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Samstag, 16. Dezember 2017

Photo: Eric Larraydieu

Konstantin Wolff wagt einen musikalischen Salto mit französischem Liedgut und landet sicher im Stand

"Französisch ist sexy"


Es gehört zum Privileg der Jugend, sich auf allen erdenklichen Feldern ausprobieren zu dürfen, bis man sich in beruflicher Hinsicht einmal festlegen muss. Der gleichermaßen junge wie erfolgreiche deutsche Bass-Bariton Konstantin Wolff hat von diesem Privileg durchaus Gebrauch gemacht - nicht zum Nachteil seiner Gesangskünste, wie man auf seiner jetzt erschienenen Debüt-CD mit Vertonungen von Victor Hugo-Texten eindrucksvoll nachhören kann. Beinahe hätte die Gesangsszene den gebürtigen Hessen an die glamouröse Welt des Musicals verloren. Dass es anders kam, freut nicht nur ihn selbst, sondern auch Dirigenten wie William Christie, Rene Jacobs und Riccardo Chailly, mit denen er eng zusammen arbeitet. klassik.com traf Wolff in Berlin nach einer Probe von Bachs h-Moll-Messe und erfuhr einiges über sein besonderes Verhältnis zur Barockmusik, zur französischen Sprache und seine Gemeinsamkeiten mit dem deutschen Turn-Ass Fabian Hambüchen.

Herr Wolff, ich habe von Ihnen gelesen, dass Sie ursprünglich nicht Sänger sondern Lehrer werden wollten. Stimmt das?

Ja, das stimmt.

Und warum Lehrer?

Ich komme aus einem Lehrerhaushalt - vielleicht lag es daran. Allerdings hat der Lehrerberuf viel mit meinem Wesen zu tun. Ich verspüre sehr stark den Wunsch, Menschen anzuleiten. Daher macht mir das musikalische Unterrichten auch viel Spaß. Schon während des Studiums habe ich beispielsweise die Stimmbildung bei einem Chor in Karlsruhe übernommen. Anfangs studierte ich ja gar nicht Gesang, sondern Schulmusik mit dem Ziel, einmal Musiklehrer zu werden. Mein Zweitfach hätte Mathematik werden sollen. Doch schon das Grundstudium hat mir gezeigt, dass ich eigentlich viel lieber in Webers ‚Freischütz‘ mitmachen wollte, als ihn Schülern erklären zu müssen.

Sind Sie also ein Studienabbrecher?

Nein, überhaupt nicht! Ich habe mein Schulmusikstudium beendet, also mein erstes Staatsexamen gemacht, allerdings ohne ein Zweitfach zu belegen. Dadurch bin ich im Studium gezwungen worden, viel Klavier zu üben, wovon ich als Sänger heute nur profitieren kann.

Sicher kamen Sie als Kind mit Gesang in Berührung.

Mit 12 habe ich im Chor meiner Schule begonnen zu singen. An unserer Schule war das Chorleben sehr intensiv und gut strukturiert. Regelmäßige Teilnahmen am Deutschen Chorwettbewerb und Konzertreisen gehörten zu den wichtigen Erfahrungen. Allerdings war ich schon früher mit Musik in Berührung gekommen. Mit 6 Jahren hatten meine Eltern beschlossen, dass ich Klavier lernen müsse. Das habe ich ein Jahr durchgehalten und danach Musik nicht sonderlich gemocht.

Und doch sind Sie heute Sänger.

Daran ist wohl meine Zeit im Gymnasium schuld. Dort war ich in einer Latein-Klasse, wo bis auf eine Ausnahme jeder ein Instrument spielte. An so einem Humanistischen Gymnasium herrscht doch eine etwas andere Einstellung zu den schönen Künsten, so dass ich mich schnell inspiriert sah, auch wieder Musik machen zu wollen. Ich nahm wieder Klavierunterricht und begann, im Schulchor zu singen. Doch ein Berufsweg ließ sich daraus nicht ableiten. Als ich mein Abitur fertig hatte, wusste ich noch nicht, was ich wirklich machen wollte.

Der Lehrerberuf also als eine Art Notlösung für Orientierungslose?

