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Sonntag, 19. Februar 2017

Photo: Kai Myller

Das Trio Beethoven Bonn über seinen neuen Pianisten Jinsang Lee, aktuelle Projekte und anstehende CD-Aufnahmen

"Als hätte es klassische Komponisten in Russland nicht gegeben…"


2005 gründeten Mikhail Ovrutsky (Geige) und Grigory Alumyan (Violoncello) zusammen mit Rinko Hama (Klavier) das Beethoven Trio Bonn. Seit kurzem ist Jinsang Lee der neue Pianist des Ensembles, das sich auch inhaltlich neu ausrichten will. klassik.com sprach 2008 das erste Mal mit dem Trio. Im aktuellen Interview erzählen die Musiker klassik.com-Autor Miquel Cabruja mehr darüber, wie sich die neue Besetzung gefunden hat und sprechen über eine anstehende Konzertreihe im Hotel Steigenberger auf dem Petersberg in Königswinter. Außerdem berichten die Musiker über eine im Juni erscheinende CD, Auftritte beim Bonner Beethovenfest im September, eine Spanien-Tournee im November sowie inhaltliche Schwerpunkte ihrer derzeitigen Arbeit.

Als wir uns vor einigen Jahren zum ersten Mal trafen, sprachen wir auch über Freundschaft. Herr Ovrutsky und Herr Alumyan, Sie lernten sich als Schüler in Moskau kennen und trafen in Bonn wieder aufeinander. Spielen Sie immer noch Schach zusammen?

Mikhail Ovrutsky: Grigory und ich sind in jedem Fall immer noch befreundet. Grigory Alumyan: Das stimmt. Nur für unsere zweite Leidenschaft, das Schachspielen, bleibt aufgrund der Tatsache, dass wir beide Familienväter sind, nicht mehr soviel Zeit (lacht).

Die japanische Pianistin Rinko Hama verließ das Ensemble zwischenzeitlich. Jinsang Lee, Sie stammen aus Südkorea und sind der neue Pianist des Trios.

Jinsang Lee: Wir hatten Ende Januar unser erstes gemeinsames Konzert in der Kammermusikreihe der Villa Prieger in Bonn… Alumyan: … aber eigentlich hatten wir uns schon für Jinsang entschieden, bevor wir gemeinsam gespielt hatten. Wir hatten Aufnahmen von ihm gehört. Ovrutsky: Zudem kannten wir ihn aus unserer Studienzeit. Jinsang ist ein erfolgreicher Musiker, der schon viele Wettbewerbe gewonnen hat.

Das klingt nach künstlerischer Wertschätzung.

Ovrutsky: Das kann man wohl sagen! Wir mögen uns musikalisch sehr.

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Grigory Alumyan, Sie sind beim Beethoven Orchester Bonn als Solo-Cellist tätig. Herr Ovrutsky, Sie sind in Bonn Konzertmeister. Was machen Sie über ihr Engagement beim Beethoven Trio hinaus, Herr Lee?

Lee: Nachdem ich 2008 den Ersten Preis des Klavierwettbewerbes Hongkong und 2009 den Ersten Preis beim Concours Géza Anda in der Schweiz gewonnen hatte, spielte ich sehr viel als Solist im In- und Ausland. Das führte dazu, dass ich nur wenig Kammermusik machen konnte. Obwohl ich davon überzeugt bin, dass ich eigentlich Kammermusiker bin, hatte ich zuvor noch nicht fest in einem Trio gespielt. Als Misha mich also anrief, um zu fragen, ob ich der Pianist des Beethoven Trios Bonn werden wollte, war das eine Riesenfreude für mich.

Sagten Sie sofort zu?

Lee: Nein, aber das auch nur, weil Mikhail meinte, ich solle es mir gut überlegen. Er wollte mich nicht drängen und mir die Zeit lassen, eine fundierte Entscheidung zu treffen. Das hat mir – ehrlich gesagt – imponiert. Ich fand es sehr professionell.

In der Kammermusikbesetzung Klaviertrio gilt es als schwierig, die Balance zwischen Cello und Klavier zu finden. Ist es da nicht eine Frage, ob man als Cellist unbedingt einen solistisch brillanten Pianisten haben will, Herr Alumyan?

