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Donnerstag, 23. Februar 2017

Photo: Marco Borggreve

Die King’s Singers feiern ihren 40ten Geburtstag

Mit Geist, Herz, Bauch und Kopf


Seit mittlerweile vier Jahrzehnten gehören die englischen King"s Singers zu den bedeutendsten Vokalensembles des Kontinents. Innerhalb dieser wechselvollen Jahre mit Änderungen des Ensemblenamens, personellen Umschichtungen und der Erschließung eines weitläufigen Repertoires zwischen Gesualdo und Billy Joel, Orlando di Lasso und diversen Folksongs blieben die King"s Singers dennoch ihrem wesentlichen Merkmal treu: einem exakt balancierten Singen, geprägt von technischer Meisterschaft. klassik.com Autor Tobias Pfleger sprach im württembergischen Stuttgart mit Bariton Philip Lawson und Counter-Tenor Robin Tyson über Klangideale, spanische Vokalmusik und über die Gemeinsamkeiten von Fußballmannschaften und Gesangsformationen.

Die King’s Singers sind wohl das berühmteste A-capella-Ensemble der Welt, das mittlerweile auf eine vierzigjährige Geschichte zurück blicken kann. Wie schafft es ein Ensemble über vier Jahrzehnte so erfolgreich zu sein?

Philip Lawson: Ob wir das berühmteste Ensemble sind, sollten wohl besser andere Leute bestimmen, nicht ich. Ich glaube, eines der Geheimnisse ist die Tatsache, dass wir keinen Ensembleleiter haben. Wenn man zu diesem Ensemble kommt, dann wird man sofort das sechste Mitglied dieser Gruppe und man fühlt sich als Teil von ihr; vermutlich stärker als wenn man in einem Chor singen würde. Und man hat vor allem die Möglichkeit, seine eigenen künstlerischen Ansichten einbringen zu können. Deshalb fühlt man jedes Mal beim Betreten der Bühne, dass man das musikalische Geschehen in der Hand hat. Das gibt einem das Gefühl, wirklich ein Teil des Ensembles zu sein und deswegen auch, über längere Zeit dabei bleiben zu wollen. Deswegen wollten wir die Tradition auch immer weiter führen, als ein Sänger ausschied und ein neuer kam. Wir hatten in diesen vierzig Jahren nur neunzehn verschiedene Sänger!

Copyright Frank Schultze

Glauben Sie, es gibt einen speziellen King’s-Singers-Klang?

Philip Lawson: Ja, den gibt es. Er basiert auf der Fähigkeit, das Individuelle des eigenen Stimmklangs zu opfern und ihn zum Bestandteil eines sechsteiligen Ganzen zu machen. Wenn man etwa die einzelnen Stimmen aus dem Gesamtklang herausschneiden würde, wären sie für sich genommen vielleicht gar nicht so schön, wahrscheinlich recht geradlinig. Wären wir einfach sechs Solisten, die ihre normalen Stimmen verwendeten, dann würde das womöglich ganz ordentlich klingen, aber es wären eben nicht die King’s Singers. Ich glaube, das ist der Schlüssel zu der speziellen Klangmischung. Das erfordert aber natürlich genaues Zuhören: Wir müssen in jedem Augenblick die eigenen Stimme nach dem justieren, was gerade bei den anderen passiert.

Die King’s Singers sind also ein demokratisches Ensemble? Gibt es da auch Spannungen bei sechs Leuten mit eigenen Meinungen zu Klang, Interpretation und Feinabstimmung?

Philip Lawson: Ja, natürlich gibt es da Spannungen. Es wäre unglaublich, wenn es keine gäbe. Aber wir versuchen, die so demokratisch wie möglich zu lösen. Ich glaube, dass unser Ensemble einige ganz interessante Zeiten überlebt hat und immer noch quicklebendig ist. Auch, weil wir anerkennen, dass die Gruppe wichtiger und größer ist als jedes einzelne seiner Mitglieder. Man muss sich immer daran erinnern, dass die Gruppe das Wichtige ist.

Kürzlich ist in Deutschland ein Buch erschienen, in dem es um das Streichquartett geht. Dort heißt es unter anderem, ein Streichquartett sei eine extreme Lebensform. Wie sieht es mit einem Vokalsextett aus?

