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Dienstag, 25. April 2017

Pianist und Pädagoge Lev Natochenny im Portrait

Der Meistermacher


"Ich habe eine Verpflichtung der Gesellschaft gegenüber"

„Millionen Menschen spielen weltweit Klavier. Tausende von Ihnen spielen recht gut. Hunderte spielen sehr gut. Dennoch dürfte es nur ein Dutzend Pianisten auf der Welt geben, für deren Konzerte wir Karten kaufen, und lediglich eine Hand voll kreativer Künstler, deren Auftritte zum Ereignis werden.“

Diese Worte, die auf der Internetseite von Lev Natochenny, Professor an der Musikhochschule Frankfurt/Main seit 1994, zu lesen sind, machen neugierig. Wer ist dieser Mann, der so kühne Behauptungen aufstellt? Lev Natochenny ist zuerst einmal ein genialer Musiker, der seine Genialität sehr verantwortungsvoll einsetzt. Zudem ist er ein guter Psychologe und ein lernbegieriger Mensch, der in keiner Routine gefangen ist. Dass er es sich zur Aufgabe gemacht hat, außergewöhnliche Talente zu Pianisten zu machen, deren Auftritte zu einem Ereignis werden können, zeigt eine Verpflichtung seinem eigenen Talent gegenüber und der langen pianistischen Tradition Russlands, in der er aufgewachsen ist. Dass sein pädagogischer und menschlicher Ansatz richtig ist, belegen Schüler wie Martin Stadtfeld, Dirk Mommertz, Nami Ejiri und Evgenia Rubinova.

Die musikalischen Wurzeln

Angefangen hat alles in Moskau, als ein sechsjähriger Junge von seiner Mutter zu einer renommierten Klavierlehrerin gebracht wurde. Schon bald erkannte man das große Talent des Kindes, und es hatte Glück, auch weiterhin auf gute Lehrer zu treffen. Lev Natochenny erhielt zuletzt seine Ausbildung an dem berühmten Moskauer Konservatorium unter der Leitung von Professor Lev Oborin und Boris Zemliansky. Bereits im Alter von 19 Jahren wurde Natochenny Assistent von Professor Oborin. Er studierte aber auch Komposition und Dirigieren. So taucht er ganz ein in die Welt der russischen Musiktradition, trifft Sviatoslaw Richter und David Oistrach, arbeitet an der Oper und mit verschiedenen Chören, ist fasziniert von allem Neuen, saugt es auf und doch fühlte er sich nicht frei in dem Land, das seine jüdische Abstammung im Pass vermerkt hatte. Mit 27 Jahren verlässt er sein Geburtsland und kommt nach Wien. Die Türen öffnen sich dort schnell für ihn, aber auch die große Musikmetropole an der Donau kann ihn nicht halten. Mit New York findet er schließlich die Stadt, die seinen vielseitigen Ansprüchen gerecht werden kann. Dort fühlt er sich endlich zu Hause, die enorme Vielfältigkeit der Möglichkeiten fasziniert ihn, hier hat er alles zur Verfügung, Musik, Bücher, Filme, Tonaufzeichnungen. Mit einem Stipendium studiert er drei Jahre an der Juillard School in New York, lernt , gewinnt Wettbewerbe und baut eine beachtliche Karriere als Solist auf. Doch auch das genügt ihm nicht, das Lernen ist seine Leidenschaft und so konzentriert er sich immer mehr auf das Unterrichten, um sein Wissen an junge Talente weiterzugeben. Hört man sein Klavierspiel, so verblüfft der enorme musikalische Instinkt, außergewöhnlicher Farbenreichtum und eine perfekte Nuancierung verzaubern den Hörer ebenso, wie die Leichtigkeit und die Natürlichkeit des Spiels. Musik wird unter den Händen von Lev Natochenny zu einer lebendigen Substanz, die geistig und körperlich berührt und inspiriert. Auf eine einzigartige Art und Weise zeigt er in seinem Wesen und in seinem Künstlertum die perfekte Symbiose zwischen alt und neu. Aufgewachsen in der großen russischen Musiktradition, verlässt er dennoch diese Welt und findet seine Heimat in New York, der pulsierenden Metropole in einem noch jungen Land, das aber ungeahnte Möglichkeiten verspricht. Er hat es verstanden, das Beste aus seiner Zeit in Moskau zu bewahren und dies mit den neuen Erfahrungen in seiner Wahlheimat harmonisch zu verbinden.

