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Freitag, 21. Juli 2017

Heraus mit den Abspielgeräten - die Schallplatte ist zurück!

Kein Medium für ewig Gestrige


Können Sie sich noch erinnern, wohin Ihr alter Schallplattenspieler verschwand, nachdem die letzte Langspielplatte aus den Regalen der Musikalienhändler geräumt war? Seit dieser Zeit sind viele Schallplatten vom Gebrauchsgegenstand zum Sammlerobjekt degradiert worden. Gleich alter Urlaubsdias werden sie seither nur zu besonderen Anlässen hervorkramt - wenn man denn das nötige technische Equipment noch funktionstüchtig wiederfindet. Es gibt jedoch längst gute Gründe, die alte Plattenkollektion nicht zum Eye Candy in der häuslichen Schrankwand verkommen zu lassen. Denn die Schallplatte ist zurück! Oder war sie nie weg? Vermehrt lassen Sich aufwendig gestaltete Plattenproduktionen bei den Musikhändlern wiederfinden; zunehmend auffällig platziert. Das norddeutsche Label "Speakers Corner" hat erheblich dazu beigetragen, die Schallplatte ins Bewusstsein der Musikliebhaber aller Genres und Altersgruppen zurück zu holen. Im Gespräch mit klassik.com plaudert Labelgründer Kai Seemann über die Vorteile des analogen Mediums, den verwirrten Musikliebhaber und die Gemeinsamkeiten von Tonträgern und Backwaren.

Herr Seemann, die Autoren von klassik.com haben sehr interessiert auf die Renaissance der Schallplatte reagiert und sich freudig dem Medium wieder zugewandt…

Das erleben wir immer öfter. Die Schallplatte ist ja in inzwischen wieder unheimlich positiv besetzt. Zu Beginn der CD-Technik hieß es ja: Das knistert und knackt und geht ständig kaputt. Inzwischen stellt niemand mehr wirklich in Frage, dass die LP klanglich das bessere Medium ist.

Worin besteht denn aus Ihrer Sicht der klangliche Vorteil der Platte gegenüber dem digitalen Medium?

Ein befreundeter Händler hat das einmal so beschrieben: Eine CD ist so, als würde Sie ein Brötchen in ganz viele kleine Brösel zerlegen, um sie danach wieder zu einem ganzen Brötchen zusammen zu fügen. Das bekommen Sie wahrscheinlich im Groben hin, es wird aber nie wieder das gleiche Brötchen sein wie vorher. Sie versuchen analoge Musik - und Musik ist nun einmal analog - in digitale Stücke zu zerhacken und das Ganze später wieder zusammen zu setzen. Das klappt mal besser, mal weniger gut. Je höher die Abtastrate ist, desto gelungener ist das Ergebnis. Interessanterweise geht die Entwicklung durch MP3 wieder in die andere Richtung. Die Abtastraten werden geringer, die Komprimierung größer.

Nun ist MP3 ja eher aus der Motivation heraus entstanden, möglichst viele Daten auf kleinstem Raum unterzubringen. Klangliche Veränderungen sind da sicher nur Nebensächlichkeiten…

Natürlich, und man sollte das auch positiv sehen. Ich denke, dass man durch MP3 heute viel mehr Kunden mit Musik erreicht, als das vorher möglich war. Und wer es klanglich noch besser haben will, kann ja danach losgehen und sich ein Medium seiner Wahl zulegen: Platte, CD oder DVD. Insofern sehe ich MP3 auch nicht als Konkurrenz, sondern als befruchtende Bereicherung.

Die Schallplatte bildet aus Ihrer Sicht also mehr Klangspektren ab als es eine CD kann?

Als eine CD auf jeden Fall. Spannend wird das ganze erst, wenn Sie die maximale Speicherkapazität einer SACD oder einer DVD-Audio nutzen. Für mich gibt es dabei noch keinen eindeutigen Sieger, aber dann nähern sich aus meiner Sicht beide Medien beim Klang sehr stark an. Vergessen Sie auch nicht die ganzen verschiedenen Formate im digitalen Bereich. Alleine die Unterscheidung in SACD und DVD-Audio, dann diese 2+2+2 Technologie - ich persönlich glaube, dass das auch zu einer großen Verunsicherung des Kunden führt. Wir als Label und mit uns der Bereich des Schallplattenvertriebs profitieren ganz stark von diesen Formats-Rivalitäten.

