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Mittwoch, 22. Februar 2017

Photo: Maike Helbig

Claire Huangci malt mit fein gemischten Farben

"Ich möchte die Menschen mitnehmen in das Märchen und das Drama"


Die amerikanisch-chinesische Pianistin Claire Huangci hat in jungen Jahren bereits eine Reihe von Erfolgen vorzuweisen, unter anderem ein vielbeachteter zweiter Platz beim ARD Musikwettbewerb 2011. Soeben wird bei Berlin Classics ihre erste CD veröffentlicht: Klaviertranskriptionen von Tschaikowskys Ballett ‚Dornröschen‘ und Prokofjews ‚Romeo und Julia‘. Zum Interview erscheint sie in der Musikhochschule Hannover, wo sie bei Ari Vardi studiert. Dabei ist die zierliche 23-jährige nicht nur freundlich, sondern ganz locker und entspannt. Im Gespräch mit klassik.com-Autor Jan Kampmeier zeigt sich ihr unverkrampfter Blick auf die Welt der schwarzen und weißen Tasten – und weit darüber hinaus.

Sie werden zurzeit vermutlich Tag und Nacht über Ihre neue Platte ausgefragt. Finden Sie das gar nicht anstrengend?

Das ist okay, mir fällt immer was Neues ein. Und so viel ist es auch gar nicht, nicht wirklich anstrengend. Ich lese viele Artikel online auf klassik.com, Rezensionen zu Konzerten und CDs, daher bin ich ganz aufgeregt, dass ich jetzt selbst dabei sein soll.

Sie sind eine amerikanische Pianistin mit chinesischen Wurzeln. Warum haben Sie ausgerechnet russisches Repertoire für Ihre erste Platte ausgesucht?

Um ganz ehrlich zu sein: Ich würde nie eine CD mit chinesischer Musik machen, und für meine erste CD auch nicht mit amerikanischen Werken. Die große klassische Literatur für Klavier ist nun mal in Europa entstanden, in Deutschland und Österreich – oder eben in Russland. Und für mich hat russische Musik schon seit sehr jungen Jahren eine große Rolle gespielt. Ich habe viel von Rachmaninow, Prokofjew und Tschaikowsky gespielt, denn ich hatte am Curtis-Institute einen russischen Lehrer. So schien das ganz natürlich: Es ist die Musik, wo ich mich am besten selbst ausdrücken kann. Außerdem werden hier zwei Geschichten erzählt, die ich schon mein ganzes Leben kenne.

Copyright Maike Helbig

Warum haben Sie Transkriptionen ausgewählt? Sie hätten ja zum Beispiel Sonaten von Prokofjew aufnehmen können.

Es war gar nicht so einfach, das Repertoire für meine CD zu finden. Ich habe über verschiedene Optionen nachgedacht. Und ich weiß, es gibt einige Leute, die Transkriptionen für oberflächlich halten. Die Fragen sich, warum sie die Klavierfassung hören sollten, wenn es doch die bessere Orchesterfassung gibt. Aber ich denke, es hat einen Grund gegeben, warum Prokofjew selbst zehn Stücke aus ‚Romeo und Julia‘ für Klavier bearbeitet hat. Und es muss auch einen Grund geben, warum ein so großartiger Pianist wie Pletnjow Tschaikowskys Ballette für Klavier bearbeitet. Für mich bilden die beiden Werke einen guten Kontrast. Und während der Arbeit daran habe ich wirklich viel gelernt, denn ich habe mich nicht nur mit der Klavierfassung beschäftigt, sondern auch sehr detailliert mit den Orchesterpartituren und habe mir die Ballette ständig angeschaut. Das hat wieder meine Interpretation beeinflusst. Das war ein großer Spaß und auch eine große Herausforderung.

Beide Stücke sind technisch sehr schwer, und es wäre ja auch für eine junge Pianistin nicht ungewöhnlich, große Virtuosität beweisen zu wollen. Das war aber für Sie nicht der Grund? Warum haben sie dann solche ‚Showstücke‘ ausgewählt?