Der Pädagoge

Besucht man Professor Natochenny in seinem kleinen Studio in der Frankfurter Musikhochschule, überrascht die familiäre Atmosphäre. Der Raum ist gar nicht so eintönig, wie allgemein üblich. Bilder seines Lehrers Oborin stehen auf dem Flügel, viele Konzertplakate dekorieren die Wände, Grünpflanzen und eine Sitzecke ergänzen noch die private Atmosphäre. Beim Unterrichten scherzt er, doch er kann auch provozieren und fordern. Seine Stärke ist es, eine Atmosphäre aufzubauen, die den Schülern einen intuitiven Zugang zu seinen Gedanken ermöglicht. So genügt ein „zu sportlich, mit mehr Schmerz“, oder ein „gewaltiger, aber kompakt“, um den Schüler auf die von ihm gewünschte musikalische Spur zu bringen, zuweilen singt und dirigiert er die Melodie, die er zu hören wünscht. Er scheint mühelos die musikalischen Intentionen des Komponisten aufzuspüren und schult seine Schüler, eben diese zu verstehen und in den Mittelpunkt der Interpretation zu stellen. Musikalische Intelligenz und künstlerische Ausdruckskraft sind Voraussetzungen, die ein junger Pianist benötigt, um in die Klasse von Lev Natochenny aufgenommen zu werden.

Karrieren heute

Natochenny ist ein Mann, der nicht nur im künstlerischen Elfenbeinturm lebt, sondern der die heutige Klassikszene sehr genau beobachtet und auch kennt. Das ist ein enormer Vorteil für seine Schüler, denn seiner Ansicht nach, macht man heute (oder war nicht schon immer so?) Karrieren nicht allein mit Talent. Fast wichtiger sind das Aussehen und die persönliche Ausstrahlung sowie die Verbindungen und die finanziellen Ressourcen, dann erst kommt für die Bosse der Klassikbranche zumeist das Talent, erklärt Natochenny. „Sehen Sie, große Investoren stehen hinter der Branche, diese Menschen sind Geschäftsleute und sie haben selten ein großes künstlerisches Empfinden, sie werden von Rechtsanwälten und Betriebswirten beraten, für die die Musik ebenfalls keine Lebensnotwendigkeit ist. Das Endziel für diese Menschen ist letztendlich nur der Gewinn in der Geschäftsbilanz. Ein junger Künstler, der eine Karriere aufbauen will, sollte also in dieser Szene mithalten können, er muss genug Selbstbewusstsein neben seinem Talent besitzen sowie die Kraft, seine künstlerischen Empfindungen inmitten all dem weltlichen Geschehen zu bewahren. Das ist sehr schwer, da die Mittelmäßigkeit den aktuellen musikalischen Geschmack prägt. Die klassische Musik wird immer mehr zu einem Massenprodukt und deshalb ist es für ein außergewöhnliches Talent nicht einfach sich durchzusetzen.“ Daher ist es für Lev Natochenny auch eine Selbstverständlichkeit, für seine Schüler Videos und CDs zu produzieren, qualitativ hochwertige PR-Mappen zu erstellen und für einen repräsentativen Internetauftritt zu sorgen. Seine Schülergruppe scheint wie eine große Familie zu sein, die sich gegenseitig unterstützt und hilft, immer unter der liebevollen und wissenden Aufsicht von ‚Vater’ Natochenny. Er erklärt sein vielfältiges Engagement für seine Schüler so: „ Das Unterrichten ist zu meinem Lebensinhalt geworden, ich investiere meine ganze Energie und mein ganzes Wissen in diese Arbeit, dann darf dies doch nicht ohne Resultat bleiben. Zudem unterrichte ich an einer öffentlichen Hochschule, die mit Steuergeldern finanziert wird, so bin ich auch der Gesellschaft verpflichtet und ich will, dass meine Arbeit dieser Gesellschaft wieder etwas zurückgibt. Man soll das System nicht ausnützen, das ist eine ethische Verpflichtung.“ Natochenny weiß aber auch, dass Talent zumeist ohne persönlichen Reichtum anzutreffen ist. Es gibt den Satz eines russischen Musikprofessors, der über Pianisten gesagt hat: „Je größer das Talent, desto größer das Drama.“ Pianisten können immer nur eine Solokarriere in Betracht ziehen, denn einen Platz im Orchester, der für andere Musiker noch eine Möglichkeit sein kann, gibt es für sie nicht. Auch hier versucht Natochenny zu helfen und es nicht zum Drama kommen zu lassen, er ist behilflich bei der Suche nach Stipendien und Sponsoren.

