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Samstag, 27. Mai 2017

Photo: Osterfestspiele Salzburg

Die Osterfestspiele Salzburg übergeben den Finanzskandal in die Hände der Justiz und schauen künstlerisch nach vorn

"Als ich die Aufgabe in Salzburg übernahm, hatten wir nicht einmal eine Website"


Die 1967 von Herbert von Karajan gegründeten Osterfestspiele Salzburg sorgten im letzten Jahr vor allem durch einen Finanzskandal für Schlagzeilen. Mittlerweile ist die Organisation umstrukturiert, und mit dem britischen Musikmanager Peter Alward wurde ein geschäftsführender Intendant installiert, dem Bernd Gaubinger als kaufmännischer Geschäftsführer zur Seite steht. Als künstlerischer Leiter sorgt der Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, Sir Simon Rattle, für frischen Wind: In diesem Jahr ist das musikalische Programm rund um die Neuinszenierung der ‚Salome‘ von Richard Strauss in der Regie von Stefan Herheim gruppiert. Peter Alward, ausgebildeter Pianist und bis 2004 Präsident des Plattenlabels EMI Classics, verriet klassik.com-Autor Tobias Pfleger in einem Gespräch, weshalb es für die Osterfestspiele Salzburg genügend Gründe gibt, hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken.

Die Osterfestspiele Salzburg stehen kurz vor der Tür. Sind Sie mit den bisherigen Abläufen zufrieden, geschieht alles nach Plan?

Ich bin sogar sehr zufrieden! Denn es ist das erste Mal seit fünf Jahren, dass die Festspiele eine neue Inszenierung haben. In diesem Jahr ist das ‚Salome‘ von Richard Strauss, und der Regisseur Stefan Herheim, der in Deutschland nach seinem herrlichen ‚Parsifal‘ in Bayreuth kein unbeschriebenes Blatt mehr ist, leistet phänomenale Arbeit.

Die Salzburger Landeshauptfrau Gabi Burgstaller hat davon gesprochen, dass die Osterfestspiele Salzburg mit Ihnen nun in ruhigere Gewässer geführt werden sollen. Ist das bislang gelungen?

Toi, toi, toi – ja. Es war natürlich so: Ich bin in einem Moment eingestiegen, der sehr unangenehm war. Aber diese Unannehmlichkeiten waren mit einer Handvoll Menschen verbunden. Es ist nicht so, dass der ganze Betrieb marode war oder ist. Und das Wunderbare und das Wichtigste daran ist, dass uns sowohl unsere Sponsoren als auch das Publikum treu geblieben sind. Die haben selber gemerkt: Es gab da Sachen, die nicht hätten passieren sollen, aber das bezieht sich nicht auf die Festspiele im Allgemeinen, sondern auf einzelne Personen. Und deswegen sind wir in der Lage, alles in relativer Ruhe zu führen, und ich spüre momentan – Gott sei Dank – nur Positives. Für mich ist es wichtig, dass wir in die Zukunft schauen. Die Vergangenheit, so unangenehm sie war, ist jetzt in den Händen der Justiz, das muss jetzt dort alles aufgearbeitet werden. Wir dürfen uns hier mit Kunst und Kultur beschäftigen.

Es gab keinen Zuschauerschwund zu beklagen?

Nein, gar nicht. Und auch nicht bei unseren Sponsoren und Förderern. Unser Förderverein ist immens wichtig, denn daher kommt auch ein großer Teil unserer finanziellen Unterstützung. Und auch die sind uns treu geblieben.

Nach dem Finanzskandal wurden die Osterfestspiele Salzburg komplett umstrukturiert. Wie sind sie nun aufgebaut?

