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Freitag, 24. November 2017

Photo: Bayer AG

Nachwuchsförderung als zentrales Anliegen - die Bayer Kulturabteilung auf dem Weg in die Zukunft.

Kulturarbeit als gesellschaftliche Verantwortung


Dr. Volker Mattern (51), vormals Künstlerischer Direktor der Musikalischen Komödie der Oper Leipzig, ist seit dem 1. September 2008 der sechste Leiter der seit 1907 bestehenden Bayer Kulturabteilung und damit verantwortlich für die Kulturarbeit des in Leverkusen ansässigen Konzerns. Mattern folgt damit auf Nikolas Kerkenrath, der nach 22 Jahren erfolgreicher Tätigkeit in Pension ging. Stefan Drees sprach mit Volker Mattern für klassik.com.

Herr Dr. Mattern, Sie haben Ihr Amt von einem sehr engagierten Vorgänger übernommen: Als Leiter der Bayer Kulturabteilung hat Nikolas Kerkenrath viele innovative Akzente gesetzt, den Spielplan thematisch ausgerichtet und die weiteren Unternehmensstandorte in Nordrhein-Westfalen mit einbezogen. Zudem kooperierte er mit vielen Bayer-Niederlassungen im Ausland und legte einen besonderen Schwerpunkt auf die kulturellen Beziehungen zu Frankreich. Mit welchen Erwartungen haben Sie selbst nun diese Nachfolge angetreten?

Ich habe die längste Zeit meines Berufslebens in Nordrhein-Westfalen verbracht und konnte von meiner Position beim Landestheater Detmold aus, dann aber auch als Intendant des Philharmonischen Orchesters Südwestfalen und als Manager von Concerto Köln die Kulturarbeit in Leverkusen mit großer Aufmerksamkeit und Anerkennung verfolgen. Mir war bekannt, dass die Kulturabteilung der Bayer AG ein hohes Niveau hat und hier von einem engagierten Team unter ausgezeichneten Rahmenbedingungen Kultur ermöglicht wird.

Haben Sie denn zum jetzigen Zeitpunkt schon konzeptionelle Ideen, mit denen sie in Zukunft hervortreten wollen?

Natürlich ist es noch zu früh, um darüber ausführlich zu sprechen. Die kommende Saison 2009/10 ist eine Art Übergangsspielzeit. Das hängt damit zusammen, dass gewisse Engagements aufgrund der notwendigen Vorlaufzeit bei Beginn meines Arbeitsverhältnisses bereits feststanden. Auf dieser Basis haben wir einen thematischen Schwerpunkt festgelegt. Ich denke, dass die positiven Dinge, die mein Vorgänger mit seiner langjährigen Erfahrung auf den Weg gebracht hat, für uns gute Ausgangspunkte sind, um neue Ideen zu entwickeln, ohne die alten jedoch über Bord zu werfen.

Und was bedeutet das?

Wir wollen in Zukunft versuchen, die Spielzeiten noch stärker thematisch auszurichten. Ich finde es spannend, dass wir als ein Viersparten-Kulturbetrieb mit den Bereichen Musik, Tanz, Schauspiel und Kunst die Möglichkeit haben, übergreifende Zusammenhänge herzustellen. Es wird immer ein Thema geben, das wir sozusagen durch alle Sparten deklinieren und dadurch umfassend beleuchten können: das ist der große Reiz, den unsere Kulturarbeit bietet.

Augenblicklich wird lebhaft über den Abbau von Kulturförderung auch seitens von Unternehmen gesprochen. Sehen Sie dieses Problem - etwa in Gestalt finanzieller Kürzungen - auch auf Ihre Kulturabteilung zukommen?

Für die Bayer AG ist die Kulturarbeit Teil der ‘Corporate Social Responsibility’. Das Unternehmen nimmt seine gesellschaftliche Verantwortung ernst. Das Besondere bei Bayer ist, dass es dafür eine Kulturabteilung gibt, die ein eigenes Programm auf die Beine stellt und dafür eine eigene Spielstätte, das Erholungshaus, bereitstellt. In diesem Jahr feiert das Bayer Kulturhaus seinen hundertsten Geburtstag. Die Kulturabteilung wurde im letzten Jahr 100 Jahre alt. Salopp gesagt machen wir seit einem Jahrhundert die Kultur selbst - im Unterschied etwa zu Unternehmen, die lediglich Großprojekte, seien es nun Events oder auch hochkarätige künstlerische Festivals, finanziell unterstützen. Für Bayer ist Kultur fester Bestandteil der ‘Corporate Identity’ und wird es auch bleiben.