Sie sind wirklich sehr schwer, aber meiner Meinung nach nicht schwerer als andere Stücke des Repertoires. Jedes Stück hat seine Schwierigkeiten. Tatsächlich liegt besonders Pletnjows Transkription sehr gut in den Fingern, da er selbst Pianist ist. Und ich möchte auch, dass ein Zuhörer niemals denkt, dies seien schwere Stücke. Man soll denken, sie seien leicht zu spielen und die technische Herausforderung gar nicht spüren. Ich möchte die Menschen mitnehmen in das Märchen von ‚Dornröschen‘ oder das Drama von ‚Romeo und Julia‘. Das sind sehr fantasievolle Geschichten, und jeder kann eigene Gedanken darin wiederfinden, vielleicht geht es auch einigen wirklich zu Herzen.

Ich hätte nicht erwartet, in Ihrer Einleitung im Beiheft zur CD dem Namen Disney zu begegnen. Haben sie die Musik tatsächlich durch seine Filme kennen gelernt?

Nein, nein, so war es nicht. Aber wenn man in Amerika geboren wird und aufwächst, dann gehören Disney-Filme einfach dazu. Jedes Kind kennt diese Filme dort, auch ich, zum Beispiel ‚Die Schöne und das Biest‘. Als ich in der Grundschule war, wollten alle Mädchen gerne Prinzessin sein, und die Jungen sogar auch; diese Filme sind für Jungen und Mädchen. Und natürlich haben die Disney-Filme sehr eingängige Musik, die man sofort wiedererkennt. Ich habe auf den Soundtrack eigentlich nie besonders geachtet. Aber als ich angefangen habe, ‚Dornröschen‘ zu lernen, habe ich mir die Disney-Version wieder angeschaut. Und ich war sehr überrascht, dass fast jedes einzelne Thema, das Pletnjow für seine Transkription ausgewählt hat, auch im Film vorkommt. Das ist schon sehr interessant, dass Disney die originale Musik von Tschaikowsky benutzt. Das hat mir schon ein sehr warmes Gefühl gegeben, und ich denke, für jeden ist es schön, etwas zu hören, das man wiedererkennt, besonders, wenn es einen an die unschuldigen Kindertage erinnert. Mich jedenfalls überwältigt es, dass ich etwas spiele, dass ich als Kind so geschätzt habe und das sicher immer noch Millionen Kinder lieben.

Sie spielen zwei Ballette: Haben Sie auch eine Beziehung zum Tanz?

Ich wollte früher gerne Tanzen, war aber körperlich nicht beweglich genug. Jedes Jahr zu Weihnachten habe ich aber mit meiner Familie den ‚Nussknacker‘ gesehen. Und es hat mich immer erstaunt, wie leicht bei den Tänzern immer alles aussah. Jetzt will ich irgendwie das gleiche erreichen: Es erfordert harte Arbeit, aber das Ergebnis muss leicht und graziös wirken und pure Freude vermitteln.

Im Beiheft haben Sie auch geschrieben, die Stücke erlaubten Entdeckungsreisen jenseits der gewöhnlichen Grenzen des Klavierspielens. Was haben Sie damit gemeint und was sind die gewöhnlichen Grenzen?

Für mich heißt das, dass ich in diesen Werken anders spiele als zum Beispiel in einer Beethoven-Sonate. Oder Schubert, Mozart. Dies sind Orchesterwerke, also muss man sich vorstellen, wie man zum Beispiel den Klang einer sehr hohen Klarinette imitieren kann oder einen ganz tiefen Kontrabass. Man kann das über verschiedene Anschlagsarten erreichen. Manchmal von sehr weit oben, oder mit der Seite des Fingers, was ich sonst niemals tun würde, unter normalen Umständen. Ich habe unheimlich viel probiert, wie man die Tasten berühren kann, um einen bestimmten Klang zu erreichen. Ein winziger Unterschied kann im Kontext ein riesiger Unterschied sein.