Der verwirrte Klassikliebhaber kehrt also zu dem Medium zurück, das er aus alten Tagen noch kennt?

Sagen wir es so: Ich garantiere Ihnen, dass unsere Platten mit jedem Schallplattenspieler auf der Welt kompatibel sind. (er lacht)

Dann erzählen Sie uns doch mal, wie Herr Seemann zur Schallplatte kam und warum?

Das war die Idee eines langweiligen Sommernachmittags. Speakers Corner ist eigentlich ein Hi-Fi Studio. Wir haben genau zu dem Zeitpunkt angefangen, als auch die CD auf den Markt kam. Damals haben wir uns einen großen Spaß daraus gemacht zu zeigen, Schallplatte und CD miteinander zu vergleichen und damit noch sehr gut Schallplattenspieler verkauft. Und irgendwann, an einem langweiligen Nachmittag - in einem Hi-Fi Studio können die Nachmittage sehr langweilig sein - kam uns die Idee: ‚Wollen wir nicht mal gucken, ob wir irgendwo Klassik-LPs produzieren können.’ Die wurden ja zu allererst eingestampft. Es gab sie zu Beginn der Neunziger Jahre fast nicht mehr. Darauf folgte ein Anruf bei Universal, die damals noch Polygram hießen, und so nahm die Sache Ihren Lauf. Es war ursprünglich als einmalige Aktion geplant, um unseren Kunden, die Schallplattenspieler kauften, LPs zur Verfügung zu stellen…

... als kleine Zugabe zum Plattenspielerkauf?

Nein, das sollten schon richtige Kaufplatten sein, aber eben als einmalige Aktion. Wir hatten vier Titel produziert, und die waren innerhalb eines Monats ausverkauft. Da das also so gut lief, haben wir einfach noch einmal vier Titel gemacht.

Eines verstehe ich nicht: Warum haben Sie Plattenspieler verkauft, wenn man doch gar keine Schallplatten mehr kaufen konnte?

Ehrlich gesagt: Ich weiß es auch nicht so genau. Wahrscheinlich einfach deshalb, weil die Kunden sie weiter haben wollten. Die ersten 10 Jahre in unserem Hi-Fi Studio hatten wir ja damit zugebracht zu zeigen, wo die CD klanglich steht. Und trotzdem haben wir damals Hunderte von wirklich hochpreisigen Plattenspielern verkauft. Die meisten Menschen hatten ja auch noch Platten daheim. Als dann jedoch die Zeit gekommen war, in der die Musikfreunde merkten, dass es Neues nur noch auf CD gab, da haben wir gedacht: ‚OK, wir müssen diese Lücke schließen’. Das war 1993. Im August des gleichen Jahres die ersten vier Titel, im Dezember noch einmal vier. Und das lief alles so gut, dass wir daraus ein regelmäßiges Business gemacht haben. Zuerst mit klassischer Musik, später kamen noch Jazz und Pop hinzu.

Woraus speiste sich Ihr Katalog?

Das waren zunächst ausschließlich Produktionen aus dem Hause Decca und deren amerikanischem Ableger London; ein Bereich, in dem die Nachfrage auch am größten war. Später kam die Deutsche Grammophon hinzu. Stets mit der Philosophie, die älteren Aufnahmen in deren Originallayout und den original Booklets wieder zu veröffentlichen. Ich weiß gar nicht mehr, ob das Intuition war oder ob wir von Polydor dazu gezwungen wurden. Es war aber offensichtlich die richtige Entscheidung.

Und woher kommen heute all die neuen Titel in Ihrem Katalog?

Wir arbeiten mit Universal und Sony/BMG zusammen, wobei wir von Ersteren die Klassikproduktionen bekommen und aus dem Hause Sony vor allem Pop und Jazz Platten. Auch von harmonia mundi haben wir Platten neu auf den Markt gebracht. Es gibt ja bei Sony diese RCA Klassikreihe, die viele wichtige Titel umfasst. Doch hat sich an dieser ein Wettbewerber aus den USA bereits die Rechte gesichert. Wir sind also beileibe nicht die einzigen, die die Schallplatte wiederentdeckt haben.

