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Samstag, 21. Oktober 2017

 moderntimes 1800

Multimedial - das Ensemble Moderntimes_1800 im Gespräch

"Es geht nie ums bloße Moralisieren"


In der Cafeteria einer Innsbrucker Schule traf klassik.com Autor Dr. Franz Gratl ich am Rande der Orchesterkurse der "Akademieprojekte" im Rahmen der Innsbrucker Festwochen Julia Moretti und Ilia Korol, die beiden künstlerischen Leiter des Ensembles moderntimes_1800, sowie den Ensemble-Manager Hans Otto. Trotz der arbeitsintensiven Zeit für die Musiker, die bei den Kursen als Dozenten unterrichten, entfaltet sich in lockerer Atmosphäre ein angenehmes Gespräch auch, aber nicht nur, über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des hoch spannenden Tiroler Ensembles.

Moderntimes_1800: Beim Ensemblenamen denkt man wohl zu allererst an den Chaplin-Film. Wie kommt man auf diesen Namen?

Julia Moretti: Das soll heißen, dass alle Musik, die wir spielen, zu ihrer Zeit modern war: Sie war neu, oft innovativ, experimentell…

Das Ensemble hat sich damit ja gewissermaßen auch einen zeitlichen Schwerpunkt um 1800 gesetzt, aber wenn man aktuelle und vergangene Programme anschaut, dann scheint ja keinerlei Kontaktscheu bezüglich der Moderne zu bestehen….

Ilia Korol: Im Gegenteil, von Anfang an war es uns ein Anliegen, auch aktuelle moderne Musik einzubeziehen. Wir wollen zeigen, dass es möglich ist, Musik verschiedener Zeiten und Stile miteinander zu kombinieren. Aber die Integration von zeitgenössischer Musik ist nicht Selbstzweck, sondern Ergebnis einer Programmidee.

Und auf welchen Instrumenten spielen Sie, sagen wir, Schostakowitsch, Pärt oder Frank Martin?

Ilia Korol: Natürlich auf modernen Instrumenten. Die Idee von moderntimes_1800 war von Anfang an, dass man sich gemeinsam die Möglichkeit zum „Umschalten“ zwischen verschiedenen Musikstilen bzw. Musiksprachen erarbeitet: Bis hin zur Bogentechnik und der musikalisch-handwerklichen Arbeit generell. Das macht die Arbeit viel interessanter, denn man lernt die Eigenheiten der Musiksprachen verschiedener Epochen genau kennen.

Eine viel beachtete Spezialität des Ensembles sind die Programme, in denen Konzerte und Lesungen, Literatur, Musik und auch Bühnenaktion miteinander verknüpft werden. Programme, in denen das Ehepaar Moretti auch eine künstlerische Partnerschaft eingehen kann. Ist an weitere Programme dieser Art in der Zukunft gedacht?

Ilia Korol: Wir werden das sicher immer wieder machen, aber nicht ausschließlich. Julia Moretti: Wir finden die Arbeit mit Collagen, Texten, Licht usw. sehr interessant - und gleichzeitig sehr schwierig. Aber die Mitglieder von moderntimes_1800 sind alle sehr offen dafür, es ist ein Glück, dass sie alle „gierig“ danach sind, Experimente zu machen. Sie trauen sich z. B. herumzugehen, ohne Noten zu spielen, was bei „herkömmlichen“ Orchestern oft massive Probleme verursacht. Wir arbeiten auch mit anderen Schauspielern zusammen, nicht nur mit Tobias Moretti. Ilia Korol: Auch wenn die Arbeit mit ihm ausgesprochen angenehm ist, weil er Komposition studiert hat und viel von Musik versteht. JM: Ein Glücksfall ist auch die Zusammenarbeit mit der erfahrenen Dramaturgin Veronika Zimmermann.

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Ich will kurz auf eines dieser „multimedialen“ Programme eingehen, nämlich „Der Seelen wunderliches Bergwerk“: Das Programm hatte ja eine deutliche Botschaft: Kritik an der technisierten Welt, Gegenüberstellung von Technokratie und romantischer Utopie: Ist Ihnen die Vermittlung solcher „außermusikalischer“ Botschaften wichtig?