Philip Lawson: (lacht) Wirklich, eine extreme Lebensform? Das ist eine ziemlich bemerkenswerte Ansicht. Es ist interessant, dass Sie das Streichquartett erwähnen, weil wir unser Ensembleverständnis gerne mit dem Streichquartett vergleichen, weil wir - wie beim Streichquartett - so zu sagen das gleiche Instrument in verschiedenen Größen benutzen, anders etwa als ein Bläserensemble. Aber eine extreme Lebensform? Ich hoffe, ich bin nicht so extrem. Was meint denn die Autorin damit?

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Ich glaube, damit werden die extrem hohen Spannungen zwischen den Mitgliedern umschrieben, die das Ensemble oft an den Abgrund eines Zerwürfnisses führen. Darüber hinaus scheint es in jedem Ensemble, auch in einem ganz demokratischen, so etwas wie einen Spiritus rector und andere Rollen zu geben.

Philip Lawson: Ja, das stimmt. Es ist unmöglich, dass sechs Individuen gleichwertige Positionen einnehmen. Immer treten einige Leute hervor und nehmen bestimmte Sachen in die Hand. Das Wichtige bei einem Ensemble ohne Leiter ist, dass die Ansichten einzelner Mitglieder nicht so wichtig sind wie die Interessen der Gruppe. Aber es ist immer so, dass jemand sich mit einer bestimmten Sache beschäftigt. Bei uns gibt es auch unterschiedliche Rollen. Einer übernimmt die Programmplanung, einer die Finanzen, ein anderer kümmert sich darum, welchen Flieger wir nehmen müssen. Und es gibt die gegenseitige Kontrolle; wenn also jemand seine eigene Meinung zu stark in den Vordergrund stellt, dann wird immer ein anderer sagen: Na, hör mal…! Solche Dinge müssen wir ganz demokratisch regeln. Zumindest denke ich, dass wir es so machen.

Was ist ihre Rolle?

Philip Lawson: Ich habe bisher einige Rollen übernommen. Zuerst habe ich mich ums Geld gekümmert. Das habe ich letztes Jahr an Chris (Christopher Gabbitas, Anm. d. Red.) übergeben. Nun habe ich die Bibliothek des Ensembles bei mir zu Haus und dann werde ich in Zukunft wohl die Programmplanung übernehmen, eine sehr spannende Aufgabe.

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Die King’s Singers haben ein wahnsinnig breites Repertoire. Wie kann man eine so hohe Qualität in all den Repertoirebereichen, von Motetten der Renaissance über romantische Chormusik bis hin zu Beatles-Arrangements, erreichen?

Philip Lawson: Das Geheimnis dabei ist, glaube ich, dass wir nur Stücke auswählen, die uns liegen. Wir singen so ein vielfältiges Repertoire nicht um der Vielfalt willen. Wenn zum Beispiel ein zeitgenössisches Pop-Arrangement nicht richtig gut klappt, dann singen wir es nicht. Wenn wir ein Arrangement bekommen, das gut klappt, dann singen wir das natürlich, aber vermutlich nicht genau so wie es notiert ist; wir verändern viel. Es gibt nur wenige Arrangements, die wir genau so aufführen wie sie geschrieben wurden. So passen wir solche Stücke gewissermaßen unserem Klang und unserer Bühnen-Performance an. Dabei gehen wir immer vom Publikum aus. Was werden die Zuhörer und -schauer wohl denken, wie sie das sehen? Bezüglich des älteren Repertoires muss man aufpassen, in welcher Tonart ein Stück geschrieben ist. Der Umfang jeder einzelnen Stimme muss passen. Ist eine Stimme zu extrem angelegt, führen wir es nicht auf. Es kommt also sehr darauf an, das Repertoire sorgfältig auszuwählen. Ich würde auch nicht behaupten wollen, dass wir alles notwendigerweise authentisch machen. Wir sind beileibe keinen Experten in romantischer Musik. Wir wissen sehr wohl, dass andere Chöre solche Musik ganz anders aufführen als wir. Wir versuchen das Repertoire dem Ensemble anzupassen, nicht das Ensemble der Musik.

Wie gehen Sie etwa mit fünfstimmigen Madrigalen des 17. Jahrhunderts um? Fügen Sie eine weitere Stimme hinzu oder lassen Sie solche Stücke links liegen? Oder bleibt dann einfach ein Sänger draußen?

