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Sonntag, 19. Februar 2017

Photo: Zeitkunst Festival

Die Initiatoren des Zeitkunst Festivals über den Dialog der Künste

"Kunst ist immer anspruchsvoll"


Das Zeitkunst Festival zählt zu den Impulsgebern für zeitgenössische Musik. Das liegt zum einen an der Vielfältigkeit, die Zeitkunst verfolgt. Das jährlich stattfindende Festival widmet sich nicht nur der zeitgenössischen Musik, sondern auch der zeitgenössischen Lyrik und anderen Gattungen, für die der Fluss der Zeit ebenso das grundlegende Lebenselement ist wie etwa Tanz, Performance und Videokunst. Zum anderen aber liegt das vor allem an der Qualität und Intensität, mit der die Verschränkung und Zusammenarbeit der Künste betrieben wird. Die künstlerischen Leiter des Festivals, der Autor und Verleger Johannes Frank, der Cellist Julian Arp und der Pianist Caspar Frantz, setzen auf einen produktiven Austausch, eine Verschränkung der Gattungen, die über traditionelle Formate wie Konzertlesungen oder Gedichtvertonungen hinausgeht. Die Erfolge des Festivals in Berlin und Paris sowie bei Gastspielen des Ensembles Zeitkunst scheinen dem Konzept bisher auf ganzer Linie Recht zu geben. klassik.com-Autor Tobias Roth sprach mit den Initiatoren über die Anfänge des Festivals, die konkrete Arbeit an den Werken sowie die Zukunftspläne und –aussichten von Zeitkunst.

Wie entstand die Idee einer Fusion zeitgenössischer Kammermusik und Lyrik?

Caspar Frantz: Wir drei sind seit 15 Jahren eng miteinander befreundet. Wir sind parallel und gemeinsam einen künstlerischen Weg gegangen. Aus unserer gegenseitigen Begleitung entstand schon früh der Wunsch, gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen, das den Dialog zwischen Kammermusik und Literatur befördert. Es folgten die ersten gemeinsamen Konzertlesungen und vor fünf Jahren hatten wir dann die Idee, das Zeitkunst Festival zu gründen.
Johannes Frank: Diese Etappen haben wir immer gemeinsam genommen, in einem engen Austausch. Mit- und aneinander haben wir erleben können, wie bereichernd der Austausch mit einer anderen Kunst ist, und welche Herausforderungen in einem solchen Austausch liegen.

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit der Komponisten und Lyriker? Wie reagieren die Gattungen konkret aufeinander?

Julian Arp: Es gibt natürlich schon einige Festivals oder Konzertreihen, in denen Worte und Musik miteinander kombiniert werden – meist werden dabei Literatur und Musik aus den vergangenen Jahrhunderten aufgeführt. Uns fehlte bei diesen Veranstaltungen aber der direkte Austausch zwischen den Künstlern, den wir als große Bereicherung empfinden.

Und das Zeitkunst Festival fördert gerade diesen Austausch?

Frank: Unser Ziel war und ist ein unmittelbarer und direkter Dialog zwischen Musik und Literatur. Durch Gespräche, Proben und Zeit entsteht dadurch Neues. Durch unser Festival sind in den letzten drei Jahren zehn Kompositionen und über 80 Texte entstanden, die jeweils durch die andere Kunstform inspiriert wurden. Und zwar gerade nicht als Fusion, die Künste lösen sich nicht ineinander auf. Es ist vielleicht eher ein osmotisches Verfahren.
Frantz: Und die Künstler reagieren aufeinander und die Aufgabe, die wir ihnen stellen, ganz unterschiedlich. Es gibt unterschiedliche Ausgestaltungen der Zusammenarbeit. Manche sind sehr eng: Es wird viel kommuniziert, miteinander diskutiert, sich über Arbeitsweisen ausgetauscht, die performative Ebene reflektiert.

Ist eine solch enge Zusammenarbeit die Regel?

Arp: Nein, bei einigen ist die Zusammenarbeit eine entferntere, was aber nicht bedeutet, dass sie schlechter ist. Wir wissen bei der Programmplanung zunächst, mit wem wir aus inhaltlichen, künstlerischen Gründen zusammenarbeiten möchten. Wie die Zusammenarbeit dann aussieht, welche konkrete Gestalt sie annimmt, stellt sich erst in der Arbeit heraus.
Frank: Es ist für alle Beteiligten zunächst etwas Neues, etwas, das viele Herausforderungen bietet und viel Freude bereiten kann!

Copyright Zeitkunst Festival

Auch in der klassischen Musik gilt Banalisierung immer mehr als Königsweg zum gut gefüllten Saal. Wie sind Ihre Erfahrungen bei diesen anspruchsvollen, zeitgenössischen Programmen?

