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Freitag, 21. Juli 2017

Photo: Jürgen Olczyk

Christoph Poppen führt die Deutsche Radio Philharmonie in ihre erste Saison

"Wir sind Mendelssohn viel schuldig"


Es gibt kaum eine Aufgabe in der weiten Welt der klassischen Musik, die Christoph Poppen in seinem Leben noch nicht übernommen hat. Gefeierter Violinvirtuose, preisgekrönter Primarius des Cherubini-Quartetts, Professuren an drei Hochschulen, einen Rektorenposten, Leiter des renommierten ARD-Wettbewerbs und nicht zuletzt die seit zwei Jahrzehnten erfolgreich verlaufende Dirigentenkarriere. Nachdem der gebürtige Münsteraner über ein Jahrzehnt dem Münchener Kammerorchester seinen interpretatorischen Stempel verpasst und ein Jahr lang als Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonieorchesters Saarbrücken fungiert hat, erwarten ihn nun als Chefdirigent der jüngst gegründeten Deutschen Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern neue, teils unbekannte Herausforderungen. Im Gespräch mit klassik.com Redakteur Felix Hilse berichtet Christoph Poppen über die Vorteile und Chancen einer Orchesterfusion, sein besonderes Verhältnis zu Mendelssohn und seinen Wunsch, als Sängerin wiedergeboren zu werden.

Herr Poppen, Sie stehen vor Ihrer ersten Spielzeit als Chefdirigent der neu zu formenden Deutschen Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern. Wie intensiv waren Sie in den politischen Teil dieser deutschlandweit ersten Anstaltenübergreifenden Fusion zweier Rundfunkorchester involviert?

Das Ringen um den Fortbestand beider Orchester fand vor meiner Zeit hier in Saarbrücken statt. Deshalb habe ich davon auch nicht viel mitbekommen. Als ich ins Boot kam, noch bevor klar war, dass ich Chefdirigent werden würde, stand bereits fest, dass die Fusion kommt. Das war für mich ein guter Zeitpunkt, die Arbeit mit dem ebenfalls neuen Orchestermanager Benedikt Fohr zu beginnen. Es ist immer mit offenen Karten gespielt worden und ich hätte auch sagen können: nein, ich möchte diese Fusion nicht begleiten und werde deshalb nicht Chef.

Kann dies nicht eine sehr undankbare Aufgabe sein? Leicht geht man als ‚Fusions-Dirigent’ in die Orchesteranalen ein - häufig ein eher zweifelhafter Ruhm.

Es ist sicher eine schwierige Aufgabe, aber keine undankbare. Sie müssen bedenken, dass der Klangkörper in Zukunft das Profil haben wird, das er bisher auch hatte, nur noch um ein zusätzliches Spektrum erweitert. Wir werden jetzt mit Operetten und leichterer Muse unser Profil erweitern und einen wichtigen Repertoirepunkt der Kaiserslauterner Kollegen übernehmen. Das Problem des Orchesters des Saarländischen Rundfunks war doch bisher, dass es zwar ein sehr gutes Ensemble war, aber ein wenig im Schatten vieler anderer stand. Jedes Konzert wurde nur einmal gespielt, das Sendegebiet war sehr klein. Es kam nie so recht aus der lokalen Ecke heraus und blieb ein Geheimtipp für Musikfachleute. All dies ändert sich nun ziemlich schlagartig. Wir spielen jedes Konzert mindestens zweimal, wenn nicht dreimal, durch den SWR haben wir ein viel größeres Sendegebiet und erreichen so ganz neue Hörer. Auch der neue Name wird wesentlich zur Reputationsverbesserung des gesamten Klangkörpers beitragen.

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Gebührenfinanzierte Rundfunkorchester stehen heutzutage oft in der Kritik, den herkömmlichen Kulturorchestern Konkurrenz zu machen, indem man sich von einem wichtigen Punkt, nämlich der Pflege zeitgenössischer Musik, immer mehr verabschiedet und sich fast ausschließlich dem gängigen Orchesterrepertoire widmet. Werden Sie hier in Saarbrücken einen ähnlichen Weg gehen?