Julia Moretti: Ja, sehr. Bei der inhaltlichen Arbeit an Programmen kommt man an gesellschaftspolitischen Fragen einfach nicht vorbei. Uns ist es wichtig, dass verschiedene Genres miteinander verbunden werden, der historische Kontext mit einbezogen wird - warum zum Beispiel herrliche Musik geschrieben werden konnte, während es ringsum krachte, um es etwas salopp auszudrücken. Ilia Korol: Die Entwicklung der Musiksprache ist ja ohne den Kontext der allgemeinen Gesinnungsästhetik nicht nachvollziehbar - aber es geht uns nie ums bloße Moralisieren. JM: Tobias Moretti zum Beispiel ist stets auf der Suche nach problematischen Konnotationen, gelegentlich sucht er auch die offene Provokation.

Die Leitung von „moderntimes“ teilen sich Ilia Korol und Julia Moretti. Funktionieren Programmkonzeption und Ensembleleitung auf partnerschaftlicher Basis?

Julia Moretti: Ja, aber es gibt auch eine klare Aufgabenverteilung, auch zwischen uns und der Dramaturgin Veronika Zimmermann. Und im Zusammenspiel des Orchesters betreut Ilia Korol die Streichergruppe, Julia Moretti die Bläsergruppe. In der Regel spielen wir ja ohne Dirigent, da ist die Kommunikation der Musiker untereinander und zwischen den Instrumentengruppen besonders wichtig. Ist ein Dirigent nötig - wie zum Beispiel bei einem demnächst geplanten ersten Opernprojekt - übernimmt das Ilia Korol.

In der Eigendefinition ist „moderntimes“ ein Kammerorchester, die erste CD umfasst u. a. Mozarts Oboenquartett. Also sind Größe und Zusammensetzung des Ensembles variabel?

Ilia Korol: Ja. Unsere neueste CD-Veröffentlichung sind zum Beispiel Brahms-Violinsonaten auf historischem Instrumentarium, also quasi die allerkleinste Besetzungsvariante. Aber grundsätzlich ist moderntimes_1800 so konstruiert: Es gibt einen Grundstock von gut 25 Musikern, wenn wir etwas Größeres machen, kommen weitere dazu. Hans Otto: Einen so großen fixen Musiker-Grundstock zu haben, ist für ein Ensemble heute sehr ungewöhnlich. In Deutschland zum Beispiel gibt es ja zuhauf Ensembles, die für jedes Projekt ad hoc am Telefon neu kreiert werden. Ilia Korol: Aber es ist wichtig, um eine gemeinsame Musiksprache, einen eigenen unverwechselbaren Klang erarbeiten zu können; das ist uns sehr wichtig. Überhaupt ist die Art, wie moderntimes_1800 gegründet wurde, speziell: Das Ensemble wurde von bereits professionellen Musikern gegründet, nicht wie oft von Studenten. Alle Mitglieder spielten daher von Anfang an auf hohem Niveau.

Wie sieht es mit Plattenaufnahmen in der nächsten Zeit aus? Gibt es eine Zusammenarbeit mit einem bestimmten Label?

Ilia Korol: Wie erwähnt ist gerade eine Aufnahme mit Brahms-Violinsonaten in historischer Spielweise in den Handel. Und dann gibt es ein Projekt mit Graun-Konzerten, Kammermusik von Georges Onslow. Hans Otto: Neu ist eine fixe Zusammenarbeit mit dem Label Challenge Classics - das freut uns natürlich und erfüllt uns auch in gewisser Weise mit Stolz, dass wir nun mit einem so renommierten, rührigen und erfahrenen Label kooperieren dürfen. Es gibt eine Menge Pläne.

Gibt es ausgesprochene Lieblingskomponisten von Ihnen, den Protagonisten, oder vom Ensemble?

Ilia Korol: Das kann man nicht so sagen. Aber es gibt immer wieder Musik, die uns ganz besonders anspricht. Verliebt haben wir uns alle etwa in die Musik von Joseph Martin Kraus oder in eine wunderbare kleine Telemann-Ouvertüre, die wir im aktuellen Festwochen-Akademieprojekt erarbeiten. Immer wieder stoßen wir auf unterschätzte Repertoireperlen, aber wir graben nicht systematisch danach in „musikarchäologischer“ Manier; meist gehen wir von einer Programmidee aus und suchen dann passende Stücke.

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An Ensembles, die auf so genannten „alten Instrumenten“ spielen, herrscht inzwischen kein Mangel, die „historische Aufführungspraxis“ hat sich zu einem regelrechten „Hype“ entwickelt. Könnten Sie ganz kurz definieren, was nun das Besondere an „moderntimes“ ist? In diesem Zusammenhang: Gibt es Vorbilder, Musiker, an denen man sich orientiert hat oder orientiert?