Die Osterfestspiele Salzburg waren, bis diese leidige Situation eintrat, eigentlich zu 98% im Besitz der Karajan-Stiftung. Jetzt ist ein neuer Gesellschaftsvertrag in Kraft getreten. Es sind fünf Gesellschafter: das Land Salzburg, die Stadt Salzburg, der Tourismusverband Salzburg, der Förderverein und die Karajan-Stiftung. Stadt, Land und Tourismusverband halten je 20 Prozent der Anteile, der Förderverein 15 % und die Karajan-Stiftung 25 %. Aber man muss hier genau trennen: Obwohl diese drei Gesellschafter (Land, Stadt, Tourismusverband) dabei sind, bezieht sich deren Beitrag nur auf 8% unseres Budgets. Ich glaube sagen zu dürfen: Wir haben die höchste Eigendeckung von Festspielen überhaupt. Wir müssen 92% selbst auf die Beine bringen, was in der heutigen Zeit nicht selbstverständlich ist – und auch nicht einfach! Das muss man ganz klar sagen. Und es wird immer ein ständiger Kampf ums Geld sein, weil man heute nichts als selbstverständlich erachten darf.

2010 haben Sie einen Dreijahresvertrag unterschrieben. Ist eine Verlängerung in Sicht?

In meinem Vertrag steht, dass wir das nach diesen Festspielen neu verhandeln wollen. Genauso wenig, wie ich mich eigentlich für diesen Job beworben habe, setze ich mich für eine Verlängerung ein. Das ist Sache unseres Aufsichtsrates. Aber ob ich bleibe oder gehe: Ich bin mit Sir Simon Rattle im Gespräch, und wir haben schon die Planung für die Oper der Osterfestspiele Salzburg 2016 fixiert.

Was in diesem Jahr zu hören sein wird, geht also auf frühere Planungen zurück?

Ja, im Grunde genommen habe ich das ganze Programm geerbt, das fast fertig war für 2011, 2012 und teilweise sogar 2013. Lustigerweise ist das erste Jahr mit völliger Planung von mir 2014. Und ob ich da noch da bin, steht in den Sternen. Aber ich plane trotzdem, denn dazu bin ich in meinem Job verpflichtet, und das tue auch sehr gerne.

Die „ruhigen Gewässer“, von denen Landeshauptfrau Burgstaller sprach, sollen also nicht als windstill missverstanden werden…

…nein, auf keinen Fall mit „langweilig“! Das ist wichtig. Deswegen auch jedes Jahr eine neue Inszenierung als Zentrum und Fixpunkt, bei der wir bezüglich der Regisseure versuchen werden, eine musikalische, aber auch moderne Aufführung zu zeigen.

Was macht die Attraktivität der Osterfestspiele Salzburg in ihrem Kern aus?

Es gibt im englischen Marketingjargon einen furchtbaren Ausdruck: Er heißt ‚Unique Selling Point‘, kurz USP. Der ist bei uns absolut die Tatsache, dass man in Salzburg an Ostern im Orchestergraben die Berliner Philharmoniker unter Sir Simon Rattle in einer Opernaufführung zu hören bekommt. Und dass man in einer relativ kurzen Zeitspanne – im Laufe von unter zwei Wochen – ein geschlossenes Projekt bekommt: zwei Zyklen mit je vier Vorstellungen plus Kammermusikkonzerten, in denen man die Berliner Philharmoniker wirklich von allen Seiten sieht, in Oper, Konzert und Kammermusik. Das ist natürlich eine sehr spannende und harmonische Einheit.

Warum ist es für Sie so wichtig, dass die Premiere der Neuproduktion in Salzburg stattfindet?

Ich glaube, das sind wir unseren Förderern und Sponsoren schuldig. Bedingt dadurch, dass wir nur 8% Subventionen bekommen, sind unsere Kartenpreise im Grunde genommen sehr hoch. Daher ist es aus meiner Sicht absolut unabdingbar, dass hier in Salzburg das ius primae noctis liegt. Und das wird auch in Zukunft so sein. Obwohl wir natürlich aus ökonomischen Gründen auch dazu gezwungen sind – und das habe ich stark vorangetrieben –, Koproduzenten zu finden, damit die Inszenierung danach woanders gespielt wird; aber zuerst wird sie in Salzburg gezeigt. Die letzten vier Jahre war es so, dass der ‚Ring‘ zuerst in Aix-en-Provence war, und das war nicht unbedingt eine gute Sache.

Wohin wird die ‚Salome‘-Produktion nach den Vorstellungen in Salzburg gehen?

Das kann ich Ihnen leider noch nicht verraten.