Die Lehrmethode

Befragt man Professor Natochenny nach den Voraussetzungen, die ein junger Pianist mitbringen muss, um in seine Klasse aufgenommen zu werden, setzt er - neben den Talent - den Arbeitswillen an die erste Stelle. Für ihn ist ein außergewöhnlicher Einsatz und Wille zum Lernen das Wichtigste, danach nennt er gleich die Intelligenz, damit verbindet er ein schnelles und flexibles Denken. „Mit diesen beiden Dingen kann man schon einmal sehr gut arbeiten“, erklärt er, „aber das ist erst das Fundament, nun kommen wir zur künstlerischen Seite, zu der auch die persönliche Ausstrahlung des Menschen gehört. Der Künstler muss das ausstrahlen, was er musikalisch empfindet und weitergeben möchte, er muss zu einer Persönlichkeit werden. Dann kommt ein umfassendes kulturelles Wissen, das man mit einem ‚Loftiness of Mind’ umschreiben könnte. Meine Schüler sollten in der Lage sein, zu reagieren, wenn ich ihnen etwas erklären möchte, das über den normalen Ablauf des Klavierspiels hinausgeht. Es muss ein großzügiger Gedankenaustausch möglich sein und erst wenn dies möglich ist, nehmen wir ein Musikstück und musizieren, gehen in die Tiefe der Komposition. Nur so kann man, neben den unzähligen hervorragenden Aufnahmen, die heute schon auf dem Klassikmarkt existieren, noch eine Interpretation erarbeiten, die etwas Neues beinhaltet und das Publikum zu einen Konzertbesuch animiert.“ All dies bedeutet eine große Herausforderung für die jungen Künstler, aber nur so ist es möglich, sich in der aktuellen Zeit künstlerisch durchzusetzen und gleichzeitig nicht auf ein mittelmäßiges Niveau herabzusinken. Lev Natochenny ist der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort und die Musikhochschule Frankfurt hat mit seiner Verpflichtung eine gute Entscheidung getroffen. Die lokale Unterstützung für seine Arbeit aus verschiedenen Bereichen der Gesellschaft, wie auch aus Politik und Wirtschaft, zeigt, dass man sich immer noch der großen Musiktradition der Vergangenheit verpflichtet fühlt und sicherlich hat man in der Stadt am Main auch verstanden, dass altes Wissen dem Kommerz nicht preisgegeben werden darf, sondern, dass eine Symbiose zwischen Vergangenheit und Gegenwart durchaus harmonisch angelegt sein kann.

Das Gespräch führte Midou Grossmann.
(07/2007)

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