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Samstag, 27. Mai 2017

Photo: Wilfried Hösl

Das Trio Parnassus ist auf dem Weg, den musikalischen Parnass zu erklimmen. Und ganz oben wartet Schubert.

"Wir wollen Kammermusik auf höchstem Niveau machen"


Das Trio Parnassus gehört nun schon seit vielen Jahren zu den führenden festen Klaviertrio-Formationen. Ausgezeichnet mit zahlreichen Preisen, ruhen sich die Musiker jedoch auf ihren Lorbeeren nicht aus, sondern bleiben neugierig und offen für Neues. Besonders der Besetzungswechsel, durch den die Geigerin Yamei Yu dazustieß, scheint dem Trio nochmals einen kräftigen Schub gegeben zu haben. Eigenen Aussagen zufolge befindet sich das Trio "in einer guten Phase". Ihre letzten Einspielungen legen davon ein beeindruckendes Zeugnis ab. klassik.com Redakteur Tobias Pfleger unterhielt sich mit den Musiker über einen lauten Pianisten, Anstrengungen bei Reger und Parallelen zwischen der TSG 1899 Hoffenheim und dem Trio Parnassus.

Klaviertrio als festes Ensemble gegenüber den Star-Trios

Mehr als 25 Jahre gibt es das Trio Parnassus nun schon. In dieser Zeit konnten sie sich fest in der Spitzengruppe internationaler Trioensembles etablieren. Als sie sich im Jahr 1982 als Ensemble gründeten, war es eher eine Ausnahmeerscheinung, dass drei Musiker sich als feste Klaviertrioformation zusammentun, erzählt der Cellist Michael Groß. Meist seien es drei bekannte Solisten, die bei Festivals in einer ad hoc-Zusammensetzung auftreten. Wie es zu dem Entschluss im Einzelnen kam, könne man gar nicht so genau sagen. „Wir wollten es einfach“, verrät Michael Groß, eines der beiden noch immer im Ensemble tätigen Gründungsmitglieder. Der zweite ist der Pianist Chia Chou. Dazu komme, dass solchen „Treffen der Giganten“, bei denen sehr bekannte Solisten als Trio auftreten, eher Event-Charakter anhafte. Yamei Yu, seit einigen Jahren Violinistin des Trio Parnassus, wirft ein: „Ich denke, für ein echtes Klaviertrio braucht man einen bestimmten Klang. Es geht um eine gewisse Homogenität, und dass man eine gemeinsame Grundsprache findet. Dazu kommt, dass man sich über die Jahre immer besser kennen lernt. Man weiß auf der Bühne, wie der andere reagiert, wie sich der Klang entwickelt, um sich gut anpassen zu können. Trotzdem hat jeder genug Freiraum, um seine eigene Individualität einzubringen und zu zeigen – sowohl im Konzert als auch bei Aufnahmen. Wir wollen einfach Kammermusik auf höchstem Niveau machen. Das ist unser gemeinsames Traumziel.“ Michael Groß stimmt dem zu: „Das Zusammenspiel von drei Solisten ist einfach ganz anders als das eines Trios.“ Und Chia Chou bringt dazu ein aktuelles Beispiel aus dem Fußball. Man müsse sich nur Hoffenheim anschauen im Gegensatz zu Chelsea: Eine Mannschaft hier, dort die Ansammlung von Stars. Zudem sei es heutzutage wichtig, sich zu spezialisieren, gibt Yamei Yu zu bedenken. So werde man ganz anders wahrgenommen, als festes Ensemble mit einer Geschichte und einer unverwechselbaren Identität eben.

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Klangliche Identität

Auf die Frage, ob das Trio Parnassus eine eigene klangliche Identität habe, antwortet Chia Chou scherzhaft: „Ja, es gibt kein anderes Trio, bei dem der Pianist so laut spielt.“ Der Cellist pflichtet ihm lachend bei, fügt aber hinzu: „Aber dass er zu laut wird, lassen wir nicht zu. Wir halten dagegen.“ Und weiter erklärt er, dass man immer denke, bei einem Trio werde eine Sonate mit Klavierbegleitung aufgeführt. Zwar seien es mit Violine und Cello zwei Streicher, doch die Aufgabe des Klaviers sei es zu begleiten. Mit diesem Vorurteil wollen die drei Musiker aufräumen. Das könne man auch gut hören, etwa bei Aufnahmen. Chia Chou führt das Beispiel Reger auf. In Regers Klaviertrio (e-Moll op. 102, Anm. d. Red.) gebe es Stellen mit dreifachem Forte im Klavier. „Das wird symphonisch laut“, so der Pianist. Da müssen Cello und Violine dann eben mit aller Kraft dagegen halten. Und auch von der Klangtechnik wurde bei der Aufnahme des Reger-Trios nichts verändert. Die Streicher mussten sich eben bemühen, im Klanggetümmel hörbar zu bleiben. „Da mussten wir mal richtig hinlangen, aber so richtig“, berichtet der Cellist. Dass da etwas in der Gewichtung der Stimmen technisch retuschiert würde, käme für MDG überhaupt nicht infrage. Die Aufgabe, eine optimale Balance herzustellen, liege ganz aufseiten der Musiker. Die Klangphilosophie des Labels MDG geht hier mit den kammermusikalischen Idealen des Trio Parnassus eine denkbar enge Verbindung ein. Ein möglichst reales Abbild des Klangs auch auf dem Tonträger zu ermöglichen, ist in beider Interesse; in dem des Labels ebenso wie in dem des Trios. Yamei Yu fügt hinzu, dass es auch die Phantasie der Musiker beflügele, wenn die Zusammenarbeit mit dem Tonmeister so eng und reibungslos sei. „Wir schätzen das Qualitätsbewusstsein bei MDG schon sehr.“

