> > > > „Ich hoffe, dass die Zuhörer den einen oder anderen Troll sehen!“
Samstag, 31. Oktober 2020

Ragnhild Hemsing im Gespräch mit klassik.com

"„Ich hoffe, dass die Zuhörer den einen oder anderen Troll sehen!“"

Die Violinistin Ragnhild Hemsing ist dafür bekannt, dass sie die norwegische Hardangerfiedel in ihre Konzerte integriert. Die junge, zierliche Norwegerin mit gewinnendem Lächeln und ausgesprochen sympathischer Ausstrahlung lacht viel. Wenn man sich mit ihr unterhält, schaut sie ihr Gegenüber mit wachen, fragenden Augen an. Daran wird deutlich, dass sie eine zutiefst neugierige Künstlerin ist, die gerne abseits ausgetretener Pfade unterwegs ist, sich für viele Themen interessiert und ihre Musik von Herzen liebt. Neben klassischer Musik, die sie auf der Violine interpretiert, spielt das reiche Erbe der norwegischen Volksmusik eine Hauptrolle für sie. Es prägt auch das Winterfestival, das sie zusammen mit ihrer Schwester Eldbjørg Hemsing in ihrem Geburtsort Aurdal leitet. Im August war Ragnhild Hemsing in Köln, um ihre erste CD für das Label Berlin Classics einzuspielen. In einer Aufnahmepause traf sie sich in einem Café in der Kölner Innenstadt zu einem Gespräch mit klassik.com.

Ragnhild Hemsing, Sie spielen in Ihren Konzerten und im Aufnahmestudio auch die Hardangerfiedel. Erzählen Sie uns bitte ein wenig über dieses norwegische Volksinstrument!

Auf Norwegisch nennen wir das Instrument „Hardingfele“. Der Name leitet sich von der berühmten norwegischen Region Hardanger ab, wo das Instrument seinen Ursprung hat. Es ähnelt im Aufbau einer Violine, hat aber anstatt vier Saiten neun. Das heißt, vier Saiten sind wie bei einer Geige angebracht und über das Griffbrett gespannt. Die restlichen Saiten, und das ist einzigartig, verlaufen unter dem Griffbrett und fungieren als Resonanzsaiten.

Und diese Resonanzsaiten werden nicht aktiv gespielt?

Das ginge auch gar nicht, weil sie unter dem Griffbrett verlaufen. Sie sind aus Metall und schwingen nur mit, während die oben verlaufenden Saiten traditionell Darmsaiten sind. Eine weitere Besonderheit ist, dass es ungefähr 20 verschiedene Stimmungen gibt, die sich je nach Repertoire ändern können. Und dann ist die Hardangerfiedel einfach ein wunderschönes Instrument, das aufwendig mit Perlmutteinlagen verziert ist und dessen Wirbelkasten in einem Drachenornament anstatt einer Schnecke endet. Das erinnert ein wenig an die Drachenköpfe der Wikingerschiffe und sieht einfach toll aus!

Hardangerfiedel und Geige unterscheiden sich im Aussehen. Verlangen sie auch eine andere Spieltechnik?

Ja, man muss das Spiel beider Instrumente mit all seinen Unterschieden von der Pike auf lernen. Deswegen gibt es wahrscheinlich auch so wenige Kollegen, die beide Instrumente beherrschen. Für mich gehören sowohl die Violine als auch die Hardangerfiedel zu meiner musikalischen Identität. Ich liebe sie beide mit ihren Unterschieden. Wenn ich die Hardangerfiedel spiele, nutze ich etwa kein Vibrato, habe andere Fingersätze und verwende Triller und Verzierungen, die ein wenig den schönen Ornamenten auf dem Instrument entsprechen und in der Klassik nicht vorkommen. Außerdem ist die traditionelle Musik nicht notiert. Man lernt sie über das Zuhören und die Nachahmung seiner Lehrer als Teil einer lebendigen Tradition.

Wie kam es, dass Sie sowohl in der klassischen als auch in der Tradition der Volksmusik ausgebildet wurden?

