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Montag, 29. Mai 2017

Sergey Khachatryan - mehr als ein Talent

"Ein Wunderkind bin ich nie gewesen!"


Nicht selten liest und hört man von Wunderkindern mit außergewöhnlichem Talent, die nach einer Debüt-CD und der dazugehörigen Konzerttournee schnell wieder in der anonymen Masse zahlloser Geigenvirtuosen versinken. Bei Sergey Khachatryan steht ein solches Schicksal nicht zu befürchten. Nicht nur ist der gebürtige Armenier behutsam von den Eltern und seinen Lehrern aufgebaut worden und trotz vieler Erfolge auch von Enttäuschungen nicht verschont geblieben. Seine einnehmende Persönlichkeit als Mensch und Musiker wird entscheidend dabei behilflich sein, den jungen Künstler -als solcher muss er zweifelsohne gelten - als feste Größe in der Musikwelt zu verankern. klassik.com traf den 21-Jährigen zwischen Probe und Konzert in einer überheizten Garderobe der Alten Oper Frankfurt.

Frankfurt am Main an einem kalten, verregneten Novembertag. In der Alten Oper probt Eliahu Inbal mit dem Orchester des Hessischen Rundfunks für die abendlich anberaumte Aufführung von Dimitri Schostakowitschs erstem Violinkonzert. Soloist ist der 21jährige Geiger Sergej Khachatryan. Man sagt, er sei eines der großen Talente unserer Tage; Gewinner bedeutender Wettbewerbe und auf dem Weg nach ganz oben.

Interessantes spielt sich ab auf dem Podium in dieser Generalprobe: Inbal unterbricht das Geschehen auffällig oft, korrigiert und richtet seinen Orchesterapparat, versucht letzte Effekte aus der Partitur herauszumeißeln. Khachatryan lässt all dies mit unendlicher Geduld geschehen, spielt seinen Part, soweit man ihn lässt, mit großer Hingabe, enormer emotionaler Tiefe. Und am Ende, immer dann, wenn Maestro Inbal glaubt, mit dem Stück fertig zu sein, die Musiker dem Solisten respektvoll applaudieren, hat dieser noch Wünsche, möchte er bestimmte Passagen vom Orchester mit anderem Klang vorgetragen haben, sind ihm Übergänge nicht schlüssig genug, sollen Abschnitte dialogischer sein. Dieses für Außenstehende äußerst amüsante und dem Dirigenten offenkundig unangenehme Prozedere ist Ausdruck eines kleinen ‚Clash of Ideas’ - also eines Kampfes der Musizierauffassungen. Ein Vorgang, der sich im abendlichen Konzert, wenn auch ohne Unterbechungen, wiederholte.

Die Erschöpfung steht dem jungen Solisten deutlich ins Gesicht geschrieben, als ich ihn im Anschluss an die Probe in seiner Garderobe aufsuche. Wirklich glücklich mag er nicht ausschauen. Auch wenn er auf dem Podium - ganz Profi - sich äußerlich nichts anmerken ließ, so merkt man hier deutlich, dass es in ihm rumort. Dabei ist dieses Erlebnis für Khachatryan durchaus ein altbekanntes; oft haben er und die Dirigenten differierende Auffassungen zu Werken, die sie am Ende gemeinsam vortragen sollen. Etwas nachdenklich bemerkt der junge Geiger: ‚Manchmal habe ich das Gefühl, in der falschen Zeit zu leben. Die Dirigenten, die ich am meisten verehre, deren Musizierweise ich am meisten schätze, sind leider fast alle schon tot.’ Vor allem mit Evgeny Mravinsky hätte er gerne einmal zusammen gearbeitet. Dessen Schostakowitsch-Interpretationen haben den jungen Musiker schon früh fasziniert.