Wo fanden Sie Absatzmärkte für Ihre Platten?

Neben dem deutschen Markt, waren die wichtigsten Abnehmer vor allem die USA, Japan und Italien. In diesen vier Ländern wurden unsere Platten schon früh stark nachgefragt. Später kamen dann Taiwan und Hong Kong hinzu. Heute beliefern wir 42 Länder mit Schallplatten, darunter scheinbare Klassik-Exoten wie die Türkei, Südafrika und Brasilien.

Würden Sie sagen, es handelt sich bei der Schallplatten-Renaissance um eine internationale Bewegung?

Also wir sind sicher keine Sekte. (lacht) Aber es hat sich ganz sicher so eine Art Community gebildet, deren Mitglieder eine besonders intensive und aktive Art, Musik zu hören, schätzen. Das Auflegen einer Schallplatte, das Auseinandersetzen mit dem Medium erfordert auch ein anderes Auseinandersetzen mit der Musik. Eine CD flippen Sie in Ihren CD-Spieler; man kann der Musik dann zuhören oder auch nicht. Sie können das ganze im Auto hören oder beim Spaziergang unterwegs. Einen Plattenspieler hingegen schalten Sie an, Sie reinigen die Platte, legen sie auf, setzen den Tonabnehmer drauf. Nach 20 Minuten Musik müssen Sie sich wieder damit auseinandersetzen und die Platte umdrehen. Ich denke, dass dadurch eine andere Auseinandersetzung mit der Musik entsteht und unsere Kunden deshalb auch so stark engagiert sind. Wir erhalten sehr viel Feedback zu unseren Produktionen, darunter auch immer wieder Vorschläge, welche Titel wir als nächsten heraus bringen sollten.

Wie setzt sich diese Community zusammen? Sind es Musikfreunde, die noch mit der Schallplatte groß geworden sind oder eher Kreise von Hörern, die aufgrund Ihres Alters die Schallplatte nicht mehr so genau kennen dürften?

Das hängt sehr vom Repertoire ab. Ich denke, dass unsere Klassikhörer diejenigen sind, die noch mit der Platte aufwuchsen. Das Alterspektrum beginnt hier bei Mitte Dreißig und ist nach oben offen. Jemand der im Klassikbereich mit der CD aufgewachsen ist, wird sich sicherlich nur schwer an eine Schallplatte gewöhnen können. Im Jazzbereich und auch beim Pop sind es erstaunlich viele junge Kunden, die die Schallplatte ganz neu für sich entdecken. Ich denke da nicht nur an die DJs, für die eine Platte ja immer zum Tagesgeschäft gehört hat. Die Schallplatte ist also keineswegs ein Medium für ewig Gestrige.

Und Sie bilden das ganze Repertoire von der Kammermusik bis hin zur großen Oper ab?

Im Bereich der klassischen Musik absolut. Da bin ich auch stolz drauf. Wie erwähnt sind wir nicht die einzigen, die Schallplatten machen. Sie werden jedoch niemanden finden können, der ein so breites Repertoire abdeckt. Wir haben Messen, Opern, Recitals, Solokonzert, sinfonische Werke und auch Zwölftöniges gemacht. Die gesamte Bandbreite klassischer Musik können Sie bei uns finden.

Wenn ich eine Platte bei Ihnen kaufe, erhalte ich also immer eine Reproduktion des Originals. Ist das nicht unheimlich aufwändig in der Fertigung?

Einfach ist es sicher nicht, aber wir wollen eben eine genaue Reproduktion der originalen Erstausgabe einer Schallplatte machen. Wenn wir zum Beispiel eine Plattenbox eins zu eins reproduzieren, dann machen wir das richtig komplett mit einem Pappkarton, in dem das große Booklet drin ist, das auch schon mal ein ganzes vielseitiges Hardcoverbuch sein kann. Wir versuchen das originale Booklet auf dem freien Markt, oder, wenn das nicht möglich ist, durch Sammler zu erhalten und scannen es ein, bereiten es auf, damit es heutigen Qualitätsstandards entspricht. Manchmal gilt es auch Künstlerfotos oder Postkarten mit zu fertigen, die in der Originalausgabe den Platten beilagen. Das ist natürlich alles sehr aufwendig, aber es gehört einfach dazu.

