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Sonntag, 24. September 2017

Photo: Anne Kirchbach

Peter Ruzicka, vielseitiger Komponist, Dirigent und Kulturmanager, ist "Composer and Artist in Residence" beim Beethovenfest 2010

"Ich wollte einen Ausbruch aus meiner musikalischen Grammatik wagen"


Das Beethovenfest Bonn 2010 steht unter dem Motto "Ins Offene - Utopie und Freiheit in der Musik". Ein Verweis auf Hölderlins Elegie "Der Gang aufs Land" und den gesellschaftlichen Umbruch in der Zeit vom 18. zum 19. Jahrhundert, von dem besonders Beethovens Werke geprägt sind. In diesem Jahr wird Peter Ruzicka "Composer and Artist in Residence" des Beethovenfestes sein. Mit der Wahl des 1948 in Düsseldorf geborenen Komponisten, Intendanten und Dirigenten legt das Beethovenfest einen Schwerpunkt auch auf zeitgenössische Musik. Vier Konzerte sind seiner Musik gewidmet, zwei wird er selbst dirigieren und sein Cellokonzert "...Über die Grenze..." uraufführen. klassik.com sprach im Vorfeld mit Ruzicka über seine Musik, den Sinn von Musikfestivals, den Begriff der "Zweiten Moderne" und warum er den Bau eines Festspielhauses in Bonn begrüßt hätte.

Herr Ruzicka, als Dirigent und Komponist werden Sie in diesem Jahr „Artist in Residence“ beim Beethovenfest in Bonn sein. Wie kam es zu der Anfrage?

Ausgangspunkt war der Kompositionsauftrag für ein Cellokonzert. Ilona Schmiel, die Intendantin des Beethovenfestes, wusste, dass ich in enger künstlerischer Verbindung mit dem Cellisten Daniel Müller-Schott stehe und gern für ihn geschrieben hätte. Daraus ist das Stück „...über die Grenze...“ entstanden. Davon ausgehend haben wir dann ein Programm konzipiert.

„...Über die Grenze...“ wird am 15. September zu hören sein.

Ich habe erstmals mit Daniel Müller-Schott zusammengearbeitet, als wir gemeinsam das Cellokonzert von György Ligeti aufgeführt haben. Er hat das damals so phänomenal umgesetzt, dass in mir sofort der Wunsch gereift ist, für ihn ein Werk für Cello und Orchester zu schreiben. Für einen Komponisten ist es immer besonders reizvoll, sozusagen die Physiognomie eines Interpreten in ein zu komponierendes Stück mit hineinzubringen. Bei Müller-Schott liegt es nahe, ein Stück speziell für seine ganz besonders virtuosen Fähigkeiten zu schreiben. Ich habe beim Komponieren seinen spezifischen Klangcharakter immer im Ohr gehabt.


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Hat Müller-Schott während dieses Prozesses mit ihnen zusammengearbeitet?

In diesem Fall habe ich ihm die Partitur der Solostimme erst nach Abschluss der Komposition zugeschickt. Da hat er ein wenig geseufzt ob der Schwierigkeiten, die er vor sich sah. Er hat sich dann den ganzen Sommer reserviert, um seine Partie zu lernen. Wie schon der Titel sagt, ist es ein Stück, das auch an die Grenzen der Spielbarkeit rührt. Aber genau das reizt ihn auch und wir möchten, dass dies bei der Aufführung auch hörbar wird.

Ein zeitgenössisches Virtuosenstück?

Der Titel weist primär auf die ästhetische Ausrichtung des Stückes, das grenzüberschreitend gedacht ist. Es gibt darin ein ständiges Changieren zwischen zwei musikalischen Sprachen. Man könnte auch einen Schritt weiter gehen und von zwei Sphären sprechen, vielleicht sogar von Leben und Tod... Es hat also auch etwas sehr irrationales. Jedenfalls kommen emotionale Zustände ins Spiel, die gleichbedeutend sind mit technischen Herausforderungen. Im Vordergrund steht jedoch eine gewisse Vielsprachigkeit der Musik und der Wechsel zwischen den beschriebenen Stadien.

Was bedeutet Vielsprachigkeit in diesem Kontext?

Wenn ich mir meine Werke der letzten Jahre ansehe, würde ich sagen, dass in diesem Stück etwas neues formuliert wird. Vielleicht kann man die Ebene, die nun hinzukommt, darstellen als einen Übergang in eine für mich neue Musiksprache. Das hat für mich auch etwas Abenteuerliches, nicht Definierbares. Ich wollte einen Ausbruch aus meiner bisherigen musikalischen Grammatik wagen.

Steht dieser Ausbruch im Zusammenhang mit dem Begriff der „Zweiten Moderne“, die Sie etwa auch in einer Vorlesung an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz zum Thema gemacht haben?

