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Freitag, 18. August 2017

Photo: Staatsoperette Dresden

Dresden hadert mit seiner Staatsoperette

"Die spinnen doch"


Auf der Homepage der Staatsoperette Dresden begrüßen den Besucher leicht bekleidete Damen, aber dann wird es sofort ernst: "Aus für den Operettenneubau" ist die jüngste Nachricht des Intendanten, Wolfgang Schaller, betitelt. Dresden hadert seit Jahren mit seiner Operette; und vorerst weiß niemand, wie es nun weitergehen wird. klassik.com Autor Martin Morgenstern hat mit Wolfgang Schaller über die Zukunft seines Hauses gesprochen.

Die Standortdebatte um die Staatsoperette Dresden, das europaweit letzte verbliebene Haus, das sich ausschließlich der Operette und ihren Verwandten, dem Musical und der Komischen Oper, widmet, ist in den letzten Tagen wieder aufgeflammt. Der Dresdner Stadtrat hat die Ausschreibung für den von allen Parteien favorisierten Standort am Wiener Platz vor dem Dresdner Hauptbahnhof für gescheitert erklärt. Herr Schaller - inwieweit ist dieser nun schon jahrelang ausgefochtene Streit für den Operettenfreund aus Wanne-Eickel, der Dresden besucht, überhaupt relevant?

Nun - unser Operettenfreund aus Wanne-Eickel wird am Hauptbahnhof ankommen. Er geht dann auf die Prager Straße in sein Hotel und wird sich noch einen Moment hinlegen. Dann wirft er sich voll Vorfreude in die Abendgarderobe und fragt den Portier um fünf vor sieben: "Wie komme ich denn jetzt zur Operette?" Leider wird er erfahren, dass er es nicht mehr pünktlich schafft, denn die Operette ist 10 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Mit dem Taxi wird er 25 Euro los, die er eigentlich für ein schönes Abendessen einsetzen wollte. Wenn er dann am nächsten Tag wieder am "Wiener Loch", der großen Baugrube vor dem Hauptbahnhof, vorbeikommt, erzählt man ihm: "Da sollte die Operette reinkommen - aber die Ausschreibung ist misslungen". Und dann fährt er nach Wanne-Eickel zurück und sagt: "Die spinnen doch!"

Ich glaube, Sie müssen erst einmal die Umstände beschreiben, unter denen Sie im Augenblick arbeiten. Die "Staatsoperette" residiert in einem Dresdner Vorort; das völlig marode Haus, das momentan nur mit einer Sondergenehmigung betrieben werden darf, hat eindeutig bessere Zeiten gesehen...

Unser Haus ist ein Nachkriegsprovisorium in einem alten Vorstadtgasthof, dem "Feenpalast" (insofern war das richtig, dass wir mit unsern Ballettfeen hier einziehen...). Nachdem die drei Dresdner Theater Residenztheater, Albert-Theater und Central-Theater zerstört waren, wurde die Staatsoperette 1947 als erstes um- und neugebautes Haus wiedereröffnet. Seitdem residieren wir hier in Dresden-Leuben. Nun müssen Sie sich folgendes Problem vor Augen halten: eine Grundsanierung ist an dieser Stelle und für nur 600 Plätze einfach nicht sinnvoll, wir könnten hier nie mehr als 30 Euro für die beste Eintrittskarte verlangen. Um ein neues Haus kräftiger gegenfinanzieren zu können, müssen wir in die Innenstadt, wir brauchen einen größeren Saal und eine breitere Spreizung der Eintrittspreise. Ob das der Wiener Platz ist, der Postplatz oder ein anderer zentraler Standort - die Problemstellung ist dieselbe.

Der Dresdner Stadtrat hat auf seiner letzten Sitzung die Ausschreibung für ein Operettenhaus am Wiener Platz für gescheitert erklärt. Der Deutsche Bühnenverein warf dem Finanzbürgermeister daraufhin eine "Hinhaltetaktik" vor. Wie stellt sich die Situation aus Ihrer Sicht dar?

Weil diese Ausschreibung gescheitert ist, darf man nicht das gesamte PPP-Modell verurteilen...

Schildern Sie doch bitte kurz, wie die Dresdner Konditionen des PPP-Modells ("Public Private Partnership") aussahen.

Gern. Die zur Verfügung stehende Gebäude-Bruttofläche des Neubaus am Wiener Platz war zu 40% für die Operette und zu 60% zur freien Vermietung vorgesehen. Die zugegebenermaßen niedrige Miete für die Operette sollte durch die Gewerbemiete in den restlichen 60% des Gebäudes aufgefangen und dem Investor so in der Summe ermöglicht werden, seine Investition in einer etwas längeren Zeit zu refinanzieren. Man sollte einfach aus der zu niedrig angesetzten Miete von 1,4 Mio. Euro bei einer Laufzeit von 12 Jahren nicht schlussfolgern, dass das ganze Modell nicht möglich wäre. Es gibt erkennbar immer noch Interesse von Investoren, hier etwas zu tun.

