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Donnerstag, 23. November 2017

Photo: Helge Bauer

Aron Stiehl - Ein Regisseur mit Leidenschaft

Eine Liebeserklärung an die Oper


Der Regisseur beweist mit seinen Inszenierungen immer wieder, dass es durchaus möglich ist für den Menschen von heute zu inszenieren und doch werktreu zu bleiben. Sein Heidelberger Figaro bezauberte das Publikum mit einem Feuerwerk von Ideen, so durfte zum Beispiel Cherubino Mozartkugeln ins Publikum werfen, und dennoch beinhaltete dieser "tolle Tag" auch nachdenkliche Töne für den Betrachter. Zudem besitzt Aron Stiehl eine außergewöhnliche Musikalität, aus der er konsequent all seine Regiearbeiten entwickelt.

Über die Regiearbeit Aron Stiehls von Cosi fan tutte in München, schrieb die Süddeutsche Zeitung: „Denn nicht der Wille zum Gag führt hier Regie, sondern die Lust, der Oper als solcher immer wieder eine Liebeserklärung zu machen.“ In München war Stiehl von 1996 bis 2001 als Spielleiter an der Bayerischen Staatsoper engagiert. Dort inszenierte er mit großem Erfolg 2001 Dido und Aeneas von Henry Purcell sowie 2005 Medusa von Arnaldo de Felice. Mittlerweile ist er als vielbeschäftigter Regisseur freiberuflich tätig, zumeist im deutschsprachigen Raum. Mit seiner letzten Regiearbeit in Klagenfurt bewies er erneut, wie tiefgehend und berührend modernes Musiktheater sein kann, dort inszenierte er Schlafes Bruder von Herbert Willi, in einer revidierten Fassung. Aron Stiehl gelang es, jeden Protagonisten zu einem wahren Schauspieler zu formen, jede Geste, jeder Blick saß punktgenau im Einklang mit Libretto und Musik, zudem blieb die Handlung immer fließend. Auch das psychologische Sujet dieser Oper lag Aron Stiehl, die Frage nach dem Sein zieht sich wie ein roter Faden durch viele seiner Arbeiten. Doch zeigt er die Verwicklungen des Daseins auch mit Humor und Verständnis, den erhobenen Zeigefinger in einer Regiearbeit lehnt er ab. „Der erste Impuls auf eine Regiearbeit sollte beim Publikum über das Gefühl laufen, oberstes Gebot sollte es sein, die Geschichte des Stückes zu erzählen und sich nicht selbst als Regisseur in den Mittelpunkt zu stellen, es kann durchaus spannend sein, einem Werk zu dienen. Ich versuche den Kern der Oper freizulegen und zu zeigen, dass die menschlichen Grundprobleme früherer Generationen immer noch die gleichen sind wie heute. Menschen stehen an Abgründen, sind in Extremsituationen und fragen sich, was hat das Leben für einen Sinn.“ Man glaubt Stiehl, wenn er sagt, dass für ihn die Oper erst einmal ein sinnliches Erlebnis ist und keine vordergründige intellektuelle Angelegenheit. Hier geht er konform mit seinem Lehrer Götz Friedrich, der die Ansicht vertrat, dass Oper Unterhaltung im besten Sinne des Wortes ist, doch diese sollte nicht verwechselt werden mit der oberflächlichen Fernsehberieselung von heute.

Transzendenz und Musik

Die Musik ist ein ganz wichtiger Faktor für den jungen Regisseur, zumeist findet er den Einstieg zu einem Werk über intensives Hören derselben. Musik bringt für ihn eine andere Dimension ins Spiel, die Sprache wird transzendiert. Diese Überhöhung ist für Stiehl wichtig, da die Sprache doch letztendlich eindimensional bleibt. Daher mag er auch den letzten Satz des Moses aus Moses und Aron: „O Wort, das mir fehlt.“ Seine These lautet: „ Die Musik kann da einsetzen, wo Gefühle sprachlos machen. Wir dürfen als Menschen diese Überhöhung, die in der Musik zu finden ist, nicht verlieren. Es muss uns bewusst werden, dass es auch andere Dimensionen im Leben gibt, als die auf den ersten Blick ersichtlichen. Wir sollten das Geheimnis und das Heilige im Leben nicht ständig in Frage stellen oder es gar profanisieren, sondern es in uns feiern. Anders ist der Mensch nicht überlebensfähig, ohne diese andere Dimension verarmen wir, geistig wie seelisch.“

