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Dienstag, 25. April 2017

Photo: Jens Hübner

Sebastian Nordmann, neuer Intendant des Konzerthauses Berlin, im Gespräch mit klassik.com

"Ein Intendant hat auf dem Podium nichts zu suchen"


Seit wenigen Wochen ist Sebastian Nordmann erst als Intendant des Konzerthauses Berlin im Amt. Thomas Vitzthum sprach mit ihm über seine Pläne, musikalische Inseln und das künftige Profil des Hauses.

Herr Prof. Dr. Nordmann, seit Anfang September sind Sie der neue Intendant des Konzerthauses und scheinen mehr Interesse zu wecken als die Konzerte dieser Tage. Seltsam, oder?

Der Musikjournalismus, der sehr stark über Positionen und Personen redet, ist eine aktuelle, leider flächendeckende Erscheinung des Feuilletons, das offensichtlich einem immer stärkeren Druck aus den Verlagsetagen nachgeben muss. Natürlich ist es für uns – wie für alle Kulturinstitutionen – wichtig, dass man über strategische Ausrichtungen und Entwicklungen berichtet. Dennoch: Der Kern unseres Tuns ist und bleibt die Musik.

Sie waren Intendant des Musikfestivals Mecklenburg-Vorpommern. Wie gehen Sie an Ihre neue Position heran?

Mit ganz viel Neugier. Ich habe mich zunächst bei Frank Schneider, meinem Vorgänger, darüber schlau gemacht, wie das Haus da steht, wo es sich innerhalb der Musikstadt Berlin positioniert. Nun möchte ich zu jedem Mitarbeiter – und das sind fast einhundert – möglichst schnell Kontakt aufnehmen und mich mit jedem über Verbesserungsvorschläge und seine konkreten Wünsche unterhalten. Daraus formt sich ein Gesamtbild. Schauen Sie, mein Vorgänger war 18 Jahre Intendant an diesem Haus, dadurch herrscht zurzeit per se eine Aufbruchstimmung. Diese Chance möchte ich nicht vorbeiziehen lassen.

Copyright Jens Hübner

Welches Bild hatten Sie von außen vom Konzerthaus?

Dieses Bild ist sehr stark von meiner Zeit als Student in Berlin geprägt. Viele meiner ersten Live-Erlebnisse von Stücken hatte ich hier. Es ging mir damals überhaupt nicht darum, herauszufinden, welches Orchester der Stadt nun das bessere ist. Es ging mir nur um die Musik. Wenn ich heute am gleichen Ort, hier im Konzerthaus, wieder bestimmte Werke höre, dann erinnere ich mich spontan an die noch unverstellten Eindrücke von damals. Die emotionale Bindung an das Konzerthaus ist sehr stark, das merke ich jetzt. Außerdem wird es für mich immer deutlicher, welch unterschiedliche Erwartungshaltung das Publikum in Berlin hat. Wer in die Philharmonie geht, der sucht bewusst das Erlebnis im Elfenbeinturm. Ins Konzerthaus kommen viele auch zufällig, weil sie den Gendarmenmarkt schön finden oder die Schinkel-Architektur des Gebäudes. Das ist unsere Chance. Wir müssen nicht ausschließlich ein Elfenbeinturm sein. Wir können uns breiter positionieren. Wir haben vier verschiedene Säle, darunter einen, den man in dieser Form hier nie vermuten würde: den Werner-Otto-Saal, eine Blackbox für Experimente. Das Zusammenspiel von Musik und Literatur könnte hier sicher gut funktionieren. Auf Grund der Historie des Hauses als Schauspielhaus müsste so etwas möglich sein.

Das klingt nicht nach stärkerer Profilierung?

Man darf nicht zum Gemischtwarenladen verkommen. Ich verstehe unser Haus von seinem Namen her: Es soll das Haus sein, in dem Konzerte verschiedenster Art für alle Besucher jeglichen Alters und jeglicher Vorbildung zu hören sind.

Und wie wollen Sie also Profil bilden?

Ich spreche von einzelnen Schwerpunkten, von Inseln, auf denen das Konzerthausorchester eingebunden werden kann. Wir gehen weg von einer monolithisch definierten Schwerpunktsaison, hin zu drei, vier Schwerpunkten, die auch verschiedene Zielgruppen ansprechen können.

Copyright Christian Nielinger

Das bedeutet mehr Arbeit?