Alumyan: Das ist in der Tat ein Thema, das uns sehr wichtig ist. Weil beide Instrument oft in der gleichen Lage spielen, besteht immer die Gefahr, dass das Cello klanglich untergeht. Die Violine hat das Problem nicht, sie dringt irgendwie immer durch. Allerdings hängt diese Frage auch sehr vom Repertoire ab. Es gibt für Trio sehr gut instrumentierte Stücke und solche, die klanglich weniger gut funktionieren. Aber ich hatte bezüglich Jinsang wenig Befürchtungen, da ich ihn auch als Kammermusiker kannte. Wir wollten definitiv keinen Pianisten, der mit den Fäusten spielt. Wir wollten einen Musiker, der hinhört und eine eigene Persönlichkeit hat. Umso begeisterter waren wir, als wir lasen, dass Jinsang auch eine Ausbildung zum Klavierstimmer gemacht hat.

Wie kam es dazu?

Lee: Im Grunde ging es mir darum, das Klavier besser zu verstehen. Deswegen entschied ich mich, zwei Jahre lang bei Steinway Österreich mit dem Klaviertechniker Stefan Knüpfer zu arbeiten. Bei Steinway Hamburg ließ ich mir alle Schritte zeigen, die zur Erstellung eines perfekten Pianofortes notwendig sind. Diese Ausbildung half mir, mein Instrument besser zu verstehen.

Herr Alumyan, Herr Ovrutsky, Sie haben auch Ihre Solokarrieren. Läuft das weiter?

Alumyan: Ja natürlich, das läuft alles parallel weiter. Jeder verfolgt seine eigenen Projekte. Aber wir freuen uns immer, zusammenzukommen und an neuen Ideen für unser Trio zu arbeiten. Ovrutsky: In letzter Zeit haben wir uns ziemlich viele Gedanken gemacht. Vor allem Grigory hat sehr intensiv an Programmen gearbeitet.

Welche zum Beispiel?

Alumyan: Sehr wichtig ist uns ein Projekt für Kinder von drei bis sechs Jahren, das wir für dieses Jahr geplant haben. Im Rahmen des Beethovenfestes Bonn spielen wird es am 24. September 2016 im Beethovenhaus: ‚Mascha und die Jahreszeiten’ basiert auf einer Geschichte von Christine Lauter und stellt Musik von Tschaikowsky und Piazzolla einander gegenüber. Zusammen mit dem Schauspieler Christoph Erpenbeck reisen wir mit unserem kleinen Publikum nach Russland, wo die fünfjährige Mascha wohnt und Besuch von ihrem Großvater Carlos, einem berühmten Violinisten aus Argentinien, hat. Mascha möchte wissen, ob in Argentinien auch soviel Schnee liegt wie bei ihr daheim und ist erstaunt, als ihr Opa erzählt, dass die Jahreszeiten in Argentinien genau umgekehrt stattfinden. Um ihr das besser zu verdeutlichen, greift er zur Geige und spielt die Jahreszeiten von Piazzolla und Tschaikowsky. Ovruthsky: Am Abend geben wir dann im Rahmen des Beethovenfestes ein gemischtes Programm, in dem wir deutschen Komponisten zeitgenössische russische Komponisten gegenüberstellen. Ludwig van Beethovens Trio Nr. 1 in Es-Dur kombinieren wir mit dem Trio von Alexander Alyabyev, das in derselben Tonart steht und als das ‚Unvollendete‘ bezeichnet wird. Es ist auch unser Lieblingsstück auf der CD, die wir 2015 diesem Komponisten gewidmet haben.

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Woher kommt eigentlich der Beiname, unter dem Alyabyevs Trio Nr. 1 bekannt ist?

Ovrutsky: Wahrscheinlich liegt es daran, dass es aus einem Satz besteht. Dabei finden wir nicht, dass es unvollendet wirkt. Es ist in sich vollkommen abgeschlossen und ein wirklich interessantes Stück, das zwischenzeitlich sogar nach Schubert klingt. Es wurde in Russland allerdings sehr selten gespielt. Die Noten entdeckte man nach dem Zweiten Weltkrieg eher zufällig in einer Bibliothek in Moskau. Alumyan: Alexander Alyabyev hat einen unglaublichen Lebenslauf. Er zog als bekannter Komponist gegen Napoleon in den Krieg. Als er zurückkam, geriet er beim Kartenspiel in eine Schlägerei, bei der es ein Todesopfer gab. Daraufhin saß er in Untersuchungshaft und schrieb ‚Die Nachtigall’. Es ist seine berühmteste Romanze, die in Russland jedes Kind kennt. Aber auch Komponisten wie Brahms und Liszt verarbeiteten sie. Schließlich wurde Alyabyev nach Sibirien verbannt, konnte gegen Ende seines Lebens aber nach Moskau zurückkehren. Allerdings hatte er weiter Auftrittsverbot.

