> > > > Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land
Samstag, 28. November 2020

Das Klavierduo Silver-Garburg über Leben und Konzertieren im Hier und Heute und eine neue CD mit Werken von Johannes Brahms

"Wir gehen auf eine Reise mit dem Publikum, eine Reise in ein phantastisches Land"

Gil Garburg und Sivan Silver sind ein eingespieltes Duo, um genau zu sein, sind sie das international erfolgreiche Klavierduo Silver-Garburg. Das Paar kennt sich schon seit dem Musikgymnasium, an dem sie sich auch erstmals an Brahms’ »Haydn-Variationen« für zwei Klaviere versuchten. Seitdem haben sie die Konzerthäuser der Welt bereist, und das tun sie auch weiter, so es denn möglich ist. Daneben haben sie seit 2014 eine der rar gesäten Professuren für Klavierduo an der Kunstuniversität Graz inne. klassik.com-Autor Matthias Nikolaidis traf sie in Berlin zu einem Gespräch über das Konzertieren in Zeiten der Pandemie, leidige Mindestabstände und die unersetzliche Live-Erfahrung. Außerdem ging es um die neue Brahms-CD des Duos, auf der die »Haydn-Variationen« in der Fassung für zwei Klaviere neben einer Bearbeitung von Brahms’ Klavierquartett op. 25 von Richard Dünser stehen.

Lieber Herr Garburg, liebe Frau Silver, wir leben in außergewöhnlichen Zeiten – auch für die klassische Musik. Im März versiegte das Konzertleben praktisch vollständig, danach gab es erst zaghaft, dann etwas mutiger eine ›Öffnung‹. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Gil Garburg: Zuerst gab es den großen Lockdown, und wir konnten einige Monate gar nicht konzertieren. So eine Pause hatten wir für Jahrzehnte nicht gehabt. Und da wir einen zehnjährigen Sohn haben, fanden wir das erst einmal gar nicht schlecht für uns. Wir haben versucht, einen anderen Lebensmittelpunkt zu finden.

Sivan Silver: Man hat schon eine andere Perspektive eingenommen, man schaute sozusagen von außen auf sein Leben, nahm sich mehr Zeit, verließ ein bisschen die alltägliche Routine, wobei das eigentlich ein falsches Wort für uns ist. Für uns persönlich – obwohl nicht für die Gesellschaft insgesamt – war das sehr vernünftig und manchmal sogar schön. Wir haben ja auch noch einander, sind also nicht allein dabei. Aber nach einigen Monaten war schon klar: Die Auftritte kann man nicht ersetzen. Wir haben dann ein paar Live-Streams gemacht, trotzdem ist das natürlich nicht das Gleiche. Bei einem realen Konzert spürt man die Reaktion der Zuhörer, das Zeitgefühl wird ein anderes, auch der Klang ist natürlich anders. Insofern freuen wir uns, dass wir in den vergangenen zwei Monaten wieder viel zu tun hatten.

Aus unserem Vorgespräch weiß ich, dass Sie nach dem ersten Lockdown sogar relativ viel gereist sind und konzertiert haben. Was hat sich dabei verändert?

Silver: Der praktische Unterschied war, dass wir fast nur in Europa gespielt haben. Daneben war natürlich auch viel weniger Publikum zugelassen. Daher haben wir unsere Programme häufig zweimal gespielt. Eine interessante Aufgabe, zweimal das Gefühl für das Stück zu entwickeln. Es ist nicht wie ein Job, den man eben so macht. Aber als Künstler haben wir natürlich diesen Zwang aufzutreten und zu spielen.

Garburg: Man war dankbar, dass es weiterging. Wir hatten das Konzertieren lange vermisst. Das Einzige, was ein bisschen begrenzte, waren die Abstandsregeln auf der Bühne. Zum Beispiel stand der Flügel bei einem Konzert in Wien ziemlich nah an der Wand, was den Schall natürlich behinderte. Wir haben ihn also nach vorne geschoben. Nur wurde dann gesagt, das geht nicht wegen des Mindestabstandes zum Publikum. Das ist natürlich notwendig und wir lassen uns natürlich auch ständig testen und halten die Quarantäne ein.

