> > > > "Legt man einem Kirchenmusiker erotische Texte vor, kommt großartige Musik heraus!"
Montag, 1. Mai 2017

Photo: Harmonia Mundi

Emma Ashby und Will Dawes von Stile Antico über historische Aufführungspraxis, Demokratie in der Musik und warum das Ensemble auf einen Dirigenten verzichtet.

"Legt man einem Kirchenmusiker erotische Texte vor, kommt großartige Musik heraus!"


Ausgerechnet mit Werken der Vokalpolyphonie des 16. Jahrhunderts stürmt das Ensemble Stile Antico seit vier Jahren die Klassikcharts. Angefangen hat alles als Hobby, inzwischen zählen die zwölf jungen Frauen und Männer zu den meist gefragten Vokalensembles der Alten Musik-Szene und waren sogar schon mit der Poplegende Sting auf Tournee. klassik.com-Autor Miquel Cabruja traf Will Dawes und Emma Ashby von Stile Antico vor einem Konzert in Antwerpen und sprach mit ihnen über die Anfänge des Ensembles, erotische Texte und musikalische Qualität abseits historischer Korrektheit.

Wie kommen junge Leute in den Zwanzigern auf die Idee, Vokalpolyphonie des 16. Jahrhunderts zu singen?

Emma Ashby: Das klingt vielleicht ein wenig ungewöhnlich, ist aber eine ganz natürliche Konsequenz unserer Ausbildung. Wir alle sind in der englischen Chortradition aufgewachsen und haben in verschiedenen Kathedralen, Kirchen und Chören gesungen.

Einen Dirigenten sieht man bei Ihren Konzerten nie.

Will Dawes: Das ist eine grundsätzliche Entscheidung. Wir wollen nicht, dass da vorne diese Person steht, auf die sich die gesamte Aufmerksamkeit des Publikums konzentriert. Das Wichtigste an einem Konzert ist doch die Musik. Der Verzicht auf einen Dirigenten eröffnet uns darüber hinaus die Möglichkeit, künstlerische Entscheidungen gemeinsam zu treffen.

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Klingt so, als wäre Streit vorprogrammiert…

Will Dawes: (lacht) Wir sprechen lieber von Meinungsverschiedenheiten. Es ist ohnehin nicht möglich, sich mit zwölf unterschiedlichen Persönlichkeiten in allen Punkten zu einigen. Uns geht es um Konsens. Unser musikalisches Prinzip lautet Demokratie.

Emma Ashby: Die Musik, die wir singen, bietet unendlich viele Interpretationsmöglichkeiten. Sie ist wie eine weiße Leinwand, denn die Komponisten des 16. Jahrhunderts ließen vieles offen und machten kaum dynamische oder interpretatorische Vorgaben. In der Auseinandersetzung mit ihrer Musik ist man dazu gezwungen, seine Freiheit zu nutzen und sich darüber Gedanken zu machen, wie man die Töne lebendig werden lässt. Tag für Tag in der zweiten oder dritten Reihe eines großen Chores zu singen und nicht mitdenken zu müssen, wäre für uns sterbenslangweilig.

Wer trägt die organisatorische Verantwortung für Stile Antico?

Will Dawes: Viele Leute glauben uns zwar nicht, wir erledigen aber auch die Verwaltung gemeinsam. Wir sind zusammen sowohl musikalisch als auch organisatorisch für die Gruppe verantwortlich.

Sie alle haben neben Stile Antico auch andere Tätigkeiten. Wie bekommt man das organisiert?

Will Dawes: Einige von uns sind ausschließlich Sänger und arbeiten noch mit anderen Chören und Gruppen zusammen, die anderen unterrichten vorwiegend. Da gibt es nur einen Weg: Wir müssen extrem gut organisiert sein. Sehr hilfreich ist unser gemeinsamer Online-Kalender, in den wir alle unsere Termine eintragen. Voraussetzung ist natürlich, dass wir uns strikt an diesen Kalender halten.

Stimmt es, dass Stile Antico als Ferienbeschäftigung begann?

Emma Ashby: Das stimmt. Die meisten von uns kennen sich schon sehr lange. Der Großteil unserer Sänger hat in Cambridge studiert, obwohl wir fast alle aus Oxford kommen. In den großen Ferien haben wir dann zuhause eher hobbymäßig gesungen. Aber irgendwann einmal dachten wir uns: ‚Mensch, so schlecht sind wir gar nicht!’