Arp: Man kann nur mit Qualität und spannenden Programmen überzeugen.
Frank: Unser Weg ist immer der andere. Wir suchen bewusst auch Reibungsflächen, schauen in der Literatur, welche Themen angesprochen werden können, welche Stile sich bei Zeitkunst entfalten können. Dabei achten wir immer auf das Potential für sinnvolle Auseinandersetzung. Der Austausch selbst lässt schon keine Banalitäten zu. Gerade mit unseren internationalen Partnern und den internationalen Künstlern ist Zeitkunst immer auch ein Fragen nach Traditionen, nach unterschiedlichen Zugängen, Verständnissen von Kunst und Form, von Bedeutung, von Inhalt. Und auch durch den Austausch in einigen Programmen mit bildenden Künstlern kommen Ebenen hinzu, die sich gegen das Gewohnte und Banale wenden.

Wie reagiert das Publikum auf Ihr Reibungsflächen-Angebot?

Frantz: In Städten wie Berlin aber auch Tel Aviv und Rio de Janeiro gibt es großes Interesse an Neuer Musik und zeitgenössischer Literatur. Wir begegnen überall Offenheit und fordern sie auch ein. Kunst ist natürlich immer anspruchsvoll, und jeder, der offen ist, kann diesen Ansprüchen gerecht werden. Wir wollen das, was wir machen, eben nicht um der Abstraktion willen, sondern um den Dialog unseren Zuhörern näher zu bringen. Überdies gibt es mannigfache Ebenen unserer Arbeit, welche auch den unbefangendsten Zuhörer an die Hand nehmen. In diesem Jahr sind wir in unserem Tourprogramm „The Tourist Attitude“ beispielsweise mit „Die.Puntigam“, einem österreichischen Visual Artist, gemeinsam auf der Bühne – er ist Teil der Performance und interpretiert mit seinem Tag Tool das, was auf der Bühne geschieht. Das ist unheimlich spannend!
Arp: Und unsere Regisseurin, Lilly Jäckl, hat diese Aspekte vorausschauend zu einem sinnstiftenden Ganzen werden lassen. Es ist für uns beglückend, wenn man wie neulich in Paris von einer 70-jährigen Dame nach unserem John Cage-Programm hört, dass sie seit 25 Jahren nicht so etwas Bereicherndes erlebt habe. Dann merkt man, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Nach welchen Kriterien wählen Sie die beteiligten Künstler aus?

Arp: In der Musik sind es geschätzte, außergewöhnliche Kollegen, die wir auf internationalen Festivals kennen lernen und die auch daran interessiert sind, aktiv die Zukunft zu gestalten und durch gute Ideen weitere Verbindungen zu schaffen. Wir haben vor einigen Jahren den wunderbaren brasilianischen Pianisten Luiz Gustavo Carvalho in England kennen gelernt. Er erlebte unser Festival im Centre Pompidou und war sofort Feuer und Flamme, unser Konzept in Brasilien zu präsentieren. So organisieren wir z.B. mit ihm eine Ausgabe des Zeitkunst Festivals in Rio de Janeiro.

Und auf der Seite der Literatur?

Frank: In der Literatur verläuft es ganz ähnlich, wobei unser Verlag da natürlich eine entscheidende Rolle spielt. Durch den Verlag lernen wir Autoren kennen, die sich mit unseren Zielen identifizieren können und den Austausch mit anderen Künsten suchen. Für Brasilien ist Ricardo Domeneck ein wichtiger Autor, der sich in diesen Dialog begibt, in Israel sind es Tal Nitzan oder Maya Kuperman. Und in Deutschland gibt es eine große Vielfalt an Autoren, mit denen wir arbeiten. Wir sind froh, dass sich durch unser Festival ein Netz durch die Künste spannt und Künstler, die sonst nichts miteinander zu tun hätten, miteinander verbindet.
Frantz: Und aus Arbeitsbeziehungen werden häufig auch Freundschaften, so z.B mit den Komponisten Samir Odeh-Tamimi, Sarah Nemtsov oder Helena Winkelman. In den Freundschaften werden auch die Beziehungen zwischen den Künsten weiter getragen und gestärkt.

Wie lassen sich inhaltliche oder formale Entsprechungen und Beziehungen zwischen Musik und Lyrik ausarbeiten, die über die traditionelle Strategie der Vertonung hinausgehen?

Frank: Wir sind nicht grundsätzlich gegen Vertonungen, es gibt aber viele sehr spannende Arten, die noch nicht genug ausprobiert wurden. Wir versuchen, so viele wie möglich zur Geltung kommen zu lassen!
Frantz: Es gibt ja die unterschiedlichsten Anknüpfungspunkte – von inhaltlichen Anknüpfungspunkten, also der Frage, ob es Künstler gibt, die eine ähnliche Ausrichtung haben, bis hin zu formalen Beziehungen.

Wie darf man sich die Anknüpfungspunkte konkret vorstellen?