Das diesjährige Programm ist musikstilistisch und -historisch um einen Kern, ‚Salome‘ von Richard Strauss, herum komponiert. Ist die Konzentration auf einen thematischen Mittelpunkt ein wichtiger Bestandteil der Programmplanung – auch für kommende Jahre?

Es ist nicht absolute Bedingung, aber ich selbst finde es sehr reizvoll. Ich bin der Ansicht, es ist durchaus legitim und interessant, dass ein gewisser Leitfaden das Programm durchzieht. Natürlich auch deshalb, weil wir unsere Vorstellungen als Zyklus verkaufen.

Meine Frage ist auch vor dem Hintergrund gestellt, dass in den letzten Jahren vor allem kleine Häuser für ihre innovative Programmplanung ausgezeichnet wurden, große Häuser und Festivals aber die ‚großen Interpreten‘ hatten. Ist es auch für Festivals zunehmend wichtiger, spezifische Konzepte der Programmplanung zugrunde zu legen?

Ich glaube, man kann das nicht generalisieren. Man muss eine Balance finden zwischen künstlerischen Vorstellungen und dem, was das zahlende Publikum will. Und es ist natürlich auch abhängig vom jeweiligen künstlerischen Leiter und seinen Vorstellungen. Es ist ganz klar: Wenn man unsere Preise bezahlt, hat man ein Publikum, das das Recht hat, ein Programm zu hören, das es auch genießen kann. Zu viele Experimente zum Beispiel könnte man hier nicht riskieren. Wobei das auf gar keinen Fall ausschließt, neue Werke ins Programm aufzunehmen. Das ist besonders auch von Sir Simon Rattle klar erwünscht. Er möchte ein breites Spektrum, aber man muss natürlich auch gewissermaßen auf unser Publikum Rücksicht nehmen.

In seiner Programmeinführung betont Sir Simon Rattle die Zusammenstellung von Stücken rund um ‚Salome‘, die als künstlerische Avantgarde weit ins 20. Jahrhundert hinein weisen. Auf der anderen Seite gibt es Werke, die in dem Zeitkontext Anfang des 20. Jahrhunderts als eher konservativ gelten dürfen. Nun ist auf der Website der Festspiele ein Text von Mario Vargas Llosa zu lesen, in dem es unter anderem heißt: „Deshalb hat es etwas Religiöses, in Salzburg Musik zu hören, etwas von einer Zeremonie, in der die Kunst sich in eine Magie und Mystik kleidet, in der nicht nur die Sinne in Ekstase geraten, sondern auch der geheimste Teil der Persönlichkeit ins Spiel kommt […].“ Was hier anklingt, lässt die Festspiele eher als eine kultische Handlung erscheinen…

…nein. (lacht) Ich glaube so hat er das nicht gemeint. Ich glaube, das Wunderbare an Musik ist generell, dass alles so herrlich subjektiv ist. Jeder bildet sich seine eigenen Eindrücke, hat sein eigenes Hör- und Seherlebnis. Das ist meiner Meinung nach das Schöne: Dass nicht einmal zwei Leute dasselbe hören, sehen oder empfinden.

Die Frage zielt auch darauf, dass, was Mario Vargas Llosa formuliert, zwar nicht in Konflikt mit der im Programm vorgestellten künstlerischen Avantgarde steht, aber doch eher auf ein konservatives, quasi religiöses Kunstverständnis hindeutet.

Ich glaube, besonders die Osterfestspiele haben einen dezidiert traditionellen Aspekt – was sich zum Beispiel auch in der Treue unseres Publikums spiegelt. Das kann, soll oder darf man nicht absprechen. Und ich glaube, es hat eine gewisse Geschmacksrichtung, die aber durchaus ausdehnbar ist. Aber in einer relativ kleinen Dosis.

Wird sich diese kleine Dosis auch in Stefan Herheims Lesart von Richard Strauss‘ ‚Salome‘ widerspiegeln?

Ja, absolut. Seine Lesart ist eine sehr individuelle. Aber ich glaube nicht, dass sie die Pferde verscheuchen wird.

