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Samstag, 21. Oktober 2017

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Ensemble Mobile - Begeisterung für zeitgenössische Musik als Herausforderung

Auf der Suche nach neuen Klängen


Es gibt für Gitarre und Kontrabass nur ein sehr beschränktes Solorepertoire. Bei Kompositionen für beide Instrumente, sieht die Situation geradezu desolat aus. Das Ensemble Mobile ist eine Kammermusikgruppe mit freier Besetzung, die sich dieser Herausforderung stellt und zeitgenössische Komponisten dazu animiert, neue Werke für die unentdeckten klanglichen Möglichkeiten von Gitarre und Kontrabass zu schreiben. Die Instrumentalisten Alexander Suslin, Pavel Khlopovski und Yvonne Zehner lernten sich 2008 bei der Uraufführung eines Werks von Sofia Gubaidulina kennen. Aus der Bekanntschaft wurde eine künstlerische Zusammenarbeit: das Ensemble Mobile war geboren. "Migrations", so der Titel ihrer ersten CD, bot für klassik.com einen willkommen Anlass zu einem interessanten Gespräch.

Wie kam es zu dem Namen des Ensembles – Ensemble Mobile?

Khlopovski: Der Name entstand durch die freie Besetzung, die sich je nach Projekt ändert und erweitert, sowie dem Gedanken der musikalischen Beweglichkeit. (Fügt schmunzelnd hinzu) Wir leben alle drei relativ weit voneinander entfernt, die Ensemblearbeit, die uns sehr wichtig ist, erfordert auch expressis verbis sehr viel an „mobiler“ Beweglichkeit.

Es gibt kaum Werke für ihre Besetzung. Ist ihr Weg, zeitgenössische Komponisten zu Kompositionen anzuregen, nicht ein beschwerlicher Weg aus der Repertoireeinöde?

Zehner: Natürlich ist es nicht immer ganz leicht, Komponisten dafür zu gewinnen, für das Instrument zu schreiben. Wenn es aber gelingt, dann hat es sich auf jeden Fall gelohnt. Gerade die Neue Musik ist eine Herausforderung für jeden Musiker, denn was kann es Spannenderes geben als die Musik unserer Zeit zu spielen?

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Das muss doch auch ungeheuer aufregend sein…

Zehner: Es kommt dem Aufbruch in unbekannte Lande gleich. Man hat die Möglichkeit, erster Interpret eines Werkes zu sein, es zu erforschen und zum ersten Mal zum Erklingen zu bringen. In der Zusammenarbeit mit den Komponisten lernt man so musikalische Vorstellungen kennen, die jenseits der „Gitarristenwelt“ anzusiedeln sind. Persönlich habe ich auf diese Art und Weise mein eigenes Instrument immer besser kennen gelernt. Gitarristische Grenzen sind einem Komponisten – außer er ist selbst Gitarrist – bis zu einem gewissen Grade egal. Khlopovskiy. Sicherlich, es gibt Unterschiede. Aber Sofia Gubaidulina arbeitet sehr genau für das Instrument. Man könnte meinen, sie sei selbst Gitarristin, so klar schreibt sie. Nichts ist unmöglich, alles machbar, bei genug Übung versteht sich.

Der Blick in die sehr schönen handgeschriebenen Partituren von Sofia Gubaidulina bestätigt den Höreindruck. Bei dem Werk von Klaus Ager hat man den Eindruck, dass hier technische Grenzen der Spielbarkeit ausgelotet werden.

Khlopovskiy: Das trifft zu! Bei der Komposition ‚Migrations‘ von Klaus Ager, ist die gitarristische Herausforderung eine ganz andere als bei Sofia Gubaidulina. Man sieht die Musik vor sich und denkt sich: Wie kann ich das am besten auf meinem Instrument umsetzen? Dabei werden auf einmal Dinge möglich, die vorher nicht denkbar waren.

Wie hat man sich den konkreten Unterschied zu den Kompositionen von Sofia Gubaidulina vorzustellen?

Khlopovskiy: Sie versucht, neue Spieltechniken zu entwickeln und ist hochgradig am Dialog mit uns über spieltechnische Fragen interessiert. Sie arbeitet sehr genau. Das reicht hin bis zur Partitur, bei der sie etwa daran denkt, dass der Instrumentalist auch umblättern muss.