Ich sehe diese Gefahr bei uns absolut nicht. Im Gegenteil, wir gehen ganz bewusst wieder verstärkt auch zeitgenössische Wege, die zugegebenermaßen in den letzten Jahren hier ein wenig zu kurz kamen. Ein ‚composer in residence’ wird uns jede Spielzeit begleiten - Jörg Widmann macht ab diesem Herbst den Anfang, ein eigenes Festival widmet sich übrigens seit vielen Jahren der Musik des 21. Jahrhunderts, auch vor der Avantgarde scheuen wir uns nicht. Neue Musik soll und wird hier immer eine Rolle spielen. Allerdings sollte man nicht den Fehler machen, sich nur auf Neue Musik zu stürzen. Wir haben auch die Aufgabe, ein großes Publikum mit musikalischer Vielfalt zu versorgen. Da würde es keinen Sinn machen, an unseren Hörern vorbei Programme zu konzipieren.

Das Rundfunk-Sinfonieorchesters Saarbrücken war bisher recht stark auf dem Tonträgermarkt vertreten und hat für verschiedene Labels diverse, darunter Aufsehen erregende Produktionen während der letzten Jahre gemacht. Wird diese Präsenz erhalten bleiben, vielleicht sogar noch ausgebaut?

Wir haben so viele Anfragen nach CD Produktionen, von interessanten Labels für auch sehr spannendes Repertoire, dass wir maximal ein Drittel davon realisieren können. Natürlich werden wir die bewährten Zusammenarbeiten mit ECM Records und OehmsClassics fortsetzen; bei Oehms haben wir sogar eine Art Carte blanche. Zum Ausbau der Marktpräsenz haben wir eigentlich gar keine Kapazitäten mehr, da das Orchester eben schon jetzt überdurchschnittlich präsent ist. Dass wir dabei aus vielen Angeboten wählen können, ist ein sehr großes Glück.

Was für ein Repertoire wird den Musikfreund auf CD zukünftig erwarten?

Unsere erste Neuveröffentlichung bei Oehms werden demnächst alle Mendelssohn-Sinfonien sein. Auch die Tschaikowsky-Sinfonien werden wir für dieses Label einspielen. Für ECM nehmen wir Musik aus dem 20. Jahrhundert und der Gegenwart auf. So erscheint im Frühjahr eine CD mit Musik von Frank Martin und ganz aktuell sprechen wir über ein Widmann-Programm

Warum haben Sie mit Mendelssohn angefangen?

Nun, zum einen, weil ich Mendelssohn unheimlich schätze und nach wie vor finde, wir sind ihm sehr viel schuldig. Es gibt ja Statistiken, die deutlich zeigen, dass Mendelssohn im deutschsprachigen Raum immer noch viel seltener auf den Programmen steht als in angelsächsischen Ländern. Das finde ich höchst problematisch und denke, dass dies vor allem in der deutschen Geschichte begründet liegt. Ein Teil der Generation, die unsere Programme besucht, hat ihn in der Kindheit und Jugend nicht kennen gelernt. Und zum anderen finde ich, dass Mendelssohn sich ausgezeichnet für das Kennenlernen eines neuen Orchesters eignet. Es ist eine sehr diffizile Musik, die große Leichtigkeit und unheimliche Virtuosität vom Musiker gleichermaßen fordert. Wachheit, Lebendigkeit, Eleganz - all diese Dinge sind für seine Musik dringend nötig.

Sind Sie als Dirigent Autodidakt?

Ich habe als Dirigent nie ein Hochschul-Studium absolviert. Als ich mit 28 Jahren ein Sabbatical nahm und in Bloomington bei Joseph Gingold Geige studierte, da hatte ich plötzlich so viel Zeit, dass ich angefangen habe, mich für das Dirigieren zu interessieren. Jedoch nicht mit dem Ziel, Dirigent zu werden. Dort habe ich Dirigierunterricht besucht; das war jedoch keine vollständige Dirigentenausbildung. Nach meiner Rückkehr wurde mir wirklich rein zufällig das Detmolder Kammerorchester zugespielt, und als ich merkte, dass sich das Dirigieren bei mir etwas etablierte und immer mehr Anfragen dazu kamen, habe ich angefangen, Unterricht zu nehmen. Zwei Namen sind für mich sehr prägend gewesen: Zum einen Sir Colin Davis und zum anderen Jorma Panula, der für mich auch heute noch eine wichtige Quelle des Wissens und der Inspiration ist.

Doch davor kannte man Sie ja vor allem als Violinvirtuose. Wieso haben Sie sich als Kind ausgerechnet dieses Instrument ausgesucht - oder wurde diese Entscheidung fremdbestimmt?

