> > > > "Das Prinzip Inspiration zählt für unsere Generation nicht"
Sonntag, 23. April 2017

Photo: Hermann und Clärchen Baus

Michael Gees über seine neueste CD, die schöpferische Kreativität, die in jedem steckt, Improvisation und die musikalische Ausbildung von heute

"Das Prinzip Inspiration zählt für unsere Generation nicht"


Michael Gees begann schon als Kleinkind mit dem Klavierspiel. Im Alter von acht Jahren hatte er bereits den Steinway-Wettbewerb gewonnen: eine frühe Karriere, aus der er mit 15 ausbrach, um sich mit Gelegenheitsjobs durchzuschlagen. Heute ist Gees weltweit als Solist und Liedbegleiter tätig. Der Pianist und Komponist, der auch an der Hochschule für Musik und Tanz Köln unterrichtet, leitet darüber hinaus ein Theater in Gelsenkirchen. Seine eigentliche Leidenschaft gilt jedoch seit jeher der Improvisation. Diese Passion lebt Gees auf seiner neuesten CD aus, auf der er sich mit der musikalischen Welt von Erik Satie auseinandersetzt. ‚ImproviSatie‘ ist nicht nur ein Dialog mit der Klangsprache des Franzosen, der vielen als Mitbegründer der musikalischen Moderne gilt. Diese CD gewährt auch einen tiefen Einblick in die künstlerische Welt von Michael Gees. Miquel Cabruja traf den Pianisten in Köln und sprach mit ihm über ‚ImproviSatie‘, schöpferische Kreativität und das Misstrauen unserer Zeit gegenüber Inspiration.

Herr Gees, seit Ihrer frühesten Kindheit spielen Sie Klavier…

…ich begann mit drei Jahren und erschloss mir im Grunde genommen selbst die Grundlagen des Klavierspiels. Mit fünf konnte ich dann alles spielen, was ich mir vorstellte. Ich hatte mir eine eigene Welt aufgebaut.

Eine Welt, die bereits sehr viel mit Improvisation zu tun hatte.

Nur! Ich habe gar nichts anderes gemacht. Im Grunde habe ich zwei Jahre lang durchimprovisiert.

Ihre Eltern waren beide Sänger. Wie reagierten sie auf Ihre Musik?

Meine Mutter sagte mir immer, ich solle doch endlich anständige Sachen spielen. Sie gehörte zu den Menschen, die zwischen anständiger und unanständiger Musik unterscheiden. Mein Vater war anders, reagierte fantasievoll und ging mit mir auf Entdeckungsreise. Das war für uns beide ein tolles Erlebnis.

Das Klavier als Passion?

Im wahrsten Sinne des Wortes. Das Klavierspiel ist sicher das, worunter ich am meisten gelitten habe in meinem Leben. Mein Elend begann mit dem Klavierunterricht, und mein Studium wurde zu einer wirklichen Leidensgeschichte. Deswegen bin ich auch ausgebüxt, habe auf archäologischen Grabungen geholfen und bin auf einem Küstenmotorschiff zur See gefahren. Nach einem Jahr stellte ich aber fest, dass dies nichts für mich war, denn ohne Abitur hätte ich nie Kapitän werden können.

Mit Ihrer neuesten CD ‚ImproviSatie’ wären Sie demnach genau dort, wo Sie am liebsten sind – in Ihrer musikalischen Welt als Ihr eigener Chef?

Genau! Und ich bin sehr glücklich damit, dass ein internationales Plattenlabel wie Challenge Records auf die Idee gekommen ist, mich damit zu betrauen.

Copyright Hermann und Clärchen Baus

Wieso haben Sie sich für Musik von Erik Satie entschieden?

Was mich an Satie schon immer interessiert hat, war die Tatsache, dass er von vielen als Erfinder der musikalischen Moderne bezeichnet wird. Das ist ja eine ziemlich sensationelle Aussage, wenn man bedenkt, was gleichzeitig etwa in Bezug auf die Auflösung der Tonalität passiert ist. Stattdessen geht Satie erst recht in die Tonalität hinein und arbeitet mit bekannten Strukturen, so dass man das Neue an seiner Musik immer fasslich findet. Deswegen eignet sich Satie auch wunderbar zur Improvisation: Er schreibt Musik ohne Schlussstrich. Bevor ich ins Aufnahmestudio ging, hatte ich Stücke wie ‚Crépuscule matinal‘, die erste, vierte und fünfte ‚Gnossienne‘, die erste ‚Gymnopédie‘ oder die ‚Danses de travers‘ Nr. 2 und 3 immer wieder exploriert. Und natürlich hatte ich diese Kompositionen auch daraufhin abgeklopft, wo ich Startfenster sehe: Was reizt mich an der Musik am meisten, wo kann ich meiner Fantasie freien Lauf lassen? Die Frage, wo ich bei meiner Reise ankommen würde, ließ ich aber auch für das Tonstudio offen.

