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Dienstag, 27. Juni 2017

Photo: Konzerthaus Berlin

Markus Fein über das Erleben und Vermitteln Neuer Musik

"Wirklich neue Türen aufstoßen"


Der Festivalleiter, Konzertdramaturg und Kulturmanager Markus Fein engagierte sich bereits in den unterschiedlichsten Kontexten mit der Vermittlung von Musik, sei es neuer oder alter, sei es gerade in der Kombination beider. 2006 entwickelte er das Programmformat "2x Hören" für die Körber-Stiftung in Hamburg. Dieses Format wird ihn in der laufenden Saison auch mehrmals nach Berlin führen, wo "2x Hören" als neue Reihe in das Programm des Konzerthauses aufgenommen worden ist. klassik.com-Autor Tobias Roth sprach mit Markus Fein über das verdoppelnde Format und über Chancen und Hindernisse der Musikvermittlung im Allgemeinen.

Um vom Allgemeinsten her zu beginnen: Was, Herr Fein, würden Sie sagen, kann der begrifflosen Kunst der Musik gegenüber ‚verstehen‘ bedeuten?

Vor allem: erleben. Erleben und genaues Hören. Ich habe den Eindruck, dass wir in der Musikvermittlung, oder wenn wir ganz allgemein über Kunst sprechen, sehr schnell am Begriff des Verstehens hängenbleiben. In meiner Arbeit als Festivalleiter oder Dramaturg erlebe ich tagtäglich das Bedürfnis der Menschen, Kunstwerke zu verstehen. Aber die Musiker oder Künstler selbst würden diesen Begriff gar nicht so unhinterfragt stehen lassen; sie würden vielmehr von einem Erleben sprechen, von einem sinnlichen Vorgang und von einer ästhetischen Wahrnehmung der Kunst. Ich glaube, dass das ein ganz entscheidender Punkt ist. Wenn man das Publikum weg von diesem Insistieren auf dem ‚Verstehen‘ und dem schnellen Begreifen eines Werkes hin zu einem sinnlichen Erfahren bringt, dann hat man schon sehr viel gewonnen. Ich will das Publikum möglichst nahe an das Werk selbst heranführen und glaube, dass es in meiner Arbeit als Vermittler sehr wichtig ist, die Menschen ganz konkret mit der Musik in Berührung zu bringen. Deswegen setze ich nicht an der Frage an, an der wir scheitern müssten, nämlich wie das Werk zu verstehen ist. Ich setze eher bei der Frage an: Wie können wir dieses Musikstück hören? Das intensive Hören von Klang öffnet plötzlich Türen, und man merkt, dass das Kunstwerk in der Tat etwas zu sagen hat.

Es geht also vorrangig um das Verlängern und Intensivieren von Aufmerksamkeitsspannen und das Abbauen von Hemmschwellen?

Selbstverständlich. Das steht noch vor unserer Diskussion. Man muss die Menschen erst einmal in den Konzertsaal bringen! Ehe sich das Problem stellt, über das wir sprachen, stellt sich ganz pragmatisch und banal die Frage: Wie sorgen wir dafür, dass die Menschen überhaupt in Konzerte gehen? Erst recht gilt das für Neue Musik, um die die Leute immer einen Bogen machen. Wenn deshalb das Publikum nach einer Veranstaltung, etwa nach einem Programm von ‚2x Hören‘, nicht sagen kann: Das hat mir Spaß gemacht, das hat mich irgendwie fasziniert, dann haben ich und mein Gesprächspartner etwas falsch gemacht. Diese Programme sind ein Angebot an das Publikum. Wir machen die Arme ganz weit und strecken die Hand aus. Gerade in dieser Konzertreihe nehmen wir die Fragen des Publikums sehr ernst. Ich glaube auch, dass ein grundsätzlicher Fehler der Musikvermittlung ist, inhaltlich zu niedrig anzusetzen. Im Allgemeinen wird das Publikum von vielen Vermittlern nicht wirklich ernst genommen. Das Publikum will gefordert sein. Gerade die Menschen, die solche Programme besuchen, bringen großes Interesse mit, und da ist es völlig fehl am Platz, wenn man sie einfach mit irgendwelchen Banalitäten abspeist. Sie wollen wirklich mit einem ästhetischen Mehrwert nach Hause gehen – und ich möchte wirklich neue Türen aufstoßen!