Philip Lawson: Nein, wir führen solche Stücke schon auf. Manchmal dann nur mit fünf Sängern. Bei einigen Stücken aber auch sechsstimmig; allerdings nicht etwa in der Form, dass wir noch eine sechste Stimme hinzufügen würden, sondern indem wir eine Stimme aufteilen. Zum Beispiel, wenn eine Tenorlinie zu hoch geht. Dann setzen wir alle sechs Sänger ein, und teilen diese Stimme auf zwei Sänger auf. Damit fahren wir ganz gut, und ich glaube, so hätten es die Sänger früher wohl auch gemacht. Wenn die Sänger nur in geringer Zahl zur Verfügung standen, hätten sie wohl auch zu solchen Tricks gegriffen.

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Eine Zeit lang setzten die King’s Singers für die hohen Stimmen aber auch Frauenstimmen ein.

Philip Lawson: Nur sehr kurz. Das wurde so gemacht, weil einer der allerersten Countertenöre schwer erkrankt war und nicht mehr singen konnte. Während sie Ersatz suchten, wurden zwei Frauen engagiert, um bei den Konzerten auszuhelfen. Aber das war nur relativ kurz. Dazu würden wir auch nicht zurückkehren wollen. Nicht aus sexistischen Gründen, sondern weil die Besetzung der hohen Stimmen mit Männern eine lange Tradition in England hat und vor allem, weil es unserem Ensemble diesen charakteristischen Klang gibt. Und den wollen wir auch erhalten. Das ist natürlich auch ein Grund für den Erfolg der King’s Singers, denn niemand hatte klassisch ausgebildete Countertenöre so zu sagen ganz oben singen hören, vor allem nicht in dem leichteren Repertoirebereich, den Folk- und Popsongs. Das zog die Aufmerksamkeit der Medien in England auf sich, und es ist das Besondere an unserem Klang.

Wenn man ein Streichquartett mit einem Streichsextett vergleicht, dann unterscheidet es sich nicht nur darin, dass zwei Stimmen dazu treten, sondern es ist ein ganz anderer musikalischer Satz. Wie ist das bei einem Vokalsextett?

Philip Lawson: Ein Vokalsextett ist in der Tat eine etwas ungewöhnliche Besetzung. Diese Stimmanzahl war aber anfangs eher ein Zufall, denn es waren einfach sechs Leute, die zusammen singen wollten. So haben wir heute diese Stimmaufteilung mit zwei Countertenören, nur einem Tenor, zwei Baritonen und einem Bass. Grundbedingung für die Reichhaltigkeit des unteren Bereichs sind die drei tiefen Stimmen. Das fand das Ensemble von Anfang an gut, denn es bot ein solides Klangfundament für Auftritte in großen Räumen. Das Ohr ist ja normalerweise eher von den oberen Stimmen angezogen. Um dem entgegen zu wirken, haben wir ein starkes Fundament und die oberen beiden Stimmen sitzen recht weich darüber. Deswegen ist es eigentlich gerade nicht so wie bei einem Streichsextett, in dem die oberen beiden Stimmen die Führungsrolle haben. Wir versuchen, das Ganze in einem harmonischen Gleichgewicht zu halten.

Das erinnert mich an manche Dirigenten, die den Klang von unten aufbauen, um eine körperliche Fülle des Klangs zu erzeugen.

Philip Lawson: Wenn wir darüber mit Chören sprechen, benutzen wir dafür das Bild einer Pyramide: unten sehr breit und nach oben hin immer schmaler und leichter.

Ist es für Sie bei der Suche nach neuen Stücken wichtiger, unbekannte Sachen auszugraben oder relativ bekannte Stücke in einem neuen Licht zu präsentieren?

Philip Lawson: Es ist ziemlich schwierig, heute noch Sachen zu finden, die unbekannt sind. Wir sind bei Auswahl älterer Stücke nicht auf Originalität aus. Aber natürlich hoffen wir, dass unser spezieller Klang den Stücken etwas Neuen verleihen kann. Was die Pop-Arrangements angeht, versuchen wir dagegen, Sachen innerhalb der Gruppe zu entwickeln, die also noch nie so zu hören waren.

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Was sind die Besonderheiten der Stücke auf Ihrer neuesten CD. Sie haben dort spanische, portugiesische und mexikanische Stücke aufgenommen.

