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Freitag, 24. März 2017

Photo: Steven Haberland

Ramón Ortega Quero über seine neue CD, Barockmusik, Johann Sebastian Bach, das Reisen und seine Ehe mit einer Oboistin.

"Barockmusik ist meine Leidenschaft"


Von Istanbul nach Frankfurt fliegen, mit dem ICE nach Bonn fahren, eine Stunde vor Konzertbeginn in Bonn ankommen und in den verbleibenden Minuten noch ein Interview geben? Überhaupt kein Problem für Ramón Ortega Quero. Der 26-jährige Oboist aus Granada ist einfach tiefenentspannt. Mit 15 spielte Ortega im Andalusischen Jugendorchester und wurde 2003 von Daniel Barenboim ins West-Eastern Divan Orchestra aufgenommen. Nachdem er 2007 mit 19 Jahren einen Ersten Preis beim ARD-Wettbewerb gewonnen hatte, startete seine internationale Karriere. Heute spielt Ortega als Erster Oboist im Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und tourt als Solist und Kammermusiker um die Welt. In der Saison 2010/11 wurde er von der ‚European Concert Hall Organisation’ zum ‚Rising Star’ ernannt. Jetzt erscheint seine neuste CD mit Werken von Johann Sebastian Bach. klassik.com-Autor Miquel Cabruja sprach mit Ramón Ortega im Beethoven-Haus in Bonn.

Herr Ortega, in weniger als einer Stunde spielen Sie auf der Bühne des Bonner Beethoven-Hauses. Hat man da noch Zeit für ein Interview?

Aber sicher! (lacht) Tatsächlich versuche ich vor einem Konzert immer wenig zu spielen, um so frisch wie möglich an die Musik heranzugehen. Manchmal geht das natürlich nicht, weil ich noch üben muss. Aber das heutige Programm habe ich mit meinen Kammermusikpartnern schon oft gespielt und durchgearbeitet, da kann man so etwas durchaus mal machen.

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Sie kommen gerade direkt aus Istanbul, wo Sie gestern ein Konzert hatten.

Was für eine verrückte Reise! Als wir in Istanbul ankamen, fing es an zu schneien. Nicht ein bisschen, sondern mindestens so stark wie im Dezember oder Januar in München! In der Türkei ist man auf solche Wetterlagen natürlich weniger vorbereitet. Es war ein unglaubliches Chaos, die Autos schlitterten über die Farbahn und es ging gar nichts mehr. Trotzdem gab es Leute, die offenbar Lust hatten, zu unserem Konzert zu kommen. Das war toll. Aber dann fing heute das Drama mit unserem Rückflug an. Denn eigentlich hätten wir nach Köln/Bonn fliegen sollen…

…aber?

Wegen des Schnees war der Flughafen Atatürk gesperrt. Also mussten wir versuchen, einen Flieger vom zweiten Istanbuler Flughafen Sabiha Gökçen zu bekommen. Als wir dort ankamen, wurde der Flug gerade annulliert. Uns blieb nichts anderes übrig, als eine Stunde später nach Frankfurt zu fliegen. Gott sei Dank war das möglich. Und dann musste ich nur noch den ICE nehmen…

Das normale Leben eines erfolgreichen Oboisten?

Zumindest ist es ein Teil davon. Zum Glück habe ich mit meiner Stelle als Erster Oboist im Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks einen Fixpunkt. Ich verbringe also die eine Hälfte meines Lebens recht normal in München zuhause. Und die restliche Zeit bin ich als Solist oder Kammermusik unterwegs.

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Wobei das Orchester ja auch auf Reisen geht.

Natürlich haben wir Tourneen. Aber das ist überschaubar: Alle zwei Jahre geht es nach Japan, zwischendurch in die USA oder nach Südamerika. Der Rest sind Gastspiele in London, Wien oder Paris, die am Wochenende stattfinden. Also alles ganz locker.

Als Sie 2007 den Ersten Preis beim ARD-Wettbewerb gewannen…

…war das völlig unerwartet.

Wieso das?

Ich hatte einfach Riesenrespekt vor diesem bedeutenden Wettbewerb, den schon solche Legenden wie Heinz Holliger oder Hansjörg Schellenberger gewonnen haben. Das ist schon der absolute Gipfel und ich dachte mit 19 Jahren nicht wirklich daran, dort gewinnen zu können. Aber ich überstand Runde um Runde, schaute mich um und dachte: Na ja, das Niveau ist hoch, aber ich könnte es wohl doch schaffen! Trotzdem war ich überrascht und überwältigt, als ich gewonnen hatte. Schließlich wird der Erste Preis nicht oft vergeben. Inzwischen bin ich selbst in der Jury des ARD-Wettbewerbs. Und ein Erster Preis wird tatsächlich nur dann verliehen, wenn viele Parameter wie Technik, Musikalität, Klangkultur etc. zusammenkommen. Wenn das nicht der Fall ist, gibt es eben einen Zweiten Preis.

In jedem Fall beflügelte der ARD-Preis Ihre Karriere.