Würden Sie also sagen, dass das Publikum durchaus einen Hunger für das mitbringt, was über das bloße Erleben hinausgeht, für Begriffe und formale Zusammenhänge?

Auf alle Fälle, denn die Sprache und das Erleben hängen eng miteinander zusammen. Ein sprach- und vokabelloses Erleben bringt uns nicht weiter. Wenn der Zuhörer in der Lage ist, dieses Erleben auch in irgendeiner Form in Worte zu fassen, dann ist ihm auch in seinem ästhetischen Empfinden geholfen. Von daher ist eine vermittelnde Veranstaltung immer auch ein Angebot der Formulierung.

Copyright Konzerthaus Berlin

Ist es, gerade in puncto Beschreibungssprache und Neue Musik, eher hilfreich, mit dem Komponisten zu sprechen, oder wird man dadurch zu schnell und leicht auf ein bestimmtes Vokabular festgelegt?

Das Gespräch mit dem Komponisten führt in ganz andere Regionen als das Gespräch mit einem Interpreten oder dem Publikum. Das sind drei ganze verschiedene Ebenen, und meine Aufgabe ist es, zwischen den Positionen zu vermitteln, das heißt auch, der Anwalt des Konzertbesuchers zu sein. Aus meiner Erfahrung ist es deshalb oft sehr hilfreich, mit dem Interpreten zu sprechen, weil der Interpret letztlich auch ein Zuhörer ist. Deshalb ist es manchmal leichter, mit dem Interpreten statt mit dem Komponisten zu sprechen. Ich bemerke aber andererseits auch, dass das Publikum natürlich an den Lippen eines Komponisten in besonderem Maße hängt; da ist die Aussage über das Werk gewissermaßen amtlich verbürgt. Das muss nicht hinterfragt werden, das ist die Sicht der Dinge des Komponisten, an die man ja letzten Endes herankommen will. Deshalb funktioniert beim Komponistengespräch auch viel über die Person und den Charakter des Komponisten selbst. Ein Werk bekommt dadurch ein ganz konkretes Gesicht mit zwei Augen, einer Nase und einem Mund, es bekommt einen Körper, der atmet. Und unweigerlich vergleicht der Zuhörer dann Werk und Mensch. Da können sich ja auch interessante und aufschlussreiche Widersprüche auftun: ein ganz schüchterner Komponist zum Beispiel, der eine brutale und rabiate Musik schreibt.

Wenn man „Neu“ sehr radikal fasst, heißt es ja, dass es vom Bekannten her kaum Zugangsmöglichkeiten gibt. Wie gehen Sie selbst als Ersthörer vor, wenn Sie Neue Musik hören und überlegen, wie man sie vermitteln könnte?

Wenn ich Werke, über die ich professionell zu sprechen habe, zum ersten Mal höre, versuche ich mir diesen Moment des ersten Hörens sehr kostbar aufzubewahren. Denn das wird genau die Perspektive sein, die mein Publikum einnehmen wird. In solchen Moment sind immer ein Stift und ein Blatt Papier da, und ich notiere einfach, was ich höre und erlebe, wie ich das Stück wahrnehme. Das Problem ist natürlich, dass es viele Stücke gibt, die man schon kennt, die man gerade deshalb für Vermittlungsprogramme wählt, weil man sie kennt und schätzt. Da gibt es diese Chance nicht mehr, so wie es nur einen ersten Kuss geben kann. Dann muss man versuchen, der deformation professionelle in irgendeiner Form zu entgehen. Oft suche ich dazu auch den Dialog mit Bekannten und Freunden, um rauszukitzeln, wie ein bestimmtes Werk im ersten Zugriff gehört wird.