Wenn ich Ihre Hände anschaue, dann sind sie nicht besonders groß. Man sagt zum Beispiel über Rachmaninow, dass er riesige Pranken gehabt habe, ebenso wie viele andere berühmte Pianisten. Haben Sie es da nicht noch schwerer?

Ja, meine Hände sind sehr klein, und manchmal habe ich es schwer. Besonders die Prokofjew-Suite ist ganz sicher ein Stück für große Hände. An vielen Stellen habe ich gemerkt: Wenn ich größere Hände hätte, wäre das jetzt viel einfacher. Aber das sind dann Herausforderungen, die ich gerne annehme. Ich denke nicht gerne, kleine Hände seien ein Handicap, sondern versuche damit fertig zu werden, indem ich verschiedene Techniken ausprobiere und die Handstellung verändere. Es ist manchmal besser, kleine Hände zu haben, manchmal große – jede Handgröße hat ihre Vorteile. Bei diesen Stücken habe ich jedenfalls einen Weg gefunden, sie auch mit meinen kleinen Händen zu spielen.

Wie lange haben sie an ihrer Platte gearbeitet? Haben Sie die Stücke auch vorher schon gespielt?

‚Dornröschen‘ spiele ich jetzt seit zwei Jahren, ich habe es 2011 gelernt. Mit dem Prokofjew hatte ich gerade angefangen, als wir über das Repertoire der CD entschieden haben. Das war aber ein sehr langer Prozess. Ich habe mit Berlin Classics schon letztes Jahr im Mai gesprochen, im Juni oder Juli haben wir uns dann auf ein Repertoire geeinigt. Die Aufnahmen waren dann schon im November. Jetzt haben wir schon wieder fast September, ist also schon eine ganze Weile her. Ich habe ‚Dornröschen‘ schon viel im Konzert gespielt, Prokofjew erst seit dem Sommer vor der Aufnahme. Er war also noch etwas frischer. Das hat aber keinen großen Unterschied ausgemacht. Ich weiß zwar, dass viele Künstler ein Stück erst aufnehmen, wenn sie es viele Jahre im Konzert gespielt und wirklich verinnerlicht haben. Aber ich bin mit den Orchestersuiten aus ‚Romeo und Julia‘ aufgewachsen. Bevor ich die Klavierfassung sah, wusste ich also sehr genau, wie es für Orchester klingt.

Ich habe Ihre Platte mehrmals angehört, und vielleicht stimmen sie mir zu, wenn ich sage, dass Ihr Spiel gar nicht so sehr nach den großen Vertretern des russischen Repertoires klingt, wie etwa Emil Gilels oder Swjatoslaw Richter. Kennen Sie deren Aufnahmen und spielen sie für eine junge, moderne Pianistin überhaupt eine Rolle?

Das stimmt, obwohl ich sie wirklich bewundere. Gilels und Richter waren immer zwei meiner Lieblingspianisten, besonders Richter, er hatte diese wunderbare, sehr stürmische Art zu spielen. Man konnte immer seine Leidenschaft spüren, das macht seine Musik sehr elektrisierend, und ich war davon immer sehr beeindruckt. Heute versuche ich, diesem Energielevel bei Konzerten möglichst nahe zu kommen. Er hat sehr feurige Vorstellungen gegeben, an die sich die Zuhörer offenbar erinnern. Und was ich an Gilels geliebt habe, ist sein wirklich tiefer, reicher, goldener Klang. Es hört sich an, als seien seine Finger zehnmal dicker gewesen als meine oder als seien sie aus Stahl. Sie hatten diesen vollen, massiven Sound, und daran wollte ich auch immer arbeiten. Aber ich bin eine ziemlich kleine Person und habe nicht die gleichen physischen Voraussetzungen wie viele russische Pianisten. Wenn sie eine Taste mit einem Finger drücken, dann ist das, als wenn ich sie mit meiner ganzen Hand drücke. Als Kind hat mich ihr Spiel also sehr beeinflusst, allerdings denke ich, dass gerade diese Ballettmusik mit vielen kleinen, delikaten Stücken gar nicht schwer klingen sollte. Es ist schwer, sich Gilels mit diesem Repertoire vorzustellen.