Allerdings. Ich wurde von einem normalen Studenten zu einem gefragten Solisten, vor allem auch in Deutschland. Letztlich hat der Preis dazu beigetragen, dass ich nach München gezogen bin. Und dann kam auch ganz schnell die Stelle im Orchester. Das war zwar Zufall, aber manchmal passen Zufälle eben.

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Sie sind mit einer Oboistin verheiratet. Gibt es außer der Oboe auch andere Themen in Ihrer Ehe?

Also, um ganz ehrlich zu sein… (lacht herzlich) Nein, natürlich spricht man da über viele andere Dinge. Es ist eine ganz normale Beziehung, aber auch wieder ein schöner Zufall, dass sie Oboistin ist. Wir haben natürlich viel gemeinsam und langweilen uns nicht. Manchmal ist es sogar so, dass der eine über Musik sprechen will, der andere aber gerade davon genug hat. Das Schwierigste ist, sich regelmäßig zu sehen. Tamar spielt in verschiedenen Orchestern und arbeitet frei als Kammermusikerin. Entsprechend ist auch sie sehr viel unterwegs. Ganz zu Anfang kam es also vor, dass wir in unsere Kalender schauten und uns fragten: Wann sehen wir uns denn jetzt? Und vor allem wo? Inzwischen hat sich das aber eingespielt, und wir versuchen, nie länger als zwei Wochen am Stück getrennt zu sein, denn danach fällt es schwer, sich wieder aufeinander einzuspielen.

Wo lernten Sie sich kennen?

Bei Daniel Barenboims West-Eastern Divan Orchestra. Ich spielte von 2003 bis 2012 in diesem Orchester und lernte dort auch meine Frau kennen. Es war schon ein unglaubliches Privileg, mit 15 Jahren das erste Mal mit einem berühmten Dirigenten zusammenzuarbeiten. Barenboim hatte ja enge Verbindungen zum damaligen spanischen Ministerpräsidenten Felipe González und Manuel Chaves, der Präsident der Autonomen Gemeinschaft Andalusien war. Deswegen gab es eine enge Kooperation mit der andalusischen Regierung und viele Spanier, die im Orchester zusammen mit Arabern und Israelis spielten. Meine Frau Tamar ist aus Israel. Geheiratet haben wir übrigens in München. Das war für unsere Familien der kürzeste Weg. Von Andalusien aus nach Israel zu kommen, ist eine kleine Weltreise. Man muss zuerst nach Madrid oder Barcelona und von da aus noch fünf Stunden fliegen.

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Wie kamen Sie eigentlich zur Oboe?

Mein Vater ist Pianist und unterrichtet Klavier. Daheim hatten wir natürlich ein Klavier, auf dem ich als Kind immer spielen wollte. Vor allem wollte ich so gut oder am liebsten noch besser als meine ältere Schwester spielen, die natürlich schon viel weiter war. Wir haben uns also ständig um das Instrument gefetzt und mein Vater hat intelligent reagiert: Als ich acht Jahre alt war, brachte er eine Oboe mit. Das war mir dann auch recht, denn Blaskapellen sind in Spanien sehr populär und so dachte ich, dass ich mit einer Oboe in einer Banda mitspielen könnte. Vor allem hat aber auch der Oboe-Professor, der mit meinem Vater befreundet ist, etwas sehr Schlaues gemacht. Er sagte mir nämlich ganz zu Beginn: Da müssen wir erst einmal schauen, ob das funktioniert, nicht jeder kann Oboe spielen! Damit war mein Ehrgeiz natürlich geweckt. (lacht)

Ihre aktuelle CD enthält neue Bach-Sonaten, wie es auf dem Titel heißt. Tatsächlich handelt es sich um Transkriptionen von Sonaten, die Bach für andere Instrumente schrieb. Wie passt das zur historisch informierten Musizierpraxis, die immer wichtiger wird?

Bach hat nicht explizit an die Oboe gedacht, als er diese Sonaten komponierte. Das stimmt. Ich gehe aber davon aus, dass es Bach nichts ausgemacht hätte, dass ich seine Sonaten auf der Oboe interpretiere. Er hat ja selbst seine Musik ständig umgeschrieben, etwa seine Violinkonzerte, die er für Cembalo eingerichtet hat. Und das ist ja nun wirklich ein Unterschied, wenn wir jetzt einmal vom Klang der beiden Instrumente ausgehen. Und dann hat Bach auch Werke von Vivaldi transkribiert. Es war in seiner Zeit einfach normal, Werke umzuschreiben und auf andere Instrumente zu übertragen. Und das kommt mir entgegen, denn ich liebe die Barockmusik und Bach. Jedes seiner Werke ist einzigartig und vielschichtig.

Was uns zur Frage führt, ob Bach beim Komponieren an bestimmte Instrumente dachte.

Definitiv nicht. Seine Ansprüche an Musiker und Instrument sind enorm. Aber das ist ein Grund mehr, warum ich denke, dass Transkriptionen gerechtfertigt sind. Ich glaube, für Bach waren Instrumente vor allem ein Medium. Er dachte sich die Musik wahrscheinlich als Linie, vielleicht als Gesang, aber wie man es dann auf einem konkreten Instrument umsetzen sollte, das war für ihn wohl nebensächlich.