Will Dawes: Deshalb haben wir 2005 beim York Early Music Festival in der Kategorie ‚Young Artist Competition’ teilgenommen und gleich einen Preis gewonnen.

Dieses Festival war auch der Beginn Ihrer Plattenkarriere.

Emma Ashby: In der Jury saß Robina G. Young von Harmonia Mundi. Sie kam sofort nach unserem Auftritt auf uns zu und sagte, dass sie eine CD mit uns produzieren wolle. Wir konnten es kaum glauben, dass dieses renommierte Label für Alte Musik mit uns zusammenarbeiten möchte.

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2006 wurde ‚Music for compline’ veröffentlicht – ein Riesenerfolg.

Emma Ashby: Auf dieser CD haben wir Musik von Thomas Tallis, William Byrd, John Sheppard – einige der größten englische Komponisten des 16. Jahrhunderts – einander gegenübergestellt. Wir haben Werke ausgewählt, die sie für die Komplet, eine Form des Abendgebetes, komponierten. Dass wir mit diesen Meditationen die Klassikcharts stürmen und viele Preise gewinnen würden, haben wir selbst nicht für möglich gehalten.

Will Dawes: 2008 erschien unsere zweite CD: ‚Heavenly Harmonies’ legte mit Tallis und Byrd erneut den Schwerpunkt auf britische Musik. 2009 folgten dann unter dem Titel ‚Song of Songs’ Vertonungen des alttestamentarischen Hoheliedes. Diesmal wählten wir mit Kompositionen von Palestrina, Gombert, Lassus, Victoria, Clemens non Papa, Guerrero, Lhéritier, Ceballos und Vivanco einen geografisch weiteren Blickwinkel. Es ging uns darum zu zeigen, wie ungeheuer vielfältig die Musik des 16. Jahrhunderts stilistisch ist. Mit ein wenig Übung kann man die iberische, flämische, italienische oder britische Schule leicht voneinander unterscheiden. Eines wird aber von allen Werken bestätigt. Sobald man einem Kirchenmusiker erotische Texte vorlegt, kommt großartige Musik dabei heraus!

Religion ist in der Musik, die Sie singen, das wichtigste Thema.

Emma Ashby: Es ist erstaunlich, welche Vielschichtigkeit und welchen Reichtum die Komponisten des 16. Jahrhunderts in der Beschäftigung mit den immer gleichen Texten entwickelt haben. Ihre Musik ist bei aller Formelhaftigkeit des Zeitstils ungeheuer expressiv. Jeder von Stile Antico hat einen anderen Zugang zur Religion. Aber es ist uns allen klar, wie bedeutsam Religion im Leben des 16. Jahrhunderts war. Die Musik dieser Zeit spricht davon mit jeder Note.

Ihre neueste CD ‚Media vita & other liturgical works’ beschränkt sich erstmals auf das Werk eines einzigen Komponisten. Was ist das Besondere an John Sheppard?

Will Dawes: Ursprünglich wollten wir nur Sheppards ‚Media Vita’ aufnehmen. Dieses Stück ist ein wirkliches Meisterwerk – 25 Minuten reinste Polyphonie auf den Text des Antiphons ‚Nunc dimittis’, das am Ende der Fastenzeit seinen liturgischen Platz hat. Wir waren uns aber schnell einig, dass wir mehr von diesem Komponisten einspielen wollten, der von der Alten Musik-Bewegung erst sehr spät zur Kenntnis genommen wurde. Für uns steht fest, dass Sheppard zu den besten Musikern seiner Generation zählt. Umso mehr freut es uns, wenn wir zu seiner Bekanntheit beitragen dürfen. Seinen Hymnus’ ‚Haste thee, O God’ haben wir auf unserer CD als Weltersteinspielung aufgenommen.

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Die lateinischen und englischen Titel auf Ihrem Album zeigen, dass Sheppard sowohl für die katholische als auch die anglikanische Liturgie komponierte.

