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Freitag, 24. März 2017

Photo: Eric Larrayadieu

Antoine Tamestit spricht über nützliches Lampenfieber, seine neue CD und hat noch Preisgeld zu vergeben.

"Einen Löwen zum Frühstück verspeist"


Seit der Franzose Antoine Tamestit, Jahrgang 1979, vor vier Jahren den ARD-Wettbewerb gewann, gilt er als eine der größten Viola-Hoffnungen der Gegenwart. Von 2004 bis 2006 nahm er am BBC-Förderprogramm für Nachwuchskünstler teil; 2007 sorgte sein Solodebüt mit Werken von Bach und Ligeti für Furore. In diesem Jahr erhielt Tamestit den begehrten Credit Suisse Award. Anlässlich der Veröffentlichung seiner zweiten CD traf klassik.com Autor Felix Stephan den frisch verheirateten, sympathischen Bratschisten in Weimar - kurz nach seinem Debüt mit den Wiener Philharmonikern.

Herr Tamestit, anfang der Woche hatten Sie ein Konzert mit Riccardo Muti und den Wiener Philharmonikern in Luzern…

Oh ja, Bartoks Violakonzert, das war eine unvergessliche Erfahrung für mich. Das ganze Projekt stand unter einem guten Stern - von meiner Begegnung mit Muti in Wien am letzten Freitag bis zur Aufführung am Montag.

Wie viele Proben hatten Sie insgesamt?

Zwei kurze. Eine in Wien, eine in Luzern. Beide etwa eine halbe Stunde lang. Bei der ersten Probe empfing mich Riccardo Muti alleine. Er saß in seinem Raum am Klavier und spielte den Orchesterpart. Ich merkte sofort, wie konsequent und ernsthaft er in seiner Arbeitsweise war. Er war auch sehr einfühlsam, nahm sehr genau wahr, was ich ihm durch mein Violaspiel mitteilte. Es gab eine Art höhere Kommunikation zwischen uns. In der Orchesterprobe mit den Wiener Philharmonikern ging es vor allem darum, Dinge festzulegen wie Balance und Zusammenspiel. Im Konzert hatte ich das Gefühl, dass Muti immer ein Ohr für mich hatte und genau auf das reagierte, was ich tat. Die Wiener waren fantastisch, sie hatten ein feines Gefühl für die ungarische Färbung der Musik. Noch nie zuvor habe ich den dritten Satz des Bartok-Konzerts so energiegeladen gehört.

Hatten Sie Lampenfieber?

Ich kann Ihnen versichern: Lampenfieber habe ich immer. Auch wenn ich mir das nach außen kaum anmerken lasse. Meine Frau hat nach meinem Auftritt mit den Wiener Philharmonikern gesagt, dass ich ausgesehen habe, als hätte ich einen Löwen zum Frühstück verspeist. In Wirklichkeit war ich ziemlich nervös. Ich glaube aber, dass gerade das Lampenfieber dabei helfen kann, die Sinne zu schärfen und die Instinkte zu wecken. Viele überraschende Klangfarben werden erst durch Lampenfieber erzeugt. Ich spiele übrigens leidenschaftlich gerne und häufig Poker mit Freunden. Vielleicht kommt es daher, dass man mir nicht immer ansieht, was ich fühle.

Copyright Eric Larrayadieu

Was meinen Sie, wie viel Intuition ist in Ihrem Spiel, wie viel ist genau festgelegt?

Das ist schwer zu sagen. Sicherlich hängt das von dem jeweiligen Stück ab. Beim Bartok-Konzert mit den Wienern fühlte ich, dass es gut war, eine Menge geübt zu haben. Ich hatte den Bartok vorher mehrmals öffentlich gespielt, im Mai in Japan, im Juni in Bonn. Zwei Wochen vor Luzern zog ich mich zurück und übte wie ein Student, langsam und mit Metronom. Es lief dann ziemlich genau so ab, wie ich es geplant hatte. Bei anderen Kompositionen wie der Arpeggione-Sonate von Schubert oder den Märchenbildern von Schumann, die ich wie meine Westentasche kenne, neige ich eher dazu, Risiken einzugehen und zu experimentieren.