Und wie ist es mit Michail Pletnjow, der die Tschaikowsky-Transkription geschrieben hat? Sie kennen bestimmt seine Interpretation. Hatten Sie auch Kontakt zu ihm oder haben Sie ihn getroffen?

Nein, ich träume davon, ihn eines Tages zu treffen, denn ich habe seine Transkriptionen seit sehr jungen Jahren gespielt, zuerst die ‚Nussknacker-Suite‘. Er hat auch eine wunderbare ‚Cinderella‘-Transkription für zwei Klaviere angefertigt, die ich gerne mal spielen möchte.

Vielleicht spielen Sie es mal mit ihm selbst …

Oh, davon träume ich ja nicht einmal. Er ist ein großartiger Pianist, der bis heute großen Einfluss auf mich hat. Sein Spiel ist so fantasievoll, und man weiß nie, was einen erwartet. Ganz oft tut er Dinge, bei denen man denkt, in dem Moment, wo man sie hört: Warum tut er das? Aber im Zusammenhang ergibt es dann Sinn. Für mich ist es immer überzeugend. Und das gilt nicht nur für bestimmtes, sondern für jedes Repertoire. Ich habe ihn auch mit Haydn oder Scarlatti gehört. Ich habe viele seiner CDs, natürlich auch die CDs mit seinen Transkriptionen. Das sind die einzigen Aufnahmen dieser Stücke, die ich gehört habe, und durch sie habe ich mich in die Stücke verliebt.

Copyright Maike Helbig

Ihre CD erscheint auch auf Vinyl, obwohl Sie selbst in den Tagen der Schallplatte noch nicht einmal geboren waren. Heute kämpft ja sogar die CD schon ums Überleben. Ist das ein bewusstes Statement für Tonträger?

Um ehrlich zu sein: Ich wusste das nicht einmal und war sehr überrascht. Ich habe auch gar keinen Plattenspieler, aber will mir jetzt einen kaufen. Ich habe von vielen Leuten gehört, dass LPs eine bessere Klangqualität haben als CDs, dass man mehr Details hören kann. Das wäre wirklich toll für diese Stücke, denn da sind so viele Nuancen im Klang, in jeder Sekunde habe ich so viele Dinge herauszubringen versucht mit verschiedenen Anschlagsarten, und vielleicht kann man das auf der LP noch besser hören. Ich habe auch gehört, dass LPs ein Comeback erleben. Ich habe nicht viele LPs gehört, aber am Curtis-Institute gab es einen Plattenspieler, und da habe ich Aufnahmen von vielen Pianisten gehört, die auf CD nicht erhältlich waren. Ich war immer überrascht von der Authentizität. Es ist fast, als ob man neben dem Flügel steht. Also freue ich mich darüber, dass ich mich jetzt auch selbst so hören kann. Aber es war wirklich eine große Überraschung für mich.

Was meinen Sie, wie man in einigen Jahren Musik hören wird? Wie hören Sie heute Musik?

Ich bin immer noch ein großer Fan der CD. Aber es wird mehr und mehr üblich, Musik auch über das Internet zu hören. Man kann eben fast alles online finden. Das hat Vor- und Nachteile. Natürlich ist es schön, wenn alles leicht zugänglich ist. Dass man einfach online gehen kann, anstatt erst in den Laden zu gehen, dort eine CD zu finden, zu kaufen, zu Hause in die Anlage zu legen. Ich glaube, dass wirkliche Musikliebhaber auch weiter in CDs investieren werden und hoffe auch, dass CDs weiter produziert werden, denn es ist eine sehr gute Möglichkeit, einen bleibenden Fußabdruck zu hinterlassen. Man will damit immer sein Bestes zeigen. Aber trotzdem: Musik online wird immer wichtiger werden.

