> > > > "Klang hat sehr viel mit Vorstellung zu tun"
Samstag, 27. Mai 2017

Photo: Steven Haberland

Nerven wie Drahtseile und sensibel für klangfarbliche Nuancen – Anforderungen an einen Hornisten. Felix Klieser wird ihnen mehr als gerecht.

"Klang hat sehr viel mit Vorstellung zu tun"


Für sein junges Alter hat der Hornist Felix Klieser schon eine Menge erreicht: Bei ‚Jugend musiziert‘ ist der 22-Jährige Bundespreisträger. Beim ‚Life Award‘ wurde er in der Kategorie ‚Kunst und Kultur‘ ausgezeichnet. Als Hornist im Bundesjugendorchester hat er zusammen mit Popstar Sting musiziert. Seine außerordentliche Musikalität, der warme Glanz seines Tons und die sangbare Eleganz seines Vortrages paaren sich mit einer interpretatorischen Intelligenz, die von der künstlerischen Reife Kliesers zeugt. Dabei ist der in Göttingen geborene Musiker kein Hornist wie jeder andere. Klieser wurde ohne Arme geboren und spielt deswegen mit dem linken Fuß, während das Instrument von einem Stativ gehalten wird. Auf diesen Umstand möchte der sympathische Hornist, der auch alle anderen Alltagsaufgaben mit den Füßen meistert, jedoch nicht reduziert werden. Viel wichtiger ist ihm die Musik und das, was man über sie ausdrücken kann. Ende August 2013 erschien Kliesers Debüt-Album ‚reveries’. Miquel Cabruja sprach aus diesem Anlass für klassik.com mit dem jungen Musiker.

Herr Klieser, Ihr erstes Album ‚reveries‘ präsentiert romantisches Horn-Repertoire. Warum haben Sie sich gerade für die Musik dieser Epoche entschieden?

Ich wollte mit meiner CD nicht nur mich selbst vorstellen, sondern auch mein Instrument, das im Vergleich zu Klavier oder Geige viel seltener im Fokus steht. Für das Horn ist die Romantik eine entscheidende Epoche: 1815 wurde das Ventilhorn erfunden und zunächst von den allermeisten Komponisten abgelehnt. Johannes Brahms bezeichnete es z. B. als Blechbratsche. Offenbar galt es vielen Zeitgenossen als ein Unding, so ähnlich wie ein Fahrrad mit Stützrädern. Robert Schumann hingegen mochte das Instrument und schrieb eigens dafür das ‚Adagio und Allegro‘ As-Dur für Horn und Klavier op. 70, das für das Horn ein Schlüsselwerk ist und auf meiner CD nicht fehlen durfte. Schumann unternimmt in diesem Werk harmonisch sehr interessante Reisen quer durch die Tonarten und schreibt ausgesprochen chromatisch, was auf einem Naturhorn schlicht unspielbar wäre. Damit wollte Schumann bewusst die Möglichkeiten des Ventilhorns aufzeigen und ebnete dem Instrument, das er etwa auch in seinen Sinfonien einsetzte, gewissermaßen den Weg.

Der aus Liechtenstein stammende Komponist Josef Rheinberger wurde lange Zeit kaum noch gespielt. Ein Grund für Sie, seine Sonate Es-Dur für Horn und Klavier op. 178 ebenfalls für die CD aufzunehmen?

Rheinbergers Sonate hatte ich vor der Aufnahme noch nicht wirklich in den Blick genommen. Sie ist sehr interessant, denn das Klavier spielt darin eine große Rolle. Es gibt sehr oft die Linien und die Dramaturgie vor, sodass das Horn häufig eher eine Tutti-Funktion einnimmt. Rheinberger hat eine ganz wunderbare Klangsprache, die sehr ursprünglich, unglaublich natürlich und offen ist. Und seine Sonate ist ein großes Werk, das einen sehr guten Kontrast zu den weiteren Stücken des Albums bildet. Ich habe bei der Programmauswahl versucht, einen Querschnitt der romantischen Epoche zu zeigen, in der das Horn seine große Blütezeit erlebte.

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Mit seinem Andante C-Dur für Horn und Klavier op. posth. ist auf Ihrem Album auch der Spätromantiker Richard Strauss vertreten, der eine besondere Beziehung zum Horn hatte.

Sein Vater Franz war einer der führenden Hornisten seiner Zeit…

…und hegte eine ausgeprägte Abneigung gegen die Musik Richard Wagners.

Dafür hat Wagner ihn als Musiker umso mehr geschätzt und ihn gern in seinen Opern eingesetzt. Es gibt aber auch nette Anekdoten aus der Beziehung zwischen Vater und Sohn: Das Erste Hornkonzert schrieb Richard Strauss mit 18 Jahren für seinen Vater. Als er ihm sein Werk zeigte, meinte der nur: ‚Hier kann man ja überhaupt nicht atmen!‘ Die Konsequenz daraus war, dass Strauss sich die Partitur noch einmal vornahm und geradezu krampfhaft in jedem Takt ein Atemzeichen notierte. Das ‚Andante‘, das wir für die CD aufgenommen haben, ist hingegen ein sehr persönliches Stück, das für einen familiären Kontext – die Silberne Hochzeit der Eltern von Richard Strauss – geschrieben wurde. Es sollte ursprünglich gar nicht öffentlich gespielt werden und wurde auch erst nach dem Tode des Komponisten veröffentlicht.

