> > > > "Ich hatte das Glück, noch die großen alten Dirigenten zu hören"
Sonntag, 27. November 2022

Herbert Blomstedt - ein Meister seines Fachs

"Ich hatte das Glück, noch die großen alten Dirigenten zu hören"


Herbert Blomstedt hat in seiner langen Karriere mit zahlreichen international renommierten Ensembles zusammengearbeitet. Der ehemalige Chefdirigent des Leipziger Gewandhausorchesters stand im Online-Interview den klassik.com-Lesern Rede und Antwort und berichtete unter anderem darüber, was deutsche von amerikanischen Klangkörpern lernen können.

Es scheint so als ob die Zeit der CHEF-Dirigenten, die mächtigen Herren von fast diktatorischem Ausmass, vorbei sind, und dass heute mehr Koordinatoren welche die Musiker spielen lassen, gefragt sind. Was sagen Sie dazu? Geht das nur mit sehr guten Orchestern? Brauchen manche Orchester doch einen mächtigen Chef? Würde Sie es interresieren die 80 Musiker musizieren zu lassen, als ob sie alle Kammermusik machen würden, und sozusagen zuzusehen, nur die Einsätze zu geben, und Tempoveränderungen zu verwalten?

Gemeint ist wohl: Es gibt zwei Dirigententypen. Beide Typen sind heute in diesen Extremen nicht mehr vorhanden. Die Tyrannen gibt es heute nicht mehr. Vielleicht auch deshalb, weil man Musik nicht erzwingen kann. Ein reiner 'Koordinator' ist aber auch kein Dirigent. Ein Dirigent muss ein mitmusizierender Leiter sein. Alle Musik muss von ihm ausstrahlen. Das braucht nicht zu bedeuten, dass er ein Tyrann sein muss.

Cleveland, Philadelphia, Chicago, New York, Boston, Houston, Pittsburgh, San Francisco, Los Angeles, Dallas und Detroit. Überall da gibt es in den USA absolute Spitzenorchester. Wieso gibt es eine solche Fülle von Spitzenorchestern nicht in Deutschland?

Man muss bedenken, dass Amerika ein Land ist, das fünfmal so groß ist wie Deutschland... Die Ausbildung dort ist eben auch ganz hervorragend. Viele von den besten deutschen Künstlern mussten ja auswandern und wurden da tätig. Damit kam viel von der europäischen Tradition in die Staaten. Andererseits hat Amerika nicht die Fülle von Orchestern wie Deutschland.

Sehr geehrter Herr Prof. Blomstedt. Sie dirigieren sowohl in den USA als auch in Europa. Zwischen den USA und gerade Deutschland gibt es gravierende Unterschiede, was die Förderung von Orchestern mit staatlichen Subventionen betrifft. Angesichts der Tatsache, dass - ja auch im Osten Deutschlands - Theater und Orcherster schliessen: Was denken Sie, könnten die Deutschen von den Amerikanern lernen?

Ich glaube, das geschieht schon. Sowohl Leipzig als auch Dresden würden ohne Sponsoren heute gar nicht mehr auskommen. Ich nehme an, dass sich dieser Trend auch in Deutschland fortsetzen wird. Das würde den Staat entlasten. Private Sponsoren könnten noch viel mehr machen für das Kulturleben. Das Problem ist aber, dass die Steuergesetze in Deutschland für Sponsoren weniger günstig sind. In den USA können Spenden ganz von der Steuer abgesetzt werden. Das geht in Deutschland noch nicht. Und deshalb werden es sich viele potentielle Geldgeber immer wieder überlegen.

In der kommenden Spielzeit steht bei Ihnen kein einziges Bach-Werk auf dem Programm. Sind das Nachwirkungen vom vergangenen (Bach-)Jahr?

Das ist falsch. Ich spiele selsbt zwei Bachkonzerte. Und Gastdirigenten, die wir eingeladen haben, werden auch Bach dirgieren.

Welcher Dirigent hat Sie am meisten beeinflusst?