Ich wuchs in Aurdal auf, einem kleinen Ort, der in etwa zwei Stunden mit dem Auto von Oslo aus zu erreichen ist. Aurdal liegt mitten im wunderschönen Landschaftsgebiet Valdres, wo mein Vater als Förster arbeitete. Mein Vater spielte die norwegische Langeleik, eine langgestreckte Griffbrettzither. Meine Mutter ist Violinpädagogin und unterrichtet Volksmusik. So kamen wir, meine Schwester Eldbjørg und ich, sehr früh mit beiden Musikinstrumenten und Traditionen in Berührung. Ich fragte schon mit vier Jahren meine Mutter, wann ich denn meine eigene Geige bekäme. Meine Schwester, die zwei Jahre jünger ist, zog bald nach. Der Unterschied zwischen meiner Schwester und mir ist, dass sie inzwischen nicht mehr so oft auf Hardangerfiedel spielt.

Was bedeutet das Spiel auf der Hardangerfiedel für Sie?

Für mich ist es essentiell. Wenn ich traditionelle Musik spiele, ist das eine körperliche Erfahrung. Wenn ich Tänze auf der Hardangerfiedel spiele, muss ich den Rhythmus, den Pulsschlag in meinem Körper fühlen, wissen, wie man dazu tanzt und sich bewegt. Es muss fließen, darf nicht steif und sperrig klingen. Es ist ein anderer Ansatz als auf der Geige. Ein Ansatz, der weit darüber hinausgeht, einen anderen Bogen oder eine andere Technik zu nutzen. Das beeinflusst dann zwangsläufig auch meine Annäherung an klassische Musik. Wenn Bach Tänze seiner Zeit, also 'Gigues' oder 'Allemandes' schrieb, führt mich das sofort zu vergleichbaren Tänzen der norwegischen Kultur. Die haben alle einen spezifischen Rhythmus, auch wenn sie sich von Gegend zu Gegend unterscheiden. Das ist etwas, das mit den Dialekten einer Sprache verglichen werden könnte.

Wie wichtig ist es, um im Bild zu bleiben, verschiedene Dialekte zu erhalten?

Ich glaube, es ist heute zunehmend wichtig, eine eigene Stimme zu haben. Es ist so einfach, mit dem Strom mitzuschwimmen und so wie alle anderen zu spielen – kommerziell oder einfach makellos. Für mich ist es aber viel interessanter, wenn man versucht, etwas Einzigartiges zu machen, was auch immer das heißt. Ich glaube, dass Menschen sich gerade global die Frage stellen, was Identität bedeutet und was uns wirklich wichtig ist. Vielleicht hat die Corona-Krise, während der wir zu Hause bleiben mussten, diese Fragestellung verstärkt. Immerhin ist man heutzutage selbst abseits der großen Städte nicht mehr isoliert. Das Internet bietet uns als Musikern viele Möglichkeiten: Man kann von zu Hause aus neues Repertoire entdecken, Musiker und ihre Kunst studieren, Fragestellungen vertiefen und mit Kolleginnen und Kollegen in Kontakt bleiben. Und Seiten wie klassik.com sind eine gute Plattform, um klassischer Musik im Netz Sichtbarkeit zu geben.

Sie sind in Köln, um zusammen mit dem Pianisten Mario Häring und dem Cellisten Benedict Kloeckner Ihre erste CD für das Label Berlin Classics aufzunehmen. Ins WDR-Funkhaus haben Sie sowohl Ihre Violine als auch die Hardangerfiedel mitgebracht.

Ich bin ausgesprochen froh, dass beide bei diesem CD-Projekt mitmachen. Als ich sie fragte, sagten sie sofort zu, denn sie waren neugierig auf die Musik mit ihren norwegischen Elementen. Mario lernte ich Anfang des Jahres kennen. Er ist ein hervorragender Musiker, mit dem ich sehr gerne zusammenarbeite, und einfach ein toller Mensch. Benedict ist seit langem ein guter Freund und verfügt über eine großartige Musikalität, die es ihm erlaubt, den Klang norwegischer Volksmusik authentisch einzufangen. Dabei ist das gar nicht so leicht, wenn man nicht damit aufgewachsen ist. Das gilt aber auch für Mario. Sie machen das beide wirklich hervorragend.

Welche Stücke interpretieren Sie für die CD auf der Hardangerfiedel?