Sie sagten einmal, Auswüchse modernen Regietheaters könnten als „öffentliche Masturbation“ bezeichnet werden…

…(lacht) habe ich das gesagt, ja? Nein, ich stehe auch dazu. Wissen Sie: Wenn ein Regisseur wie Herheim kommt, der mit Partituren absolut vertraut ist – er ist ja auch Musiker – und genauso mit dem Text – das ist etwas vollkommen anderes als jemand, der mit einem Reclam-Heftchen in der Hand kommt, die Sprache des Stücks nicht spricht und Musik nicht lesen kann. Stefan Herheim ist urmusikalisch. Man muss auch sehen, wie er und Sir Simon Rattle zusammenarbeiten: Das ist wirklich eine wunderbare Symbiose; sie vertrauen einander. Und wie gesagt, Herheim ist im Besitz aller Fakten und allen Wissens über das Stück, das er gerade inszeniert. Das macht die Zusammenarbeit so schön.

Zu Beginn Ihrer Tätigkeit in Salzburg sagten Sie, zukünftig auf den musikalischen Inhalt größeren Einfluss nehmen zu wollen. Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit Sir Simon Rattle?

Hervorragend! Sie müssen bedenken: Wir kennen uns sehr, sehr lange. Das Programm, in dem vieles vertraglich fixiert war, habe ich sozusagen geerbt. Allerdings habe ich in diesem Jahr die Kammermusikreihe ‚Kontrapunkte‘, bei der ich immer das Gefühlt hatte, sie sei etwas stiefmütterlich behandelt worden, aufgewertet. Simon Rattle wirkt nun selbst bei einem der Konzerte mit. Und auch Julia Fischer, die ich im letzten Moment erst nach Salzburg gebracht habe, wird als Konzertsolistin und auch in der Kammermusik zu hören sein. Und ich habe auch Karajans Tochter Isabel für Strawinskys ‚Geschichte vom Soldaten‘ engagiert. Kurz und gut: Ich wollte diese Reihe ein wenig „aufmotzen“, weil ich finde, dass sie etwas abseits war. Nun, da man eine direkte Beziehung – sowohl programmatisch als auch vom Personellen – hergestellt hat, ist es interessanter. Und man muss auch bezogen aufs Finanzielle folgendes bedenken: Auch wenn unsere normalen Karten nicht gerade billig sind – die teuerste Karte für das Kammerkonzert kostet 30 EURO, und die Preise gehen runter bis auf 5 EURO. Das heißt: Für eine junge, wissbegierige Generation ist das auch erschwinglich.

Wie darf man sich Ihre Zusammenarbeit mit Sir Simon Rattle vorstellen? Von wem kommen die grundsätzlichen Ideen?

Nun, Simon Rattle ist künstlerischer Leiter. Und bislang war ja noch kein Intendant hier. Neben dem musikalischen Leiter gab es noch das Geschäftliche. Er hat sich gewünscht, dass ich an allen künstlerischen Entscheidungen teilnehme. Das heißt, es wird nicht hinter meinem Rücken irgendetwas eingefädelt und mir dann einfach vorgelegt, sondern ich nehme mit größter Freude teil und diskutiere mit Simon Rattle und den hiesigen Vorständen, was wir gerne hätten. Und so planen wir auf diese Weise für die Zukunft.

Sie nannten eben Isabel Karajan, die Tochter von Herbert von Karajan. Wenn Sie die Berliner Philharmoniker unter Karajan mit denen unter Rattle vergleichen: Wo liegen die deutlichsten Unterschiede?

Man darf nichts vergleichen! Ich glaube, jede künstlerische Kombination hat ihre eigene Handschrift. Es gibt dazu Traditionen, die ohnehin für Kontinuität sorgen. Die Berliner würden heute nicht so spielen, wenn sie nicht Karajan und Abbado gehabt hätten. Das ist das Wunderbare: Jeder künstlerische Leiter nimmt sozusagen einen Rohbau – auf einem unvorstellbar hohen Niveau – und macht dann etwas Eigenes daraus.

Lässt sich Ihr beruflicher Werdegang – ausgebildeter Pianist, Präsident von EMI Classics, geschäftsführender Intendant der Osterfestspiele Salzburg – auch als Symptom für die Entwicklung des Klassikgeschäfts verstehen?