Nächstes Jahr wären wir eigentlich in Hong Kong, Moskau und den USA aufgetreten, aber das steht nun alles in den Sternen. In den USA ist es sehr schlimm. Viele Orchester haben alle Konzerte bis einschließlich nächsten Juni abgesagt. Eine ganze Saison fällt aus, und auch danach ist eigentlich nur Unsicherheit. Das Nashville Symphony Orchestra hat alle Musiker bis auf einen gefeuert, um das Stiftungsvermögen nicht anzutasten. Dagegen läuft bei uns persönlich derzeit noch alles weiter, wir haben eigentlich fast zu viel Arbeit in dieser Saison.

Und wie sehen Sie die nähere Zukunft?

Silver: Wir waren überrascht, dass die Planungen für die die neue Saison fast unverändert weitergingen. Die größeren Konzertveranstalter bemühen sich, weiter zu machen, und sind sich ihrer Verantwortung sehr bewusst. Mal sehen, wie der Winter wird...

Garburg: Wir haben zum Beispiel Anfang nächsten Jahres eine Tournee mit dem Belgischen Nationalorchester geplant. Wenn neue Beschränkungen kommen, könnte das kompliziert werden, weil ein ganzes Orchester reisen muss. Wir haben natürlich auch schon Termine in der Saison 2021/22, zum Beispiel im Wiener Musikverein. Der Veranstalter ist der größte in Österreich, aber auch dort werden immer mehr Konzerte abgesagt. Die Frage ist also nicht allein, wie es dem einzelnen Künstler geht, sondern: Was passiert mit dem Musikleben insgesamt? Was über Jahrhunderte aufgebaut wurde, könnte sehr schnell ausgelöscht werden. Denn in der Kultur ist es so: Wenn etwas schließt, dann ist es fast unmöglich, das wiederzueröffnen. Deshalb machen wir uns schon etwas Sorgen, dass die Musikwelt in den kommenden Monaten und Jahren schrumpfen könnte. Das wäre sehr traurig.

Wie sehen die Konzerte konkret aus?

Silver: Wir haben dem Publikum angemerkt, dass es die Konzerte vermisst hat und das Live-Erlebnis wertschätzt. Die verschiedenen Länder haben verschiedene Lösungen gefunden. Es wird darauf achtgegeben, wie die Menschen sitzen, in welchen Gruppen, alles ist genau geplant. Ich denke, heute ist ein Konzertbesuch um vieles sicherer als ein Einkauf im Supermarkt oder zu fliegen.

Die Autorin Elke Heidenreich sagte jüngst, dass sie sich Lesungen derzeit nicht antut. Das sei zu deprimierend, in 50 Maskengesichter zu schauen.

Silver: Ich denke, mit Musik ist das etwas anders, weil wir ja im Grunde indirekt über den Klang kommunizieren. Wir gehen sozusagen auf eine Reise zusammen mit dem Publikum, gelangen in eine andere Sphäre, in ein phantastisches Land – und daran hat sich eigentlich nichts geändert. Unsere Aufgabe ist es, die Menschen mitzunehmen.

Nun haben Sie eine neue CD vorgelegt, mit einer Bearbeitung von Johannes Brahms’ Klavierquartett op. 25 für Klavier zu vier Händen und Streichorchester von Richard Dünser. Wie kam es zu diesem Projekt?