Überhaupt zählt Dimitri Schostakowitsch zu seinen Lieblingskomponisten, wenn man in seinem Beruf solche haben darf. Er fühle sich mit ihm durchaus seelenverwandt. Speziell die beiden Violinkonzerte liegen Sergey Khachatryan am Herzen, da sich in ihnen seiner Auffassung nach alles äußert, was den russischen Komponisten auszeichnet. So ist das viel zu selten aufgeführte zweite Violinkonzert op. 129 in seinen Augen ‚...wie ein Bouquet, wie ein großer Blumenstrauß der musikalischen Sprache Schostakowitschs.’ Und das Nocturne des ersten Violinkonzerts spricht dem jungen Geiger direkt aus dem Herzen, drückt das aus, was ihm als musizierenden Menschen auf der Seele brennt. Dabei wirkt es keinesfalls kitschig oder weltentrückt, wenn der 21-Jährige dies in großer Ernsthaftigkeit ausführt. Ob diese Schostakowitsch-Affinität in seinen armenischen Wurzeln begründet liegen könne, möchte ich wissen: ‚Das kann gut sein. Wir Armenier sind ja - ähnlich wie die Russen - ein emotionales und doch auch sehr melancholisches Volk. So eine Art Italiener der Schwarzmeer-Region.’

Copyright Philippe Gontier Geboren wurde Sergey Khachatryan 1985 in Armeniens Hauptstadt Eriwan als Sohn einer Musikerfamilie. Mutter und Vater sind professionelle Pianisten, und auch die Schwester spielt Klavier. ‚Da wollte ich nicht auch noch ein Tasteninstrument lernen und habe mich für die Geige entschieden’, bemerkt Khachatryan ganz offen. Sechs Jahre war er alt, als er den ersten Violinunterricht an der Sayat Nova-Musikschule in Eriwan erhielt. Dass er ein besonderes Talent hatte, erkannte der Vater ebenso schnell wie sein dortiger Lehrer. Als 1993 die Familie nach Deutschland übersiedelte, begann eine lange und aufwendige Suche nach einem geeigneten Lehrer für Sergey, die zunächst in Würzburg endete. An der dortigen Musikhochschule wurde Khachatryan als Vorstudent in der Klasse von Prof. Grigory Zhislin unterrichtet. Doch sollte Würzburg nur eine Durchlaufstation für das junge Talent sein. ‚Wir, also mein Vater und ich, sind damals sehr viel mit dem Auto durch Deutschland gefahren und haben verschiedenen Lehrer für mich ausprobiert. Sogar bis nach Wien sind wir gereist.’ Schlussendlich wurde er 1996 Schüler von Prof. Josef Rissin an der Karlsruher Musikhochschule, wo er noch heute studiert. Rissin, der zweifelsohne zu den großen Geigenvirtuosen unserer Zeit zu zählen ist, hat Khachatryan entscheidend geprägt und geformt. ‚Ihm verdanke ich ganz wesentlich, dass ich es geschafft habe. Er war es, der mir in den richtigen Momenten die nötige Stärke gegeben und auch die angemessene Strenge entgegengebracht hat, um aus mir einen Solisten zu formen.’

Doch soll man nicht glauben, der Weg zum hochdekorierten, international gefragten Violinsolisten sei ein leichter gewesen. Khachatryan betont immer wieder, dass er sich keinesfalls als Wunderkind sieht. Auch wenn technische Schwierigkeiten für ihn sehr selten zu Problemen wurden, ist vor allem seine Entwicklung zu einer Künstlerpersönlichkeit das Ergebnis harter Arbeit. Immer wieder bemerkt er im Gespräch, wie schwer es für die Familie und speziell ihn selbst war, in Deutschland Fuß zu fassen. Das Gymnasium besuchte Sergey in Frankfurt/Main, wo seine Familie bis heute wohnt und der Vater als Klavierdozent wirkt. Im Musik- und Konzertleben der frühen Jahre hatte die Familie jedoch keine Lobby. Auch die große russische Gemeinschaft in Frankfurt war nur bedingt eine Hilfe. Nach Auflösung der alten Sowjetunion war die gemeinsame Vergangenheit nicht auch automatisch eine gemeinsame Gegenwart oder gar Zukunft. Viel verdankt Sergey Khachatryan seinen Eltern, die in dieser Zeit unermüdlich an den Erfolg ihres Sohnes geglaubt haben und ihre ganze Kraft in die Förderung der Kinder investierten. Nur zu gut erinnert er sich an die ersten solistischen Konzertauftritte in Deutschland. Das Kurhaus in Wiesbaden, ein Ort, an dem Khachatryan in den Folgejahren immer wieder spielte, bot dem damals Neunjährigen ein Podium, wo er Bachs a-Moll Konzert vortrug. ‚Meine Schwester und ich spielten dort immer wieder, und wir tourten auch viel durch kleinere Städte, spielten in Stadthallen und kleinen Sälen,’ erinnert sich Khachatryan nicht ohne ein Schmunzeln.