…Symptom in Bezug auf Krankheit? (lacht) Nein, im Ernst: Ich finde alle Karrieren sind eigentlich ein Unikum. Ich glaube, es gibt keine Masche, es gibt kein Schema, es hat sich nur einfach so ergeben. Und natürlich, zu der Tatsache, dass ich jetzt hier in Salzburg bin, hat beigetragen, dass ich lange Jahre sehr viel Erfahrung gesammelt habe: 12 Jahre Karajan-Arbeit, dann natürlich seit fast 30 Jahren mit den Berliner Philharmonikern und auch mit Simon Rattle. Als man in Salzburg jemanden wollte, der hier in die Bresche steigt, ließ ich mich dazu überreden. Denn wenn Freunde einen etwas bitten, dann sollte man möglichst versuchen, es zu tun – obwohl ich nach meinem Weggang von EMI classics nicht wieder vorhatte, einen Fulltimejob anzunehmen.

Der Hintergrund meiner Frage nach Ihrem Werdegang als Anzeichen oder Spiegelbild des modernen Klassikbetriebes ist der oftmals lautstark beklagte Niedergang des Plattengeschäfts und der große Erfolg von Festivals…

…vielleicht lässt sich das so beantworten: Ich glaube nicht, dass das Klassikgeschäft im Schallplattenmarkt tot ist. Es fing schon zu kriseln an, als ich da war. Das kann man seit Anfang des Millenniums auch ganz klar und deutlich sehen. Aber ich bin nach wie vor der Meinung, dass jede Generation ihre Lieblingskünstlerin oder ihren Lieblingskünstler verewigt haben will, in welcher Art und Weise auch immer, ob nur in Audioformat oder audiovisuell. Man muss auch sagen: Nicht alle Künstler sind Studiomenschen. Es ist ja auch eigentlich ein unnatürliches Feld, denn als darstellender Künstler will man die Reaktionen des Publikums spüren, und gerade diese Dimension fehlt in einem Aufnahmestudio. Bei Live-Aufnahmen, etwa auch bei Opern, die heutzutage viel mehr live mitgeschnitten werden, sieht man, dass das Adrenalin viel spontaner fließt. Wenn man im Studio etwas herstellen will und es zum vierten oder fünften Mal korrigiert, droht immer die Gefahr, dass das Adrenalin ein bisschen fehlt. Auf der anderen Seite: Bei einer Live-Aufnahme, zum Beispiel als Mitschnitt eines Opernhauses, kann es selbstverständlich immer am Ende des Abends, im letzten Akt sein, dass bei den Künstlern gewisse Ermüdungserscheinungen zu spüren sind. Das ist die negative Seite.

Dazu kommt die Kostenfrage: Es wurde vielfach betont, gerade Operninszenierungen – etwa eine ‚Salome‘ – würden aus Kostengründen nicht mehr im Studio produziert, sondern als Mitschnitt veröffentlicht.

So viel billiger ist das aber gar nicht zu machen. Ich glaube, was sich verändert hat – und deswegen ist es vielleicht auch billiger – ist, dass die Künstler heute selber erkannt haben, dass sie ihr Geld eigentlich abends auf der Bühne verdienen. Und die Möglichkeiten der 1970er und 80er Jahre, etwa große Vorauszahlungen für Rollen, sind heute sowieso nicht mehr gegeben.

Welche Rolle spielt Ihrer Ansicht nach das Internet für Ihre Belange und für die Zukunft der klassischen Musik. Spielt es unterschiedliche Rollen im Plattengeschäft im Gegensatz zu Festivals?