Können Sie beobachten, dass der Absatz von Schallplattenspielern ansteigt seit die Platte wieder präsenter am Markt ist?

Wir haben ja unverändert dieses HiFi-Studio in Kiel. Es wäre schwer, die Plattenspielerabsätze mit dem Verkauf unserer Schallplatten in Relation zu setzen. Man kann jedoch beobachten, dass viele Plattenspielerfirmen neu entstehen. Nicht nur kleine Nischenfirmen, sondern auch die großen Technikkonzerne aus Japan sind wieder in die Plattenspielerproduktion eingestiegen. Sie können heute ein wirklich gutes Abspielgerät für 200 bis 300 Euro bekommen. So merkwürdig das klingen mag, aber der LP konnte eigentlich nichts Besseres passieren als die CD. Durch diesen Wettbewerb hat es einen unheimlich großen Evolutionssprung gegeben. Schallplattenspieler sind heute viel besser als sie es jemals waren. Die prinzipbedingten Schwächen, wie das Knistern und Knacken, müssen eben durch klangliche Vorteile gegenüber der CD ausgeglichen werden, damit der Kunde bereit ist, trotzdem eine Platte zu kaufen.

Worauf muss ich achten, wenn ich mir einen neuen Schallplattenspieler zulegen möchte?

Nun, das Wichtigste aus meiner Sicht ist, dass Sie einen guten Händler zu finden, der über eine breite Auswahl an Geräten verfügt, die Ihnen die Möglichkeit zum Hören und Vergleichen unter reellen Bedingungen gibt. Dann merken Sie relativ schnell von ganz allein, welcher Plattenspieler für die der richtige ist.

Hat sich an der technischen Herstellung der Schallplatten, beispielsweise an der Materialqualität Entscheidendes verändert?

Es hat sich sehr wenig geändert. Die gesamte Mastering-Technik ist auf dem Stand der Achtziger Jahre stehen geblieben. Es gab jedoch Detailverbesserungen. Im Bereich der Plattenfertigung haben sich die Vinylmischungen verbessert. Schallplatten sind heute viel weniger anfällig für Verschmutzungen durch antistatische Additive. Sie sind auch gegen Beschädigungen unempfindlicher geworden. Die Press- und Schneideanlagen sind feiner justiert. Es ist tatsächlich schon immer so gewesen, dass die Aufnahme- und Mastering-Technik viel besser war, als die Wiedergabetechnik. Deshalb ist es für uns heute auch so einfach, Aufnahmen aus den Fünfziger- und Sechziger Jahren neu herauszubringen. Sie waren einfach klanglich schon damals sehr gut, so dass Sie heute nicht mehr viel an Ihnen verändern müssen. Im analogen Aufnahmebereich ist technisch nicht mehr passiert und wenn doch, dann wurde es eher schlechter, weil man Kosten sparen wollte. Wenn Probleme auftreten, sind es meist Bänder aus den Siebziger Jahren, wo die schlechte Materialqualität der Bänder heute häufig eine Wiederveröffentlichung nicht mehr zulässt. Das erleben Sie bei ganz alten Bändern fast nie.

Wie komme ich als Kunde an Ihre Platten, an Informationen zu Ihren Neuveröffentlichungen, und was bezahle ich für das Produkt?

Wir haben in Deutschland gut 120 Händler, mit denen wir zusammen arbeiten. Da sollte sich einer in Ihrer Nähe finden lassen. Zum Teil handelt es sich dabei um HiFi-Fachgeschäfte, die zur Hardware ebenfalls die Software anbieten wollen. Aber auch bei jedem herkömmlichen Musikalienhändler können Sie unsere Produkte bestellen oder direkt kaufen. Und im Internet gibt’s Schallplatten bei den üblichen Verdächtigen wie buch.de oder jpc. Sicherlich ist die Schallplatte im Vergleich zur CD ein etwas hochpreisiges Medium. Wir empfehlen den Händlern einen Verkaufspreis von 25,50 Euro, der in der Regel auch eingehalten wird. Da wir jede zweite Woche eine neue Produktion machen, sind im Jahr also gut 26 Platten erhältlich. Informationen erhalten Sie vor allem durch unsere Website www.speakerscorner.de und unseren regelmäßigen Newsletter.

Das Gespräch führte Frank Bayer.
(09/2007)

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