So viel Verständnis für Spieltechniken und eine so akribische Suche nach neuen Klangmöglichkeiten muss für einen Instrumentalisten sehr befriedigend sein, oder?

Zehner: Ich denke, dass so etwas wie „Musikerglück“ gerade in der Neuen Musik zu finden ist.

Wenden wir uns einmal dem Kontrabassisten zu. Herr Suslin, die Frage sei erlaubt: Ist der Kontrabass denn überhaupt für das Solospiel geeignet?

Suslin: Wenn ich nicht so denken würde, hätte ich nicht diese CD mit unserem Ensemble aufgenommen. Außerdem bin ich ja nicht der erste, der das gewagt hat.

Fakt ist aber, dass die meisten Kompositionen für dieses Instrument ja von eher unbedeutenden Komponisten stammen. Wie reagieren die heutigen Komponisten auf Anfragen?

Suslin: Das Interesse der heutigen Komponisten wächst zunehmend.

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Sofia Gubaidulina gehört vermutlich auch zu dieser Gruppe, da der Kontrabass in ihrem Oeuvre eine nicht unbedeutende Rolle einnimmt. Mussten Sie auch Vorurteile hinsichtlich der aparten instrumentalen Kombination überwinden?

Suslin: Soviel ich weiß ist Sofia Gubaidulina auch die erste und einzige bis jetzt, die für diese Besetzung geschrieben hat. ‚Pentimento‘ für Kontrabass und 3 Gitarren war der eigentliche Impuls für das Entstehen unseres Ensembles. Da die Idee dieses Werkes von der Komponistin selbst stammt, sind Vorurteile ihrerseits ausgeschlossen. Tatsächlich spielt Kontrabass eine Rolle in ihrem Schaffen, und ich bin glücklich darüber, Sofia Gubaidulina dazu bewegen zu können, bestimmte Werke für Kontrabass zu komponieren und einige ihrer Kompositionen für mein Instrument zu transkribieren.

Wie reagiert das Publikum? Bei der Gitarre weiß man ja zumeist, was in diesem Instrument steckt. Aber der Kontrabass wird ja kaum als eigenständiges Instrument wahrgenommen.

Suslin: Das Publikum ist meistens positiv überrascht!

Für die Freunde des Kontrabasses ist sicherlich die folgende Frage zur Spieltechnik des Kontrabasses wichtig: Bevorzugen Sie die deutsche oder die französische Spieltechnik? Und weshalb?

Suslin: Die französische Spieltechnik. Diese Spieltechnik ist meiner Meinung nach die bessere für die Klangerzeugung. Die Hand ist entspannter, Stricharten und die Artikulation klingen leichter und deutlichen. Die Deutsche Spieltechnik beherrsche ich auch; mit ihr habe ich angefangen, Kontrabass zu spielen.

Das Ensemble fühlt sich der Musik von Sofia Gubaidulina besonders verbunden, nicht nur vor dem Hintergrund der Entstehungsgeschichte des Ensembles. Gibt es auch neue, konkrete Projekte?

Khlopovskiy: Aber ja! Zehner: Am 30. Juni werden wir in der Besetzung von 2 Gitarren Viola und Kontrabass eine weitere Uraufführung von Sofia Gubaidulina bei den Festspielen Europäischen Wochen Passau spielen dürfen. Dazu kommt die Uraufführung des Werkes ‚Polyhymnia‘ für die gleiche Besetzung von der herausragenden griechischen Komponistin Konstantia Gourzi. Beides sind Auftragswerke der Europäischen Wochen.

Das passt ja auch hervorragend zu dem Titel der Neuen CD ‚Migration‘.

Zehner: Es ist uns wichtig, dass sich dieser Titel nicht nur auf die Komposition von Klaus Ager bezieht, sondern uns gleichsam Programm ist. Khlopovskiy: Das kann sich auch auf die kompositorische Struktur beziehen. So versteckt Sofia Gubaidulina in ihrem Werk ‚Pentimento‘ Anspielungen auf die russische orthodoxe Kirchenmusik und vieles andere. Wenn man genau zuhört, kann man das eine oder andere erkennen. Zehner: Mir bereitet diese Musik, auch diese Art des Musizierens viel Freude. Emphatisch formuliert: Ich freue mich auf weitere Entdeckungsreisen mit Menschen, die mir nicht nur musikalisch so sehr ans Herz gewachsen sind.

Das Gespräch führte Michael Pitz-Grewenig.
(03/2010)

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