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Dienstag, 28. März 2017

Photo: Marco Borggreve

Ein Gespräch mit dem Trio Wanderer über Romantik und Zusammenklang

"Es geht um das Hinhören"


Das Trio Wanderer gilt als das französischste Klaviertrio unserer Tage. Große internationale Wettbewerbe markieren seinen Aufstieg. Tourneen führen es um die ganze Welt. Auch auf dem Plattenmarkt gilt das Trio als eine der Spitzenformationen der Kammermusik. klassik.com Autor Miquel Cabruja traf die drei Musiker vor einem Konzert im sonnigen Nordkirchen.

Das Münsterland steht nicht nur für Erdverbundenheit, große Geschichte, schmucke Städte und verträumte Bauernhöfe. Unweit von Coesfeld sieht es aus wie in Versailles. Dort baute Johann Conrad Schlaun den Herren von Morrien das Schloss Nordkirchen: ein Juwel des westfälischen Barock, das durchaus an das Schloss des Sonnenkönigs erinnert. Ein Ort wie geschaffen für das französische Trio Wanderer, das in seiner Heimat oft für deutsch gehalten wird.

Routine und Arbeitsteilung

„Beeindruckend“ staunt Vincent Coq, als er aus dem Auto aussteigt und sich im Schlosshof umschaut. Ein wenig erschöpft sieht der Pianist des Trios nach der langen Anreise aus. Mit dem Thalys aus Paris bis nach Köln und dann noch 90 Minuten Fahrt bis nach Nordkirchen - Alltag für das Trio. Marc Phillips-Varjabédian (Geige) und Raphaël Pidoux (Violoncello) tragen ihre Instrumente in das kleine Nebengebäude des Schlosses, in dem das Konzert stattfinden soll. Das sieht nach Routine und Arbeitsteilung aus. Die beiden Streicher packen die Instrumente aus, der Pianist schaut nach dem Rechten im Konzertsaal, rückt die Notenständer an die richtige Stelle und prüft die Akustik. „Heute morgen waren wir noch in Chantilly. Da haben wir auch in einem Schloss gespielt“, meint Coq, der trotz der langen Fahrt offensichtlich bei bester Laune ist.

Nicht mehr das, was es einmal war

Neben europäischen Schlössern bereist das Trio oft auch Japan, Kanada und Amerika. Der Alte Kontinent bleibt jedoch der Mittelpunkt seiner Aktivitäten: „Das hat etwas damit zu tun, dass Europa immer noch die Wiege und das Zentrum der klassischen Musik ist“, erklärt Pidoux, der sich am bedächtigsten von allen dreien äußert. „In Japan gibt es ein großes Interesse an klassischer Musik und auch Brasilien ist sehr aktiv auf diesem Gebiet. Im übrigen Südamerika ist es jedoch schon ökonomisch und organisatorisch nicht möglich, ein geregeltes Konzertleben aufrechtzuerhalten. Aber auch in Nordamerika wird es komplizierter. Das liegt an der Kulturpolitik der Vereinigten Staaten, die sich mit ihren Gewerkschaften gegen Künstler aus dem Ausland sperrt und seit langem die Musik nicht mehr auf der Prioritätenliste der Gesellschaft hat“, meint Pidoux weiter. „Das ist nicht erst seit Bush so“, wirft Coq ein. „Der ist zwar fatal, führt aber auf dem Kultursektor eine Richtung weiter, die schon in der Ära Clinton begonnen hat. Das Musikleben in den Staaten ist nicht mehr das, was es einmal in den Sechzigerjahren war. Sicher, in Europa gibt es auch Probleme, aber das ist etwas völlig anderes.“

Mit der Partitur im Saal

Deutschland hat für das Trio eine besondere Bedeutung. Coq ist sich sicher: „In Deutschland gibt es ein großes Publikum von Connaisseurs für die Kammermusik. Die Konzertbesucher sitzen oft sogar mit der Partitur im Saal.“ Und Pidoux ergänzt: „Das bedeutet auch, dass das Publikum klare Ansprüche und genaue Vorstellungen hat. Letztens haben wir in München eine Uraufführung von Montovani gespielt und sind ausgepfiffen worden. Wir waren zunächst geschockt, haben dann aber schnell verstanden, dass es nicht um uns ging, sondern um die Musik. Das Publikum hat die Komposition abgelehnt. Es war nicht gerade wie beim Sacre du Printemps, geprügelt hat sich niemand (lacht), aber es hat gezeigt, dass das Publikum mitdenkt. Es ist gut, dass es Reaktionen gibt.“