Gibt es Musik, an die Sie sich zum Improvisieren nicht herantrauen?

Die ‚Appassionata‘ von Beethoven vielleicht, denn das ist geronnene Improvisation. Aber im Grunde kann ich mit jeder Musik improvisieren. Ein Notenbild inspiriert mich eher dazu davon abzuweichen als zu erfüllen, was geschrieben steht. Das mache ich mir übrigens auch zunutze, wenn ich in Konzerten improvisiere. Da lege ich mir Noten hin. Was, ist völlig egal. Der Blick auf die Noten reizt meinen erfinderischen Trotz und bringt mich auf Ideen, auf die ich sonst nicht käme.

Ein Begriff, der für Ihre Improvisationen besonders wichtig ist, lautet Extempore. Was bedeutet er für Sie?

Das, was er heißt: ‚Aus der Zeit entnommen‘. Aus der Zeit bedeutet aus der Jetztzeit. Ein musikalisches Ideal, das ich persönlich habe: Nichts ist wichtiger als in diesem Moment und Augenblick wach zu sein für das, was man gerade tut. Ich will Musik nicht in ihre eigene Überlieferungsgeschichte pressen. Wieso muss man alles buchstäblich umsetzen? Warum hält man einen punktierten Notenwert im Sinne der Erzeugung von Spannung nicht einfach so lange aus, bis es einen weitertreibt, es gar nicht anders mehr geht? Wieso nimmt man die Notenschrift nicht als Abstraktion? Entscheidend ist doch die Idee, die da war, bevor daraus eine Partitur wurde.

Notentext als Näherungswert?

Vor 150 Jahren war das noch vollkommen normal. Einen Tastenlöwen, der gesagt hätte: ‚Tut mir leid, Leute, ich kann nur spielen, was da steht‘, hätte man wohl von der Bühne gescheucht. Im Grunde genommen herrscht heute eine mentale Haltung, die sich vom Schöpferischen abgekehrt hat. Das Prinzip Inspiration zählt nicht mehr für unsere Generation. Mehr noch: Es gibt ein tiefes Misstrauen gegenüber Dingen, die entstehen oder dadurch anders werden, dass wir sie beobachten. Dabei lehrt die moderne Physik genau das. Ein Experiment nimmt einen anderen Verlauf, je nachdem, ob bzw. wie wir es beobachten. Wir haben Gestaltungsspielraum en masse und nutzen ihn nicht.

Mit dem letzten Stück auf Ihrer CD sind Sie auch als Komponist zu hören.

‚Die Nachtigall‘ ist Bühnenmusik für ein Stück zu Hans Christian Andersens Kunstmärchen, das einfach sehr gut mit dem Satie-Programm harmoniert. Es hat eine etwas müde Fortbewegungsweise und ist nicht dramatisch, sondern episch. Es ist, wie es ist. Und deswegen habe ich dieses Stück für die CD ausgewählt. Wir passen gewissermaßen ganz gut zusammen.

Satie und Sie?

Satie und ich.

Copyright Hermann und Clärchen Baus

Apropos Bühnenmusik. Sie haben ein Theater in Gelsenkirchen.

Das Consol Theater habe ich 2001 gegründet, weil ich einen Ort schaffen wollte, an dem Kunst aus dem Geist der Improvisation geschaffen werden kann. Ich bin davon überzeugt, dass jeder Mensch schöpferisch ist. Deswegen gibt es bei uns einen hohen Grad an Durchmischung: Enkel stehen neben ihren Großeltern auf der Bühne, Amateure und professionelle Künstler treten gemeinsam auf. Wir spielen vor allem Eigenproduktionen. Wir bieten aber auch Berufsqualifizierungsmaßnahmen für Menschen an, die Vermittlungsschwierigkeiten haben. Wenn die ein Jahr lang mit theaterpraktischen Mitteln gecoacht werden und ein bisschen mehr über sich und ihre schöpferischen Möglichkeiten herausfinden, löst sich der Knoten sehr oft. Häufig sind gerade die schöpferischen Begabungen solcher Menschen der Grund, warum sie es auf einem sogenannten geraden Lebensweg nicht geschafft haben. Das muss nur nachreifen, dann geht es wieder.