Mehr Kreativität. Normalerweise kreiert man einen Schwerpunkt pro Saison. Ich finde es aber für das Publikum sehr viel attraktiver, pro Saison mehrere Schwerpunkte in einer einwöchigen Themenwoche zu präsentieren. Diese können sich dann bestimmten Epochen oder Genres widmen oder sich mit Komponistenporträts anlässlich eines Jubiläums beschäftigen. Oder wir stellen einen Künstler in all seiner Vielfalt vor. Beispiele dafür gibt es ja schon mit der Biennale für Alte Musik „zeitfenster“. Unabhängig von Schwerpunkten gibt es auch Programmreihen oder Abonnements, an deren Einführung ich interessiert wäre: Gerade im Bereich Lied möchte ich unbedingt eine Reihe etablieren. Die Lied-Tradition wird kaum noch gepflegt in Berlin. Außerdem könnte ich mir vorstellen, den Platz vor dem Haus zu einer Konzertbühne zu machen.

Open Air? Was gibt es da für Pläne?

Es ist erst einmal eine Idee. Wir arbeiten daran.

Wie sieht ein idealer Monat aus?

Die Struktur der Abonnement-Konzerte wird bleiben, auch die Jugendprogramme oder Mozartmatineen. Wir müssen aber versuchen das Publikum zu gewinnen, das sich kurzfristig entscheidet, ins Konzert zu gehen. Im Kern müssen wir musikalische Ideen entwickeln, die überraschen.

Noch einmal, wie wollen Sie bei aller Buntheit, Profil gewinnen?

Durch eine noch stärkere Bindung bestimmter Künstler an das Haus. Während meiner Zeit als Intendant der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern habe ich musikalische Freundschaften als entscheidend kennen gelernt. Ich bin mit Künstlern wie Daniel Müller-Schott, Julia Fischer oder Daniel Hope geradezu aufgewachsen. Als Intendant habe ich sie immer wieder eingeladen.

Nehmen Sie die Künstler mit?

Nein, ich will die Künstler nicht klauen, dafür hängt mein Herz zu sehr an diesem wunderbaren Festival. Aber ich lade sie natürlich auch ins Konzerthaus ein, weil ich um deren musikalische Qualität weiß. Musiker und Künstler persönlich kennenlernen zu dürfen, ist ein Geschenk, von dem ich schon als Student geträumt habe. Und noch als Intendant habe ich Herzklopfen, mit Armin Mueller-Stahl oder Alfred Brendel zusammen zu sitzen, einen Wein zu trinken und zu reden.

Hat ihr Netzwerk bei Ihrer Installation als Intendant des Konzerthauses eine Rolle gespielt?

Ich meine nicht. Mein Vorgänger kannte mein Tun vom Festival in Mecklenburg-Vorpommern. Und von ihm kam auch der Vorschlag.

Sie sind 38 Jahre alt, handelten Sie immer so zielgerichtet? Als Student der Musikwissenschaft gilt man ja auch ein wenig als Träumer.

Zu Beginn war es sehr zielgerichtet. Als ich mit 16 Jahren auf dem Schleswig-Holstein Musikfestival erkennen musste, dass es bei mir zum Konzertpianisten nicht reichen wird, habe ich mir schnell einen Alternativplan zurechtgelegt. Ich konnte dort den jungen Yevgeni Kissin erleben und war einfach überwältigt, geradezu erschüttert. Ich dachte: Jetzt brauche ich mich eigentlich gar nicht mehr ans Klavier zu setzen. Durch die Nähe zum Festival habe ich dann das Management als Aufgabe kennen gelernt. Damals war das noch überhaupt kein Thema; gelernte Kulturmanager gab es nicht. Ich habe deshalb Leute wie Christoph Eschenbach oder Peter Ruzicka ausgefragt, wie man sich denn vorbereitet für so eine Aufgabe an der Spitze eines Festivals. Sie rieten mir dazu, sowohl Musikwissenschaft zu studieren als auch Kenntnisse im Bereich der Wirtschaft zu sammeln. Das habe ich dann getan.

Was hat Ihnen denn mehr Spaß gemacht?

Die meiste Zeit die Musikwissenschaft, der Inhalt. Ich habe so viele Aufnahmen gehört wie möglich. Die Zeit, in der ich Repertoire erarbeiten konnte, war schon toll.

Haben Sie noch CDs oder nur noch einen mp3-Spieler?

Musikmedien sind auch Rückzugsorte. Es ist etwas anderes, ob ich in einen Raum komme, in dem imposante Notenberge stehen, ein schöner Flügel und viele CDs. Dort empfinde ich ein Gefühl von Ruhe. Stünde dort ein surrender Computer und läge dort ein mp3-Spieler mit dem gleichen Inhalt herum, wäre das nicht das Gleiche. Ich habe also noch altertümliche CDs und werde sie auch behalten. Ich arbeite erst seit wenigen Wochen in diesem Büro, aber eine Stereoanlage habe ich sofort hinein gestellt. Ich höre ständig Musik…

Copyright Christian Nielinger

Das ist ja nun bei vielen derjenigen, die sie auf Ihre musikalischen Inseln locken wollen, nicht der Fall....