Trägt da ein Blick in die Partitur oder ein im engeren Sinne musikwissenschaftlicher Zugang eher zur deformation bei und ist anschließend auch schwerer zu vermitteln?

Ich verwende eigentlich sehr gerne Notenbeispiele, wenn sie sprechen sind und man aus dem Notenbild etwas ableiten kann, auch ohne Noten zu lesen. Natürlich kann nur eine Minderzahl im Publikum Notenschrift lesen und verstehen. Trotzdem kann das schiere Notenbild zuweilen viel aussagen. Ich schließe es nicht aus. Wenn man sich dann nicht in Fachtermini verliert, kann das sehr gewinnbringend sein. Aber ich finde es sehr wichtig, dass man nicht alleine in diesem Kosmos der Musik, des Metiers verharrt, sondern auch immer wieder Öffnungen schlägt. Deswegen versuche ich immer, andere Medien einzubeziehen, und so das Werk von einer völlig neuen Position aus zu befragen. Mediale Brüche in der Vermittlung finde ich sehr spannend; sie können ganz konkret Parallelen oder Differenzen zeigen und neue Anschlussstellen schaffen. Am Ende setzt sich dann im Zuhörer und Zuschauer mehr fest, als wenn man nur über Takte spricht.

Es gibt also auch eine gewisse falsifizierende Zugangsweise in ihrer Arbeit?

Im Gespräch mit Musikern mache ich es auch manchmal so, dass wir Stellen entstellen, und gleichsam kompositorisch eingreifen. Wie klingt das, wenn man dynamische oder agogische Vorgaben missachtet? Dann hört man im Kontrast unmittelbar, warum eine Musik so geschrieben ist, wie sie geschrieben ist. Das lässt sich auch ex negativo zeigen…

…und damit auch der Faktor der Beliebigkeit ausschließen, der ja der zeitgenössischen Kunst in allen Gattungen immer wieder vorgeworfen wird, weil die Struktur schwer erkennbar ist. Zum Konzept des ‚2x Hörens‘ eine pragmatische Frage. Das Konzept ist in und für Hamburg entwickelt worden. Wie kam es zur Zusammenarbeit mit dem Konzerthaus Berlin?

Ich glaube, das war eine Initiative der Körber-Stiftung, die dieses Format gemeinsam mit mir für das Körber-Forum in Hamburg entwickelt hat. Das Bemühen der Stiftung ist es, dieses Format, das jetzt erprobt ist, auch weiter ins Land zu tragen. Es gab zum Beispiel auch schon zwei Veranstaltungen bei den Festspielen in Mecklenburg-Vorpommern. Jetzt ist der Schritt in ein anderes Konzerthaus hinein erfolgt. Die Stiftung suchte einen guten Partner, und den haben wir in Sebastian Nordmann, dem Intendanten des Berliner Konzerthauses, gefunden. Zum Konzept von ‚2x Hören‘ könnte man natürlich einerseits sagen: Das hat es in der Musikgeschichte schon gegeben. Schönberg mit seinem ‚Verein für musikalische Privataufführungen‘ ist nur ein Beispiel. Auch steht es jedem offen, zu Hause ein Stück mehrmals zu hören; aber es macht eben niemand. Man braucht zum aufmerksamen Hören den geschützten Raum eines Konzertsaals. Diese Aufmerksamkeit ist das große Geschenk, das ein Konzertsaal dem Publikum macht. Und schon allein das zweimalige Hören, das sich auch im vollen Bewusstsein der Wiederholung von Anfang an konzentrieren kann, bringt den Zuhörer unglaublich weit, auch ohne großes Zutun meinerseits. Schon das erste Hören wird durch diesen Kontext verändert, entlastet. Wenn es dann noch zusätzlichen Input gibt und im Gespräch Orientierungen gesetzt, neue Assoziationen geschaffen werden – umso schöner, umso erlebnisreicher. Der Fokus wird genau und intensiv. Ich glaube, das ist es auch, wonach die Menschen sich in dieser Zeit sehnen. Alles ist so breit, alles ist zugänglich und präsent, abrufbar. Ich kann mir prinzipiell jederzeit jedes Musikstück anhören, aber tu ich es? Die Antwort ist natürlich: nein. Es herrscht eine lähmende Multioptionalität. Die Verengung auf nur ein Stück, um das es pro Abend gehen wird, ist im Grunde eine Befreiung. Das Witzige ist, dass oft in Vorgesprächen mit Musikern oder Veranstaltern Bedenken kommen oder der Vorschlag, noch weitere Werke ins Programm zu nehmen – das Gefühl, dass ein Stück nicht genug ist.