Ihr Label Berlin Classics hat auch einen eigenen Kanal bei einem amerikanischen Videoportal eingerichtet. Man kann dort Auszüge Ihrer Platte hören. Ist das eine gute Sache?

Ja, ich denke, das ist eine gute Möglichkeit, auf die CD aufmerksam zu machen. Es ist sehr schön, dass für viele Künstler Trailer zu den aktuellen Einspielungen im Internet zu finden sind. Man kann also nicht nur ihre Musik, sondern auch ein wenig ihre Persönlichkeit kennenlernen. Ich habe zwei Trailer aufgenommen, das hat viel Spaß gemacht. Es ist ja wichtig, seinen Charakter durch sein Spiel ausdrücken, aber wenn Leute mich treffen oder hören, wie ich rede, dann sollen sie sehen, dass das zusammenpasst.

Hören Sie selbst Musik über das Internet?

Ja, natürlich. Ich habe eine große CD-Sammlung zu Hause, aber natürlich nutze ich Videoportale oder Streaming-Plattformen. Wie gesagt: Es hat Vor- und Nachteile.

Sie haben als zehnjähriges Mädchen für Bill Clinton gespielt. Erinnern Sie sich noch, wie es dazu kam?

Ja! Ich war neun, als ich einen sehr kleinen Wettbewerb gewonnen habe, einen internationalen Wettbewerb für Kinder von sechs bis 17 Jahren. Damals war es für mich der größte Wettbewerb, und ich war mit meiner ganzen Familie dort und sehr überrascht, dass ich gewonnen habe. In dem Jahr war Hillary Clinton die Schirmherrin. Sie ist eine Musikliebhaberin und interessiert an klassischer Musik. Einige Monate später sagte der Vorsitzende des Wettbewerbs dann: Wir könnten ein Konzert im Weißen Haus machen, Hillary Clinton wäre da und vielleicht, wenn seine Termine es zulassen, auch der Präsident. Wir wussten also nicht, ob er da sein würde, denn schließlich war er wirklich beschäftigt. Aber am Ende kam er doch. Leider erinnere ich mich nicht mehr so gut, denn ich war ja sehr jung, und so wichtig war das damals gar nicht für mich. Meine Eltern waren sehr aufgeregt. Ich erinnere mich jedenfalls, dass ich mit dem Präsidenten und mit Mrs Clinton geredet und ihnen die Hand gereicht habe. Sie haben die Musik auch sehr genossen. Ich habe Bach gespielt, Mozart und ich glaube ein Präludium und Fuge von Schostakowitsch, ein sehr kontrastreiches Repertoire also.

Versteht Bill Clinton denn etwas von Musik?

Ich glaube, er hat wahrscheinlich nicht viel Gelegenheit, Musik zu hören, aber er selbst ist ein Jazz-Musiker. Ich weiß, dass er ein toller Saxophonist ist. Er hat mich auch gefragt, ob ich nicht gerne Jazz spielen würde, doch damals habe ich gesagt: Nein, ich spiele nur Klassik. Er meinte trotzdem, ich sollte Jazz spielen, weil ich so schnelle Finger hätte oder so. Heute bin ich an jeder Art Musik interessiert und spiele viel Crossover, zum Beispiel Jazz-Etüden von Kapustin oder auch mal Ragtime. Ich glaube, beide Clintons sind sehr interessiert, haben aber natürlich nicht viel Zeit für Musik.

Sie sind im Alter von 17 Jahren nach Hannover gekommen. Wie haben Sie das überlebt, ganz allein und ohne deutsch zu sprechen?

Das war ganz leicht, weil in Deutschland alle so gut englisch sprechen. Mein Lehrer, Professor Vardi, unterrichtet nur auf englisch und die Studenten hier an der Hochschule sind sehr international. Es war eher eine Umstellung für mich, von zu Hause auszuziehen. Meine Eltern waren damals sehr unsicher, denn als ich am Curtis war, habe ich noch zuhause gewohnt. Ich musste mich also eher daran gewöhnen, alleine zu leben und selbst zu kochen, zum Beispiel Instant-Nudeln, oder die Wäsche selbst zu waschen. Das war schwierig, und dass ich eben zwei oder drei Monate nicht nach Hause konnte. Aber ich habe mich sehr schnell darauf eingestellt, und ich glaube, es war das Beste, was ich tun konnte.