Ilia Korol: Es gibt einige Besonderheiten, die speziell sind an „moderntimes“: Wir sind alle routinierte Musiker. Wir alle sind interessiert an den stilistischen Unterschieden der Musik verschiedener Epochen und wir wollen diese Unterschiede genau hörbar machen. Das bewusste Arbeiten am Klang ist uns ein großes Anliegen. Und die prinzipielle Offenheit nach allen Seiten. Hans Otto: Und es gibt nicht die sonst häufig anzutreffende Saturiertheit der Musiker. Ilia Korol: Ja, in der Motivation liegt auch eine Besonderheit: Unsere Musiker lieben ihre Arbeit, ermüden nicht an der Routine, sind sich im Klaren, dass und warum sie Musik machen wollen: Energie bedingt hohes Niveau… Julia Moretti: … und es entsteht eine Art von positivem Wettstreit, „concertare“ im ursprünglichen Wortsinn.

Als Ensemble mit „Sitz in Tirol“ bezeichnet sich das „moderntimes“. Durch Julia Moretti ist ein Tirolbezug gegeben, wie sieht es mit der Herkunft der anderen Ensemblemitglieder aus?

Julia Moretti: Die Zusammensetzung ist international, aber es sind einige renommierte Tiroler Musiker dabei; wenn es einheimische Kräfte mit ausreichender Qualifikation gibt, werden diese in einer Art von „positiver Diskriminierung“ bevorzugt. Ilia Korol: Ja, Qualität ist der Punkt.

Es ist Festwochenzeit in Innsbruck: Worin liegt für Sie die Bedeutung der Innsbrucker Festwochen, was macht ihre Besonderheit im internationalen Festspielreigen aus?

Ilia Korol: Die Festwochen sind international sehr renommiert, das Niveau ist sehr hoch und nicht zuletzt: Das Festival ist sehr gut organisiert, in den Händen von Sarah Wilson bestens aufgehoben. Ilia Korol, Julia Moretti, Hans Otto: Ja, Chapeau für Frau Wilson!

Im Rahmen der Akademieprojekte betreuen die Stimmführer von „moderntimes“ Orchesterkurse für junge Musiker: Ist das für die Musiker eine Premiere oder gibt es pädagogische Erfahrungen?

Julia Moretti: Selbstverständlich ist das keine Premiere. Fast alle Musiker haben eine Dozentur, unterrichten in Kursen oder üben sonstige musikpädagogische Tätigkeiten aus. Sie haben also alle Unterrichtserfahrung.

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Wie gestaltet sich die Arbeit mit den jungen Musikern?

Ilia Korol: Nun, das Ziel des Akademieprojekts der Innsbrucker Festwochen ist sehr ambitioniert, ein anspruchsvolles Programm ist zu erarbeiten. Die Ausschreibung richtete sich bewusst an Musiker unterschiedlichen Niveaus, was die Arbeit schwierig und interessant zugleich macht. Einige sind schon Mitglieder in Ensembles, während wieder andere zum ersten Mal überhaupt auf Darmsaiten spielen. Man muss also viel in die Förderung der Musiker investieren und auch die Musiker selber haben ein anstrengendes Programm zu absolvieren.

Letztes Jahr stand in Innsbruck Mozart im Mittelpunkt, „moderntimes“ setzt seinen Schwerpunkt um 1800: Wie weit geht „Alte Musik“ und wie weit sollte man in Innsbruck gehen? Etwas zugespitzt: Sollte man in Innsbruck einmal Bruckner auf Darmsaiten als Alte Musik aufführen?

Julia Moretti: Grundsätzlich: Das wäre schön, Dirigenten wie Herreweghe haben ja bewiesen, dass das sehr lohnend sein kann. Ilia Korol: Allerdings stellt sich die Frage der Notwendigkeit; aus reinem Selbstzweck, nur dass man es einmal in Innsbruck macht, sollte man es nicht machen. Und in Innsbruck wird man es auch ganz bewusst nicht anstreben, solange René Jacobs künstlerischer Leiter ist. Ich finde es gut, wenn eine Persönlichkeit wie Jacobs dem Festival seinen Stempel aufdrückt, eigene Wege geht. Innsbruck erhält so ein Eigenprofil, das Publikum weiß grundsätzlich, was es erwartet. Wenn überall alles gemacht wird, ist das nicht gut.

Ist in der Zukunft eine Fortsetzung der „Akademieprojekte“ mit „moderntimes“ in Innsbruck geplant?

Hans Otto: Ja, das soll nun eine fixe Institution werden, ein alljährlicher Festwochen-Programmpunkt in Kooperation mit unserem Ensemble.

Das Gespräch führte Dr. Franz Gratl.
(11/2007)

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