Heutige Instrumente unterscheiden sich von denen der Bach-Zeit.

Das stimmt. Ich habe zu Hause eine Barock-Oboe, bin jedoch auf das Instrument nicht spezialisiert. Man braucht sehr viel Zeit, um eine Barock-Oboe professionell spielen zu können, aber ich probiere sehr gerne Dinge darauf aus. Tatsächlich gibt es da ganz andere Schwierigkeiten, vor allem was die Grifftechnik angeht. Dafür braucht die Barockoboe weniger physische Kraft als die modernen Instrumente.

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Was fasziniert Sie an der Barockmusik?

Das ist wirklich schwierig zu beschrieben, es gibt so viele unterschiedliche Erscheinungsformen der Barockmusik. Es ist eine Musik, die dich erfasst, dich anzieht. Es gibt so viel zu entdecken, dass du alles andere um dich herum vergisst. Barockmusik ist meine Leidenschaft und natürlich auch für mein Instrument unglaublich wichtig. Die bedeutsamsten Werke des Repertoires stammen aus der Epoche. Denken Sie an die Vivaldi-Konzerte, an Albinoni, Sammartini … Natürlich gibt es auch in anderen Epochen hervorragendes Repertoire. Hier in Bonn spiele ich etwa Beethoven und Mozart. Abwechslung ist einfach immer gut. Und ohnehin können wir die unterschiedlichen Epochen nicht getrennt voneinander sehen. Auch wenn ich mich nur auf Barockmusik fokussieren wollte, könnte ich nicht verhindern, von Mozart, Beethoven, Chopin, Mahler oder de Falla beeinflusst zu sein. Und Manuel de Falla war genauso von Bach beeinflusst, wie wir heute von ihm oder anderen Komponisten beeinflusst sind, wenn wir Barockmusik spielen. Alles hängt zusammen.

Interessieren Sie sich auch für zeitgenössische Musik?

Ich schätze Werke, die sich im Rahmen der Tonalität bewegen oder auch dann ein harmonisches Konzept bewahren, wenn sie sich weit von der Tonalität entfernen. In Kürze werde ich ein Konzert für Oboe und Orchester meines Freundes Óscar Navarro uraufführen. Er ist ein klassischer Komponist, der sehr viel Filmmusik schreibt und sowohl in Spanien als auch in den Vereinigten Staaten erfolgreich ist. Er schreibt außerordentlich virtuos, fast wie Paganini. Sein Konzert ist sehr fordernd, brillant, voller Bilder und Assoziationen.

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Gab es auch einen engen Austausch während des Kompositionsprozesses?

Óscar selbst ist Klarinettist und hat bereits Konzerte für sein Instrument und für Violine geschrieben. Für Oboe hatte er bisher noch gar nicht komponiert. Tatsächlich haben wir viel miteinander gesprochen, auch einzelne Passagen via Skype diskutiert. Ich habe ihm gesagt, welche Töne nicht so gut liegen und wo man vielleicht etwas ändern müsste. In jedem Fall zeigt sein Konzert die Oboe in einem ganz virtuosen Licht. Das ist man bei der Geige oder der Klarinette ja gewohnt, bei der Oboe liegt dafür das Gewicht meist eher auf der Sangbarkeit, auf der Qualität des Klangs. Aber dieses Konzert zeigt noch einmal, wie virtuos die Oboe auch sein kann.

Apropos Skype. Nutzen Sie das Internet auch als Musiker?

Natürlich. Deswegen habe ich mich auch darüber gefreut, ein Interview mit dem führenden deutschsprachigen Klassik-Magazin im Internet machen zu können. Ich lese klassik.com immer wieder gern.

Zurück zum Konzert von Óscar Navarro. Wird es auch einmal aufgenommen?

Das hoffe ich! Gerade habe ich ja angefangen, mit Berlin Classics zu arbeiten. An diesem Label gefällt mir, dass es ein kleineres Unternehmen ist, das sehr professionell arbeitet und sich auf ein, zwei CDs im Monat konzentriert. Da geht es um Qualität und jede Aufnahme ist wichtig. Aber es wäre schon toll, wenn das Konzert über eine CD ein größeres Publikum erreichen könnte. Ich bin sehr stolz, dass Óscar das Konzert für mich komponiert hat. Bislang hat ja niemand etwas für meine Art zu spielen komponiert. In jedem Fall zeigt sein Konzert die Oboe in einem ganz virtuosen Licht. Das ist man bei der Geige oder der Klarinette ja gewohnt, bei der Oboe liegt dafür das Gewicht meist eher auf der Sangbarkeit, auf der Qualität des Klangs. Aber dieses Konzert zeigt noch einmal, wie virtuos die Oboe auch sein kann.

Herr Ortega, ein Blick auf die Uhr sagt mir, dass Sie gleich auf die Bühne müssen. Vielen Dank für das Gespräch und toi, toi, toi für das Konzert!

Das Gespräch führte Miquel Cabruja.
(03/2015)

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