Mit Reinhold Glière und Alexander Glasunow wenden Sie sich der russischen Romantik zu.

Mein musikalischer Partner am Klavier, Christof Keymer, schätzt die vier Stücke für Horn und Klavier aus op. 35 von Reinhold Glière, die wir für das Album eingespielt haben. Und ich mag die ‚Rêverie‘ op. 24 von Alexander Glasunow sehr gern. Als wir uns für das CD-Projekt zusammensetzten, kam die Idee auf, beide Werke miteinander zu kombinieren, worauf ich vorher nicht gekommen wäre. Allen Stücken gemeinsam ist, dass sie in zwei, drei Minuten mit großer Genauigkeit eine Dramaturgie aufbauen und auf einen Höhepunkt zusteuern. Sie sind allesamt ungeheuer dicht und sehr intelligent geschrieben. Die Konsequenz daraus ist, dass man nicht eine Sekunde unkonzentriert sein darf. Jeder gedankliche Fehler kann – anders als bei einem großen Werk wie dem von Rheinberger – alles kaputtmachen. Man hat dann einfach nicht mehr die Zeit, zu korrigieren. Entsprechend waren die Stücke von Glière auch bei der Aufnahme eine der größten Herausforderungen.

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Camille Saint-Saëns ist der sechste Komponist Ihres Albums und lenkt den Blick nach Frankreich. Inwiefern unterscheiden sich seine Romanzen für Horn und Klavier opp. 36 und 67 von den anderen Werken der CD?

Saint-Saëns hat nicht viel für das Horn geschrieben, aber er malt im Gegensatz zu den anderen Komponisten unglaublich fein, edel und filigran. Sein Klang ist wesentlich heller und man hat immer das Gefühl, dass eine Spur Zuckerguss über der Melodie liegt. Ich habe da immer ganz viele Bilder im Kopf und stelle mir vor, dass die Töne in kleine Zuckerschneckchen eingepackt sind und durch die Luft schweben. (lacht) Ich finde deswegen, dass Saint-Saëns’ Musik einen guten Kontrast zu den russischen und deutschen Werken bildet. Es ist spannend, wie Komponisten, die mehr oder weniger in derselben Epoche gelebt haben, die Klangkombination von Klavier und Horn ganz unterschiedlich beleuchten.

Christof Keymer, den Pianisten Ihres Albums, haben Sie an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover kennengelernt.

Er arbeitete dort als Dozent und war Korrepetitor für die Hornklasse. Damals war ich 13 Jahre alt und noch ein Kind. Das ist inzwischen fast ein Jahrzehnt her. Aber wir arbeiten immer noch zusammen.

War es klar, dass Sie auch mit ihm Ihre Debüt-CD einspielen wollten?

Es war mir wichtig, das Album mit jemandem aufzunehmen, der eine gemeinsame Tonsprache, eine gemeinsame Gedankenwelt mit mir teilt. Christof und ich haben oft dieselben Ideen und Meinungen, sodass er ein idealer Partner für mein Debüt ist. Wir arbeiten einfach sehr gut zusammen und ergänzen uns hervorragend.

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Mit vier Jahren, einem Alter, in dem die meisten wahrscheinlich nicht einmal wissen, wie ein Horn aussieht, äußerten Sie den Wunsch, Horn zu spielen. Wieso ausgerechnet dieses Instrument?

Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht. In meiner Familie ist niemand Musiker. Ich war als Kleinkind nie in einem klassischen Konzert. Und ich glaube, dass meine Eltern auch erst einmal gucken mussten, was genau ein Horn ist. Sie haben dann den einzigen Lehrer für Horn in Göttingen gefunden. Ich weiß noch, dass in meiner ersten Stunde die Musikschulleiterin mit einem Xylophon im Raum saß. Ich war vollkommen irritiert und dachte nur: Ich habe doch nicht Xylophon gesagt. Ich will Horn spielen! Und dann zog der Lehrer ein Posthorn aus der Tasche und sagte: Felix, komm, probier doch mal so ein Posthorn! Da war ich nur noch irritierter und dachte: Nee, drücke ich mich jetzt hier blöd aus, oder was? (lacht) Daran kann ich mich noch erinnern. Als ich dann am Ende ein B-Horn bekam, war ich endlich zufrieden. Aber woher diese Idee kam und woher ich wusste, was ein Horn überhaupt ist? Keine Ahnung.

Hat es Ihre Lehrer vor eine Herausforderung gestellt, dass Sie nicht mit den Händen spielen?

Interessanterweise hat das nie eine Rolle gespielt. Auch bei meinem jetzigen Lehrer Markus Maskuniitty nicht. Wir haben nie ein Wort darüber verloren, dass ich keine Arme habe.

Sie spielen das Horn mit den Zehen des linken Fußes, den Sie dazu scheinbar mühelos vor die Brust auf Höhe des Instruments heben. Um das Horn zu halten, benutzen Sie ein Stativ.