Wir befinden uns seit langer Zeit in einem Zustand der Postmoderne, wie die gängige Sprachregelung lautet. Es handelt sich dabei um ein musikalisches Vokabular, das sich bestehender Zeichensysteme bedient, allenfalls einen Transfer bekannter Ordnungen versucht und so Überdruss erregt.

Das Ende der Avantgarde?

In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg war die Neue Musik dadurch ausgezeichnet, dass sie ständig neues Material entwickelte. Wenn man an die Vita von Stockhausen denkt, der alle fünf, sechs Jahre etwas genuin vollkommen Neues gemacht hat, war darin noch die Adorno’sche Philosophie des unentwegten Fortschreitens verwirklicht. Dieses Fortschreiten ist heute in der Tat zum Stillstand gekommen. Seit Ende der Siebzigerjahre kreist die Neue Musik ziellos in sich selbst, was mit dem Einverständnis verbunden ist, dass es neues musikalisches Material nicht mehr gibt und wohl auch nicht mehr geben wird.

Wie könnte ein Ausweg aussehen?

Viele – darunter auch ich – träumen davon, wieder zu so etwas wie einer Gerichtetheit, einem Vorn, vielleicht auch zu einer gesellschaftlich neu fokussierte Musik zu finden. Das ist theoretisch einfacher zu begründen, als praktisch zu verwirklichen. Aber der Versuch sollte immer wieder gemacht werden: Der Weg ist wichtiger als das Ziel.

Ihrem Cellokonzert „...Über die Grenze...“ wird in Bonn die Sinfonie Es-Dur op. 33 von Anton Eberl vorangestellt sein.

Ein sehr interessantes Werk, das heute fast vergessen ist, jedoch bei Eberls Zeitgenossen große Wirkung erzielte: Eberls Sinfonie wurde zusammen mit Beethovens Eroica uraufgeführt, und in der Kritik herrschte damals Einvernehmen darüber, dass seine Sinfonie sehr viel besser sei als Beethovens Sinfonie...

Das dritte Werk des Konzerts ist eine Bearbeitung, die Gustav Mahler von Beethovens Quartett für zwei Violinen, Viola und Violoncello f-Moll op. 95 eingerichtet hat.

Im Mahler-Jahr 2010 lag es nahe, eine Verbindung zwischen seinem Werk und Beethoven herzustellen, der ja der Mittelpunkt des Festivals ist. Deswegen habe ich auch für das Konzert am 30. September Mahlers Bearbeitung von Beethovens Sinfonie Nr. 9 gewählt. Es handelt sich dabei um ein ganz wesentliches Dokument für die Beethoven-Rezeption zur Wende vom 19. ins 20 Jahrhundert. Da kommt ein Fernorchester ins Spiel und es werden viele Fragen zur Phrasierung, Dynamik und Instrumentierung aufgeworfen. Das ist nicht ganz unproblematisch, und man wird nicht sagen können, dass es eine Fassung wäre, die sich auf Dauer wird durchsetzen können. Sie sollte aber ganz sicher unbedingt einmal im Rahmen des Beethovenfestes aufgeführt werden.

Copyright Anne Kirchbach

Neben dieses Werk stellen Sie Ihre Musik für 22 Streicher „...Ins Offene…“, die im Titel auf das Motto des diesjährigen Festivals verweist.

Dieses Stück, das auf Hölderlins Gedicht »Der Gang aufs Land« rekurriert, wollte Ilona Schmiel unbedingt ins Programm mit aufnehmen. Außerdem wird es am 18. und 19. September zwei Konzerte geben, in denen mein gesamtes Liedschaffen und Kammermusik von mir im Zentrum stehen. Das Minguet Quartett und Mojca Erdman werden „...Erinnerung und Vergessen...“ für Streichquartett mit Sopran sowie „...Fragment...“ für Streichquartett aufführen. In Kontrast dazu werden sie Schumanns Quartett A-Dur op. 41/3 und ferner Schumanns sechs Gesänge op. 107 in der Fassung für Streichquartett und Sopran von Aribert Reimann setzen. Schließlich wird Dietrich Henschel, der auch die Titelpartie in meiner Oper Hölderlin in Berlin gesungen hat, begleitet von Michael Schäfer meine Liederzyklen „Acht Gesänge nach Fragmenten von Nietzsche für Bariton und Klavier“ sowie „...und möchtet Ihr an mich die Hände legen...“ singen. Dazu werden dann Lieder von Hans Eisler und Robert Schumann in Bezug gesetzt.

Neben „Hölderlin“ haben Sie auch eine Oper mit dem Titel „Celan“ geschrieben. Wird es in Zukunft mehr Werke für das Musiktheater von Ihnen geben?

Ich habe vor jeder Oper immer Stücke geschrieben, die einen klanglichen Topos oder ein Koordinatensystem geöffnet haben, das für diese Oper dann typisch ist. Ich könnte mir vorstellen, dass „...Über die Grenze...“ zum Ausgangspunkt für eine dritte Oper werden könnte, die dann auch von solchen Grenzüberschreitungen handeln würde. Das ist alles noch nicht spruchreif, zeigt aber wiederum nur, wie wichtig das Stück für mich ist.