Das ist eine sehr interessante Frage. Als ich die Aufgabe hier in Salzburg übernahm, hatten wir nicht einmal eine Website! Das habe ich schleunigst geändert. Unsere Website ist natürlich noch etwas verbesserungswürdig, aber sie ist auf einem guten Wege. Ich finde zum Beispiel auch die Berliner Philharmoniker mit der Digital Concert Hall eine wunderbare Sache, die hoffentlich auch ein viel breiteres Publikum erreichen wird. Es ist heute unabdingbar, dass das Internet als Basis genutzt wird. Ich denke, auch in Ihrem Bereich: Neulich habe ich aus New York erfahren, dass zum Beispiel nach einer Produktion an der Met noch bevor die New York Times am nächsten Morgen erscheint viele Leute schon die seriösen Websites und Blogs im Internet gelesen haben, um zu erfahren, wie die Aufführung war. Sie wissen schon mehr, bevor die New York Times überhaupt herauskommt. Das Internet nimmt immer größeren Raum ein und bekommt meines Erachtens immer größeren Wert. Natürlich ist das teilweise eine Generationssache, die jüngere Generation ist da vielleicht viel vertrauter als die ältere Generation, aber letztere lernt auch sehr schnell. Und selbst wenn es mit den digitalen Downloads noch nicht so funktioniert, wie es sich die Plattenindustrie vorstellt und es auch qualitätsmäßig noch nicht ganz zufrieden stellend ist, ist es doch die Zukunft. Es ist eigentlich für mich nicht nur Zukunft: Es ist jetzt einfach da und wird es immer bleiben.

Sehen Sie eine gewisse Konkurrenz zwischen Musik als Live-Erlebnis und dem Internet?

Eins ist klar: Das eine werden Sie nicht durch das andere ersetzen können. Das Live-Erlebnis, da zu sein, das erlebt zu haben, weil man am Abend mit dem Hintern auf einem Sitz saß – das wird man nicht ersetzen oder wegnehmen können.

An das Stichwort ‚Generationen‘ anknüpfend: Wie wichtig ist Ihnen die Jugendarbeit?

Wahnsinnig wichtig! Das ist auch für mich eine Sache, der ich mich in Zukunft ganz besonders widmen möchte. Es schmerzt mich, dass wir momentan unsere Preise außer für die ‚Kontrapunkte‘ nicht so machen können, dass wir viele junge Leute haben – obwohl wir seit Jahren eine sehr gute und beliebte Serie in Zusammenarbeit mit Akzente Salzburg haben, bei der jedes Jahr 600-700 Jugendliche als Projekt des Jahres sich mit der jeweiligen Oper befassen. Sie werden dann hier ins Haus gebracht, bekommen Einführungen hinter der Bühne und dann sitzen sie in der Hauptprobe und sehen das aktuelle Stück. Für die Zukunft schwebt mir vor – und ich habe eine vage Idee, wie wir das machen könnten, aber das ist auch eine finanzielle Frage und ein logistisches Problem –, dass wir eine dritte Vorstellung der Oper wirklich für jüngere und weniger betuchte Leute machen können. Das dürfte aber in keinster Weise unsere Zyklen tangieren, denn ich möchte dadurch auch unsere Förderer nicht vergraulen. Es gäbe eine Möglichkeit, aber das wird sich erst 2013 oder 2014 realisieren lassen. In puncto Jugendarbeit sind ja auch die Berliner Philharmoniker Vorreiter. Die ganzen Sachen, die dort gemacht werden: phantastisch. Und wie gesagt, ich würde das hier auch sehr sehr gerne ausweiten. Ich finde das vor allem auch für die allgemeine Bildung wichtig. Das habe ich neulich auf sehr bewegende Weise gemerkt bei einem solchen ‚Akzente‘-Programm: mit welcher Konzentration das junge Publikum dabei ist. Bevor sie hereinkommen, tollen sie herum, aber plötzlich, wenn das ganze anfängt, ist da eine hohe Konzentrationsfähigkeit.

Hören junge Leute anders als es das traditionelle Festspielpublikum tut?

Ich habe leider nicht die Ohren der jungen Leute und kann daher darüber nicht urteilen. Aber ich vermute es. Die Außeneinflüsse, denen sie täglich ausgesetzt sind, sind andere als die meinigen beziehungsweise die meiner Generation, und daher kann ich schwer urteilen. Ich habe aber schon das Gefühl, die Auseinandersetzung mit Musik steuert etwas Wichtiges bei.

Das Gespräch führte Dr. Tobias Pfleger.
(04/2011)

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