Mit dem Einsatz der Hardangerfiedel wollte ich erst einmal eine neue Seite klassischer Kompositionen zeigen, die man so noch nicht gehört hat. Ich habe beispielsweise die für Orchester komponierte 'Lyrische Suite' von Edward Grieg für Hardangerfiedel und Klavier arrangieren lassen. Ich denke, dass wir durch das Arrangement gerade auch die Ursprünge der Musik verdeutlichen. Man hört förmlich, dass Grieg den Klang der Hardangerfiedel mit ihren Resonanzsaiten im Ohr hatte. Das gilt im Übrigen auch für sein wohl berühmtestes Stück (Ragnhild Hemsing singt die Anfangstakte von Griegs 'Morgenstimmung' aus der Suite 'Peer Gynt' Nr. 1 op. 46). Genau diese Verbindung möchte ich aufzeigen und mit den typischen Trillern und Verzierungen die Inspirationen verdeutlichen, die diesen klassischen Stücken zugrundeliegen. Genauso übertragen wir sinfonische Kompositionen des Norwegers Johan Halvorsen, etwa 'Bojarenes inntogsmarsj', seinen berühmten Einzugsmarsch der Bojaren, auf Hardangerfiedel und Klavier. Halvorsens 'Passacaglia nach Händel' spiele ich zusammen mit Benedict Kloeckner in einer Fassung für Hardangerfiedel und Cello – ein völlig neuer Zugang zu dem Stück mit einem echt norwegischen Klang.

Auf der Violine interpretieren Sie für die CD außerdem Stücke des norwegischen Geigers Ole Bull.

Ein legendärer Geiger, der als Nachfolger Niccolò Paganinis galt und alle bedeutenden Komponisten in Deutschland und Wien kannte. Da er 1880 starb, gibt es leider keine Aufnahmen von ihm. Er ließ seine Familie in Norwegen zurück, um jahrelang auf Tournee zu gehen, lebte eine Zeit in Paris und war eine wichtige Figur für Norwegen, das in dieser Zeit für seine Unabhängigkeit eintrat. Als junger Mann traf er auf Grieg, der ihm riet, nach Leipzig zu gehen, aber seine norwegische Identität zu behalten. 2008 drehten meine Schwester Eldbjørg und ich eine Dokumentation über Ole Bull, in der wir versuchten, seinem Klang auf die Spur zu kommen.

Wo wir von Klang sprechen: An welchem Klangideal orientieren Sie sich, wenn Sie auf der Violine spielen?

Das kommt darauf an. Wenn ich auf der Geige spiele, hat mir mein großartigen Lehrer Professor Boris Kuschnir in Wien beigebracht, in jede Note ein Vibrato, eine Schwingung zu legen. Es muss kein riesiges Vibrato sein, aber jede Note braucht einen eigenen, besonderen, authentischen Klang. Da spielt bei mir die Volksmusik eine wichtige Rolle, wobei die Stücke, die ich auf der Hardangerfiedel spiele, ohne Vibrato auskommen, so ähnlich wie bei der Alten Musik.

Auf Ihrer CD konfrontieren sie Hardangerfiedel und Violine, klassische Musik und Volksmusik. Machen Sie das auch in Ihren Konzerten so?

Eigentlich immer! Wenn ich etwa ein Konzert mit Orchester habe, in dem ich das Violinkonzert von Jean Sibelius spiele, dann bringen ich für die Zugabe immer die Hardangerfiedel mit.

Und wie reagiert das Publikum?

Das ist meist sehr interessiert, besonders in Deutschland. Viele haben das Instrument möglicherweise noch nie gehört, denn es wird ja hauptsächlich in Norwegen gespielt. Deswegen war es mir auch so wichtig, die Hardangerfiedel mit auf die Einspielung zu bringen. Ich wollte mit den Stücken eine Mischung verschiedener Rhythmen und Stimmungen erreichen. Außerdem sind Stücke enthalten, die mich seit meiner Kindheit begleiten.

Wir lernen durch die CD also nicht nur Ihr musikalisches Erbe, sondern auch Sie selbst kennen?

Ja, absolut. Man erfährt, wo ich aufgewachsen bin, wer ich bin. Ich kann mich über die eingespielte Musik öffnen und aus mir herausgehen. Und natürlich hoffe ich, dass ich die Menschen mit meiner Heimat bekannt mache, dass sie beim Zuhören die norwegischen Fjorde sehen, vielleicht sogar den einen oder anderen Troll! (lacht ausgelassen)

Die vorchristliche Mythologie mit ihren Naturgeistern und Sagen spielt in ganz Nordeuropa noch eine wichtige Rolle.

Und sie ist für das Repertoire der Hardangerfiedel wichtig. Die geheimnisvollen Erzählungen, Sagas und Märchen haben viele Melodien inspiriert, die auf der Hardangerfiedel gespielt werden. Im 18. und 19. Jahrhundert berichteten berühmte Hardangerfiedel-Spieler immer wieder davon, dass sie in den Bergen einer Wasserfrau mit ihrem Fischschwanz begegnet seien. Von der hätten sie dann ihre Melodien abgelauscht.