Das sind sehr viele. Ich hatte ja das Glück, noch die großen, alten Dirigenten zu hören: Toscanini, Furtwängler, Markevitch, Walter. Toscanini hat mich mit seiner Virtuosität beeindruckt, Furtwängler mit seinem Klangsinn. Er war ein Klangmagier. In der Mitte der beiden liegt vielleicht Bruno Walter. An ihm hat mich insbesondere seine freundliche Art begeistert, wie er mit den Musikern umging. Er war sehr verständnisvoll und ruhig. Ganz im Gegensatz zu Toscanini, der die Musiker mit den schlimmsten Worten beschimpfte. Nach diesen Wutausbrüchen war er aber wieder ganz normal und besonnen. Toscanini konnte es einfach nicht verstehen und ertragen, wenn jemand gegen sein Bild, sein Ideal der Interpretation verstieß.

Sehr geehrter Herr Blomstedt, Sie waren auch einmal Chefdirigent der Staatskapelle Dresden. Worin würden Sie den Unterschied im musikalischen Charakter dieses Orchester im Vergleich mit dem Gewandhausorchester Leipzig sehen? Und gibt es einen gesunden Wettstreit über die Wertstellung beider Orchester?

Das ist ein ganz interessantes Phänomen. Beide Städte sind ja Schwesterstädte, aber trotzdem ganz verschieden. Die Dresdner sind stolz auf ihre schöne Stadt mit dem Zwinger und der Oper. Aber all das wurde von einem König erbaut. Leipzig hingegen war immer die Stadt des Volkes mit Handel und Wirtschaft. Und so sind die Leipziger stolz, dass sie eine wundervolle Stadt ohne die Hilfe eines Königs geschaffen haben. Das spiegelt sich in den Orchestern wider: Das Gewandhausorchester ist ein sehr experimentierfreudiges Orchester. Zum Beispiel werden Sie demnächst unter Herreweghe, Norrington und Brüggen spielen. Dabei werden sie Ansätze der historisierenden Spielweise umsetzen. Das wäre bei der Staatskapelle in Dresden nicht so einfach; obwohl Nikolaus Harnoncourt schon vor zwanzig Jahren das Orchester dirigiert hat. Dann kommt hinzu, dass das Gewandhausorchester weniger Opern und mehr Sinfoniekonzerte spielt als die Staatskapelle. Die Dresdner hingegen spielen mehr Opern als Sinfoniekonzerte - und wenn sich dann eine gute Interpretation über Jahre bei den Musikern festgesetzt hat, ist es schwierig, andere Deutungen umzusetzen. Aber: Beide haben einen typisch deutschen Klang - recht breit, dunkel, weich und sehr ausdrucksvoll. Es sind wundervolle Orchester.

Haben Sie ein Ritual vor Ihren Aufrtitten?

Ja, ich habe gewisse Gewohnheiten. Vor einem Konzert muss ich 1 bis 2 Stunden schlafen, dann esse ich ein wenig. Nach dem Konzert esse ich aber überhaupt nichts. Meine Hauptmahlzeit ist das Frühstück. Aber ein Ritual im Sinne davon, dass ich einen Glückbringer aufstelle... Nein.

Hören Sie sich Ihre eigenen CDs an?

Nur in der Vorbereitungsphase bevor eine CD veröffentlicht wird. Da höre ich die verschiedenen Mitschnitte ganz genau an. Schließlich habe ich da die Möglichkeit, eine Auswahl zu treffen, welcher der Takes nun endgültig auf die CD soll. Aber das Endprodukt höre ich dann eigentlich nicht mehr. Vielleicht auch deswegen, weil ich dann nicht mehr eingreifen kann. Außerdem bin ich gedanklich da schon beim nächsten Projekt. "Lieber nach vorne schauen"

Wieviele Sprachen sprechen Sie?

Kommt drauf an. Zuhause spreche ich immer schwedisch. Mit dem Gewandhausorchester deutsch, in San Francisco englisch. Ich spreche auch dänisch und norwegisch, etwas französisch. Da ich in Finnland aufgewachsen bin, kann auch etwas Finnisch. Aber das habe ich fast alles wieder vergessen.