Philip Lawson.: Das kann am besten Robin beantworten. Die Anregung, das zu machen, kam von Robin. Robin Tyson (der uns mittlerweile Gesellschaft leistet): Im Repertoire der King’s Singers gab es eine Lücke. Wir hatten kaum Kirchenmusik dieser Zeit, dem „Siglo de Oro“, aus Südamerika und der iberischen Halbinsel im Programm. Zuerst fingen wir an, solche Stücke in unseren Konzerten zu singen, zum Beispiel ein Stück von König Johannes IV. von Portugal, „Crux fidelis“. Wir haben Kirchenkonzerte oft mit diesem Stück begonnen. Dieses Stück besteht aus alternierend polyphon gearbeiteten und einstimmigen Abschnitten. Wir begannen dieses Stück im hinteren Teil der Kirche und bewegten uns mit den unterschiedlichen Abschnitten nach vorn. Viele Leute waren sehr bewegt von dieser ganz besonderen Atmosphäre. Dazu kommt, dass diese Musik recht aktuell ist; ziemlich viele Leute beginnen, diese Musik für sich zu entdecken. Wir schauten uns also um und entdeckten eine Menge Musik, die man als Begräbnismusik bezeichnen kann. Wir waren lange Zeit sehr unsicher, ein ganzes Album voller trauriger Musik zu machen. Aber eigentlich ist diese Musik überhaupt nicht trist. Sie ist absolut herrlich und sehr leidenschaftlich. Wir glaubten, dass das Instrument „King’s Singers“ dafür ganz gut geeignet sei.

Wird das spanische Repertoire etwas vernachlässigt im Gegensatz etwa zu italienischer Vokalmusik?

Robin Tyson: Zumindest in England ist es so, dass viele Vokalensembles diese Musik singen. „The Sixteen“ haben zum Beispiel einiges von (Tomás de) Victoria und anderen Komponisten aus diesem Bereich im Programm, und dann gibt es da noch ein Ensemble in Birmingham, das recht viel in diesem Repertoirebereich aufstöbert. Ich glaube nicht, dass diese Musik vernachlässigt wird.

Ist die Art des Singens bei Popsongs im Gegensatz dazu sehr unterschiedlich?

Robin Tyson: Nicht unbedingt. Wir haben eine weit gefächerte Farbgebung, die uns in jedem Stück zur Verfügung steht. Da kommt es nicht darauf an, aus welchem Land die Musik stammt. Es kann schon sein, dass wir etwa in spanischer Musik eine bestimmte Art von Klangfärbung öfter verwenden als in anderer, aber wir versuchen stets, jedes Stück mit einem ganz offenen Geist anzugehen. Wir versuchen immer, so zu sagen Geist, Herz, Bauch und Kopf einzubringen, so wie eine dreidimensionale Palette, die wir nutzen können, ja, ich würde sogar sagen: die wir entwickelt haben. Denn im Gründungsjahr 1968 war es nicht so. Erst durch die unterschiedlichen Ensemblemitglieder und die Arrangements, die für dieses Ensemble entstanden, hat sich ein bestimmter Klang herausgebildet. Diese Palette wurde nach und nach entdeckt und mittlerweile ist sie fest in uns verankert. Gleichzeitig können wir das auch in einer Reihe von Kursen weiter geben. Das zwingt uns dazu, die eigenen Erfahrungen zu verbalisieren und die anderen Ensembles dazu zu bringen, mit ihrer eigenen Ausdruckspalette zu experimentieren.

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Was ist das Besondere daran, ein Stück mit einem Sänger pro Stimme zu singen im Gegensatz zu einem Kammerchor, außer vielleicht der damit erreichten Transparenz?