Auf Ihrer aktuellen CD spielen Sie das Violakonzert von Alfred Schnittke. Haben Sie sich bei Yuri Bashmet Anregungen geholt, dem das Werk gewidmet ist?

Ja, das war sehr wichtig für mich. Ich hatte eine ausgedehnte Unterrichtsstunde bei ihm und ein paar kürzere Gespräche. Es ging um einige technische Passagen, spezielle Klangfarben, aber auch um allgemeine Stimmungen. Am intensivsten habe ich an dem Stück allerdings mit meiner Lehrerin Tabea Zimmermann gearbeitet. Sie hat viele Erfahrungen damit gesammelt, hat es häufig öffentlich gespielt und auch auf CD aufgenommen.

Woran mag es liegen, dass Ihre Schnittke-Schostakowitsch-CD noch unmittelbarer, noch spontaner wirkt als Ihre Bach-Ligeti-Aufnahme?

Interessant, dass Sie das ansprechen. An beiden Produktionen war derselbe Toningenieur beteiligt. Auch der Saal war der gleiche. Es liegt vermutlich daran, dass die Schnittke-Aufnahme während eines kompletten Probedurchlaufes und zweier Live-Konzerte entstanden ist. Als Zuhörer hat man also quasi ein Live-Erlebnis. Meine erste CD mit Bach-Ligeti dagegen war eine Studioaufnahme, an der wir bis zur Perfektion gefeilt haben. Natürlich bin ich stolz auf diese Aufnahme, gerade weil es meine erste wichtige war, doch ich muss gestehen: Der Schnittke liegt mir noch näher. Bei der Violasonate von Schostakowitsch haben mein Begleiter Markus Hadulla und ich versucht, eine ähnliche Atmosphäre zu erzeugen. Wir nahmen alle Sätze im Ganzen auf und stellten uns immer wieder vor, vor Publikum zu spielen.

Sie sind bisher mit vielen unterschiedlichen Pianisten aufgetreten. Wie kam es, dass Sie sich in diesem Fall für Markus Hadulla entschieden haben?

Mit Markus verbindet mich eine lange, intensive Freundschaft. Im Sommer 2001 trafen wir uns zum ersten Mal, auf dem Schleswig-Holstein-Musik-Festival. Markus war der Klavierbegleiter der Meisterklasse von Tabea Zimmermann. Damals fing ich gerade an, bei Tabea Unterricht zu nehmen. Markus und ich merkten beide sehr schnell, dass wir auf der gleichen Wellenlänge waren. Es ist wahr: Es gibt viele Pianistenkollegen, mit denen ich Kammermusik mache und viele, die ich bewundere. Ich bewundere Markus nicht mehr als andere Pianisten, aber da ist kein anderer, mit dem ich so eng befreundet bin wie mit ihm. Wir verbringen viel Zeit miteinander, begeben uns gemeinsam auf die Suche nach Neuem, tauschen uns über alles aus, was uns gerade bewegt. Als es darum ging, den Schostakowitsch aufzunehmen, habe ich keinen Moment gezögert, ihn zu fragen.

Sie haben vor vier Jahren den ARD-Wettbewerb gewonnen. Große Violaspieler wie Yuri Bashmet, Nabuko Imai oder Kim Kashkashian waren in der Vergangenheit ebenfalls Preisträger in München. Es scheint, als habe sich da eine Tradition entwickelt…

Ich glaube, das ist eher Zufall. Natürlich fühle ich mich geehrt, nun in einer Reihe mit bedeutenden Bratschisten zu stehen, doch letztlich ist das für mich nicht wichtig. Wenn ich an Wettbewerben teilgenommen habe, dann nicht, um den ersten Preis zu gewinnen oder um andere Musiker zu übertreffen. Mein Antrieb war es immer, attraktive Auftritte zu bekommen, mit guten Orchestern zu spielen, zu interessanten Kammermusikprojekten eingeladen zu werden. Ich wollte als Solo-Bratschist wahr- und ernstgenommen werden. Das ist mir mit dem Erfolg beim ARD-Wettbewerb geglückt - mehr noch als mit anderen Wettbewerben.