Heute hat er die kleinen Säle hinter sich gelassen und gegen die großen Musentempel eingetauscht. Die Carnegie Hall in New York, die Londoner Wigmore Hall, das Brüsseler Palais des Beaux Arts oder die Hamburger Musikhalle gehören derzeit zu seinen bevorzugten Aufführungsstätten. Nach dem Gewinn des ersten Preises beim Jean-Sibelius-Wettbewerb in Helsinki im Jahr 2000 begann die internationale Musikszene, auf den Geiger aufmerksam zu werden. Schließlich war er mit 16 Jahren der jüngste Sieger dieses bedeutenden Violinwettbewerbs. Hierauf folgte seine Aufnahme als Stipendiat in die ‚Anne-Sophie-Mutter-Stiftung’, die Khachatryan auch das gemeinsame Musizieren und Konzertieren mit der Stiftungsgründerin und Namensgeberin ermöglichte. Noch im gleichen Jahr gewann er den ersten Preis beim Internationalen ‚Ludwig Spohr’ Wettbewerb in Freiburg i.B. und den 2. Preis beim Internationalen Violinwettbewerb in Indianapolis. Frühzeitig bewies er sein großes Talent auf internationalem Boden und fand Anerkennung - eine Entwicklung, von der Khachatryan erstaunlich unaufgeregt erzählt. Den Preisen misst er offenkundig nicht überbordende Bedeutung bei. Das mag auch daran liegen, dass sich die Konzertangebote in der Folgezeit in Grenzen hielten; ihm die Konzertagenten also keinesfalls die stets offene Tür einrannten.

Copyright Philippe Gontier Zuerst entdeckte ihn die englische Orchesterlandschaft, wo er mit bedeutenden Klangkörpern wie dem Royal Philharmonic Orchestra, dem City of Birmingham Symphony Orchestra oder dem BBC Philharmonic in London zusammenarbeitete - Partnerschaften, die sich bis in die Gegewart hinein erhalten haben. Daher verwundert es auch nicht, dass Khachatryan meint: ‚Ich arbeite sehr gern mit den englischen und amerikanischen Orchestern zusammen. Und das nicht nur, weil ich vorwiegend hierher Einladungen bekommen habe.’

Dass er im deutschen Raum bislang relativ selten mit Orchesterbegleitung zu erleben war, erscheint unverständlich. Umso wichtiger ist jenes Konzert mit dem Orchester des Hessischen Rundfunks an diesem Novemberabend, ist es doch das erste in einer Reihe von Verpflichtungen, die ihn in der laufenden Spielzeit noch zum Rundfunk Sinfonieorchester Berlin, dem Gewandhausorchester Leipzig und den Münchner Philharmonikern führen werden. Der entscheidende Auslöser für das plötzliche Interesse in Deutschland am vielleicht vielversprechendsden Geiger der jungen Generation hierzulande dürfte im Frühsommer des Jahres 2005 zu finden sein. Da gewann Sergey Khachatryan nämlich den wohl weltweit bedeutendsden Violinwettbewerb: den Königin-Elisabeth-Wettbewerb in Brüssel. Das brachte dem jungen Künstler nicht nur den endgültigen internationalen Durchbruch, sondern auch ein außergewöhnliches Intrument: Die ‚Huggins’ Stradivari aus dem Jahr 1708 - eine Leihgabe der Nippon Music Foundation.