Meine Eltern waren zwar beide keine professionellen Musiker, dafür aber ausgesprochen musisch interessiert. Musik war immer in unserer Familie, die ursprünglich aus dem Heidelberger Raum stammt. Mein Großvater war Kirchenmusiker und Dirigent in Heidelberg. Er leitete den dortigen Bach-Verein und war noch Assistent von Max Reger, mein Onkel sogar dessen Patensohn. Ich erinnere mich an viele schöne Geschichten und Fotos aus dieser Zeit, die mir meine Großmutter erzählt hat, weil ich meinen Großvater nicht mehr selbst erleben konnte. Ich kann gar nicht sagen, warum es bei mir die Geige sein sollte, gezwungen hat mich jedoch niemand zu diesem Instrument. Ich erinnere mich nur, dass ich immer sehr gerne Geige gespielt habe.

Die Liebe zum Instrument war scheinbar groß genug, um ein Musikstudium zu beginnen...

Absolut. Obwohl ich in Westfalen geboren wurde, bin ich ein ziemlicher Rheinländer. In Bonn bin ich aufgewachsen, habe dort Abitur gemacht und parallel dazu in Düsseldorf an der Robert Schumann-Hochschule erst als Jungstudent und später als richtiger Student mein Musikstudium betrieben. In Köln hat unser Quartett später auch beim Amadeus-Quartett ein Kammermusikstudium aufgenommen.

Handelte es sich bei dieser Kammermusikvereinigung schon um das Cherubini-Quartett, dessen Gründer und Primarius Sie ja waren?

Es war der Vorläufer. Das Cherubini-Quartett existiert seit meinem zwanzigsten Lebensjahr, obwohl es damals eigentlich nur eine Namensänderung gab. Ich selbst habe seit meinem vierzehnten Lebensjahr Quartett nonstop gespielt. Kammermusik hat mich also immer als wichtiges Element begleitet. Meinem Hauptgeigenlehrer Kurt Schäffer habe ich das ganz entscheidend zu verdanken. Es gab das Schäffer-Quartett, dem er viel Zeit widmete, und auch bei dem anderen großen Geigenprofessor in Düsseldorf, Sándor Végh, gehörte das Quartettspiel fest zur Musikerausbildung. So waren für mich Geigenstudium und Kammermusik immer absolut untrennbar. Dies alles hat mich so intensiv geprägt, dass ich glaube, selbst heute aus einem kammermusikalischen Geist heraus zu dirigieren. Mein Bestreben ist es auch, jeden Musiker im Orchester so zu stimulieren, dass er sich selbst als Kammermusiker wahrnimmt und so auch agiert.

War für Sie nach dem Abitur absolut klar, dass Sie Musik studieren würden?

Ich kann mich gut erinnern, dass ich mich nach dem regulären Schulabschluss sehr mit der Frage beschäftigt habe, soll ich Musik studieren oder nicht? Ich hatte damals schon ein sehr starkes soziales Empfinden. Wenn ich nicht Musiker wäre, könnte ich mir gut vorstellen heute beispielsweise ein Kinderheim in einem Dritte Welt Land zu leiten oder Sozialarbeiter in Deutschland zu sein. Es gibt viele Berufe, in denen man für andere Menschen einen Sinn ergibt. Und für mich war damals sehr schnell klar, dass Musik für mich der Bereich ist, wo ich eine solche Aufgabe für andere erfüllen kann. Aber Musik ist auf der Welt eine extrem starke und wichtige Energie, so eine Art seelische Nahrung für Menschen. Hätte ich nicht immer wieder erfahren, dass Musik für ihre Hörer eben genau diesen Effekt hat, dann hätte ich nicht Musiker sein wollen.

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Gab es bei Ihnen nie den Wunsch, ein ‚einfacher’ Orchestermusiker zu werden? Hatte sich früh abgezeichnet, dass es für Sie nur den Weg der Solistenkarriere geben kann? Dass Sie später Dirigent werden würden, war ja, wie wir gehört haben, zu diesem Zeitpunkt nicht abzusehen.

