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Donnerstag, 23. Februar 2017

Photo: Wladimir Polak

Gennadij Roschdestwenski versteht sich als Verteidiger interpretatorischer Ernsthaftigkeit

"Ich brauche keine Musikkritiker"


Der russische Dirigent Gennadij Roschdestwenski gilt als einer der letzten großen Dirigenten, denen die ideale Realisierung eines Werks höchstes Ziel musikalischer Arbeit ist. Abseits von Jet-set-Oberflächlichkeit und der Aufpolierung von persönlichen Markenzeichen geht es ihm um eine ebenso ernsthafte wie lebendige Darstellung großer Werke. Unermüdlich erarbeitet er mit Orchestern die Partituren, probt bis ins kleinste Detail. Dafür wird er nicht nur in seiner Heimat, sondern auf dem internationalen Parkett hoch geschätzt. Martin Morgenstern sprach mit dem Dirigenten und stach mit seinen Fragen zur Musikkritik in ein Wespennest.

Maestro, auf Mittelwelle hörte ich letzte Woche die "Stimme Russlands" mit den Nachrichten: jede einzelne Meldung zitierte ausführlich die Meinung von Wladimir Putin, und der Korrespondent endete mit einem ziemlich faden "Witz der Woche". Fühlen Sie sich auf Ihren Reisen manchmal, als müssten Sie dieses Russland verteidigen?

Ich bin Musiker. Deshalb verteidige ich Russland nicht – ich mache Musik. Überhaupt, die russische Kultur muss ich nicht verteidigen, weil sie keiner Verteidigung bedarf.

Sind Sie denn nicht auch ein politischer Mensch? Nicht zuletzt nimmt man Sie im Westen auch als versierten Kulturbotschafter Russlands wahr.

Das hängt davon ab, was Sie unter "politischer Mensch" verstehen.

Nun, ein Bewusstsein um nationale Eigenheiten und Besonderheiten eines Landes, des Heimatlandes.

Dann bin ich politisch, das ist wahr. Aber auf meinen Konzertreisen dirigiere ich ja nicht nur russische Musik. Aber wenn ich das tue – und das tue ich seit über fünfzig Jahren – versuche ich es auf dem bestmöglichen Wege. Würden Sie einen deutschen Dirigenten fragen, ob er sich für sein Land verteidigen müsste?

Vielleicht sollte ich besser anders herum fragen: Fühlen Sie sich als Botschafter einer Kulturnation, wenn Sie etwa wie demnächst in Berlin Prokofjew oder Tschaikowski dirigieren?

Absolut. Keine Frage.

Es scheint mir, als ob bekannte Musiker, also auch Dirigenten, in ihrem Heimatland gesellschaftlich noch immer einen sehr hohen Status haben. Ich denke etwa an den Besuch von Glenn Gould in Leningrad; er wurde beinah wie ein Gott verehrt. War Musik zu Sowjetzeiten eine Art Ersatzreligion?

Ich stimme Ihnen darin zu, dass man die Kultur in einer gewissen Weise als eine Art Religion betrachten kann und sollte. Eben gerade deshalb, weil die Religion als auch die Kunst und Kultur eines Glaubens bedürfen. Sobald man aufhört, an die Religion oder die Kunst zu glauben, wird sich die Menschheit in einen Haufen wilder Leute verwandeln. Vielleicht wird es eines Tages soweit sein – aber wir tun natürlich alles dafür, das es nicht soweit kommt.

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Haben die Menschen in St. Petersburg oder Moskau noch einen anderen, vielleicht tieferen Zugang zur klassischen Musik?

Ich hoffe es natürlich. Man kann gewisse Schlussfolgerungen daraus ziehen, wie voll die Säle sind. Klassische Musik wird nach wie vor im Radio oder im Fernsehen gespielt. Ungeachtet dessen, dass die Massenmedien zu wenig tun, um die klassische Musik zu propagieren, das Interesse der Leute zu wecken. Es gibt natürlich einen russischen Fernsehkanal, der sich "Kultur" nennt. Dort werden viele Konzerte live übertragen. Aber dennoch scheint mir, dass dafür zuwenig getan wird. Trotzdem: Soweit ich mich zurückerinnere, konnte die klassische Musik nie mit der Unterhaltungsmusik konkurrieren. Auch vor den Zeiten der so genannten Rockmusik nicht. Es war schon immer so, dass es weniger Liebhaber der Klassik gab als der Unterhaltmusik. Man muss diese Musik mitleben, man muss sich einfühlen; es genügt nicht, sich rhythmisch dazu zu bewegen. Es gibt dennoch genügend viele Menschen, die Klassik als Vergnügen betrachten.