Ein ganz besonderes Intrument für einen ganz besonderen Künstler, der durchaus damit umzugehen versteht. Und wenn man den jungen Mann hier in seiner Garderobe nach einer aufreibenden Generalprobe im Gespräch gegenübersitzt und erlebt, mit welch Ernsthaftigkeit, mit welcher Reife und ehrlichem Respek und Demut vor seinem Beruf und dem Werk anderer er sein Handwerk angeht, mag man nur schwer glauben, es mit einem 21-Jährigen zu tun zu haben. Seine Eltern, die während unseres Gesrpächs vor der Garderobe warten und unserer Einladung, sich dazu zu setzen, auf keinen Fall folgen wollten, sind für den jungen Geiger stets die wichtigstens Bezugspersonen gewesen. Sie begleiten ihn so oft es geht zu seinen Konzerten, sind verlässliche Berater und geben immer wieder richtungsweisende Tipps, wenn es darum geht, seine Karriere gezielt und erfolgreich weiter zugestalten. Nicht von ungefähr benennt Khachatryan seinen Vater als die für ihn musikalisch prägendste Figur. Doch spielt auch seine Schwester eine Rolle in seinem Konzertleben. Die geringfügig ältere Lusine Khachatryan begleitet den Bruder immer wieder bei seinen Kammermusikabenden am Klavier. Gemeinsam bestreiten sie einen wichtigen Teil der jährlich gut 60 Konzerte.

Copyright Philippe Gontier Seit vielen Jahren schon ist Sergey Khachatryan deutscher Staatsbürger, besitzt einen deutschen Pass. Mit 7 Jahren kam er nach Deutschland; die Familie suchte bessere Arbeitsbedingungen, um als Musiker erfolgreich zu sein, und fand sie auch. Auf die Frage, ob er sich mehr als Deutscher oder als Armenier fühle, gib er grundehrlich und unumwunden Antwort: Er ist und bleibt Armenier. ‚Ich bin kein sonderlich politischer Mensch, jedoch ein sehr patriotischer. Ich habe Deutschland sehr viel zu verdanken, dessen bin ich mir bewusst. Viele meiner Freunde sind gänzlich assimiliert, fühlen und leben deutsch. Wenn ich ehrlich bin, ist mir vieles hier jedoch fremd geblieben. Meiner Familie sieht das etwas anders, aber ich fühle mich Armenien sehr stark verbunden - seiner Geschichte, seiner Musik, seinen Menschen. Meine Großeltern leben nach wie vor in Eriwan, und es ist mir enorm wichtig, jedes Jahr dorthin zu fliegen und vor Ort für die Leute, für mein Volk zu spielen.’ Dies sagt er mit solch ehrlicher Überzeugung und glühender Erregung, dass man jedes Wort unbezweifelt glaubt.

Es ist diese Aufrichtigkeit Sergey Khachatryans, die auch sein Violinspiel im Konzert des gleichen Tages auszeichnet. Das ausverkaufte Auditorium - vornehmlich bestehend aus Frankfurter Jugendlichen und Schülern - sitzt gebannt auf den Stuhlkanten. Viele der jungen Besucher erleben hier wohl zum ersten mal in ihrem Leben ein Violinkonzert von Dimitri Schostakowitsch - und sie werden diesen Abend sicher nicht so schnell vergessen, denn die Bedeutungstiefe, die uneitle Musikalität dieses jungen Geigers, der noch einer von ihnen ist, fesselt und berührt auf eine unkontrollierbare Art, die man als außergewöhnlich bezeichnen muss. Dass er sich in seiner interpretatorischen Auffassung auch durch den differierenden Musizieransatz des Dirigenten nie aus dem Konzept bringen läßt, ist Beweis einer beeindruckenden Reife.

Wir werden noch viel von ihm hören - von Sergey Khachatryan, der beim Verlassen des Hauses mich noch eben fragt, ob ich wüsste, welche Scheine ihm denn zum Abschluss seines Master-Studiums an der Karlsruher Musikhohschule noch fehlen. Er sei derzeit nur so selten dort und komme mit den neuen Studiengängen und den geänderten Prüfungsordnungen nicht so zu Rande. ‚Brauchst du denn den Master überhaupt noch?’, frage ich verwundert. ‚Ob ich ihn brauche, weiß ich nicht. Ich möchte ihn aber unbedingt machen. Dann habe ich nicht nur Preise gewonnen, sondern vor allem auch mein Studium abgeschlossen.’

Das Gespräch führte Frank Bayer.
(12/2006)

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