Man muss es so sagen: Schon während meiner Schulzeit habe ich relativ viel auf dem Podium gestanden und mit der Geige auch einige Preise gewinnen können. So habe ich mit 15 oder 16 Jahren recht deutlich gemerkt, dass ich als Solist Erfolg haben kann. Als Student habe ich dann nie so recht analysiert, was jetzt der bessere Weg wäre und wollte mich auch nicht entscheiden, ob ich Solist oder lieber Kammermusiker sein sollte. Ich habe beides gemacht. Während der intensiveren Kammermusikzeit - als ich 21 Jahre alt war hatten wir über 120 Konzerte im Jahr als Quartett - habe ich zusätzlich eigentlich alle großen Violinkonzerte mit vielen Orchestern immer wieder gespielt. Trotzdem habe ich damals nie eine gut organisierte Solistenkarriere verfolgt. Im Orchester als Musiker fest zu spielen, habe ich damals nicht angestrebt; einfach deshalb, weil es eben diese anderen Möglichkeiten für mich gab. Heute würde ich mir diese Erfahrung durchaus wünschen. Immerhin hatte ich die Gelegenheit, einige Zeit als Gast-Konzertmeister des Chamber Orchestra of Europe zu fungieren.

Blieben Sie all die Jahre bei dem gleichen Geigenlehrer, oder haben sie die Augen auch nach neuen Lehrmeistern offen gehalten? Erzählen Sie etwas über Ihre Lehrmeister:

Ich bin Kurt Schäffer ausgesprochen dankbar, dass er mir während des Studiums auch immer die Freiheit ließ, bei anderen Lehrern Unterricht zu bekommen. So bin ich seit meinem 18. Lebensjahr immer nach Zürich und London gefahren und habe bei Nathan Milstein parallel Unterricht gehabt. Das war natürlich ein ganz starker Einfluss. Er war ein unglaublicher Musiker und Geiger, der mich sehr geprägt hat. Mit 21 Jahren bin ich dann nach Amerika und habe kurz, aber sehr intensiv bei Oscar Shumsky Geige studiert. Und nach meiner Rückkehr ging es gleich sehr erfolgreich mit dem Quartett los mit über 100 Konzerten pro Spielzeit. Das haben wir sieben Jahre lang so intensiv betrieben. Parallel hatte ich auch weiter meine solistischen Auftritte und habe einen Lehrauftrag an der Hochschule in Düsseldorf wahrgenommen.

Auf so vielen Hochzeiten kann man wohl nur in jungen Jahren tanzen.

Das merkte ich damals auch sehr schnell. So habe ich nach diesen sehr arbeitsreichen sieben Jahren alles abgebrochen und das erwähnte Sabbatical für ein Jahr in Bloomington gemacht. Das war eines der schönsten Jahre meines Lebens. Ich habe unheimlich viel lernen und erleben dürfen. Danach bin ich zurück zum Quartett nach Deutschland und wir haben unsere Auftritte deutlich reduziert, so dass jeder auch mehr Zeit für eigene Projekte hatte. Ich bekam relativ schnell eine Professur für Geige in Detmold und damit ging auch die bereits erwähnte dirigentische Tätigkeit beim Detmolder Kammerorchester einher. Nach weiteren sieben Jahren kam dann gleichzeitig der Ruf zum Münchener Kammerorchester und an die Berliner Hochschule für Musik ‚Hanns Eisler’, wo ich erst eine Geigenprofessur hatte und man mich plötzlich auch sehr hartnäckig überredete, den Rektorenposten zu übernehmen. So bin ich weiter sieben Jahre immer zwischen München und Berlin gependelt, bis ich eine Violinprofessur in München annahm. Zu diesem Zeitpunkt waren meine Kinder gerade geboren, so dass es mir wichtig war, an einem Ort möglichst fest zu sein.

Es blieb ja auch in München nicht nur bei diesen beiden Aufgaben...

Ja, das stimmt. Für vier Jahre habe ich dort auch die künstlerische Leitung des Internationalen Musikwettbewerbes der ARD übernommen. Auch das war eine sehr spannende Aufgabe. Damals habe ich auch begonnen, immer mehr Gastdirigate bei anderen Orchestern wahrzunehmen. Es zeichnete sich bei mir ab, dass ich nach elf Jahren als Leiter des Münchener Kammerorchesters Lust verspürte, dieses Kapitel abzuschließen. Damals habe ich mich entschieden, meinen Vertrag nicht noch einmal zu verlängern, nicht wissend, wie es dann weiter gehen würde. Ich stand durchaus vor einem gewissen Vakuum. Ich war einfach entschlossen, mich mehr dem symphonischen Repertoire zu widmen. Doch da kam, für mich durchaus als glückliche Fügung, die Anfrage aus Saarbrücken.