Copyright Marco Borggreve

Der Romantik nahe

Die Moderne ist nicht das Steckenpferd der drei Musiker. Phillips-Varjabédian erläutert: „Die moderne Musik ist ein oftmals unbefriedigendes Feld für uns. Man hat den Eindruck, dass moderne Komponisten irgendwie gefangen sind. Sie wissen offenbar oft nicht, was sie tun sollen: Sollten sie wieder tonal, vielleicht sogar romantisch schreiben? Oder doch lieber atonal? Ist ein Anschluss an den Serialismus der Weg? Oder was? Das ist wenig fruchtbar.“ Das Trio Wanderer ist im 19. Jahrhundert zuhause. Es ist die Zeit, in der das Klaviertrio seine Blüte erlebte, obwohl man auch damals die strukturellen Probleme erkannte, die sich aus der Kombination des klanggewaltigen Klaviers mit zwei Streichinstrumenten ergibt. Dafür, dass trotzdem viele Komponisten sich in jener Epoche dem Klaviertrio zuwandten, hat Coq eine einfache Erklärung: „Im 19. Jahrhundert waren sehr viele Komponisten gute Solisten am Klavier. Mit ihren Klaviertrios schrieben sie sich selbst Konzertliteratur, mit der sie sich in der Öffentlichkeit als brillante Pianisten zeigen konnten. Beethoven ist dafür das beste Beispiel. Im 20. Jahrhundert war das anders. Der geschlossene Klang des Quartetts, der auch etwas trockenes, intellektuelles hat, erschien bedeutenden Komponisten wie Bartók, Strawinsky oder Schönberg am besten dazu geeignet, ihre kammermusikalischen Ideen weiterzuentwickeln. Ravel hat einmal gesagt, dass er Schwierigkeiten habe, für Trio zu komponieren. Dabei ist sein Trio ein Meisterwerk.“ Phillips-Varjabédian fügt hinzu: „Die schönsten Werke für Trio sind im 19. Jahrhundert entstanden. Die Klangpalette des Klaviertrios ist einfach romantisch. Und das liegt vor allem an der bestimmenden Rolle des Klaviers.“

Hommage an die deutsche Romantik

Was läge bei dieser Liebe zur Romantik für das Trio näher, als sich einen deutschen Namen zu wählen? Als die drei Musiker 1987 zusammenfanden, machten sie sich in einem Pariser Café auf die Suche nach einem Namen: „Trio Wanderer - das hat natürlich etwas mit der Wandererphantasie zu tun“, erläutert Pidoux. „Es ist eine Hommage an Schubert und die deutsche Romantik. Schließlich sind 80 Prozent des Repertoires deutsch: Haydn, Schumann, Mendelssohn. Und Beethoven ist wie in so vielen Bereichen der Musik der absolute Bezugpunkt des Klaviertrios. Er hat ein unglaubliches Gespür für das Gleichgewicht gehabt und damit die besten Werke für Trio geschrieben. Da war es nur logisch, einen deutschen Namen zu wählen. Darüber hinaus ist Wanderer ein Begriff, der den Musiker an sich wunderbar beschreibt. Das Leben des Musikers ist Bewegung, eine ewige Suche nach sich selbst. Nicht zuletzt ist der Wanderer auch ein Topos der deutschen Philosophie des 19. Jahrhunderts.“

Seitensprünge

Das Trio Wanderer hat bei Jean-Claude Pennetier, Jean Hubeau, Menahem Pressler vom Beaux-Arts Trio und den Mitgliedern des Quatuor Amadeus gelernt. Alle drei Musiker gönnen sich neben ihrer Tätigkeit im Trio auch einmal Seitensprünge. Phillips-Varjabédian hat viele Soloauftritte und Pidoux spielt Alte Musik. Trotzdem ist der Klang des Trios von großer Homogenität und zeichnet sich durch eine deutliche Präsenz aller drei Instrumente aus, ganz gleich ob sie Beethoven, Fauré oder Brahms spielen. Dabei hat das Cello die schwierigste Rolle im Klaviertrio: „Die Probleme des Cellos im Zusammenklang mit dem Klavier liegen an seinem Timbre“, erklärt Pidoux. „Auch bei Cellosonaten wird das Cello vom Klavier leicht überdeckt, sobald es in der tieferen Lage spielt. Das führt bei vielen Cellisten zu einem Komplex, den sie durch Lautstärke auszugleichen versuchen. Das kann gefährliche Folgen für den Zusammenklang haben.“ Coq ergänzt: „Das perfekte Gleichgewicht im Trio zu finden, ist auch für das dominante Klavier schwierig. Aber bei der Frage des Gleichgewichts geht es nicht nur um Akustik, sondern auch um ideelle Fragen. Es ist wohl eine Privatmeinung von mir aber: für mich ist das Trio nicht wirklich Kammermusik. Alle Musiker müssen gewissermaßen Solisten auf höchstem Niveau sein.“

Trinität

Ein Vergleich, der ganz sicher auf das Trio Wanderer zutrifft. Die drei Musiker vereinen unterschiedlichste Profile zu einem harmonischen Ganzen und müssen sich dazu auf der Bühne nicht einmal ansehen. Phillips-Varjabédian fällt dazu ein: „Es ist schon komisch. Wir werden manchmal gefragt, ob bei uns alles in Ordnung sei, weil wir nicht ständig Blickkontakt haben. Genau das Gegenteil ist der Fall. Es geht uns ja darum, genau hinzuhören. Beim Quartett ist auch hier alles anders. Die Sitzordnung gibt schon vor, dass man sich nicht aus den Augen verliert. Wir denken aber eher, dass es hinderlich sein kann, sich immer Blickfeld zu haben. Wenn man sich ansieht, kann man sich auch blockieren.“ Ist dies das Geheimnis des Wanderer-Klangs? Coq schmunzelt. „Vielleicht darf ich dazu einen etwas bilderstürmerischen Vergleich ziehen. In der Theologie spricht man von der Dreifaltigkeit. Die drei Personen der Trinität sind voneinander unterschiedlich, aber immer nur ein Gott. Die drei Personen existieren nicht ohne den Bezug zum Einen und der Eine ist nicht ohne die drei Personen denkbar. Das ist ein wenig wie beim Trio. Wenn man nur das Ensemble betont, oder nur die Personen, dann funktioniert es nicht. Das Trio lebt vom Ausgleich. Wenn es da nur ein schwaches Glied gibt, scheitert es.“

Das Gespräch führte Miquel Cabruja.
(06/2008)

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