Das Beethovenfest erfüllt im rheinischen Musikleben Leuchtturm-Funktion. Mit der Entscheidung gegen den Neubau des Beethoven-Festspielhauses haben die Macher eine herbe Enttäuschung erleben müssen.

Das ist sehr bedauerlich, weil dieser Neubau für Bonn und die Region ein Quantensprung gewesen wäre. Man hat es ja an verschiedenen anderen Orten erlebt, was so ein neuer Saal für eine Stadt bedeuten kann. Denken Sie an Köln: Vor der Eröffnung der Kölner Philharmonie war da doch eigentlich musikalisches Brachland. Niemand wollte im historischen Gürzenich auftreten. Die Gastorchester haben wegen der schlechten Akustik einen Bogen um Köln gemacht. Doch mit der Eröffnung der Philharmonie hat sich die Musikrezeption und die Identifikation der Kölner mit ihrem Konzertsaal vollkommen verändert. Auch die Besucherzahlen sind auf das Zehnfache gestiegen. So ein Prozess wäre Bonn ebenfalls zu wünschen gewesen.

Bei der Frage um den Abriss der Beethovenhalle ging es auch um Denkmalschutz.

Man versteht natürlich, dass denkmalschützerische Anliegen heute eine große Rolle spielen. Das war in der Diskussion ja auch lange Zeit eine Bremse, weil man nicht wusste, ob die Beethovenhalle stehen bleiben oder abgerissen werden sollte. Ich glaube, dass die lange Verzögerung der Hauptgrund dafür ist, dass das Projekt jetzt eingefroren wurde. Das Geld war in diesem Falle kein Problem, es hatten sich ja schließlich drei große DAX-Konzerne dazu bereit erklärt, den Neubau zu finanzieren. Auf Bonn wären lediglich im späteren Betrieb vielleicht relativ überschaubare Kosten zugekommen.

Sie haben lange als Intendant von großen Häusern und Orchestern gewirkt. Von 2001 bis 2006 waren Sie künstlerischer Leiter der Salzburger Festspiele. Was für eine Bedeutung hat aus dieser Perspektive ein Festival wie das Beethovenfest für Sie?

Während meiner Salzburger Zeit habe ich zu schätzen gelernt, dass man auf Festivals konzentriert thematische Linien entwickeln kann. Man kann unabhängig von den Zwängen einer Saison, in der man einfach 12 Abo-Reihen bestücken muss, Schwerpunkte setzen und Künstler auswählen, die an Projekten mitarbeiten und diese gemeinsam gestalten. Der Diskurs ist ein anderer und auch das Publikum kann sich auch konzentriert auf thematische Vorgaben einlassen. Das gilt zumindest für ein richtig geführtes Festival. Und das Bonner wird man als solches bezeichnen dürfen, weil Ilona Schmiel in den letzten Jahren eine exzellente Arbeit gemacht hat. Damit schafft so ein Festival auch überregional Identität.

Copyright Anne Kirchbach

Wir haben von Mahler gesprochen. Es ist bekannt, dass er seine liebe Not damit hatte, neben seinen Verpflichtungen als Dirigent Zeit fürs Komponieren zu finden. Wie schaffen Sie das bei all Ihren Funktionen und Verpflichtungen?

Das war vor allem ein Problem in meinen Salzburger Jahren. Da ist sehr wenig entstanden, weil einfach keine Zeit blieb, sich in längeren Phasen über Wochen auf Projekte einzulassen und zu arbeiten. Dadurch, dass man laufend vorbereiten, Entscheidungen treffen und steuern musste, blieben vor allem im Sommer keine Freiräume. Deshalb war es eine Lebensentscheidung, das angebotene zweite Fünfjahreskapitel in Salzburg nicht zu beginnen. Der Vertrag lag schon auf dem Tisch, so dass ich dort bis 2012 zu tun gehabt hätte. Aber ich habe gespürt, dass ich mich als Komponist nach und nach aufgebe, wenn ich diesen Zeitkonflikt weiter vor mir hertrage, noch dazu wo jetzt das Dirigieren zunimmt. Aber ich habe mich ja nicht ganz vom Management zurückgezogen. Mir bleibt noch die Münchner Biennale, die alle zwei Jahre 14 Tage lang stattfindet und von daher in der Vorbereitung keine ständige Präsenz erfordert. Das hat ja auch bei meinem Vorgänger und Lehrer Hans Werner Henze sehr gut geklappt. Also mit dieser Trias – Komponieren, Dirigieren und Musikmanagement – kann ich am ehesten eine Balance herstellten, die für alle Bereiche zufriedenstellend ist.

Das Gespräch führte Miquel Cabruja.
(08/2010)

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