Es so zu sehen wäre sicher zu hart. Denn die Musik als Option zeichnete sich schon etwas früher ab. Als ich in der zwölften Klasse war, haben wir an meiner Schule eine Produktion von ‚Les Misérables’ aufgeführt, in der ich den Javert gesungen habe. Das habe ich scheinbar so gut gemacht, dass man mir hinterher ans Herz legte, doch Gesangsunterricht zu nehmen. Ich habe mich also unterrichten lassen, um mal zu sehen, ob Gesang etwas sein könnte, mit dem ich mich öfter befassen möchte, das mir Spaß macht. Der Spaß kam und blieb bis heute.

Sie sind jetzt dreißig Jahre alt - wo würden Sie Ihre eigene Stimme einordnen? Sind Sie Bass-Bariton, sind Sie ein lyrischer Bass oder ein Basso profundo?

Lyrisch ist definitiv zutreffend. Es gibt sicher Stimmen, die sehr viel dicker und bassiger sind als meine; aber ich denke schon, dass Bassbariton eine sehr gute Bezeichnung für meine Stimme und mein Stimmfach ist.

Copyright Eric Larraydieu

Der Blick in Ihren aktuellen Konzertkalender zeigt, dass Sie viel Musik aus dem Barock singen - Opern und Oratorium gleichermaßen. Ist diese Epoche Ihre musikalische Heimat?

Das ist sicher nicht ganz falsch. Alles was ich während meines Studiums öffentlich gesungen habe, waren Partien in Werken der Renaissance und des Barock. Nicht dass ich mir im Studium nicht auch Lieder und ein großes Opernrepertoire erarbeitet hätte. Aber die meisten Auftrittsmöglichkeiten ergaben sich eben im Bereich der Kirchenmusik. Zum einen hatte es also pragmatische Gründe, zum anderen ist es auch ein Metier, in dem ich mir als junger Sänger stimmlich nichts kaputt machen konnte. Als Bass konnte ich so meine leichtgängige Tiefe öffentlich zeigen, während ich im Unterricht mit meinem Lehrer an der baritonalen Höhe arbeitete. Natürlich hat mich auch das Arbeiten mit William Christie in dessen Akademie ‚Le jardin des voix’ stark geprägt und die Arbeit mir Rene Jacobs, die sich in naher Zukunft noch intensivieren wird.

Sind es also vor allem technische Gründe oder auch musikalische Vorlieben?

Wenn ich singe oder Gesang höre, ist es mir wichtig, dass das Präsentierte sehr stark am Text orientiert ist. Dadurch, dass Barockmusik sehr viel direkt sprechender ist als Musik der Romantik, fühle ich mich dort bisher etwas wohler. Monteverdi muss man aus meiner Sicht genau so singen, wie man ein Gedicht rezitieren würde. Darin sind sich Monteverdi und Hugo Wolf beispielsweise sehr ähnlich. Bei Brahms ist es hingegen ganz anders. Ein wichtiger Teil meiner künstlerischen Aussage kommt bei mir über den Text. Ich habe das Bedürfnis, den Text singend zu erzählen und dabei so nah wie möglich an der gesprochenen Sprache zu agieren.

Dann ist der Bereich der Messkompositionen für Sie sicherlich von eingeschränktem Interesse?

Wenn ich ehrlich sein soll, dann ja. Bei Bachs h-Moll-Messe trifft das nicht zu, weil es einfach tolle Musik ist. Aber die Messen von Haydn und Mozart reizen mich eigentlich gar nicht. Nicht einmal Mozarts Requiem finde ich in diesem Zusammenhang interessant. Nicht nur, weil man so wenig zu tun hat und mehr sitzt als singt. Es erreicht mich einfach nicht - ich fühle den Text nicht.

Frankreich und seine Sprache scheinen für Sie eine besondere Bedeutung zu haben.

Absolut richtig. Das ist auch ein Grund, warum meine erste Platte jetzt eine mit französischen Liedern geworden ist. Ich kann nicht einmal genau sagen, woher meine Vorliebe für die französische Sprache kommt. In der Schule war es meine dritte Fremdsprache neben Englisch und Latein; und ich habe sie von der ersten Stunde an aufgesogen wie ein Schwamm das Wasser. Vor allem die Farbe dieser Sprache ist enorm faszinierend und sexy…

Es ist auch eine sehr emotionale Sprache…

Ich bin von Hause aus ein analytischer, rationaler und pragmatischer Mensch. Das hat sich mit dem Musikstudium natürlich etwas verschoben. Ich musste manches aufgeben, um vor allem auf ästhetischer Ebene wichtige Dinge im Gesang ausdrücken zu können. Emotionalität und Pragmatismus passen nicht immer gut zusammen. Mit etwas Abstand glaube ich, dass die Sinnlichkeit der französischen Sprache mir eine Hilfe war, Grenzen zu überschreiten, um zu größerer Emotionalität zu finden.