Woran hakt es da eigentlich im Moment?

Das ist wirklich schwierig zu sagen. Es ist sicherlich nicht nur mit der Haltbarkeit von Provisorien erklärt. Erstaunlich ist, dass man sich in Dresden noch nicht genügend klargemacht hat, welch finanzielles Fehlverhalten es aus Sicht der Kommune eigentlich ist, einen Zuschuss von derzeit 11 Millionen Euro Jahr für Jahr an einem unzureichenden Standort für ein hervorragendes Ensemble auszugeben, das seine Erfolge auswärts in der Philharmonie Essen, im Konzerthaus Hamburg, der Philharmonie Köln, dem Münchner Prinzregententheater oder in Dortmund feiert. Das ist einfach ein Unding.

Copyright Staatsoperette Dresden

Noch einmal nachgefragt: Es muss doch Gründe geben, warum die Stadt einen zentraleren Standort so offensichtlich torpediert, obwohl er ein Gewinn für das Ensemble, für die Zuschauer und letztendlich auch für die Stadtkasse wäre!

Dann will ich Ihnen auch noch einmal ganz konkret antworten: Verständlich war dieses Verhalten der Stadtoberen solange, wie man sich einer in den Neunziger Jahren aufgehäuften Schuldenlast gegenüber sah, die unter anderem auch durch auf zu viel Hoffnung gegründete Investitionen am Wiener Platz entstanden sind - und durch zu hohe Personalausgaben der Stadt auszuufern drohte. Diese Kreditbelastung mit jährlich 70 Mio. Schuldendienst war der Grund für eine intensive Haushaltskonsolidierung, davor übrigens noch - im Herbst 2002 - der Grund für die Überlegung, die Operette ganz zu schließen. Die Bevölkerung lehnte das damals mit 107.000 Unterschriften ab (das ist immer noch die höchste Zahl an Protestunterschriften für den Erhalt einer kulturellen Institution in Deutschland). In dieser Zeit ist das PPP-Modell entstanden, und deswegen zu mager für den Investor ausgefallen. Jetzt haben wir die Haushaltskonsolidierung durch den Verkauf der städtischen Wohnungsgenossenschaft überwunden - doch die Kommunen müssen mit den weiter sinkenden Solidarpaktszuschüssen klarkommen. Da hat die Stadt als erstes den Beschluss gefasst, keine neuen Schulden aufzunehmen. Demgegenüber sehe ich es als großen Vorteil an, dass in dem von uns aufgestellten Wirtschaftsplan für den Neubau ein Großteil der zu erwartenden hohen Miete (im Augenblick zahlen wir keine Miete) allein durch Mehreinnahmen und einen Haustarifvertrag abgefedert werden würde.

Der erwähnte Haustarifvertrag ist unter besonderen Bedingungen zustande gekommen und wurde von der Gewerkschaft quasi nur wegen der finanziellen Notlage der Kommune akzeptiert. Sollte die Stadt nicht allein aus diesem Grund alles daransetzen, einen Neubau (an den der Vertrag geknüpft ist) voranzutreiben?

Ja. Ich muss diesen einzigartigen Haustarifvertrag noch einmal schildern. Solche Verträge sind in der Regel für drei Jahre abgeschlossen, beinhalten weniger Vergütung aufgrund der Notlage der Träger und eine mindere Leistung, also weniger Vorstellungen. Dagegen bietet man dann eine Beschäftigungssicherung. Unser Vertrag ist für den Zeitraum 2007/08 und - einen Neubau vorausgesetzt - für die Jahre 2009 bis 2016 vereinbart! Das Ensemble verzichtet darin auf jegliche Steigerungen bei voller Leistung!. Dieser Vertrag ist einzigartig, auch darin, dass er nicht auf andere Häuser anwendbar ist.

Die Stadtverwaltung schlägt Ihrem Haus eine Kooperation mit dem Staatsschauspiel Dresden vor, sollten demnach Ihre Vorstellungen künftig im Schauspielhaus am Zwinger stattfinden?

Die Kooperation ist bereits 2005 vorgeschlagen und von einer Expertenkommission mit eindeutigem Ergebnis untersucht worden: kulturpolitisch schädlich und zu teuer. Heute, nachdem der Freistaat Sachsen nicht nur dem Schauspiel, sondern auch der Semperoper und den Landesbühnen in beispielgebender Weise den Etat erhöht hat, ist eine Verringerung der Vorstellungen des Schauspiels um die Hälfte oder gar zwei Drittel weder gegenüber dem Ensemble noch dessen neuem Intendanten Wilfried Schulz, denn ihn würde das treffen, mehr denkbar.