....deshalb brauchen wir den Juniorbereich, in dem wir junge Menschen an die Klassik heranführen. Aber auch ein „Ausbildungsprogramm“ für Erwachsene. Denn, mal ehrlich: Wie viele um die 50 haben musikalische Vorkenntnisse? Wir können sie für die klassischen Konzerte begeistern, indem die Künstler zum Publikum sprechen, sich vom Podium an die Zuhörer wenden und erklären, was sie dort oben tun. Da hilft keine musikwissenschaftlich-dramaturgische Einführung. Das ist bereits wieder zu viel „Stoff“ und zu speziell. Der Musiker, Pianist oder Dirigent muss bereit sein, die Musik verbal – und verständlich – zu vermitteln. Dadurch entstehen zwischen Publikum und Musiker wichtige Bindungen. Großes Vorbild für mich war immer Leonard Bernstein. An der Musikhochschule, an der ich unter anderem Musikvermittlung lehre, sage ich meinen Studenten immer, dass sie die Möglichkeiten, wie sie ihre Musik erklären können, von Beginn an mitdenken müssen. Ein Intendant hat aber dort auf dem Podium nichts zu suchen. Bei ihm glauben die Leute immer, er würde eine Krankmeldung verkünden.

Wie ist der Stand bei der Suche nach einem Nachfolger für Lothar Zagrosek?

Noch gibt es keine Erfolgsmeldung zu verkünden. Unsere Suche ist behutsam, die Gespräche finden in aller Ruhe statt. Und das dauert eben seine Zeit.

Würden Sie sich gerne stärker mit ihren Kollegen der anderen Berliner Orchester absprechen, welche Werke in einer Spielzeit aufgeführt werden? Damit im Mendelssohn-Jahr nicht viermal die Italienische aufgeführt wird?

Je mehr Abstimmung, desto besser. Und da beziehe ich ebenfalls die privaten Veranstalter mit ein. Ich glaube nur, dass es schwierig ist, es auch organisatorisch umzusetzen. Dann müssten wir zusätzlich auch die Vorplanung zeitlich aufeinander abstimmen – und das dürfte kaum gehen. Aber Sie haben Recht: Wenn man sich mit einem Komponisten gerade in seinem Jubiläumsjahr beschäftigt, muss man mehr bieten als das Altbekannte. Die musikalischen Inseln, von denen ich eben sprach, sind dafür vielleicht ein idealer Ort. Man könnte sich vorstellen, eine Woche Mendelssohn und seiner Zeit zu widmen. Mit der Darstellung seiner Musik, den großen, den kleinen Werken, den Liedern, Quartetten, seinen Briefen und seinen Künstlerfreundschaften, dazu wäre das Konzerthaus mit seinen vier unterschiedlichen Sälen wie geschaffen.

Nun befinden wir uns mitten in einer Wirtschaftskrise, wie steht es um das Sponsoring am Konzerthaus?

Für 2009 bewerte ich die Lage nicht so schlecht, weil die Verträge natürlich vor der Krise geschlossen wurden. 2010 sieht es schon anders aus. Jetzt ein Unternehmen zu fragen, ob es 2010 groß einsteigen will, ist sehr schwer. Wir haben mit dem Engagement der Kaiser’s Tengelmann AG feste Zusagen von einer halben Million über 2010 hinaus. Auch mit Audi ist ein Dreijahresvertrag geschlossen worden. Grundsätzlich ist es im Fundraising wichtig, nicht nur einmal auf die 100.000 Euro zu setzen, sondern auf viele kleinere Beträge, die aber über Jahre zugesichert sind.

Warum gibt es für Besucher keine CD mit der Aufnahme des Abendprogramms am Ende eines Konzertes zu kaufen?

Das zu realisieren, wäre tatsächlich mein Wunsch. Ich würde die Musik auch gerne unseren Förderern schenken. Ein Archiv im Internet wäre ebenfalls spannend. Schließlich wäre es wunderbar, die CD des Abends gleich am Ausgang verkaufen zu können. Unsere technische Ausstattung ist dafür jedenfalls gerüstet. Das Problem sind jedoch die Urheber- und Aufführungsrechte. Viele Künstler haben Exklusivverträge; aber mit unseren Abokonzerten könnten wir anfangen. Gerade in Zeiten von mp3-Spielern und Podcasts dürfen wir unsere Musik nicht hinter den Mauern des Konzerthauses verstecken.

Das Gespräch führte Dr. Thomas Vitzthum.
(09/2009)

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