Wie kommt es, dass dieser Komponist außerhalb Russlands eher zu den Unbekannten zählt?

Alumyan: Das liegt vor allem daran, dass er schon zu Lebzeiten Auftrittsverbot hatte. Seine Werke wurden daher vor allem anonym gespielt. Ovrutsky: Ein weiterer Grund liegt sicherlich darin, dass man allgemein bei russischer Musik vor allem an Komponisten der Romantik und Moderne denkt. Fast so, als hätte es klassische Komponisten in Russland nicht gegeben ... Alyabyev ist aber der beste Gegenbeweis!

Welche beiden anderen Komponisten stellen Sie einander gegenüber?

Ovrutsky: Dem Klaviertrio Nr. 2 in c-Moll von Mendelssohn Bartholdy stellen wir das Klaviertrio Nr. 1 in d-Moll von Anton Arensky gegenüber, das 1904 beim Glinka-Wettbewerb ausgezeichnet wurde und in kurzer Zeit überall in Europa und den Vereinigten Staaten gespielt wurde.

Arenskys Trio in d-Moll ist auch auf Ihrer CD mit dem Titel ‚No. 1’ zu hören.

Alumyan: Ja, zusammen mit Trios von Rachmaninow und Schostakowitsch. Außerdem spielen wir auf ‚No. 1’ das ‚Divertissement‘ op. 126 von Nikolai Kapustin. Kapustin ist ein wirklich phänomenaler zeitgenössischer Komponist, der auch als Jazzpianist tätig ist. Er erhielt seine Ausbildung am Moskauer Konservatorium bei Prof. Aleksander Goldenweiser, der wiederum ein Freund Schostakowitschs und Schüler Arenskys war. Er ist ein Komponist, der in einer deutlich vom Jazz beeinflussten Polystilistik zu verorten ist. Von klassisch ausgebildeten Musikern wird seine Musik dem Jazz zugeschrieben, aber solche Schubladen führen meiner Meinung nach nicht weiter. Apropos Schublade: Kapustins Trio haben wir direkt aus seiner Schreibtischschublade bekommen.

Sie erweitern also auch bewusst das Repertoire für Klaviertrio?

Lee: Natürlich. Wobei es schon eine Menge Literatur für Klaviertrio gibt. Aber an das Repertoire für Streichquartett kommt das einfach nicht heran. Alumyan: Wir versuchen in jedem Fall so oft wie möglich Alyabyev zu spielen. Es ist wirklich hervorragende Musik, und die Leute reagieren darauf meist sehr positiv. Wir freuen uns außerdem darüber, dass der zeitgenössische französische Komponist Régis Campo ein Stück für uns komponiert. Sobald es fertig ist, werden wir es natürlich auch ins Programm aufnehmen. Außerdem gibt es immer auch die Möglichkeit, Bearbeitungen zu spielen. Das erste Stück, das wir gemeinsam mit Jinsang erarbeitet haben, ist beispielsweise das hervorragende Arrangement von Tschaikowskys ‚Jahreszeiten‘, das Alexander Goedicke eingerichtet hat. Das klingt mindestens so gut wie auf dem Klavier.

Welche weiteren Projekte stehen in nächster Zeit bei Ihnen an?

Alumyan: Wir wollen als Trio eine Reihe im Hotel Steigenberger auf dem Petersberg in Königswinter bei Bonn aufbauen, für deren Künstlerische Leitung wir verantwortlich sind. Das heißt, wir suchen uns die Künstler und entwickeln das Programm. Der Termin für das erste Konzert steht schon fest, es wird der 19. Juni sein. Das Hotel Steigenberger ist ohnehin für uns ein wichtiger Spielort. Wir treten dort jedes Jahr zugunsten der Hannah-Stiftung auf. Das Steigenberger Hotel hat eine Rotunde, die über eine gute Akustik verfügt und einen wunderbaren Blick auf das Rheinpanorama ermöglicht. Schon Menuhin ist dort aufgetreten. Ovrutsky: Das Publikum schaut also hinter den Musikern durch die großen Glasfenster auf die herrliche Landschaft. Das ist schon toll.