Schatzgräber

Das Repertoire des Trio Parnassus ist nicht nur sehr breit, sondern bietet vor allem viele unbekannte Werke. Etwa 40% des Repertoireumfangs machten allgemein kaum bekannte Werk aus, so Michael Groß. In jedem Konzert versuchen sie, mindestens ein kaum bekanntes Werk unterzubringen. Chia Chou fügt hinzu, dass das mittlerweile die Veranstalter wüssten und auch gerade deswegen auf das Trio Parnassus zugehen: „Die wissen das und wollen es auch.“ Und auch der Veranstaltungsort sei ausschlaggebend für die Programmwahl, so Yamei Yu. So fänden etwa einige Konzerte in einem Schloss Friedrichs des Großen statt, in denen Werke von Prinz Louis Ferdinand von Preußen aufgeführt würden. So entstünden Verbindungen von Konzertort und Werkauswahl und damit auch eine ganz eigene Atmosphäre. Die Musiker bemühen sich stets, alte Werke auszugraben und probieren nicht wenige Werke jener Komponisten, die in der allgemeinen Rezeption und Musikgeschichtsschreibung eher in der zweiten Reihe stehen. Dass man bei einem solchen Vorgehen auch mal einen ganzen Nachmittag lang Werke ausprobiere, nach deren Durchspiel man zu dem Schluss komme, sie seien zu Recht vergessen, gehört zu dieser neugierigen, offenen Grundhaltung. Doch komme man ebenso mit völlig zu Unrecht vergessenen Werken in Kontakt, bei denen man sich nicht selten frage, wieso sie eigentlich so lange im Dornröschenschlaf schlummerten, berichtet der Cellist Michael Groß. Es gebe immer eine erste Reihe von Komponisten in jeder Epoche; und eine zweite Reihe. In Bezug auf jene, die von den Musikern als ‚zu Unrecht vergessen’ etikettiert werden, ist Groß zuversichtlich: „Es fällt immer einer durchs Netz der Geschichte, aber der wird dann auch irgendwann wieder entdeckt.“ Beispiele dafür lassen sich in der umfangreichen Diskographie des Trio Parnassus leicht finden: Woldemar Bargiel, Philipp Scharwenka, Johann Nepomuk Hummel. Der Entdeckerlust des Trio Parnassus scheinen kaum Grenzen gesetzt. Doch die Chance, Neues zu entdecken, wird mit der Zeit geringer. Paradox formuliert: Es gebe heute kaum etwas, was nicht schon gibt. „Heute etwas zum ersten Mal zu machen, ist sehr schwierig“, gesteht Michael Groß. Als nächstes wollen sich die Musiker französischem Repertoire widmen, das hierzulande (und vermutlich auch in Frankreich) völlig unbeachtet ist. Besonders im französischen Repertoire seien noch viele Schätze zu heben, vermutet Michael Groß. Da gebe es reichlich Komponisten der zweiten Reihe, die sehr gut seien. Und auch Smetana, wirft Yamei Yu ein, wäre ein Komponist, bei dem die starken Seiten der jetzigen Besetzung des Trio Parnassus optimal zum Tragen kämen. Hilfreich wäre es zudem, Sponsoren zu finden, um Auftragswerke vergeben zu können, etwa an Jörg Widmann, fügt die Geigerin hinzu. Und Michael Groß schlägt, zurückdenkend an die Zusammenarbeit mit Peteris Vasks, vor: „Oder ein Tripelkonzert von Vasks. Das wäre doch wahnsinnig.“ Doch am Ende der Karriere sollen Werke eines bekannten Wiener Komponisten stehen: „Als letztes kommt Schubert. Und dann höre ich auf“, sagt der Cellist. Schubert, das ist der Höhepunkt, der ganz zuletzt komme, als Krönung der künstlerischen Zusammenarbeit. Um vergessene Komponisten wieder ins allgemeine Bewusstsein zu bringen, seien Aufnahmen freilich enorm wichtig. Und die Geigerin Yamei Yu fügt hinzu: „Wir wollen auch durch die Mittel der heutigen (instrumentalen) Technik den Stücken die Chance geben, wieder aufzuleben. Es kommt natürlich immer darauf an, was heutige Künstler daraus machen. Egal, ob wir moderne Musik aufführen oder ältere Werke. Es ist unser Ziel, Musik in Sprache zu verwandeln. Die Komposition muss Sinn machen.“