Als ich mit vier Jahren anfing, stand das Horn auf dem Boden und mein Oberkörper war genauso lang wie das Instrument. Das Mundrohr befand sich also exakt auf der richtigen Höhe. Als ich dann aber größer wurde, kamen wir sehr schnell auf die Idee mit dem Stativ. Ein viel zentraleres Problem meiner Karriere war, dass ich keine Hand in den Schalltrichter des Horns stecken kann. Denn die Hand hat einen enormen Einfluss auf den Klang, macht ihn dunkler und runder. Als Zehnjähriger merkte ich bereits, dass ich zu hell, zu sehr nach Trompete klang. Und mir wurde sehr schnell klar, dass ich das in den Griff bekommen muss, wenn ich professionell spielen will.

Wie haben Sie das Problem gelöst?

Der Klang hat sehr viel mit Vorstellung zu tun. Wenn man sich etwas vorstellt, dann hört man das sofort am Instrument, ohne dass der Interpret unbedingt weiß, was er technisch macht. So kann man auch erreichen, weicher oder dunkler zu klingen. Das ist natürlich mühselig und dauert Jahre. Aber letztendlich hat jeder Hornist dieses Problem. Denn das Horn ist kein Instrument, bei dem man eine Taste drückt und es kommt ein Ton heraus. Man erzeugt den Klang nur mit den Lippen.

Hat dieser jahrelange Prozess Sie besonders für das Thema Klang sensibilisiert?

Dass ich mich so früh mit dem Klang auseinandersetzen musste, führte dazu, dass ich für das Thema vielleicht tatsächlich stärker sensibilisiert bin als andere Musiker. Ein ‚forte‘ kann ‚maestoso‘, aber auch ungeheuer brutal und hart klingen. Ein ‚piano‘ kann lieblich-süß wirken, einem aber auch einen kalten Schauer über den Rücken jagen. Genau diese Unterschiede interessieren mich. Diese Differenziertheit möchte ich mit meinem Instrument ausdrücken.

Wo wir gerade beim Klang sind: Hornisten verzeiht man Fehler, die man anderen Musikern nicht nachsehen würde.

Jeder Hornist macht Fehler und kiekst zwischendurch bei einem Konzert. Wenn man sich für dieses Instrument entscheidet, muss man einfach lernen, damit klarzukommen und darf sich davon nicht verrückt machen lassen. Man braucht einfach ein gutes Nervenkostüm: Sobald man sich von der Angst vor falschen Tönen einschüchtern lässt, hört es jeder im Saal. Auf Videoplattformen im Internet kann man sich ja alle Top-Hornisten in Ruhe ansehen. Da gibt es niemanden, der so gut wäre, dass er fehlerfrei spielt.

Copyright Steven Haberland

Ihre Videos werden im Internet tausendfach angeklickt und begeistert kommentiert.

Das Internet ist ein unglaublich schönes Medium, um Musik zu präsentieren. Ich glaube, dass dies vor allem auch der klassischen Musik nutzen kann. Viele Menschen haben Hemmungen, in ein klassisches Konzert zu gehen. Sie haben Angst, sich in der Philharmonie oder der Oper falsch zu verhalten. Im Internet können sie unverkrampft und entspannt klassische Musik erleben und Hintergrundinformationen sammeln. Deswegen finde ich es für uns Künstler wichtig, dieses Medium zu nutzen. Klassische Musik darf sich nicht zurückziehen, sondern muss auf die Leute zugehen und sich öffnen. Ein konkretes Beispiel: Wenn ich früher in meiner Schule bei Veranstaltungen ein Hornkonzert von Mozart gespielt habe, sind danach Leute auf mich zugekommen, die ich eher in die Rock- oder Hip-Hop-Schublade gesteckt hätte. Die wollten dann von mir wissen, was das für Musik war und ob der Komponist schon lange tot ist. Daran sieht man, dass klassische Musik für alle Menschen funktioniert. In diesem Zusammenhang finde ich es auch großartig, dass es ein solches Angebot wie klassik.com gibt. Ich selbst nutze Ihr Online-Magazin sehr oft, wenn ich mich über Künstler informieren will. Da sind die vielen Interviews und Rezensionen eine hervorragende Möglichkeit, schnell das zu erfahren, was einen interessiert.

Wohin geht die musikalische Reise, nachdem Sie die erste CD aufgenommen haben?

Ich komme jetzt an der Musikhochschule ins siebte Semester und drücke also erst einmal weiter die Schulbank. Bevor ich anfing zu studieren, hatte ich meine konkreten Vorstellungen, was ich musikalisch erreichen will. Aber darüber bin ich inzwischen schon hinausgewachsen. Mir geht es gar nicht um bestimmte Preise oder Auszeichnungen. Wenn man Musik studiert, geht es um Musik. Und die ist das Wichtigste für mich. Als Solist genieße ich die große Freiheit, meine persönliche Sicht auf Musik zum Ausdruck bringen zu können. Das ist ein wirklicher Luxus!

Das Gespräch führte Miquel Cabruja.
(09/2013)

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