Wie oft sehen Sie ihre Familie heute?

Ich fliege normalerweise alle zwei oder drei Monate nach Amerika, meist auch für Konzerte, und versuche, ein Vierteljahr zu Hause zu sein.

Sie kommen nicht aus einer musikalischen Familie, ist das richtig?

Ja, meine Eltern sind beide Wissenschaftler, und meine kleine Schwester hat zwar etwas Geige gelernt, als ich Klavier gelernt habe, doch sie hat es bald wieder aufgegeben und will jetzt Ärztin werden. Unsere Familie ist also überhaupt nicht musikalisch.

Copyright Maike Helbig

Da wir uns hier in der Musikhochschule getroffen haben: Studieren Sie wirklich noch ganz normal, müssen Sie noch Prüfungen ablegen?

Ich studiere hier schon seit 2007, eine sehr lange Zeit also, und nach sechs Jahren braucht man nicht mehr so viel Anleitung. Mein Vater hat immer gesagt: Ein Lehrer kann Dich nicht immer mit Fisch füttern, sondern Du musst selber fischen lernen. Nach sechs Jahren hat mir mein Lehrer viel beigebracht, meinen Blick auf die Musik geprägt: theoretische und logische Sicht auf die Partitur, grundlegendes Verständnis von Klang, Charakter und Struktur. Das habe ich jetzt ziemlich gut verstanden, und jetzt sehen wir uns einmal im Monat oder alle zwei Monate, dann spiele ich ihm vor und er bietet mir Ratschläge an, die ich aufgreife oder auch nicht, je nachdem, wie sie mir gefallen. Es ist also kein intensives Studium mehr, aber er ist mein Mentor und ich hoffe, ich kann noch lange bei ihm studieren, denn es gibt noch viel zu lernen. Jedes Jahr kann ich zurückschauen auf das vergangene und denke dann: Was habe ich da nur gemacht? Und Prüfungen habe ich auch noch. Ich habe gerade meine künstlerische Ausbildung abgeschlossen und bin jetzt in der Soloklasse, beginne also jetzt meine letzten zwei oder drei Jahre hier. Dieses Jahr habe ich so viele Prüfungen gemacht, Kammermusik, Alte Musik, Neue Musik.

Wie kam Wladimir Krainjew dazu, ihre Finger als die schnellsten der Welt zu bezeichnen?

Ich traf ihn in New York 2006 in einem Meisterkurs. Ich habe damals die Sonate D 959 von Schubert und die dritte Sonate von Chopin gespielt. Danach sagte jemand zu mir: Du solltest ihm noch Deine Chopin-Etüde vorspielen. Damals habe ich nämlich immer die zweite Chopin-Etüde sehr schnell gespielt. Es hat mir Spaß gemacht, sie so schnell zu spielen wie ich konnte. Das war wirklich sehr schnell, und Krainjew sagte danach etwas wie: Wow, das ist das schnellste, was ich je gehört habe. Im Jahr darauf kam ich nach Hannover zur Aufnahmeprüfung, und er war auch in der Prüfungskommission. Ich habe Beethoven gespielt und wieder die Chopin-Sonate. Und dann sagte Krainjew: Lass uns die schnellsten Finger der Welt hören. Und das ist hängen geblieben, denn es waren insgesamt fünf Professoren in der Kommission, auch mein Lehrer Ari Vardi. Aber letztlich ist es mehr ein Scherz. Als ich Krainjew vor zwei Jahren traf, sprach er immer noch darüber. Ich habe gesagt: So spiele ich heute aber nicht mehr! Und da meinte er: Ist schon gut. Du hast die schnellsten Finger, die ich kenne. Aber als ich jünger war, waren meine schneller.