Arp: Repetitionen, Aleatorik, strukturelle Überlagerungen, der Umgang mit Kontrasten, Klangfarben, die Frage nach der Verwendung von Stille – es gibt unheimlich viele Möglichkeiten.

Wie kommt es Ihrer Meinung nach, dass moderne Malerei in der Zwischenzeit enorme Breitenwirkung entfaltet und etwa ungegenständliche Bilder niemanden mehr verschrecken, während Musik und Literatur noch sehr ‚gegenständlich‘ sein müssen? Obwohl, oder gerade weil Literatur und Musik schneller ‚ins Blut‘ gehen? Es genügt ja bereits Beethovens ‚Große Fuge‘, um ein Publikum unruhig werden zu lassen.

Arp: Es hat alles mit Gewohnheiten und mit der Einstellung zu tun. Wenn man ein hervorragendes zeitgenössisches Werk z.B von György Kurtág öfter und mit Offenheit hört, dann wird man immer mehr entdecken und wahrnehmen, was für musikalische Reichtümer in der Partitur verborgen sind.
Frantz: Natürlich sehnen sich viele nach Schönheit und können mit der Häufung von Dissonanz nicht umgehen. Eigentlich ist das 21. Jahrhundert aber eine große Chance für die Musikwelt, weil so heterogene Stile nebeneinander existieren können. Ein romantisch denkender Komponist wie Sven-Ingo Koch findet seinen Platz ebenso wie ein Helmut Lachenmann. Viele zeitgenössische Kompositionen finden anstandslos Verwendung im Film, aber ohne die visuelle Ebene gibt es deutlichere Hemmschwellen. Den Film ‚Shining‘ bringt man ja nicht im ersten Moment mit dem Komponisten Penderecki in Verbindung, dennoch ist dort seine Musik zu hören! Es ist auch aus heutiger Sicht schwer vorstellbar, dass Beethovens ‚Große Fuge‘ bei der Uraufführung dem damaligen Publikum zugänglicher war. Auch wollen wir die klassische Konzertsituation sinnvoll hinterfragen. Das ist auch eine Herausforderung für uns, die wir mit ‚klassischen‘ Lesungs- und Konzertsituationen vertraut sind.

Copyright Zeitkunst Festival

Bei der Literatur gibt allerdings nicht die Möglichkeit wie beim Film, dass eine Ebene – hier das Visuelle – eine andere – das Klangliche – überlagert und dadurch vom reinen Klang gewissermaßen ablenkt. Die ‚Dissonanzen‘ der Literatur stellen offenbar eine recht große Herausforderung für Teile des Publikums dar.

Frank: In der Gegenwartsliteratur ist es ganz ähnlich wie in der zeitgenössischen Musik, wobei wir es erleben, dass die Erwartungen an Gegenwartsliteratur ganz andere sind. Und unsere richten sich danach aus, dass die Autoren, die wir einladen, nicht nur Interesse am Austausch mit anderen Künsten haben, sondern etwas Wichtiges mit ihrem Schreiben verfolgen, dass sie tatsächlich auch etwas zu sagen haben. Bei Zeitkunst ist natürlich die Tatsache, dass es internationale Autoren sind, die ihre Texte in ihrer Sprache aufführen, noch einmal etwas Besonderes. Da ist die Herausforderung oft, sich vom vordergründigen Verstehen zu verabschieden. Die Ziele der geschriebenen Texte und der Texte in der Performance sind andere. Bei ‚The Tourist Attitude‘, unserem Programm um John Cage, das wir Ende November auch in Berlin aufführen werden, wird auch erlebbar, wie begeisternd und sogar befreiend diese Hinterfragung für uns und für das Publikum sein kann. Im Zusammenkommen der Künste entstehen neue performative Formen, und im Miteinander der Künstler liegt für uns weiterhin ein großes Potential.

Copyright Zeitkunst Festival

Welche Rolle spielt das Internet für Zeitkunst?

Frantz: Das Internet ist für uns nicht nur ein Weg, mit unseren Hörerinnen und Hörern zu kommunizieren, es ist auch der wichtigste Weg, über Zeitkunst zu informieren und mit neuen Künstlern in Verbindung zu treten. Über unterschiedliche Plattformen versuchen wir, so viel wie möglich zu machen. Unsere Zeitkunst-Tournee wurde von einem Blog begleitet, was eine sehr schöne Form ist, über unseren Dialog zu berichten.
Arp: Im Internet ist die Präsenz der Neuen Musik allerdings noch völlig unzureichend. Portale wie klassik.com sind in den letzten Jahren zu wichtigen Umschlagplätzen für Informationen geworden. Aber aus der Neuen Musik-Szene heraus geschieht dort, besonders im Vergleich zur Literatur, noch sehr wenig. Das ist auch überraschend für uns, da sich die Neue Musik ja eigentlich nicht in Sachen innovativer Medien zurückhält.

Das Gespräch führte Tobias Roth.
(01/2013)

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