Wann stand es für Sie fest, dass Sie eine Karriere als Musiker einschlagen?

Das kann ich nicht genau sagen. Es war ein natürlicher Prozess.

Copyright Eric Larrayadieu

Wie sind Sie an die Musik herangeführt worden?

Mein Vater ist Geigenlehrer und Komponist. Er hat mich stark beeinflusst. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich als kleines Kind den ganzen Tag von Musik umgeben war. Das war bei uns in der Familie ganz normal. Mein Vater hatte immer eine CD im Player. Schon als Dreijähriger hörte ich so unterschiedliche Kompositionen wie ‚Stabat Mater’ von Pergolesi, ‚Bolero’ von Ravel, Mahlers erste Sinfonie oder die ‚Sequenza für eine Frauenstimme’ von Berio. Mein Vater hat mir meine Ohren geöffnet für die Musik, für jede Art von musikalischer Kreativität. Zu meinem fünften Geburtstag wünschte ich mir eine Geige, es war mein eigener Entschluss. Mein Vater war zunächst skeptisch, aber ich bekam sie. In den nächsten Wochen machten wir allerlei Spiele mit dem Instrument. Erst nach drei Monaten, als mein Vater merkte, dass ich die Geige nach wie vor gerne aus dem Kasten nahm, meldete er mich zum Unterricht an.

Warum wechselten Sie später zur Viola?

Es war eigentlich nicht meine Idee, sondern die meiner Lehrerin. Ich hatte eine Cello-Suite von Bach gehört und war von dem tiefen, erhabenen Klang des Cellos so begeistert, dass ich umgehend wechseln wollte. Meine Lehrerin erklärte mir, es gäbe einen ziemlich großen Unterschied zwischen den beiden Instrumenten und schlug mir vor, es stattdessen erstmal mit der Viola zu probieren. Ich war hochzufrieden damit, denn ich fand, dass die Viola eine tolle Mischung aus Geige und Cello war.

Auf was für einer Bratsche spielen Sie heute?

Bis Anfang 2008 habe ich auf einer Viola von Étienne Vatelot gespielt. 1999 hatte ich sie in Auftrag gegeben und nach meinen Bedürfnissen anfertigen lassen. Auf meiner Schnittke-Schostakowitsch-Aufnahme ist sie noch zum Einsatz gekommen. Seit Februar 2008 spiele ich auf einer anderen Viola: auf einer Stradivari von 1672, einem sehr seltenen Instrument. Antonio Stradivari hat insgesamt nur zwölf Violen gebaut. Die Schweizer Stiftung Habisreutinger war so großzügig, sie mir zur Verfügung zu stellen. Ich hoffe, dass ich sie einige Zeit behalten darf.

Wie würden Sie Ihre Stradivari charakterisieren?

Sie kommt der menschlichen Stimme sehr nahe. Sie erinnert mich an einen verführerischen Mezzosopran. Ihre Klangfarbe ist süß wie Honig und dennoch sehr brillant. Meine Vatelot-Viola klingt vergleichsweise tiefer und dunkler.

War es schwierig, vom „neuen“ aufs „alte“ Instrument umzusteigen?

Ja, das war wirklich ziemlich schwierig. Ich habe zwei Monate gebraucht, um mit der Stradivari klar zu kommen. Es ist ein Riesenunterschied, ob eine Viola gerade gebaut wurde oder über 300 Jahre alt ist. Die Stradivari ist durch viele Hände gegangen und hat viele Länder gesehen. Sie hat ihre eigene Persönlichkeit, die ich erstmal erkunden musste.

