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Freitag, 18. August 2017

Photo: Simon van Boxtel

Jan Willem de Vriend und das Combattimento Consort Amsterdam gießen das Weihnachtsoratorium

"Ich bin da sehr präzise..."


Jan Willem de Vriend erntet in diesen Wochen wieder einmal die Früchte eines kleinen, feinen Gewächses, das er seit fünfundzwanzig Jahren beständig gießt, hegt, pflegt und düngt. Mit dem Combattimento Consort Amsterdam, einem Ensemble, das er 1982 gründete, und vier hervorragenden Solisten, die dem Combattimento teilweise seit Jahren treu sind, hat er im letzten Jahr das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach mehr oder weniger in einem Rutsch aufgenommen. Im "Telegraaf" schrieb ein Kritiker euphorisch, die Einspielung, die im November in Deutschland erscheint, sei "eine der besten, die jemals von diesem Werk gemacht wurden". Tatsächlich ist es schwer, auf dem Markt eine ähnlich mitreißende Interpretation zu finden. Die jahrelange gemeinsame Arbeit und das konzentrierte Ringen um historische Authentizität bilden die Grundlage für ein lebensbejahendes, charaktervolles und immer ehrliches Klangbild, das aus den letzten Sympathiewettkämpfen mit John Eliot Gardiners Live-Aufnahme in der Weimarer Herderkirche (1999) und der älteren Einspielung mit Peter Schreier und der Dresdner Philharmonie (1974), die alle Jahre wieder im Plattenschrank des Rezensenten ausgefochten werden, neuerdings - trotz Schreiers Heimvorteil - als Sieger hervorgehen. De Vriend, der am Amsterdamer Konservatorium Violine studierte, freut sich natürlich über die Lorbeeren, die das Ensemble immer wieder auch in Konzerten einheimst. Der Autograph ist für ihn der Ausgangspunkt, an dem das Nachdenken über die Interpretation beginnt; gemeinsam mit den Musikern feilt er dann akribisch um Details und leistet sich teilweise enormen Probenaufwand, gerade bei selten zu hörenden Werken von Bachs Zeitgenossen, die einen wesentliches Anteil am Repertoire des Combattimentos ausmachen. Einige Gedanken über das Weihnachts-Oratorium sind in dem Buch nachzulesen, das der Einspielung beiliegt. Die Ethno-Bebilderung erinnert zwar verdächtig an Gardiners "Bach Pilgrimage"-Edition (stillende Madonnen aus Thailand, dem Irak, Uganda, Eritrea oder Kasachstan, etwas grau-suppig fotografiert von Eddy Posthuma de Boer); aber was solls, das Ohr entscheidet schließlich, nicht das Auge. Als organisches Ganzes will de Vriend es verstanden wissen, und so kommuniziert er es auch gegenüber Musikern und Publikum. Vieles nimmt der Dirigent dabei äußerst rasch; die Choräle sind die einzig ruhigen Inseln in einem bewegten Klangmeer. Und immer noch entdeckt der Dirigent neue Aspekte an dem Werk, hält so auch die unglaubliche Spielfreude der Musiker lebendig... In einem längeren Interview für klassik.com sprachen Clemens Wöllner und Martin Morgenstern während des Leipziger Bach-Festes 2007 mit dem Dirigenten über seine Pläne und die neue Aufnahme.

Herr de Vriend - das Weihnachtsoratorium ist ja nun nicht gerade ein Nischenwerk. In Deutschland sind augenblicklich über vierzig verschiedene mehr oder weniger aktuelle Einspielungen erhältlich. Braucht die Welt eine weitere Interpretation durch ein zumindest hierzulande nahezu unbekanntes Ensemble?

Naja, man muss das vielleicht etwas im Zusammenhang sehen. Es ist einige Jahre her, da führte das Combattimento Consort Amsterdam die Vokalwerke von Bach auf. Wenn man Bach spielt, dann hat man irgendwie immer das Gefühl, das gerade gespielte Werk sei das Beste, und das ist erstaunlicherweise jedes Mal wieder so! In Holland gibt es eine unglaublich feste und breite Matthäuspassion-Tradition. Das ist hier in Deutschland wohl nicht so fest verankert; hier ist es eher das Weihnachtsoratorium, das fast jeder kennt. Nun hatten wir die Möglichkeit, eine Konzertserie mit Bachs Weihnachtsoratorium und seiner Matthäuspassion in der schönen Basilika von Oldenzaal (in der Nähe von Enschede, d.R.) nahe der deutschen Grenze zu begründen. Jedes Jahr um Weihnachten und um Ostern haben wir die Werke aufgeführt, immer mit der gleichen Besetzung. Da spielt man dann weniger in den Proben, sondern fängt an zu diskutieren... Für uns war das eine unglaubliche Freude, das zehn Jahre lang zu machen. Im Endeffekt ist daraus diese CD entstanden. Wir haben sie quasi wie ein Konzert aufgenommen. Andere Aufnahmen des Werks kenne ich kaum, höchstens von früher. Ich höre mir das nicht mehr gerne an, weil es wahnsinnig die eigene Interpretation beeinflusst.