Fehlte Ihnen in all den Jahren, das selber Musizieren auf der Geige nicht? Ist das Dirigieren zu einer Art Ersatzgeigenspiel geworden?

Ich denke letzteres trifft zu. Mir fehlt das Geigespielen absolut nicht. Ich spiele immer noch zwischen vier und zehn Konzerte im Jahr und genieße diese kurzen Ausflüge in die Vergangenheit sehr, überlege manchmal sogar kurz, ob ich das Konzertieren nicht wieder ausbauen sollte. Aber ich realisiere ganz schnell, dass es mir eigentlich so sehr nicht fehlt. Beim Dirigieren fühle ich mich so unmittelbar an der Musik, noch unmittelbarer sogar, als wenn da eine Geige am Kinn steckt.

Sie müssen also offensichtlich über die besondere Gabe verfügen, Menschen führen und anleiten zu können. Diese ist absolut nötig, um als Lehrer, Rektor, Dirigent und Primarius eines Quartetts erfolgreich zu bestehen. Waren Sie sich dieser Fähigkeit stets bewusst?

Nun, diese Gabe gibt es ganz bestimmt bei mir, auch wenn mir das früher nicht unbedingt so bewusst war. Ich denke, das Schicksal hat mich immer wieder zu Aufgaben geführt, bei denen ich diese Fähigkeit gebraucht habe. Wenn ich heute zurück blicke, erscheint mir mein Leben unheimlich logisch. Alles was ich gemacht habe, obwohl es scheinbar sehr gegensätzliche Dinge waren, mündet eigentlich in das, was ich heute tue. Es gibt keine Herausforderung aus den letzten dreißig Jahren meines Lebens, die mir nicht bei meiner heutigen Aufgabe helfen würde. Wenn jemand diesen Lebenslauf bewusst geplant hätte, hätte er es aus meiner Sicht kaum idealer machen können.

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Eine bewusste Karriereplanung haben Sie also gar nicht betrieben?

Nein, ganz bestimmt nicht. Ich habe immer versucht, bewusst auf das Leben zu hören. Immer wenn Aufgaben an mich herangetragen wurden, habe ich überlegt, ob ich dem gewachsen bin, ob diese Aufgabe zu diesem Zeitpunkt in meinem Leben Sinn machen würde. Ich habe solche Entscheidungen jedoch nie getroffen, weil ich mich eine Stufe höher auf der Karriereleiter bringen wollte, sondern stets wegen der Sache selbst. Mir ist jetzt auch vollkommen bewusst, dass es unlogisch wäre, wenn ich die nächsten 30 Jahre hier in Saarbrücken bliebe; einfach weil sich mein Leben immer in bestimmten Zyklen entwickelt und verändert hat. Aber wer weiß schon, was in zwanzig Jahren sein wird. Ich fühle mich jetzt absolut am richtigen, geeigneten Platz hier bei der Deutschen Radio Philharmonie.

Es ist von oben betrachtet auch insofern der nächste, logische Schritt gewesen, hier nach Saarbrücken zu gehen, als dass Sie nach den vielen Jahren als Chef eines Kammerorchester, nun vor einem großen symphonischen Klangkörper stehen.

Das kann man sicher so sehen. Mich reizte jetzt vor allem das symphonische Repertoire. Es gibt sicher noch Kammerorchesterrepertoire, das ich nicht dirigiert habe, aber davon nur recht wenig. Es war ein von mir ganz klar formulierter Wunsch, in den kommenden Jahren in den Bereich des symphonischen Repertoires gehen zu wollen. Sicher hätte ich auch als Gastdirigent bei anderen Orchestern dies versuchen können. Dass ich aber diese wunderbare Aufgabe hier in Saarbrücken/Kaiserslautern anvertraut bekommen habe, nicht zuletzt vom Orchester selbst, ist etwas, was mich sehr beglückt. Es ist mit Blick auf meine Biografie ein absolut logischer Schritt und ich kann mir im Moment nichts Schöneres vorstellen.

Dass heißt aber auch, dass Sie sich jetzt mit vielen Werken als Dirigent zum aller ersten Mal auseinander setzen.