Copyright privat

Immer wieder Mozart

Geboren wurde Aron Stiehl in Wiesbaden, in einer nicht besonders musikalischen Familie, doch die Weihnachtsmärchen im Staatstheater durfte das Kind natürlich sehen und da war’s fast schon um ihn geschehen, und als dann noch Operettenbesuche stattfanden, stand sein Berufswunsch eigentlich schon fest, obwohl er auch kurz darüber nachdachte, Pfarrer oder gar Schauspieler zu werden. Heute noch inszeniert er mit großer Begeisterung das Genre Operette. Er studierte dann an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg unter Götz Friedrich das Fach Musiktheater-Regie, das er mit Auszeichnung abschloss. Seine erste Regiearbeit war Mozarts Entführung aus dem Serail in Hamburg als Diplominszenierung. Im letzten Jahr hat er diese Oper auch in Tel Aviv mit Zubin Meta in Szene gesetzt. Seine Zauberflöte wurde beim Tollwood-Festival in München aufgeführt und ebenfalls letztes Jahr hatte in Heidelberg Die Hochzeit des Figaro Premiere. Diese überaus gelungene Inszenierung fand so große Beachtung, dass ein internationaler Konzern einfach eine Vorstellung kaufte, um sie Freunden und Mitarbeitern vorzuführen. Aron Stiehl hat mit dieser Inszenierung bewiesen, dass es durchaus möglich ist im Zeitgeist zu inszenieren und dennoch werktreu zu bleiben. Zudem zeigte er erneut seine außergewöhnliche Musikalität, denn selten kann man eine Personenregie so auf den Punkt genau übereinstimmend mit der Partitur erleben, die dennoch neu und spannend wirkt.

Die Welt auf dem Mond

Neben Mozart hat Aron Stiehl eine Vorliebe für Bach, Wagner, Verdi, Bruckner, Mahler und Berg. Natürlich möchte er sehr gern eine Wagneroper inszenieren, spontan nennt er Lohengrin und Tristan. Im Lohengrin interessiert ihn das Prinzip Macht, das über dem Prinzip Liebe zu stehen scheint. „In Wagners Oper wird eine Welt geschildert, die korrupt ist und sich selbst zerstört, fast wie auch heute. Dann geschieht das Wunder, doch die Menschen können es nicht annehmen oder gar verstehen, weil ihnen das Urvertrauen fehlt und sie nicht mehr unterscheiden können zwischen falschen und richtigen ‚Heil versprechenden Rettern’.“ Vorbilder bei den Regisseuren sind für Aron Stiehl u.a. Richard Jones, Walter Felsenstein sowie Götz Friedrich, doch kopieren möchte er niemanden, sondern seine ganz eigene Sicht auf die Werke bewahren und seine Vielseitigkeit erweitern. Momentan erarbeitet er für das Stadttheater St. Gallen ein Regiekonzept von Haydns Il Mondo della Luna. Mittelpunkt darin ist ein Mann, der eher unsympathische Züge trägt: Buonafede ist geizig, nicht gerade intelligent und hat zwei Töchter, denen er das Leben schwer macht, er verweigert ihnen den Umgang mit ihren Liebsten. Da bekommt er Drogen verabreicht und denkt, er sei auf dem Mond. Im Drogenrausch wird er umgänglich, gibt den Töchtern sein Geld und willigt in die Heiraten ein. In Katerstimmung, als die Drogen nachlassen, muss er sehen, dass er alles verloren hat. Aron Stiehl sieht in dieser Oper ein lustiges und unterhaltsames Stück, mit der Schlussfolgerung: Keine Macht den Drogen. Premiere ist am 5. September 2008. Weitere Projekte sind Madame Pompadour in Halle, L’elisir d’amore in Bern, Pagliacci/Goyescas in Heidelberg und Zar und Zimmermann in Kaiserslautern. Aron Stiehl inszeniert dramaturgisch überzeugend, werkbezogen, mit leichter Hand, immer mit einem Bezug zur Welt von heute, und last but not least im Einklang mit der Partitur. Das sind Attribute, die für großes Musiktheater unbedingt notwendig sind, und die in dieser Häufung nicht allzu oft von den Musen verteilt werden.

Das Gespräch führte Midou Grossmann.
(07/2008)

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