Über das Weihnachtsoratorium gehen die Meinungen teilweise sehr auseinander. Einige sehen in ihm nur die handwerklich gelungene Erfüllung einer Dienstpflicht - für andere ist es ein in Musik gesetzter Kosmos der Liebe, des Glaubens und der Hoffnung. Welchen Stellenwert nehmen für Sie beispielsweise zahlensymbolische Deutungen der Bachschen Werke ein, wie gehen Sie in Ihrer Arbeit mit solchen Deutungen um?

Ich glaube, die Zahlensymbolik wie auch die Intervallsymbolik waren für die damaligen Menschen direkt hörbar. Es ist wie eine Sprache, die man lernt und dann versteht. Ob ich nun unbedingt die Zahl 14 höre, die Summe aus den Zahlenwerten der Buchstaben seines Namens, das ist natürlich etwas anderes. Aber bei den Tönen B-A-C-H (singt) denke ich gleich an Bach. Für mich ist Bach nun einmal einer der größten Komponisten. Also ist alles, was man über ihn wissen kann, interessant, auch die Zahlensymbolik. In der Kunst der Fuge gibt es zum Beispiel vierzehn Umspielungen von B-A-C-H. Das kann doch fast kein Zufall sein! Aber was bedeutet mir das als Geiger, wenn ich das spiele? Ist es beispielsweise wahr, dass die Kadenz im 5. Brandenburgischen Konzert 65 Takte lang ist? Hat das nun mit seinen Eltern zu tun? Egal, ich kann das nicht hören. Nun war der Glaube für Bach so tief verankert: „Du hast alles geordnet nach Maß, Zahl und Gewicht“. Aber spiele ich die Noten mit diesem Wissen anders? Eher nicht, bewusster vielleicht.

In Holland sind Sie mit Ihrem Ensemble, dem Combattimento Consort Amsterdam, unglaublich aktiv - in Deutschland kennt man Sie, vielleicht abgesehen von Ihrer Arbeit mit der Kammerphilharmonie Bremen, eher wenig. Sie sind einfach noch nicht oft genug hier gewesen, oder?

Leider, leider. In Italien, Spanien, England und Südamerika sind wir sehr häufig, in Deutschland bisher kaum. Aber ich bin sehr gern hier. In einem Jahr werde ich das NDR-Orchester dirigieren; mit dem Combattimento sind wir nächstes Jahr in Frankfurt. Ohne Ihnen schmeicheln zu wollen: wir sind natürlich am liebsten hier, da es kulturell auch am meisten zu erleben gibt.

Danke für die Blumen. Die geben wir gern zurück: Ihre Aufnahme des Weihnachtsoratoriums ist eine der frischsten, die wir in letzter Zeit gehört haben. Heute Abend führen Sie die „Kunst der Fuge“ auf - dürfen wir davon auch bald eine Aufnahme erwarten?

Da muss ich wieder etwas ausholen. Das Combattimento Consort ist eine Gruppe mit einer unglaublichen Spielfreude, auch bei der Kunst der Fuge. Natürlich steht die Frage im Raum, wie man dieses Werk aufführen sollte. Wir haben versucht, alles zu erklären, so dass man die Architektur hören kann, mit den Bläsern und Streichern, gerade auch bei Spiegelungen und ähnlichen Bezügen. Das ist natürlich keine letzte Wahrheit, sondern nur eine Möglichkeit. Wir versuchen einfach, alles zu erklären, so wie wir das auch beim Weihnachtsoratorium gemacht haben. Wenn es um das Wiegen von Jesus geht - so „knarz, knarz“ - dann muss man das auch in der Musik hören.

Kann man denn die elaborierte „Kunst der Fuge“ überhaupt beim Hören begreifen, wie Sie es hier schildern?