Ich mache einiges hier zum ersten Mal. Das weiß das Orchester und wusste es auch, als es sich für mich entschied. Für mich ist dies sicher eine Herausforderung, weil ich permanent damit befasst bin, neue Werke zu lernen. Die Musiker haben dadurch jedoch auch die Chance, von einem Repertoirewerk durch mich vielleicht noch eine neue, bisher nicht gekannte Facette zu erfahren. Wenn man ein Stück zum ersten Mal macht, hat das den Vorteil, dass man sich dieser Partitur mit frischen Ohren und Augen nähert. Das kann für alle Beteiligten einen verjüngenden Effekt haben.

Was sind Sie für ein Typ Dirigent wenn es darum geht, Vorstellungen an Musiker bei der Probenarbeit zu vermitteln? Sind Sie eher der Orchesterleiter, der viel mit sprachlichen Bildern arbeitet oder sind Sie eher der analytische Typ, der klare, prägnante Anweisungen gibt?

Ich bin in den Proben relativ nüchtern. Natürlich habe ich eine sehr starke emotionale Vorstellung. Aber ich rede bei der Probenarbeit nicht von Sonnenaufgängen oder Liebesnächten. Man darf nicht vergessen, dass man hier ja vor Musikern sitzt, die auf höchstem Niveau agieren und dazu hochgebildete Menschen sind, denen man auch nicht die emotionalen Bezüge der Musik erklären muss. Natürlich versuche ich, wenn einmal absolut nicht der Klang zustande kommt, den ich gerne hätte, auf das Vermitteln durch sprachliche Bilder zurück zu greifen

Copyright Jürgen Olczyk

Wie offen stehen Sie Musikformen jenseits der Klassik gegenüber? Nicht zuletzt in Ihrer Funktion als Orchesterchef müssen Sie sich jetzt sicher auch vermehrt den Problematiken Publikumsüberalterung und Hörerakquisition stellen.

Ich halte Musik für unteilbar, man kann sie nicht trennen. Ob eine Mutter irgendwo auf der Welt ihrem Säugling eine Melodie vorsummt oder ob in den Anden ein Hirtenjunge auf der Flöte seinen Schafen etwas vorspielt und ob fast dieselbe Melodie dann plötzlich in einer Mahler-Sinfonie oder einem wunderbarem Jazz-Konzert oder einem Hip-Hop Song wieder auftaucht, all dies sind Musikformen, die ich sehr ernstnehme. Musik ist für mein Dafürhalten so vielfältig, dass ich kein Genre ausschließen möchte. Natürlich gibt es innerhalb der Genres bessere und schlechtere Musik, aber darin sind sie sich alle auch wieder gleich.

Denken Sie, dass eine Genrevermischung zukünftig nötig sein wird, um junge Menschen für das klassische Konzertereignis wieder zu interessieren?

Wir müssen absolut offen sein für alle denkbaren Möglichkeiten und Variationen. Sicher sind wir nicht in der Lage, das auszugleichen, was man in seiner Kindheit verpasst hat, wenn man komplett ohne klassische Musik aufgewachsen ist. Doch sind wir alle auf der Suche, nach Wegen, um jüngere Menschen für das zu interessieren, was wir dort vorne auf dem Podium machen. Veränderungen an der Darreichungsform gehören ebenso dazu. wie spannende Mischformen, wie sie beispielsweise die Stuttgarter Kollegen jüngst mit den Söhnen Mannheims gemeinsam machten.

Haben Sie sich mit Ihrem Vorgänger Günter Herbig über die Besonderheiten des Saarbrücker Klangkörpers ausgetauscht?

Wir haben in der Tat über diese Dinge gesprochen. Es war ein wirklich angenehmer und freundlicher Übergang, was nicht selbstverständlich ist. Ein solcher Wechsel ist immer eine sensible Angelegenheit, die auch von Seiten eines Orchesters klare Schnitte erfordert. Er hat mir sehr offen und kollegial von seinen Erfahrungen hier berichtet und mir auch ein paar Sachen ans Herz gelegt. Ich freue mich wirklich sehr, dass er schon in der kommenden Spielzeit mit Richard Strauss’ Alpensinfonie als Gastdirigent wieder ans Pult zurückkehrt.