Copyright Eric Larraydieu

Demnach war es also nur logisch, dass Sie eine rein französische Lied-CD machen würden?

Das kann man so sehen, auch wenn die Anfangsüberlegungen etwas anders waren. Ursprünglich wollten wir französische Lieder unter spanischem Einfluss als roten Faden einer Platte nehmen. Doch ich konnte nicht ausreichend Material dazu ausfindig machen. Als Alternative stand entweder eine CD mit deutschem oder eine mit französischem Repertoire zu Wahl. Deutsches wollte ich zu diesem Zeitpunkt nicht singen, so dass mein Lehrer in Karlsruhe, Prof. Donald Litaker, die jetzige Form der Platte empfahl. Es gibt viele Vertonungen von Victor Hugo Texten, die sehr bekannt sind. Es war aber auch mein Ziel, Unbekannteres, wie die Lieder von Benjamin Godard, Paul Vidal oder Louis Lacombe, zu singen.

Das Programm haben Sie selbst nach eigenen Vorlieben auswählen können?

Genau, ich hatte absolute Freiheit, habe diese auch genutzt und so ein Programm gefunden, in dem ich mich musikalisch und literarisch selbst wieder finde. 6 Monate habe ich Recherchearbeit betrieben, Noten gewälzt, Texte gesucht und Lieder mit meinem Pianisten gemeinsam ausprobiert, bis ich das jetzige Programm zusammen hatte. Das Internet kann einem speziell bei der Suche nach passenden Liedtexten eine sehr große Hilfe sein.

Auf der CD werden Sie von Trung Sam begleitet - ein Studienkollege von Ihnen aus Karlsruhe?

Ja, wir kennen uns schon lange und arbeiten unheimlich gerne gemeinsam. Der Kontakt kam auf Vermittlung unserer Professoren zustande und wir haben erstmals zur Aufnahme in die Deutsche Studienstiftung gemeinsam musiziert. Er hat mich bei meinem Vorsingen begleitet und ich ihn bei seinem Vorspiel. Beide sind wir genommen worden. Somit lag es auf der Hand, dass wir die Arbeit fortführen sollten. Ich bin sehr glücklich, ihn als musikalischen Partner zu haben. Witziger Weise war das CD-Programm auch Teil unserer Examensprüfungen an der Karlsruher Musikhochschule.

Copyright Eric Larraydieu

Gönnen Sie sich neben dem Singen andere Aktivitäten, die nicht nur den Geist fordern - sind Sie als Karlsruher beispielsweise regelmäßiger Besucher des Wildparks?

Ich habe einen dreijährigen Sohn, mit dem ich so viel Zeit verbringen möchte wie möglich. Es ist auch nicht so, dass mich das Singen über die Maßen stresst. Im Gegenteil - ich kann meine Energie in diese Kunst fließen lassen, ohne dass mir dadurch etwas genommen wird. Ich habe die größte Freude daran, jeden Tag drei Stunden zu singen. Und Sport habe ich in meiner Jugend eigentlich genug gemacht. Bis zum 22. Lebensjahr war ich intensiv Kunstturner und betrieb diesen Sport neben der Musik sehr ernsthaft mit mindestens 4 Trainingseinheiten pro Woche. Ich wurde unter anderen auch von Wolfgang Hambüchen, dem Vater Fabian Hambüchens trainiert.

Wie viele Frakturen hat Ihr Köper bisher durchlebt?

Eigentlich hatte ich nur zwei ernste Verletzungen. Eine betraf meinen rechten Ellenbogen. Und mit 18 habe ich mir bei einem Wettkampf einmal im Knie alles kaputt gemacht, was man da so zerstören kann. Das war der Moment wo ich erkannte, dass es mit meiner Statur, die für das Kunstturnen eher etwas zu groß ist, gewisse Grenzen in diesem Sport gibt.

Aber eine Riesenfelge wäre heute noch möglich, wenn man Sie an ein Reck hängt?

Ich habe zwar seit 4 Jahren solche Geräte gemieden, aber eine Riesenfelge, im Gegensatz zu einem Tsukahara, sollte noch möglich sein.

Das Gespräch führte Frank Bayer.
(11/2008)

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