Für mich gilt bei Bach: Jedes Mal, wenn ich das Weihnachtsoratorium oder die Matthäuspassion oder auch die Kunst der Fuge dirigiere, entdecke ich etwas Neues. Dann habe ich immer das Gefühl, dass ich etwas verpasst habe, dass man etwas noch anders machen kann. Die „Kunst der Fuge“ ist nicht nur für Elitehörer gedacht. Das glaube ich nicht. Ich kann mir aber vorstellen, dass heutzutage Strukturen im allgemeinen immer weniger deutlich werden. Nehmen Sie nur den Wochenablauf: Montag bis Freitag arbeitet man, Samstag geht man einkaufen und am Sonntag hat man frei - so etwas wird jetzt immer weniger. Man geht sonntags einkaufen, dann kann man samstags schwimmen gehen - das ist alles weniger festgelegt. Und bei der „Kunst der Fuge“, wie in vieler Musik von Bach, aber hier im Extremen, gibt es eine Strukturierung. Ich glaube, dass das viele Leute unbewusst sehr anspricht. Was nun eine Einspielung angeht - wir werden das öfters gefragt, aber das ist eine Sache des Geldes. Beim Weihnachtsoratorium hatten wir nicht erwartet, dass es so erfolgreich in Holland und England sein würde und vielleicht jetzt auch in Deutschland. Vielleicht nehmen wir jetzt auch die Matthäuspassion auf; und vielleicht auch die „Kunst der Fuge“, wer weiß?

Kommen wir noch einmal zurück auf die Aufnahme des Oratoriums. Bach komponierte die Musik für die sechs Kantaten nur zum Teil neu; vieles wurde früheren weltlichen Kompositionen entlehnt, teilweise mit verändertem Text Note für Note übernommen; die Choraltexte von Paul Gerhardt stehen neben neu gedichteten Arientexten. Wie kann denn so ein gestückeltes Werk überhaupt „organisch“ interpretiert werden, wie Sie es im Beiheft der CD ansprechen?

Zuerst einmal: ich glaube nicht, dass Bach das Werk in Eile geschrieben hat. Auch bei den weltlichen Sachen wird er, glaube ich, bereits gewusst haben, dass er es später für die Kantaten verwenden will. Man sieht immer bei Bach, dass er erst ein weltliches Werk komponiert und es dann für geistliche Zwecke noch einmal verwendet, nie umgekehrt. Und es ist auch erstaunlich, wie gut das zusammenpasst im Affekt, in der Tonart. Organisch ist die Logik der Stückfolge, es gibt wirkliche Anschlüsse, in den Tonarten, das ist unglaublich clever gedacht…

...aber die eigentliche Arbeit, einen organischen Zusammenhang herzustellen, liegt bei den Musikern?

Absolut. Wenn man eine Kantate hört, muss man spüren, das es sechs gibt, und wenn man die sechs Kantaten gespielt hat, muss man das Gefühl haben, dass es ein Werk ist.

Als ausgebildeter Geiger haben Sie da bestimmte Vorteile, was die Vermittlung angeht…

Meine Erfahrung ist (obwohl ich nie richtig eine Stelle im Orchester hatte, höchstens im Concertgebouw-Orchester mal bei den zweiten Geigen mitgespielt habe), dass ein Streicher als Dirigent ganz anders mit den Streichern arbeiten kann als zum Beispiel ein Pianist. Man weiß genau um die Probleme, und wie man damit umgehen kann. Viele Dirigenten bei uns in Amsterdam waren Streicher: Haitink, Harnoncourt... Bernstein zum Beispiel sagte einmal: „Ihr müsst da einfach mehr kratzen“ - Haitink bat: „Können Sie bitte den Bogen so und so halten.“ Beide wollten wahrscheinlich das gleiche... Wenn ich selbst mit Orchestern arbeite, nehme ich meine eigenen Bogenstriche und Fingersätze mit, ich bin da sehr präzise.

Auffällig an Ihrer Interpretation des Weihnachtsoratoriums sind jedenfalls die Tempi - vieles ist sehr rasch angelegt. Ist Ihre Lesart nach der langjährigen Arbeit mit dem Werk eine andere?

Vieles machen wir schneller als vor zehn Jahren, das stimmt; aber nicht alles. Die Choräle sind zum Beispiel eher langsamer geworden. Aber „Jauchzet, Frohlocket“ ist definitiv schneller geworden. Man muss einfach die Energie, den Enthusiasmus spüren. Früher haben mich schnelle Bach-Interpretationen gestört, jetzt bin ich selber da...

„Schlafe, mein Liebster“ - die Hirten singen dem Gottessohn ein Schlaflied. In ihrer Aufnahme besorgt das Kristina Hammerström auf himmlische Weise, das Combattimento begleitet sie sehr akzentuiert und mitnichten schläfrig. Sie selbst haben Kinder - wollen die eigentlich auch professionelle Musiker werden?

Um Gottes Willen. Als Musiker muss man immer arbeiten, und das finden sie blöd. Aber eines meiner Kinder hat die unglaubliche Fähigkeit, Bach nachzusingen - wahnsinnig schwere Sachen! Da ist also noch Hoffnung…

Das Gespräch führte Martin Morgenstern.
(10/2007)

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