Philip Lawson: Zuerst einmal macht es große Freude, wenn man allein für eine Stimme verantwortlich ist. Ich erinnere mich an meine Zeit im Salisbury Cathedral Choir; dort sang ich bis ich diesem Ensemble beigetreten bin. Auch dort war die Verteilung der Stimmen mit einem Sänger pro Stimme auf jeder Seite, anders als in vielen anderen Londoner Chören, in denen immer mehrere Personen pro Stimme besetzt waren. Als einziger Sänger pro Stimme hat man viel mehr Kontrolle über das, was passiert, man muss sich viel mehr mit anderen abstimmen, zum Beispiel wie man eine Phrase gestaltet. Das erhöht die Flexibilität, weil man direkt auf das reagieren kann, was um einen herum passiert, vorausgesetzt man ist flexibel und musikalisch genug. Und das sind die Sänger in unserem Ensemble. Es bedeutet, dass man beinahe instinktiv und sofort auf die anderen reagiert; etwas, über das man nicht nachdenken muss, weil die eigene Stimme wie ein exakt platziertes Teil in einem Puzzle sitzt. Ich glaube, das ist in etwa wie Profifußballspieler agieren, die eine solch erstaunliche Kontrolle über ihre Muskeln haben, dass sie nicht darüber nachdenken müssen, welche einzelnen Muskeln sie anzuspannen haben, um einen Pass perfekt zu schlagen. Das scheint dem ganz ähnlich zu sein, was wir tun. Es wird Teil der eigenen Persönlichkeit, sich genau in diesen Zusammenhang einzupassen. Aber das ist nur möglich mit einem Sänger pro Stimme.

War es für Sie, Robin, schwierig, die eigene Stimme mit dem Gesamtklang der restlichen Sänger abzustimmen?

Robin Tyson: Etwas anderes war schwieriger, zumindest für mich persönlich. Ich kam ursprünglich aus der Welt des Sologesangs. Deshalb war meine Stimme viel lauter als die der anderen King’s Singers. Es brauchte einige Zeit, um mich da richtig wohl zu fühlen. Das ist wie ein nochmaliges Studium.

Was ist Ihr Lieblingsstück auf der neuen CD?

Philip Lawson: Mein Lieblingsstück ist das „Versa est in luctum“ von Alonso Lobo, das ich bisher nicht kannte. Ich begann mit diesem Aufnahmeprojekt, ohne das Stück zu kennen. Robin konnte das kaum glauben. Er sagte: Du wirst das Stück lieben. Und jetzt ist es fast mein Lieblingsstück im geistlichen Repertoire. Das ist ein absolutes Meisterstück. Wenn es das einzige Stück wäre, das ich meinem Leben geschrieben hätte, wäre ich glücklich.

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Was ist Ihr Lieblingsstück, Robin?

Robin Tyson: Ich kannte das zum Beispiel schon sehr gut. Dieser Sinn für Harmonik der beiden Stücke von Melgas (von dem zwei kleine Stücke auf der CD sind) fühlte ich mich an Gesualdo erinnert, aber auch an Bruckner. Diese Harmonik ist einfach unglaublich. Ich mag diese zwei kleinen Stücke, die aber ganz schön schwer zu singen sind. Ich mag auch sehr wie gut die „Lamentantionen“ auf der Aufnahme wirken. Ich liebe die Farben, die auch durch die instrumentale Begleitung entstehen. Bei diesem Stück spielt ein Bajón (Vorläufer des Fagotts, Anm. d. Red.) mit, das einige interessante Kniffligkeiten verursachte. Die Abstimmung mit dem, was wir singen, war manchmal gar nicht so einfach. Denn die Unterschiede, die man da allein mit veränderter Lippenspannung hinbekommt, sind wahnsinnig stark. Das „Versa est in luctum“, von dem mehrere Vertonungen auf der Einspielung zu hören sind, besonders das von Lobo, ist ein absolutes Meisterstück. Ganz besonders mag ich die Version von „Versa est in luctum“ von Pedilla (Juan Gutiérrez de Padilla, Anm. d. Red.), vor allem dessen mexikanische Note. Das Stück von Pedilla ist einer der Höhepunkte des Albums. Und dann natürlich noch die Version von Victoria, in der es richtig schöne Momente gibt. Auf diesem Album gibt es eine ganze Menge, was für das Ensemble neu war. Aber es ist ja auch das Ziel von Aufnahmen, unser Konzertrepertoire wieder aufzufrischen. Es war sehr aufregend, Musik zum Leben zu erwecken, die auf dem Notenpaper wie ganz gewöhnliche Kirchenmusik aussieht. Davon ist sie aber meilenweit entfernt. Das machte uns allen sehr Spaß, von einigen Sachen wurden wir richtige Fans. Bei den „Lamentationen“ von Lobo gingen wir ein ziemlich großes Risiko ein, denn wir hatten das Stück nicht oft aufgeführt, ehe wir es aufnahmen. Aber ich glaube, wir haben das ganz gut hingekommen.

Das Gespräch führte Dr. Tobias Pfleger.
(04/2008)

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