Ein Blick auf Ihre kommenden Projekte ließe den Schluss zu, dass Sie sich als Dirigent vor allem auf den deutschsprachigen Raum konzentrieren.

Nein, ein solcher Eindruck würde täuschen. Ich war gerade in Montreal und in Sao Paulo, mache immer wieder Projekte mit dem Orchester der RAI in Turin, bei der Amsterdam Sinfonietta ebenso, wie bei einigen anderen Orchestern, z.B. auch in Japan. Dass ich in der nächsten Spielzeit überproportional viel hier in Saarbrücken und Kaiserslautern sein werde, ist eine bewusste Entscheidung gewesen für die erste gemeinsame Saison.

Die Auswahl der Gastsolisten in der kommenden Spielzeit trägt aus meiner Sicht sehr deutlich Ihre Handschrift...

Es ist interessant, dass Sie das sagen, weil unsere Solisten durchaus alle für eine bestimmte Art des Musizierens stehen. Es ist nicht so, dass sie eingeladen werden weil ich sie kenne. Aber mich interessiert besonders der jugendliche Geist der Interpreten, den es ja in allen Generationen gibt. Eine kammermusikalische, eine kommunikative Haltung ist mir enorm wichtig. Dabei erinnere ich mich zum Beispiel durchaus mit Melancholie an Mstislaw Rostropowitsch, mit dem wir gemeinsam mit dem Münchener Kammerorchester oft zusammen gespielt haben. Es war eine unglaublich intensive Beziehung beispielsweise bei einem Haydn-Konzert, das er ja schon tausendfach gespielt hatte. Aber ich habe selten einen Künstler erleben dürfen, der so lebendig und wach auf Orchester und Dirigent reagierte.

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Inwieweit haben Sie im Musiktheater Erfahrungen sammeln dürfen?

Nun, ich habe Oper machen können, jedoch bisher nicht allzu intensiv. In Innsbruck habe ich Mozarts Titus und die Zauberflöte dirigieren können, in Antwerpen gab es Händels Ariodante unter meiner Leitung, Kammeropern, vor allem zeitgenössischer Art, waren auch dabei, und in Frankfurt an der Oper werde ich demnächst die Perlenfischer in einer konzertanten Aufführung dirigieren. Aber es ist sicher ein Bereich, der durchaus umfangreicher werden darf. Ich liebe die Oper. Es gibt diese etwas skurrile aber wahre Geschichte. Ich saß als Student oft in der Kölner Oper, die damals eine große Zeit erlebte. Margaret Price war als Fiordiligi engagiert und ich weiß noch, wie ich im zweiten Akt während einer ihrer Arien mir ernsthaft wünschte, ich würde schnellstmöglich sterben, um als Sängerin wiedergeboren zu werden. Eine Affinität zu Musiktheater war bei mir sehr früh ausgeprägt. Dass ich diese aufgrund des Streichquartettes nicht aktiv verfolgen konnte, ist ein anderes Thema. Das kann sich jetzt ja in naher Zukunft noch ändern.

Bleibt bei all Ihren Aufgaben ausreichend Zeit für die Familie?

Es ist in der Tat ein sehr schmaler Grad, auf dem wir uns daheim bewegen. Aber bisher haben wir alle Herausforderungen sehr gut lösen können. Meine Frau, die eine sehr gefragte Sängerin ist, ist genau soviel unterwegs wie ich. Unsere beiden kleinen Kinder sind es von Beginn an gewohnt, dass beide Eltern auch mal für ein oder zwei Wochen gar nicht zu Hause sind. Dafür haben wir beide aber auch immer wieder sehr intensive gemeinsame Zeiten mit den Kindern.

Treten Ihre Kinder bereits in die elterlichen Fußstapfen?

Unsere beiden Jungs sind sechs und vier Jahre. Der Ältere hat sich jetzt tatsächlich dafür entschieden, Kontrabass zu lernen (zieht die Augenbrauen hoch). Es gibt neu entwickelte Kinderbässe, also ein Instrument, das von der Größe für einen Sechsjährigen spielbar ist. Er ist damit absolut glücklich und darf jetzt, wo er sechs geworden ist, endlich auch im Kinderchor singen. Und der Jüngste möchte Cello lernen. Beide brauchen nicht in die Musik zu gehen, dürfen es aber sehr gerne, wenn sie es denn selbst wollen.

Das Gespräch führte Frank Bayer.
(09/2007)

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