Copyright Bayer AG

Was mich bei alldem ein wenig erstaunt, ist der Umstand, dass Ihr Kulturangebot in der überregionalen Presse kaum präsent ist. Sehen Sie eine Möglichkeit, sich in Zukunft noch stärker zu profilieren und zusätzlich auch gegen die Konzerthäuser im weiteren Umfeld der Regionen Rheinland und Ruhrgebiet abzugrenzen?

Die zukünftige thematische Ausrichtung gibt es - zumindest hier in dieser Region - bei keinem anderen Anbieter. Das ist unserer Stärke. Darüber hinaus laden wir auch weiterhin sehr hochkarätige Künstler und Ensembles ein, das werden wir auch beibehalten, denn dies trägt gleichfalls zum Renommee der Bayer Kulturarbeit bei. Was aber bisher aus meiner Sicht fehlt, ist ein Bereich, den ich vorläufig als ‘Young Artist Projekt’ bezeichnen möchte. Ich habe es immer als Verpflichtung angesehen, jungen Künstlern die Möglichkeit zu geben, sich weiter zu entwickeln. Schon jetzt gibt es da natürlich Ansätze - aber ein umfassendes Konzept, das sich der Förderung des hochtalentierten künstlerischern Nachwuchses widmet, existiert bislang nicht. Das wollen wir ausarbeiten… Bayer ist traditionell in der Jugendförderung aktiv. Wir engagieren uns beispielsweise bei ‘Jugend forscht’, der ‘Bayer Science & Education Foundation’ und sind Gründungsmitglied des ‘Kulturkreises der Deutschen Wirtschaft im BDI’. Darüber hinaus arbeiten wir mit den ortsansässigen Schulen zusammen und realisieren Projekte für Schüler. Das ist im Grunde genau der Punkt, an dem wir ansetzen müssen.

Wie könnte denn eine Förderung des künstlerischen Nachwuchses konkret aussehen?

Wir werden schon in der nächsten Spielzeit damit beginnen, quer durch alle Sparten Ideen zu entwickeln, wie man jungen Künstlern längerfristig und nachhaltig ein Forum bieten kann. Man könnte etwa einem herausragenden Kammermusikensemble die Möglichkeit geben, über mehrere Spielzeiten hier aufzutreten und sich dadurch weiterzuentwickeln. Das eigentlich Spannende bei der Kulturarbeit ist doch, auch zunächst weniger bekannte Künstler zu begleiten, die es vielleicht an die Spitze schaffen und dann später einmal sagen können: Die Bayer Kulturabteilung hat den entscheidenden Impuls gegeben für meine oder unsere weitere Karriere. Ein solches Konzept kann ich mir nicht nur mit Musikern, sondern ebenso gut mit jungen Choreografen, mit Regisseuren oder bildenden Künstlern vorstellen.

Wird denn in Zukunft auch der Standort Berlin eine Rolle spielen?

Mit Bayer Schering Pharma hat das Unternehmen einen wichtigen Standort in Berlin. Deshalb gibt es auch bereits kulturelle Aktivitäten in der Hauptstadt - etwa die Kooperation mit dem ‘Haus der Kulturen der Welt’. Im Moment sondiere ich weitere Möglichkeiten. Längerfristig geht es uns darum, eine Achse Leverkusen-Berlin zu formen, von der beide Städte profitieren - etwa durch bestimmte Produktionen, die sowohl hier als auch in der Hauptstadt zu sehen sind. Das Zentrum unserer Kulturarbeit bleibt aber eindeutig Leverkusen.

Betrachten Sie denn bei alldem die Konkurrenz zu umliegenden Kulturstandorten wie Köln und Düsseldorf als Problem?