Zurück zur Musik. Sie sind auch als Liedbegleiter tätig, arbeiten eng mit dem Tenor Christoph Prégardien zusammen. Ist da Improvisation ebenfalls ein Thema?

Vor allem bei Strophenliedern wie ‚Des Baches Wiegenlied‘ aus Schuberts ‚Müllerin‘ gibt es viele Zwischen- und Freiräume. Wenn es darum geht, das ‚böse Mägdlein‘ zu charakterisieren oder wenn das Jagdhorn ins Spiel kommt, kann man ziemlich viel machen. Da lasse ich schon mal ‚die Sau raus‘.

Wie reagiert das Publikum?

Unterschiedlich. Es gibt anerkennende Reaktionen, aber immer wieder erfahre ich auch, dass Menschen denken, dass man so etwas eigentlich nicht darf. Besonders bei Überlieferungskulturen, die noch konservativer sind als unsere, die japanische zum Beispiel.

Stört Sie Kritik an Ihrem künstlerischen Weg?

Nein, wobei es schon darauf ankommt, wer Kritik übt. Es gibt Menschen, deren Offenheit für meine künstlerische Arbeit ich gerne erreichen möchte. Stattdessen verschrecke ich sie oder rufe sie als Gegner auf den Plan. Dabei will ich das gar nicht. Ich bin an Gegnerschaft nicht interessiert – im Gegensatz zu Kollegen, die stolz darauf sind, wenn sie viele Gegner haben. Das ist nicht mein Job. Meine Aufgabe ist Integration. Ich will niemanden ablehnen und will von niemandem abgelehnt werden. Ich will Gegenseitigkeit und Miteinander.

Copyright Hermann und Clärchen Baus

Gilt das auch für Ihre Arbeit an der Musikhochschule Köln?

Bei der Arbeit mit Studenten geht es mir vor allem darum zu zeigen, dass es auf unserem aktuellen Weg nicht weitergeht. Wenn man die ‚Waldsteinsonate‘ zum zigtausendsten Mal genau so spielt wie alle anderen, dann kann man nur etwas Besonderes sein, wenn man eine Trefferquote von 98,9 anstatt der üblichen 98,8 Prozent schafft. Aber wo führt das hin? Im Grunde erstirbt darin das Konzertleben. Ich verstehe die erstarrte Überlieferungskultur des klassischen Musikbetriebes nicht. Etwas Derartiges gibt es sonst nirgends. Jedes klassische Theaterstück wird gekürzt, gegen den Strich besetzt und inszeniert. Alles darf man machen, und es wird als Eigenleistung der Regie für sakrosankt erklärt. Warum wir das in der Musik nicht tun sollen, kann mir aber keiner erklären. Warum ist eine Musikhochschule nicht ein Sammelpunkt für bunte Vögel wie zum Beispiel eine Kunsthochschule? Ich finde das sehr traurig. Und deswegen versuche ich zu vermitteln, dass man nicht nach dem gehen soll, was man kann, sondern nach dem, was einen interessiert. Alles, was man soll, ist ohnehin ‚für die Katz‘.

Ein Gedanke, der uns zurück zu ‚ImproviSatie‘ bringt!

Sie haben ganz richtig gesagt, dass ich mit dieser CD genau da bin, wo ich hin will. Zumindest unter den obwaltenden Umständen. Wenn Sie mich fragen würden, ob es etwas gibt, das mir noch lieber wäre als eine solche Aufnahme, dann würde ich antworten: Es wäre noch besser, wenn es gar keine CDs gäbe und stattdessen einen großen Hunger danach, erfundene Musik zu hören und sich von ihr dazu anregen zu lassen, selbst Musik zu erfinden. Das ist aber (noch) nicht möglich. Und wenn dabei sozusagen als Kompromiss eine solche Einspielung herauskommt, ist das schon großartig. Ich würde am liebsten, da wo ich gehe und stehe, in meiner Lieblingssituation sein: Ich weiß nichts und alles was jetzt kommt, das lasse ich mir einfallen.

Das Gespräch führte Miquel Cabruja.
(06/2011)

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