Zeitgenossen

Zeitgenössische Musik bildet keinen dezidierten Schwerpunkt des Trio Parnassus. Es gebe einige Werke, die die Musiker mit großem Vergnügen aufführten, doch die Zahl sei doch relativ begrenzt. Das liegt auch daran, dass sich das Trio nur Kompositionen widme, so Michael Groß, zu denen man einen emotionalen Bezug herstellen könne. Musik, die nach quasi-mathematischen Gesetzmäßigkeiten konstruiert, aber nicht ‚erfühlt’ sei, komme daher für das Trio nicht infrage. „Wenn ich Musik höre und denke ‚das ist interessant gemacht’, dann ist das eben bei Weitem noch nicht alles, was Musik ausmachen kann.“ Groß führt das Beispiel Vasks an. „Vasks haben wir entdeckt und gesagt: ‚Das muss aufgeführt werden. Das ist so großartige Musik’.“ Musik müsse Emotionen erwecken; es helfe nichts, wenn Werke mathematisch zusammengeschustert sind, so Groß. Denn letztlich sei es doch Ziel der Musik, anzurühren. „Wenn ich ins Konzert gehe, dann will ich etwas erleben.“

Trio als Nebenjob?

Neben der Arbeit im Trio sind die beiden Streicher fest eingebunden in die Orchesterarbeit: Yamei Yu als 1. Konzertmeisterin des Bayerischen Staatsorchesters, Michael Groß als Solocellist des Staatsorchesters Stuttgart. Und Chia Chou ist neben den solistischen Auftritten Professor in Graz. Doch für die Arbeit mit dem Trio bleibe für alle drei genug Spielraum. In den über 25 Jahren seit der Gründung habe es nie Probleme mit terminlicher Abstimmung gegeben, erzählt Michael Groß. „Es ist natürlich auch im Interesse unserer Häuser“, sagt die Geigerin, „dass wir uns auch nebenher im aktuelle Konzertleben aktiv sind. Das ist auch schön für den Klangkörper, zu merken, dass Musiker auch Erfahrungen mit Kammermusik in die Arbeit einbringen.“

Copyright Wilfried Hösl

Auf den Höhenzügen des Parnass

Angesprochen auf die Namensgebung des Ensembles gesteht Michael Groß, dass es ihm erst später bewusst wurde, was der Name beinhaltet. „Klar, es ist schon ein weiter Weg bis oben zum Parnass.“ Dass dem Namen auch etwas leicht Größenwahnsinniges anhaften könne, wurde den Musikern erst später bewusst. Doch auch wenn einige Musikkritiker in der Vergangenheit dem Trio bestätigten, den (interpretatorischen) Parnass erreicht zu haben, bleiben die drei Musiker auf dem Boden. Sie selbst sehen sich keineswegs als oben angekommen, sondern eher als Mauerschauer, die hin und wieder über den Zaun zum Parnass spitzen. Michael Groß meint dazu: „Wir sind eben gerade in einer guten Phase. Wir arbeiten sehr gut zusammen und das freut uns.“ (Da verstellt ein Blick zurück, den der Autor zusammen mit den Musikern gern unternommen hätte, die hoffnungsvolle Ausschau in die Zukunft. Die Vergangenheit ruht.) Yamei Yu gibt sich bescheiden. „Ich glaube, man kann als Künstler nie den Parnass an der Spitze erreichen. Man kann nur immer neue Facetten eines Werks beleuchten. Es wäre auch schrecklich langweilig, wenn wir wüssten, dass wir die Spitze bereits erreicht haben und nur darauf schauen müssten, dass wir nicht wieder abrutschen.“ Auch die zahlreichen Preise für ihre Einspielungen freut das Ensemble freilich sehr. Yamei Yu erklärt, dass es aktuell ziemlich schwer sei, als zahlenmäßig gering besetztes Kammerensemble wahrgenommen zu werden. Man müsse als Trio bereits einen Namen haben, fest etabliert sein und die richtige Unterstützung haben, um sich optimal vermarkten zu können. Zum Glück, sagt Yamei Yu, ist das beim Trio Parnassus der Fall. „Heutzutage ist Kammermusik schwer überlebensfähig.“ Da tut die breite Unterstützung des Publikums ebenso gut wie Schallplattenpreise. Auch wenn man bei der Aufnahme als Künstler nicht an etwaige Preise denke, sondern daran, mit seinem künstlerischen Einsatz die Menschen zu erreichen, sagt Yamei Yu. Ihr Kollege Chia Chou prognostiziert für die Kammermusik im Allgemeinen und das Trio Parnassus im Speziellen eine hoffnungsvolle Zukunft; denn angesichts der Finanzkürzungen im Kulturbereich werde Kammermusik immer wichtiger, so Chia Chou. Und Michael Groß gibt zu bedenken, dass solche ‚bleibenden Werte’ wie Musik gerade in den Zeiten, in denen es den Leuten schlechter gehe, ein großes Bedürfnis darstelle. Das müsse auch den Politikern klar sein. „Mit Beträgen, mit denen man gerade einen Quadratzentimeter Teer finanzieren kann, ist in der Kammermusik schon viel geholfen.“

Das Gespräch führte Dr. Tobias Pfleger.
(03/2009)

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