Merken Sie einen Fort- oder Rückschritt in der Ausbildung der Musiker?

Allgemein muss ich sagen, dass die Musiker heute viel besser ausgebildet sind als vor 50 oder 100 Jahren. Die Technik des Orchesterspiels hat sich in dieser Zeit enorm entwickelt, das kann man an alten Platten deutlich hören. Heute kann ein gutes Jugendorchester mit 4 bis 5 Proben 'Sacre du Printemps' nahezu perfekt spielen. Früher brauchte ein Profiorchester dafür mindestens 10 Proben. Das liegt natürlich auch an den enormen Anforderungen, die wir stellen. Wenn wir beim Gewandhaus einen neuen Musiker verpflichten wollen, kommen pro Stelle mehr als hundert Bewerber. Und es kann sein, dass wir keinen dieser Hundert nehmen. Dann findet eine neue Ausschreibung statt. Manchmal wird es sogar drei Mal gemacht, bis man den perfekten Musiker gefunden hat.

Beschäftigen Sie sich auch mit bildender Kunst oder Literatur? Falls Ja) Haben Sie eine Lieblingsrichtung?

Ich lese ständig. Ich habe auch eine Kunstbibliothek und eine Grafiksammlung. Man kann sich ja nicht nur mit Musik beschäftigen, ohne die anderen Künste zu lieben. Musik, Literatur und Kunst haben immer gegenseitig aufeinander gewirkt.

Wie erklären Sie sich Ihre Liebe einerseits zur Neuen Musik und andererseits zur Renaissance? (Studium Neue Musik in Darmstadt und gleichzeitig Studium Barock- und Renaissancemusik in Basel)

Das ist sehr einfach: Als ich jung war, wurde fast ausschließlich spätromantische Musik spätromantisch interpretiert. Da war es für mich so etwas wie eine 'Trotzeinstellung', mich mit genau den beiden Gegenpolen - der sehr alten und der neuesten Musik - zu beschäftigen. Aber natuerlich waren das auch Nischen, in denen man als junger Musiker auch Neues entdecken und sich etwas hervortuen konnte.

Wollten Sie von Beginn Ihrer musikalischen Laufbahn an Dirigent werden?

Nein. Ich fing mit der Geige an. Bach war mein täglich Brot. Danach habe ich die Orgel entdeckt, um andere Werke von Bach spielen zu können. Das waren meine Hauptinstrumente. Nach dem Abitur wollte ich insbesondere Streichquartette spielen. Mein Bruder spielte Cello und er hatte eine wunerschöne Freundin, die dann hätte mitspielen können. Auf der Musikhochschule musste ich dann ein halbes Semester, wie jeder andere Student auch, in die Dirigierklasse. Das hat mich sofort gefangen...

Was war Ihr peinlichstes Erlebnis auf der Bühne?

Oh ja. Da habe ich wenig Auswahl: Vor circa zwanzig Jahren war ich mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden auf einer Spanien-Tournee. Abends sollten wir in der Alhambra in Granada spielen. Und am Nachmittag vor dem Konzert habe ich einen Salat gegessen. In dem waren irgendwelche Bakterien, die mein Magen nicht gewohnt war. So wurde mir sehr, sehr übel. Aber da meine Mentalität es mir verbietet, einfach aufzugeben, ging ich trotzdem aufs Podium. Und mitten im Konzert musste ich mich dann übergeben. Ich habe noch versucht, es zu verbergen. Aber ohne Erfolg. Sofort stürmten dann zahlreiche Ärzte und Krankenschwestern aus dem Publikum zu mir. Einer gab mir eine Tablette und es ging mir etwas besser. Nach 15 Minuten konnte ich dann auch weiter dirigieren. Aber das war natürlich überaus peinlich.

Gehen Sie in Ihrer Freizeit noch in Konzerte?