Garburg: Den Komponisten Richard Dünser kennen wir schon seit vielen Jahren. 2009 haben wir zum ersten Mal ein Auftragswerk von ihm uraufgeführt, das war ein Werk für Klavier zu vier Händen und Streichquartett im Wiener Musikverein. Dünser ist zum einen ein großartiger Komponist, aber als Bearbeiter ist er einfach unvergleichbar. Es gibt sehr wenige Leute, die sich auf diesem Niveau in diese Tradition stellen. Man spürt überall diese Wiener Tradition, die auf Schönberg und Berg zurückgeht und der Dünser durch seinen Lehrer verbunden ist. Später hat er eine Schubert-Sonate für uns bearbeitet, und das war so phantastisch, dass wir überlegt haben, was man noch zusammen machen könnte. Brahms schien besonders gut geeignet. Er war im Grunde besessen von Klaviermusik zu vier Händen und hat selbst sehr viel für diese Besetzung geschrieben und transkribiert. Dabei hat er die Werke im Grunde noch einmal neu geschrieben, zum Beispiel durch andere Texturen und eine neue Stimmverteilung. Auch vom Klavierquartett op. 25, das Dünsers Bearbeitung zu Grunde liegt, gibt es eine Fassung von Brahms für Klavier zu vier Händen. Das war natürlich ideal, denn so konnte man beide Fassungen heranziehen und hatte auch schon den typischen Brahmsklang im vierhändigen Klaviersatz.

Wodurch zeichnet sich dieser ›vierhändige Brahmsklang‹ für Sie aus?

Garburg: Ich denke, Brahms’ vierhändige Fassung ist viel sanfter und ausgewogener als die Quartettfassung. Ein Quartett hat ja immer einen kraftvollen Charakter. Und das Konzert hat am Ende beides: das Kraftvolle aus dem Quartettsatz und das Sanfte, Wienerisch-Böhmische des vierhändigen Klaviersatzes. Deshalb wollten wir das auch gerne in Wien aufnehmen, in diesem Fall mit den Wiener Symphonikern und Florian Krumpöck, der schon die Uraufführung dirigierte. Richard hat, wie wir finden, den Klang des Originals, die Farben perfekt bewahrt. Hier und da hat er etwas Spielerisches eingefügt, aber eigentlich ist seine Bearbeitung sehr klassisch. Natürlich brauchte er noch eine Dramaturgie, denn ein Konzert beruht immer auf Spannung zwischen Orchester und den Solisten. Dieser Dialog von Klavier und Orchester ist nun wirklich modern gehandhabt. Trotzdem hört es nie auf, wie Brahms zu klingen. Es ist wie ein neu inszeniertes Shakespeare-Stück, und Dünser ist sozusagen der Regisseur.

Richard Dünser hat sich also beide Brahms-Fassungen genommen und daraus etwas Neues synthetisiert. Entsprechen Ihre Parts dabei Brahms’ Klaviersatz zu vier Händen?

Garburg: Weitgehend schon, aber manchmal spielt auch nur einer von uns. Dann ergibt sich wieder der Quartettsatz. Das ist sehr klug gemacht.

Silver: Es ist eigentlich eine interessante Gattung, dieses Konzert für zwei Solisten. Dadurch ergeben sich viele Möglichkeiten. Normalerweise gibt es einen Solisten und das Orchester, mit jeweils eindeutig definierten Rollen. Wenn es zwei Solisten sind, gibt es auch das Spiel zwischen den beiden. Einerseits bilden wir eine Einheit und müssen dabei auch sehr klar gegenüber dem Orchester auftreten, auf der anderen Seite können wir auch am Klavier zwei verschiedene Rollen einnehmen. Dadurch gibt es einfach noch mehr Möglichkeiten des Zusammenspiels. Zum Teil sind Phrasen zwischen uns geteilt, dann wieder steigern wir uns zusammen.

Das finde ich einen interessanten Gedanken. Denn die Komposition war ja ursprünglich Kammermusik, und das bedeutet ja eine eher dialogisierende Form, oder?

Garburg: Das stimmt, ein Klavierquartett ist aber immer auch ein Mini-Konzert. Es gibt eigentlich immer diese Spannung zwischen der ersten Geige und dem Klavier, das ist so seit Mozarts Zeiten.