Wir sprachen vorhin über das Problem, die Menschen in den Konzertsaal zu bekommen. Sehen Sie im Internet und Seiten wie klassik.com eine Chance und nutzen Sie sie? Oder sind die neuen Medien in Ihren Augen eher eine Bedrohung qua Zerstreuung?

Die neuen Medien bieten unglaubliche Chancen. Auch im Bereich der Social Media, die man bisher völlig vernachlässigt hat. Das kann die Menschen zum altmodischen Musikhören ziehen, denn das ist der großartige Vorgang des Musikhörens in seiner reduzierten Form. Das haben Menschen vor hunderten von Jahren genauso getan; es ist in der Tat unzeitgemäß. Das merkt man auch, wenn man mit Jugendlichen in ein Konzert geht. Sie erleben eine Andersartigkeit und werden davon durchaus affiziert, angesprochen. Deshalb ist in der Musikvermittlung auch entscheidend, das Werk nicht so zum Publikum zu bringen und zum Alltag hin zu öffnen, bis es als Musik verschwindet, sondern man muss diese Aura, diesen Schutzraum, dieses Besondere weiter zeigen. Das ist ein schwieriger Balanceakt in der Vermittlung.

Mir scheint oft, dass die spezifische Klangwelt der Neuen Musik instinktiv weniger akzeptiert wird als beispielsweise ungegenständliche Malerei, die gleichsam auf einem ähnlichen ästhetisch-theoretischen Aggressionsniveau arbeitet. Haben Sie eine Idee oder Theorie, warum das Ohr ein konservativeres Kunstorgan zu sein scheint?

Der Vorgang des Musikhörens ist natürlich in dem Sinne ein anspruchsvollerer Vorgang, als Musik eine Zeitkunst ist und die wirkliche Wahrnehmung benötigt. Wir können davon sprechen, ein Bild anzuschauen, obwohl der eine sehr sorgfältig betrachtet und der andere nur oberflächlich hinkuckt. Nach zehn Sekunden kann der Blick weiterwandern. Das ist in der Musik nicht möglich. Das Musikstück dauert vielleicht seine dreißig, vierzig Minuten, und sich dieser Zeit auszusetzen, ohne eine andere Information zu bekommen, ohne Bild, ohne Licht, ist unzeitgemäß. Es gibt gar keine Übung mehr, so lange auf nur eine Sache zu hören und nicht den nächsten Kanal zu wählen. Über Bilder, um in dem Vergleich zu bleiben, können wir sehr gut sprechen; unsere Sprache ist voll von Metaphern des Sehens. Das kann man häufig bemerken, gerade wenn man über Musik spricht. Man beginnt, Vokabeln aus der visuellen Welt zu benutzen. Nehmen Sie allein das Wort ‚veranschaulichen‘: Wir sagen nicht ‚Verhörlichung‘. Es scheint also die akustische Wahrnehmung ein komplexerer Vorgang zu sein. Dazu kommt dieser zu recht große und alte Mythos, dass die Musik einen unmittelbaren Zugang zu unserem Körper hat, zu unseren physiologischen und emotionalen Wahrnehmungen. Dass ein Mensch beim Anblick eines Bildes tatsächlich in Tränen ausbricht oder vor Wut schreit, ist doch selten. In der Musik ist es durchaus möglich und findet tagtäglich statt.

Das Gespräch führte Tobias Roth.
(01/2011)

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