Sehr selten. Nicht, dass ich nicht will, aber ich spiele ja ständig selbst. Und die Vorbereitung der Konzerte nimmt häufig meine ganze Zeit in Anspruch. Wenn, dann höre ich gerne etwas ganz anderes: Gregorianik oder Kammermusik zum Beispiel.

Was halten Sie vom sog. „Crossover“, das momentan immer populärer wird? Wie sieht es mit elektronischer Musik aus?

Für gewisse Menschen ist das sicher sehr interessant. Ich persönlich habe keinen Bedarf an dem, was man gemeinhin als Crossover bezeichnet. Für mich bedeutet Crossover vielmehr, verschiedene musikalische Strömungen zu kreuzen, damit sie gegenseitig ein Licht aufeinander werfen. In Konzertprogrammen mischt man ja auch, zum Beispiel wie es Michael Gielen tut: Webern mit Schubert. Das ist interessant.

Haben Sie Kontakt zu zeitgenössischen Komponisten?

Ja! Ich habe immer Kontakt gehabt zu zeitgenössischen Komponisten gehabt.

Verstehen und sprechen Sie Sächsisch? ;-)

Ich verstehe es gut, aber ich spreche es nicht. Das 'Rezept' kenne ich jedoch: Untergosche fallen lassen, nicht denken und die Sprache frei fließen lassen...

Sie haben mit dem San Francisco Symphony Orchestra sämtliche Nielsen-Sinfonien eingespielt. Wollten Sie damals den Amerikanern die Musikkultur ihrer Heimat Skandinavien näherbringen?

Das ist nicht meine Absicht gewesen. Ich habe Nielsen gespielt, weil Nielsen ein großer Symphoniker ist. Die Musik ist grossartig. Ich sehe Nielsen auf einer Ebene mit Schostakowitsch. Er steht für mich höher als zum Beispiel Vaughan-Williams. Und da war es mir ein Anliegen, seine Musik bekannter zu machen.

Siw waren ja früher berits Chefdirigent der Staatskapelle Dresden. Warum sind Sie nach 10 Jahren Amerika nach Sachsen zurückgekehrt?

10 jahre ist heute eine lange zeit. Wenn man so intensiv mit einem Orchester gearbeitet hat, wie ich in Dresden und San Francisco, dann ist ein Wechsel nicht schlecht. Dass ich nach Sachsen zurückgekehrt bin, war nicht unbedingt der brennende Wunsch nach Sachsen zurückzukehren. Aber als mich das Gewandhausorchester gefragt hat, habe ich mich dazu entschlossen. Zudem ist das Publikum in Sachsen einzigartig. Die Menschen dort lieben Musik und haben eine überaus starke Musikalität. Auch ihre Ausdauer ist immens. Man hört fast nie Huster während eines Konzertes. Die Sachsen sind bei Konzerten voll konzentriert.

Dieser Beitrag hat Ihnen gefallen? Empfehlen Sie ihn weiter!

Weitere aktuelle Interviews:

Edlira Priftuli

"Musikalisch praktizierte Ökumene"

Edlira Priftuli hat den Straßburger Wilhelmerchor zur historisch informierten Aufführungspraxis geführt

Weiter...

Liv Migdal

"Man spielt mit den Ohren!"

Liv Migdal im Gespräch mit klassik.com.

Weiter...

Christian Euler

"Melancholie ist die höchste Form des Cantabile"

Bratschist Christian Euler im Gespräch mit klassik.com über seine Lehrer, seine neueste SACD und seine künstlerische Partnerschaft zum Pianisten Paul Rivinius.

Weiter...

Magazine zum Downloaden

Class aktuell (2/2022) herunterladen (2500 KByte) NOTE 1 - Mitteilungen (11/2022) herunterladen (2700 KByte)

Anzeige

Jetzt im klassik.com Radio

Ignaz Joseph Pleyel: String Quartet Ben 342 in D major - Rondo. Moderato - Presto assai

CD kaufen


Empfehlungen der Redaktion

Die Empfehlungen der klassik.com Redaktion...

Diese Einspielungen sollten in keiner Plattensammlung fehlen

weiter...


Sponsored Links