Emma Ashby: Während Sheppards Lebenszeit änderte sich die Konfession in England gleich dreimal. Von diesen Wirren waren auch andere Komponisten wie Byrd und Tallis betroffen: Je nachdem, welcher Monarch auf dem Thron saß, mussten sie entweder katholische oder anglikanische Musik komponieren und schrieben entsprechend in der lateinischen Liturgiesprache der katholischen Kirche oder in der englischen Volkssprache des Anglikanismus’. ‚Christ rising again’ und ‚I give you a new commandement’ entstanden während der Regierungszeit des protestantischen Königs Edvard VI. Entsprechend legen sie großen Wert auf Textverständlichkeit. Die lateinischen Kompositionen ‚Gaude, gaude, gaude Maria’, das ‚Te Deum’ und natürlich auch ‚Media Vita’ gehen hingegen auf die Regentschaft Marias I. und Heinrichs VIII. zurück. Sie lassen mehr Spielraum für strahlende Chorpassagen und expressive Effekte.

Will Dawes: Egal ob katholisch oder anglikanisch, Sheppard komponierte immer kühn und mit unerschöpflichem Einfallsreichtum. Sein Kontrapunkt ist ungeheuer dicht und abwechslungsreich. Wir können froh sein, dass so geniale Musik wie ‚The Lord’s Prayer’ die Zeiten überdauert hat.

Die Folgen der konfessionellen Unruhen in England waren für die Bevölkerung sehr bitter…

Will Dawes: …umso wichtiger ist es, sich mit den Problemen der damaligen Zeit zu befassen. Was war der genaue Hintergrund für diese oder jene Komposition? Was ist mit den Menschen geschehen, die solche Musik erdachten, aufführten und hörten? Der historische Kontext muss immer berücksichtigt werden.

Apropos historischer Kontext: Sechs Sänger von Stile Antico sind weiblich. Wie passt das zur historischen Aufführungspraxis?

Emma Ashby: Uns geht es nicht vorrangig um historische Korrektheit. Unsere Sopranistin Alison Hill war eine der ersten weiblichen Choristen an der Kathedrale von Salisbury, der ersten Kathedrale Englands, die Frauen in ihren Chor aufnahm. Daran schließen wir an und stellen uns nicht die Frage, ob man das darf, sondern wie sich die Musik für uns am besten anfühlt. Und seien wir mal ehrlich: Wir wissen nicht, wie man diese Werke vor 500 Jahren aufgeführt hat. Vielleicht machen wir ohnehin alles falsch? (lacht)

Will Dawes: Wir sind nicht darauf fixiert, wie es geklungen haben könnte. Es geht uns darum, was die Musik heute aussagen kann. Und das Ergebnis finden wir überzeugend.

Welche Rolle spielen in diesem Zusammenhang die kontroversen Diskussionen über die Besetzungsstärke von Chorwerken in der Zeit der Renaissance und des Barock?

Will Dawes: Wir sehen auch das pragmatisch. Wir sind zu zwölft und besetzen jede Stimme mit so vielen Sängern wie eben möglich. Wenn eine Komposition zwölfstimmig ist, besetzten wir solistisch, ist sie vierstimmig, eben dreifach. Uns geht es nicht um Dogmen. Wo soll diese Prinzipienreiterei denn am Ende hinführen? Musizieren bei Kerzenlicht?

Manche gehen diesen Weg…

Will Dawes: Das hat im Bereich der Oper sicher Berechtigung. Für unsere Art des Musizierens ist es kein Weg.

Sie singen auch zeitgenössische Musik.

Will Dawes: Vor kurzem noch haben wir ein Stück von John McKeyne beim Three Choirs Festival, dem wohl ältesten Musikfestival der Welt, uraufgeführt. Es ist eine Komposition in zwölf Teilen, die eigens für uns geschrieben wurde.

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2007 gingen Sie mit der Poplegende Sting auf Tournee. Wie kam es dazu?

Emma Ashby: Wir wurden von Sting angesprochen, ob wir nicht Lust hätten, ihn auf Livekonzerten zu begleiten. Es ging um sein klassisches Projekt ‚Songs from the Labyrinth', in dem er zusammen mit dem Lautenisten Edin Karamazov Lieder des große elisabethanischen Komponisten John Dowland singt. Wir waren ziemlich aus dem Häuschen, denn das Projekt passt wunderbar zu unserem Chor. 2007 gingen wir also mit Sting in Europa auf Konzertreise und tourten 2008 durch Australien und Fernost. Das hat uns wahnsinnigen Spaß gemacht und uns Einblicke in eine ganz andere Welt des Musikgeschäfts beschert. Sting ist ein fantastischer Musiker und hat uns alle inspiriert. Es war eine wundervolle Erfahrung.

Das Gespräch führte Miquel Cabruja.
(01/2010)

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