Glauben Sie Ihren Kollegen aus der Vergangenheit?

(Lacht) Nun, wenn man allein in die tiefen Wälder geht, wie sie beispielsweise in meinem Heimatort existieren, dann kann man zumindest nachvollziehen, wie diese Geschichten entstanden sind.

Wo wir von ihrem Heimatort sprechen: Mit Ihrer Schwester zusammen haben Sie in Aurdal ein Festival gegründet, das den Namen 'Hemsing Festivalen' trägt.

Ja, es ist ein Winterfestival. Wissen Sie, in Norwegen gibt es eine große Anzahl hervorragender Sommerfestivals, im Winter passiert hingegen kaum etwas im Klassikbereich. So lag es für uns nahe, in den Wintermonaten etwas in unserer Heimatregion zu organisieren. Wir wollten, dass Menschen in diese wunderschöne Landschaft kommen, die gerade im Winter einen unvergleichlichen Zauber entfaltet. Aurdal, wo ich mit meinem Mann und meinen zwei Töchtern lebe, hat gerade einmal 700 Einwohner, in der Region Valdres, die wegen ihrer Landschaft, ihren Bergen und ihren Blockhäusern berühmt ist, leben ca. 16.000 Menschen. Darüber hinaus haben viele Einwohner Oslos Ferienhäuser bei uns. So lag es für Eldbjørg und mich nahe, 2013 dieses Festival zu begründen. Als Künstlerische Leiterinnen des Festivals bringen wir Kollegen und Menschen von überallher in diese Gegend.

Eine Konzerthalle werden Sie im kleinen Aurdal aber wohl kaum haben.

Wie herrlich das wäre, wenn wir dort ein kleines Opernhaus mit einem atemberaubenden Blick auf die verschneiten Berge hätten! Aber dafür haben wir eine wunderschöne, aus Holz gebaute Kirche aus dem 18. Jahrhundert, die der Hauptveranstaltungsort für unsere abendlichen Konzerte ist. Dann spielen wir in einem historischen Gasthof, in dem Grieg übernachtete, als er unsere Region besuchte, um die dortige Volksmusik zu erforschen. Ein weiterer Spielort ist das Gebäude, in der meine Grundschule untergebracht war. Inzwischen hat es mein Mann Hallgrim Hansegård gekauft, der ein bekannter Tänzer ist. Auch er beschäftigt sich in seinen Arbeiten als Solotänzer und als Choreograf seiner Compagnie Frikar mit Einflüssen traditioneller Tänze wie dem Halling. Darüber hinaus kooperieren wir mit einer Fischfarm, die die norwegische Spezialität Rakfisk hersellt.

Ist die mit dem schwedischen Surströmming, der auch für seinen strengen Geruch berühmt ist, zu vergleichen?

Ja, diese Spezialität bieten wir im Rahmen eines Lunch-Konzerts an. Man isst diesen fermentierten Fisch mit Kartoffeln zusammen oder in einer Art Wrap. Nicht einmal alle Norweger haben diese Spezialität schon probiert. Es lohnt sich aber unbedingt.

Es geht beim Festival also um viel mehr als Musik.

Ja, es geht darum, sich auf die Schönheit der Region einzulassen. Ein wunderbares Beispiel sind die Konzerte, die wir in einer Kirche in den Bergen veranstalten. Dorthin kann man mit Schlittenhunden oder Skiern fahren. Das ist ein wichtiger Teil des Erlebnisses. Viele unserer Gäste haben sicher noch nie so viel Schnee gesehen, es sind eigentlich in jedem Jahr mindestens anderthalb Meter! Wenn man durch die tiefverschneiten Wälder gefahren ist, die märchenhafte Landschaft, die klirrende Kälte und die tiefe Ruhe erlebt hat, lehnt man seine Skier an die Kirche und kann sich dann ganz anders auf die Musik einlassen. Das ist ein einmaliges Erlebnis. Es geht um das Gesamtpaket. Die Musik, die Landschaft, die historischen Gebäude, das Essen, die Natur – alles wirkt zusammen. Und all das zu zeigen, ist uns wirklich eine Herzensangelegenheit!

Das Gespräch führte Miquel Cabruja.
(09/2020)

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