Copyright Wladimir Polak

Wie sieht es im Moment eigentlich mit Musikkritik in Russland aus? Bei einem Besuch vor einigen Jahren konnte ich überhaupt keine tagesaktuellen Musikkritiken in der Zeitung entdecken.

Es gibt schon Rezensionen, aber die haben überhaupt keinen Bezug zur Musik, zur Kultur, und insgesamt sind sie von außerordentlich schlechter Qualität. Die Zeiten, wo Tschaikowsky und andere Musikkenner Kritiken geschrieben haben, sind leider vorbei. Heutige Kollegen – wie auch immer sie heißen – sind oftmals unbegabt. Ihre Texte werden nicht gelesen, sie haben keinen Einfluss auf das Musikleben. Diese Kritiker kennen sich in der Sache nicht aus, und das ist schlimm. Sie haben zwar den Anspruch, dass man sie als Künstler anerkennt, aber das kann man ihnen nicht zusprechen. Leider ist die Zeit vorbei, wo man Musikkritiken etwas entnehmen, wo man als Künstler etwas aus ihnen lernen konnte. Wenn ich heute Rezensionen lese, gibt mir das nichts. Sie können meine Arbeit zensieren, aber sie können sie nicht einschätzen.

Aua! Ich hoffe, dieses Bild lässt nicht überall auf der Welt aufrechterhalten.

Ach was, die Situation ist im Westen ganz genau so schlecht. Es ist hoffnungslos. Oftmals werden einfach Auszüge aus den Programmheften abgeschrieben. Wenn ein Rezensent nicht in der Lage ist, eine Partitur zu lesen, kann man nicht erwarten, dass er ein Konzert einschätzt. Es wird ohne Herz, ohne Verstand, ohne Einfühlungsvermögen geschrieben. Und leider ist es oft so, dass die Einstellung der Kritiker von vornherein negativ ist. Ich frage mich: Was bringen solche Rezensenten der Kunst? Nichts. Sibelius hat richtig bemerkt: "Ich habe noch nicht einmal ein Denkmal eines Kritikers gesehen."

Lassen Sie mich dennoch die Kollegen gegen allzu pauschale Verurteilungen schützen. Ist es nicht so, dass Kritikerdoyens wie Marcel Reich-Ranicki oder Joachim Kaiser den künstlerischen Dialog nach dem Zweiten Weltkrieg wesentlich mitgeprägt…

…Joachim wer? Ach wissen Sie, wir sollten Kritiker nicht mit Künstlern gleichsetzen. Ein Kritiker lebt vom Tun der Künstler und zum Schluss bewirft er sie mit Schmutz. Da ist ein Austausch, sagen Sie? Ich brauche keine Kritiker. Aber wenn ich aufhöre, mein Amt auszuüben, bleibt er ohne Brot und Wasser. Das ist sicher einfach formuliert, aber von der Sachlage her stimmt's.

Sie proben sehr effektiv und haben offenbar eine festgefügte Auffassung von dem Werk, das Sie einstudieren. Ist die Interpretation vom Ort der Aufführung, vom Orchester abhängig, oder streben Sie da nach einer idealen Fassung, die Sie abgespeichert haben?

Ort und Zeit spielen bei der Interpretation unbestritten eine Rolle. Und es gibt dieses Ideal, das einem vorschwebt. Aber das ist nie erreichbar. Es gibt immer genügend Gründe, die dem Ideal entgegenstehen.

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Ändert sich so ein Ideal über die Jahre, lassen Sie sich von aktuellen Rezeptionsvorlieben und ähnlichem beeinflussen?

Die Idealvorstellungen bestimmter Werke verändern sich, aber sie werden immer schwieriger erreichbar. Man hat immer höhere Ansprüche an die Vollkommenheit der Ausführung. Ich erinnere mich da an eine Anekdote. Es kommt ein Mann nach Hause und fragt seine Frau: "Was ist das ‚der Horizont’? Schau mal im Lexikon nach." Die Frau guckt nach: "Der Horizont ist eine imaginäre Linie, die sich immer weiter entfernt, desto weiter man auf sie zugeht. Warum fragst du?" "Nun, ich habe gerade dieses Seminar und wir versuchen die Frage zu klären, ob der Kommunismus schon in Sichtweite ist..." Verstehen Sie? Das ist das Gleiche mit der Musik.

Das Gespräch führte Martin Morgenstern.
(04/2009)

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