Ein Fortbestehen der Staatsoperette in einem renovierten Haus am gleichen Standort - das ist offenbar eine Möglichkeit, die sich die Stadt momentan als bevorzugte Variante vorstellen kann. Für Sie ist das aber gar keine Option, wenn ich Sie richtig verstehe?

Nein, überhaupt nicht, und zwar nicht zuletzt aus Gründen der zukünftigen Kapazität. Für die Innenstadt sprechen drei zusätzliche Publikumsquellen: die gesamten Stadtbezirke, das gesamte Umland und Individualtouristen. Im Zentrum könnten wir natürlich auch weiterhin auf kräftigen Zuspruch durch den Bustourismus, der im Augenblick 15% ausmacht, bauen.

Wäre mit dem Umzug in die Stadt auch eine inhaltliche Neuausrichtung verbunden?

Unser großer Vorteil ist eine Markenidentität. Wir heißen - und spielen - Operette. Das unterscheidet uns von anderen Häusern, die neben großen Opernhäusern ihren Spielplan ausrichten: etwa dem Theater am Gärtnerplatz oder der Komischen Oper Berlin. Die restlichen 50 Prozent unseres Spielplans bestehen aus Musical und Spieloper; wir ergänzen damit genau den Spielplan der Sächsischen Staatsoper, und das wird auch so bleiben. Ich denke, dass auch künftig ein großes Bedürfnis nach musiktheatralischer Unterhaltung besteht und von uns gestillt werden kann. Für uns als Künstler ist das nicht vom Standort anhängig, aber aus wirtschaftlichen Gründen muss ich für das Ensemble darum kämpfen die Eigeneinnahmen zu erhöhen und den Zuschussanteil zu senken, und das geht nur an einem zentralen Ort, wo auch die Touristenströme fließen: Dresden hatte in den Jahren 2005 und 2006 einen Zuwachs der Übernachtungen von 22 % bzw. 11 %, wer hat mehr?

Copyright

Sie sehen also keinen spielplantechnischen Widerspruch zwischen dem Bedienen der "klassischen Operette", die hier in Leuben so erfolgreich ist, und historisch informierten Aufführungen, wie Sie Ihr Chefdirigent Ernst Theis für die Zukunft öfter anstrebt?

Wie lustvoll selbst die Beschäftigung mit einem philosophischen Thema sein kann, wie witzig, farbenfroh und brillant, das haben wir unlängst bei unserer Inszenierung von Bernsteins "Candide", seiner "komischen Operette", gezeigt. Es ist uns mit der "Herzogin von Chicago" gelungen, ein vergessenes Werk wieder zum Leben zu erwecken. Inzwischen ist das Werk in Bonn, Augsburg, ja in Wien gelaufen. Es hält wieder Einzug in die Spielpläne. Insgesamt kann man sagen: auch sehr anspruchsvolle Besucher sind von der Qualität unseres Repertoires überzeugt. Prinz Alexander von Sachsen ist nach einer Vorstellung spontan Mitglied des Fördervereins geworden. Wir wollen das breite Publikum - ja. Aber die Ernsthaftigkeit, mit der wir es bedienen, hat zunehmend auch Akzeptanz bei Leuten gefunden, die früh ihre überregionalen Zeitungen lesen.

Trotzdem: ist intelligentes Regietheater, das es auch in diese Presse schaffen würde, an diesem Haus, unter diesen Umständen, überhaupt noch denkbar?

Wir sprechen mit unseren Regisseuren und sagen ihnen, dass nicht alles, was denen im historischen Kontext einfällt und zweifellos wichtig ist, in die Aufführungen unseres Hauses hineingehört. Ich sage unseren Partnern ganz deutlich, dass wir keine Inszenierungen wollen, die sich nur auf der zweiten Bedeutungsebene abspielen. Wir könnten es uns überhaupt nicht leisten, unser Publikum nur für experimentelle Formen und zugespitzte Gesellschaftskritik einzuladen. Ich fälle einfach praktische Spielplanentscheidungen: Wie musizieren wir, wie inszenieren wir? Aber eine kritische Gegenwartsreflexion kann ja sehr lustvoll vorgetragen werden. Wir gehen dafür an die Stellen, wo unsere Kunstgattung am meisten bei sich selbst ist: und das ist großes musikalisches Volkstheater. Neue Inszenierungen werden aus dem Bewusstsein entwickelt, dass unser Genre nach wie vor funktioniert. Das führt dann auch zu aktuellen Bezügen - beispielsweise einem derzeit unvermeidlichen Brücken-Witz...

Das Gespräch führte Martin Morgenstern.
(10/2007)

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