dezember letzten Jahres fiel die Entscheidung, das Konzept unter dem neuen Namen JeKits auf ganz NRW auszuweiten. Natürlich reichen die bereitgestellten 10 Millionen nicht dafür aus. Es wird also ein Anfang gemacht, um einen Prozess in Gang zu bringen, der schrittweise ausgeweitet wird. Positiv finde ich, dass Familienministerin Schäfer die Kraft aufgebracht hat, die Initiative jetzt in Gang zu bringen. Positiv finde ich auch, dass sie sagt, dass die Ergebnisse der ersten drei Jahre im Sinne eines Lernprozesses ausgewertet werden sollen, um JeKits kontinuierlich weiterzuentwickeln. Familienministerin Ute Schäfer sieht offensichtlich, dass es bei unserem Neusser Modell eine funktionierende Verbindung zwischen Gesang und Instrument gibt, und zieht möglicherweise daraus Rückschlüsse, wie man unsere Ergebnisse in einen Dreiklang aus Singen, Instrument und Ausdrucksbewegung zusammenführen kann.

Was bedeutet die landesweite Umsetzung von JeKits für JeKi-Sti in Neuss?

Das wissen wir noch nicht. Ich vermute aber, dass sich gar nichts bis wenig ändern wird. Denn das derzeit veröffentlichte JeKits-Programm steht uns durchaus nahe. Insofern werden wir dafür werben, dass das Land unser Modell weiterhin unterstützt, und es gibt Anzeichen dafür, dass dies auch so sein wird. Die Planung für unsere Initiative steht bis Mitte 2016. In dieser Zeit müssen wir überlegen, wie wir uns weiterentwickeln.

In welche Richtung denken Sie da?

Ich kann mir natürlich bei JeKi-Sti vorstellen, das Interesse der Kinder für das Erlernen eines Instrumentes noch weiter zu verstärken. Der Bereich Vorschule ist dann noch einmal ein anderes Thema, das sicher auch ausbaufähig ist …

Sie setzen sich dafür ein, Kinder an die Musik heranzuführen. Wie sind Sie zur Musik gekommen? Hat Sie auch jemand gefördert?

Zunächst ganz im Gegenteil. Ich erinnere mich noch sehr gut an mein musikalisches Schlüsselerlebnis. Ich saß als Kind vor dem Fernseher und sah plötzlich etwas Phänomenales: Es waren die beiden Oistrachs mit Bachs Doppelkonzert – ich war völlig fasziniert. Meine Familie hatte bis dato eigentlich mit Musik nichts zu tun und war entsetzt, als ich ihr eröffnete, ich wolle Geige spielen. Tatsächlich habe ich acht Jahre dafür kämpfen müssen. Ermöglicht haben es mir letztlich meine Großeltern, die sich während meiner Sommerurlaube bequatschen ließen, mir eine Geige zu kaufen. Das war gewissermaßen ein sanftes Druckmittel.

Geht es Ihnen mit Ihrem Engagement also auch darum, Kindern solche Kämpfe für die Sache der Musik zu ersparen?

Ich weiß nicht, ob man immer alles ganz so einfach machen sollte (schmunzelt), aber in jedem Falle sollte man Türen öffnen. Und wenn wir etwas wecken und Impulse geben können, ist das wunderbar!

Das Gespräch führte Miquel Cabruja.
(02/2015)

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Weitere aktuelle Interviews:

 4442

Musik ohne Grenzen

Programme abseits der Konventionen beim Festival Printemps des Arts de Monte-Carlo

Weiter...

Julian Prégardien

"Das ganze Projekt ist eine Reise durch die Musik"

Julian Prégardien macht die Aufführungsgeschichte großer Werke anschaulich - und setzt Impulse für die Zukunft

Weiter...

Winfried Rademacher

"In jedem Ton schwingt der Mensch mit, der ihn produziert"

Winfried Rademacher sucht als Geiger auch gerne Kostbares auf Nebenwegen

Weiter...

Magazine zum Downloaden

NOTE 1 - Mitteilungen (9/2017) herunterladen (1880 KByte) Class aktuel (3/2017) herunterladen (0 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Frédéric Chopin: 24 Préludes op. 28 - Allegro molto (f-Moll)

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Portrait

Julian Prégardien im Portrait "Das ganze Projekt ist eine Reise durch die Musik"
Julian Prégardien macht die Aufführungsgeschichte großer Werke anschaulich - und setzt Impulse für die Zukunft

weiter...
Alle Interviews...


Anzeige