Silver: Es gibt bis jetzt nur zwei Klavierkonzerte von Brahms. Man könnte sagen, mit Dünsers Bearbeitung haben wir ein drittes. Es gibt sicher eine große Literatur für zwei Pianisten und Orchester, definitiv mehr als für viele andere Instrumente, aber es gibt nicht so viel romantisches Repertoire. Das Quartett op. 25 ist natürlich eines der schönsten Stücke aus dem 19. Jahrhundert. Das Rondo alla Zingarese ist ein echter Hit, aber jeder der Sätze hat seinen eigenen Charakter. Es gibt eigentlich alles in diesem Werk: Es hat Schönheit und Ausdruckstiefe, und dann ist es auch wieder sehr aufregend. Und das hat eigentlich gefehlt in unserem Repertoire.

Wie erarbeiten Sie ein neues Programm? Wie proben Sie miteinander?

Silver: Über all die Jahre haben wir die Ausdrucksweise, die musikalische Persönlichkeit des anderen kennengelernt. Es ist wie Wasser: Es kann überall hinfließen und immer noch sehr harmonisch sein, aber als Duo müssen wir eine gemeinsame Form finden. Wenn wir die dann gefunden haben, dann fließen wir, wie wir wollen. Am Ende sind wir sehr spontan und denken nicht mehr darüber nach, was wir zu welchem Zeitpunkt machen müssen. Stellen Sie sich zwei Schauspieler vor, die zur gleichen Zeit denselben Satz sagen sollen. Das muss in gewisser Weise übereinstimmen, in Intonation und Akzent. Das Klavier ist da tatsächlich noch etwas empfindlicher. Bei fast allen anderen Instrumenten entwickelt sich der Ton noch, während er erklingt. Beim Klavier wird der Klangcharakter aber nur durch differenziertes Timing und Balance, als Illusion für die Ohren quasi, erzeugt. Deshalb müssen wir im Voraus genau fühlen, welche Farbe der nächste Ton haben soll.

Neben das von Richard Dünser erarbeitete Konzert haben Sie die »Haydn-Variationen« gestellt. Das ist nun eine Originalkomposition von Brahms für zwei Klaviere, also sozusagen Brahms pur. Warum dieses Werk?

Garburg: Ich halte es für eines der größten Werke von Brahms, obwohl es nur knapp 20 Minuten dauert. Groß ist es auch deshalb, weil Brahms es wirklich geschafft hat, das Klassische mit dem Romantischen zusammenzubringen. Der ›Haydn-Choral‹ – der eigentlich nicht von Haydn stammt – ist eine klassische Form, die an sich schon ideal für ein Variationenwerk ist. Brahms schreibt neue Gegenstimmen, die er auch variieren kann. So schafft er es, auf der einen Seite klassische Variationen zu schreiben, so wie Mozart oder Beethoven sie geschrieben hätten. Auf der anderen Seite sind es acht Charakterstücke, die Gegensätze zueinander bilden, und zwar ganz bewusst. Das heißt, er vereint zwei Stilepochen.

Silver: Es gibt wirklich sehr viele verschiedene Texturen und Tempi, obwohl alles auf demselben Grundton basiert. Jede Variation hat einen eigenen Charakter, bis hin zur Final-Passacaglia, die eigentlich schon fast eine symphonische Dimension annimmt. Brahms hat die Variationen übrigens auch mit Clara Schumann gespielt. Seinem Verleger schrieb er von einem neuen Stück, das »sehr, sehr schwer« sei. Gil und ich kennen einander seit dem Musikgymnasium…

Garburg: … und das war das erste Stück, das wir je zusammen gespielt haben.

Silver: Wir haben es versucht…

Garburg: Na ja, so schwer ist es eigentlich nicht. Ich finde ja, Brahms schreibt eigentlich noch besser für vierhändiges Klavier als für zwei Klaviere. Aber dieses Stück ist wirklich phantastisch.

Vielen Dank für das Gespräch.

Matthias Nikolaidis

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