Wie oft üben Sie momentan?

Ich versuche, jeden Tag zu üben. An freien Tagen komme ich auf 4 bis 5 Stunden. Häufig, wenn ich auf Reisen bin, bleibt mir allerdings viel weniger Zeit. Man kann aber auch schon in 30 und 60 Minuten wichtige Dinge erreichen. Ich glaube, seit ich selbst unterrichte, hat sich meine Art zu üben geändert. Ich kann mir meine Zeit noch intelligenter, noch effizienter einteilen.

Im letzten Jahr sind Sie Professor an der Musikhochschule in Köln geworden. Wie viele Schüler haben Sie dort?

Bis zum Juli in diesem Jahr waren es drei Schüler. Im nächsten Semester werden es sechs oder sieben sein. Meine Klasse wächst.

Copyright Eric Larrayadieu

Was bedeutet das Unterrichten für Sie?

Es ist ein ganz wichtiger Teil meines Musikerdaseins. Früher habe ich geübt und Auftritte gehabt. Das war alles. Mir hat da etwas gefehlt. In den letzten Jahren habe ich einige Meisterkurse gegeben und gesehen, wie viel Spaß mir das Unterrichten macht. Ich helfe gerne anderen Musikern, versuche sie voranzubringen, ihnen neue interpretatorische Möglichkeiten zu eröffnen. Oft entstehen dabei sehr interessante Diskussionen, die auch für mich hilfreich sind. Offen gestanden war ich lange Zeit unsicher, ob ich schon bereit dafür bin, eine feste Stelle als Lehrer zu übernehmen. Als ich im letzten Oktober dann anfing, hab ich es aber keine Sekunde lang bereut.

Gibt es andere Dinge, mit denen Sie sich beschäftigen - außerhalb der Musik?

Ich liebe Filme. Leider habe ich nicht oft Zeit, um ins Kino zu gehen. Viele Filme schaue ich mir auf DVD an. In den letzten zehn Jahren habe ich mir eine umfangreiche Sammlung aufgebaut. Besonders gerne mag ich Stanley Kubrick und David Lynch. „Mullholland Drive“ von Lynch ist einer meiner Lieblingsfilme. „2001 - Odyssee im Weltraum“ von Kubrick hat mich ebenfalls tief beeindruckt. Auch von moderner Malerei lasse ich mich inspirieren. Ich bin mir nicht sicher, ob ich immer genau verstehe, was die Künstler mit ihren Bildern ausdrücken, doch irgendwie berühren sie mich: Maler wie Jackson Pollock, Frieda Kahlo, Miro und auch Marc Rothko.

Als Violaspieler setzen Sie sich sehr für Moderne Musik ein. Gibt es zeitgenössische Komponisten, die sie gar nicht mögen?

In jeder Epoche gibt es Komponisten, die man mehr oder weniger mag. Das ist, glaube ich, ganz natürlich. Was die Musik der Gegenwart angeht: Ich bin kein Anhänger einer bestimmten Art zu komponieren. Im Gegenteil. Ich bin offen für alles, solange es etwas Neues enthält und die Kraft hat, mich zu bewegen.

In diesem Jahr haben Sie den begehrten Credit Suisse Award gewonnen. Das Preisgeld in Höhe von 75 000 Franken wollen Sie laut eigenen Angaben für einen Kompositionsauftrag verwenden. Haben Sie sich bereits für einen Komponisten entschieden?

Ich bin noch auf der Suche. Meine Wunschliste ist lang. Da sind so viele Komponisten, die ich bewundere. Einige kenne ich bereits persönlich, Jörg Widmann zum Beispiel oder Matthias Pintscher. Andere Komponisten wie Magnus Lindberg und Kaija Saariaho habe ich bisher noch nicht getroffen. Ich bin gespannt, was sich ergibt.

Das Gespräch führte Felix Stephan.
(09/2008)

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