Treten Sie dort auch selbst auf?

Alumyan: Ja, wir werden natürlich auch selbst spielen. Im nächsten Konzert werden wir aber Stipendiaten der Anne-Sophie Mutter Stiftung vorstellen. Das sind hervorragende Musiker.

Haben Sie einen Sponsor?

Alumyan: Wir haben noch keine Sponsoren, die sind aber immer willkommen! Wobei das Hotel uns sehr dadurch unterstützt, dass es uns diese wunderbare Rotunde zur Verfügung stellt. Ovrutsky: Im November planen wir außerdem eine Spanien-Tournee, die uns nach Burgos, Pamplona, València und Castelló de la Plana führen wird. Wir werden dort in jedem Fall Mendelssohns c-Moll-Trio spielen, das wir gerne mit Beethoven und Brahms kombinieren möchten. Wir haben auch vor, in Spanien Alyabyev zu interpretieren. Wir sind uns sicher, dass er dort gut ankommen wird.

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Für dieses Jahr planen Sie auch die Veröffentlichung Ihrer ersten CD mit Jinsang Lee.

Alumyan: Unsere neue CD nehmen wir in Kooperation mit dem Bayerischen Rundfunk bei Avi-Music auf. Wir sind sehr glücklich, mit Avi-Music und seinem Gründer Dr. Andreas von Imhoff Partner gefunden zu haben, die kreativ und neugierig sind und sich für interessante Programme begeistern. Im Zentrum des neuen Albums steht Georgi Swiridow, ein reizvoller Komponist, der als Schüler Schostakowitschs zunächst von seinem Lehrer beeinflusst war, sich aber immer mehr zu einem eigenen Stil hin entwickelte. 1946 erhielt Swiridow den Stalinpreis für sein Trio in a-Moll op. 6, das wir einspielen wollen. Es ist wundervoll, erinnert durchaus an Schostakowitsch, ist aber viel romantischer. Ovrutsky: Man könnte sogar von impressionistisch sprechen. Man erkennt klar die Einflüsse seiner Zeit, aber im Vergleich zu Schostakowitsch hat Swiridows Musik mehr Farben, geht vielleicht ein wenig mehr in Richtung Prokofjew. Außerdem spielen wir Swiridows Quintett ein. Dazu haben wir uns die Unterstützung des Geigers Artur Chernomov und des Bratschisten Vladmimir Babeshko gesichert, die auch auf unserem Alyabyev-Album zu hören sind. Beide sind exzellente Künstler. Falls es vom Platz her noch reicht, werden wir außerdem Swiridows ‚Romance‘ aus dem Film ‚Wintersturm’ aufzunehmen. Das ist ein Stück, das in Russland jeder kennt. Dort ist Swiridow vor allem als Filmkomponist bekannt. Seine berühmteste Komposition ist übrigens die Titelmelodie für die russischen Abendnachrichten.

Wie gehen Sie bei Ihren Recherchen für neue Stücke vor?

Alumyan: Das Internet ist da eine große Hilfe, vor allem, wenn man in verschiedenen Sprachen suchen kann. Alyabyev findet man etwa nur, wenn man Russisch spricht. Seine Noten haben wir online im System der Zentralbibliothek in Moskau entdeckt. Auf Anfrage hat man uns die Partituren zugeschickt. Ovrutsky: Wenn man bedenkt, was man vor nicht einmal hundert Jahren alles unternehmen musste, um Dinge zu tun, die man heute in fünf Minuten erledigt ... Da ist das Internet ein echter Segen! Apropos Internet: Seit kurzem haben wir auch eine neue Webseite und haben natürlich in sozialen Netzwerken kommuniziert, dass wir einen neuen Pianisten haben. Heute ist es einfach so: Es ist nur offiziell, wenn es auch dort offiziell ist! Alumyan: Wenn man ein junges Publikum ansprechen möchte, ist man auf das Internet angewiesen. Viele aus der jungen Generation lesen keine Zeitung, sind dafür aber stundenlang im Netz unterwegs. Für jeden heutigen Künstler ist es also ein Muss, im Netz präsent zu sein!

Das Gespräch führte Miquel Cabruja.
(04/2016)

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