Ich brauche noch ein wenig Zeit, um das umfassend einzuschätzen. Nur so viel: Glücklicherweise haben wir keinerlei Probleme mit der Auslastung unserer Veranstaltungen. Die Veranstaltungen werden von den Mitarbeitern und Bürgern gut angenommen. Für die Zukunft kann ich nur sagen, dass wir weiterhin Angebote machen müssen, die sich von denen der Konkurrenzanbieter unterscheiden. Je stärker unser eigenes Profil ist, desto stärker werden wir wahrgenommen. Wichtig ist aber auch, dass wir unser Angebot mit einem neuen Kulturmarketingkonzept nach außen tragen. Das wird einer der neuen Aspekte in der nächsten Spielzeit sein. Bislang hat die aktive Vermarktung eine eher untergeordnete Rolle gespielt, was direkt mit der hohen Auslastung unserer Veranstaltungen zu tun hat. Aber wir müssen in die Zukunft blicken und ganz sicherlich schon jetzt damit beginnen, auch ein neues Publikum anzusprechen und für unsere Arbeit zu begeistern.

Was kann ich mir konkret darunter vorstellen?

Es bedeutet vor allem, die kommunikative Wirkung nach außen zu erweitern. Als Insider weiß man, was hier in Leverkusen passiert. Wir wollen aber, dass dies auch der Konzertbesucher, der Schauspielfreund in Köln oder Düsseldorf mitbekommt. Dadurch erhoffen wir uns auch eine Publikumsresonanz aus umliegenden Regionen. Es geht uns aber nicht nur um die Außenwirkung. Wir wollen auch die kommunikative Wirkung der Kulturabteilung nach innen verbessern. Wir sind Teil des Unternehmens, und wollen stärker auf unsere Beschäftigten zugehen, Flagge zeigen und sie darauf aufmerksam machen, was ihr Unternehmen ihnen kulturell bietet. Es gibt etliche Ansatzpunkte im Konzern selbst. Wir sind mit 2500 Auszubildenden einer der größten Ausbilder in der Region. Da bieten sich Konzepte mit jungen Leuten an. Hier können wir auf vorangegangene Erfahrungen aufbauen, auf jüngere Leute zugehen und versuchen, sie für unsere Arbeit zu interessieren.

Haben diese Ideen denn bereits Auswirkungen auf die aktuelle Spielzeit 2008/09?

Für das Ende der laufenden Spielzeit habe ich einen ‘Tag der offenen Tür’ für das Erholungshaus geplant. Wir wollen das Bayer Kulturhaus für die breite Bevölkerung öffnen und Einblicke ermöglichen, die es normalerweise nicht gibt. Ein wichtiger Faktor an diesem Tag werden auch die kulturellen Bayer-Ensembles sein, die in diesem Haus auftreten und proben. Auch hier geht es darum, neue Zielgruppen zu erschließen.

Und wie wollen Sie diese Zielgruppen erreichen?

Wir beabsichtigen etwa durch Umfragen auch unter den Mitarbeitern herauszufinden, was unser Publikum von einer anspruchsvollen Kulturarbeit erwartet. Das bedeutet nicht, dass wir uns in Richtung einer reinen Nachfragekultur wie in den USA orientieren, weil man es dort aufgrund der Finanzierungssysteme nicht anders machen kann. Wir möchten Impulse erhalten, wie wir unser hochkarätiges Angebot verbessern können. Das wird einhergehen mit einem neuen Auftritt in der Spielzeit 2009/10, den wir im Moment entwickeln. Wir wollen uns zeitgemäßer präsentieren und unsere Publikationen - etwa unsere Programmvorschau - auch passgenau auf die jeweiligen Zielgruppen - vor allem ein junges Publikum - zuschneiden.

Also muss es letzten Endes um einen langfristig angelegten Prozess gehen?

Eine große öffentliche Wahrnehmung ist mit kultureller Basisarbeit schwieriger zu erreichen als mit exzeptionellen Jugendevents. Das ist uns bewusst. Ich bin aber der festen Überzeugung, dass eine Ausrichtung mit langfristiger Perspektive viel mehr bringt als kurzfristige spektakuläre Einzelprojekte. Deshalb überlegen wir uns sehr genau, wie wir uns für Theater- und Musikformen öffnen, die Jugendliche besonders ansprechen. Das ist keine leichte, aber eine sehr spannende Aufgabe.

Das Gespräch führte Prof. Dr. Stefan Drees.
(01/2009)

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