Wie lange üben sie täglich?

Höchstens drei Stunden – am Klavier. Den Rest der Zeit höre ich mir Symphonien an oder Opern.

Musik hören gehört für Sie auch zum Üben?

Ja, sogar wenn ich etwas anderes tue und nur nebenbei höre, bleibt die Musik doch im Kopf hängen. Wenn ich eine Symphonie höre, während ich ein Buch lese – vielleicht muss ich eines Tages ein Beethoven-Stück spielen, und ein Motiv klingt wie eins aus dieser Symphonie, kann ich es mir dort noch einmal anhören und finde eine Referenz. Es ist eine sehr gute Möglichkeit, einen universellen Zugang zur Musik zu bekommen. Ich finde, viele Pianisten leben zu sehr in ihrer eigenen Welt. Das Klavier ist ein sehr unabhängiges Instrument. Man kann ganz allein musizieren und braucht keine Begleitung. Das möchte ich aber nicht, ich möchte die gleichen Erfahrungen machen wie andere Instrumentalisten.

Sie hören also sehr viel Musik? Viele Musiker hören privat kaum noch Aufnahmen, weil sie selber schon so viel spielen.

Ich kann das verstehen, bei Orchestermusikern zum Beispiel, nach all den Proben. Aber da ich selbst nicht so viel übe, ist es immer sehr erfrischend, Gesang zu hören oder andere Instrumente. Das gibt mir ein breiteres Spektrum. Es hilft mir auch sehr.

Spielen Sie noch andere Instrumente?

Nein, überhaupt nicht. Aber ich liebe Kammermusik und versuche so viel wie möglich zu spielen. Ich habe jetzt ein Trio, und wir spielen gerade Schubert, Mendelssohn, Ravel und Dvorak. Wir starten also mit dem Basis-Triorepertoire. Vielleicht kommt dann der ganze Brahms, Beethoven, Schubert.

Copyright Maike Helbig

Sie haben Preise bei verschiedenen Wettbewerben gewonnen. Werden Sie noch weitere bestreiten oder liegt diese Zeit schon hinter Ihnen?

Ich bin froh, dass ich sagen kann: Wettbewerbe habe ich hinter mir. Wettbewerbe waren wichtig für mich, denn als junge Künstlerin ist es schwer, sich einen Namen zu machen. Wenn Konzertveranstalter Deinen Namen nie gehört haben, warum sollten sie interessiert sein? Ich konnte mir also über die Wettbewerbe ein Image erarbeiten, gerade weil viele Wettbewerbe im Internet gestreamt wurden. Einige Videos sind dann bei Youtube erschienen, und das hat ein gewisses Interesse geweckt. Ich konnte mir einen Ruf erarbeiten, selbst wenn ich nicht gewonnen habe: Ich habe sie gehört. Sie hat zwar nicht gewonnen, aber dieses Stück so und so gespielt … Sehr wichtig war natürlich der ARD-Wettbewerb, bei dem ich 2011 den zweiten Preis gewonnen habe. Das hat mir in Deutschland sehr geholfen, denn es ist wirklich ein sehr wichtiger Wettbewerb hier. Und zwei meiner Kollegen haben den ersten und dritten Preis gewonnen. Ich habe bei Wettbewerben viel gelernt, aber ich brauch sie jetzt nicht mehr, um intensiv zu üben, denn jetzt habe ich Konzerte und ein CD-Label.

Gibt es schon Pläne für weitere Platten?

Ja, es gibt schon Gespräche, aber es ist noch nichts in Stein gemeißelt. Vielleicht werde ich als nächstes eine CD mit Klavierkonzerten aufnehmen. Und danach dann Kammermusik. Ich habe jedenfalls ein großes Repertoire mit ganz verschiedenen Komponisten und möchte vermeiden, in eine Ecke gesteckt zu werden als Spezialistin für virtuose russische Musik.

Das Gespräch führte Jan Kampmeier.
(08/2013)

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