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Freitag, 13. Dezember 2019

Der Bariton Matthias Goerne über Napster und strahlende Helden auf der Opernbühne

"Künstler haben ein Recht auf Einnahmen"


Der gebürtiger Weimarer Matthias Goerne hat es in kurzer Zeit zu weltweitem Renommee gebracht. Der Schüler Dietrich Fischer-Dieskaus und Elisabeth Schwarzkopfs stand schon auf zahlreichen Opernbühnen und beantwortet im klassik.com Interview nicht nur die Fragen unserer Leser über sein Verhältnis zu klassischer Musik im Internet, sondern auch, ob er auf der Opernbühne gerne den strahlenden Helden gibt.

Wie ich gehört habe, wird bald eine Matthäus-Passion mit Ihnen unter der Leitung von Harnoncourt erscheinen. Wie war Ihre Zusammenarbeit mit ihm?

Wie alle Konzerte mit Nikolaus Harnoncourt war auch diese Begegnung bei der Schallplattenproduktion eine aussergewöhnlich spannende.

Lieber Herr Goerne, ich hatte das große Glück Sie anläßlich der Schwetzinger Festspiele sehen und hören zu können mit dem Programm der Schönen Müllerin von Schubert. Vor kurzem wurde auf Arte eine Sendung über Alfred Brendel gezeigt, in der ich Sie mit ihm sah. Sie sangen die Winterreise, eine schönere Einspielung kann man sich kaum vorstellen. Sind CD-Einspielungen ,sowohl von der Schönen Müllerin als von der Winterreise geplant? Seid ich Sie gehört habe, warte ich sehnsüchtig auf diese CDs. Ich danke Ihnen für das Glücksgefühl, daß ich empfinde, wann immer ich die Gelegenheit habe, Sie erleben zu dürfen. Ich grüße Sie in Dankbarkeit. C.Löwenberg

Ja, es sind Schwanengesang und Winterreise mit Alfred Brendel geplant. Darüber hinaus wird mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit die Schöne Müllerin im Mai mit Eric Schneider für Decca aufgenommen.

Sehr geehrter Herr Görne, wie kam es gerade zu dieser Auswahl auf Ihrer neuen CD? Humperdincks 'Königskinder' und Schumanns 'Szenen aus Goethes Faust' sind ja eher Raritäten.

Eben weil es Raritäten sind und trotzdem gute Musik.

Was halten Sie davon, dass in NRW ein Festival geplant ist, das einen Etat von Millionen Mark haben soll, und gleichzeitig ein Orchester - die Philharmonia Hungarica - Konkurs anmelden muss, weil der Bund und das Land nicht mehr zahlen wollen?

Die Situation des Orchesters ist natürlich eine sehr traurige Entwicklung. Jedoch müsste man genau vergleichen, wie die Gelder für das Festival - welches ich für sehr gut heisse - sich zusammensetzen. Das eine mit dem anderen zu vergleichen, bedarf einer sehr differenztierten Betrachtungsweise.

Was bedeutet Ihnen der 'Wozzeck' musikalisch und bezogen auf Ihre Karriere?

Wozzeck ist für mich eine Schlüsseloper im gesamten Opernschaffen. Mir bedeutet diese Oper mehr als vieles andere. Musikalisch künstlerisch wie auch szenisch war die Erarbeitung dieser Oper im Zürcher Opernhaus von großer Bedeutung.

Lieber Herr Goerne, Ihre neue Platte haben Sie mit Manfred Honeck eingespielt. Der ist ja noch ein richtiger Geheimtipp. Ich habe ihn letztes Jahr in Köln mit dem WDR Sinfonieorchester gehört und dabei den Eindruck gehabt, dass er geniale Züge hat: Er dirigiert die Werke zwar nicht vordergündig reisserisch, aber mit einem ganz speziellen Gespür für Farben und Details. Er schafft es, den Werken einen großen Bogen zu verleihen. Wie epmfanden Sie die Zusammenarbeit mit ihm?

Ich empfinde sie genauso!

Sehr geehrter Herr Goerne! Wenn eine gute Fee kommen würde und Ihnen einen Wunsch erfüllen würde. Was würden Sie sich wünschen?

Kommt darauf an, wie sie aussieht. ;-))

Lieber Herr Goerne! Ich bin ein großer Bewunderer Ihrer Kunst. Eine Promotion-Ausgabe Ihrer neuen CD habe ich im neulich im Plattenladen ergattert. Darauf singen Sie den Wolfram im Tannhäuser mit einer solchen Reinheit, ja fast Keuschheit. Was bedeutet diese Rolle für Sie?

Sie bedeutet mir soviel, dass ich 2004 eine neue Produktion in Covent Garden mache.

Baritone sind in der Oper meistens die Schurken oder betrogenen Ehemänner. Wären Sie auf der Opernbühne auch gerne mal der strahlende Held?

Nein!

Ein befreundeter Journalist, der die 'Arias'-CD schon weit vor dem Veröffentlichungsdatum bekommen hat, hat mir diese Platte geliehen. Bis auf Mozarts Arien handelt es sich ja in erster Linie um sehr langsame, gefühlvolle Stücke. War das als roter Faden gedacht, oder liegen Ihnen diese Stücke mehr, als die schnellen temperamentvollen Arien? Ich kenne Sie ja zum Beispiel auch mit dem 'Musensohn' von Schubert. Und da geht doch richtig die Post ab.

Die Auswahl der Stücke richtet sich in erster Linie danach, welches Repertoire ich momentan auch wirklich im Konzert singe. Ob schnell oder langsam, spielt bei der Auswahl keine Rolle.

Ich habe bei klassik.com gesehen, was Sie auf Ihrer neuen CD 'Arias' aufgenommen haben. Es handelt sich da ja primär um 'deutsche'Opern. Reizt Sie kein Jago, kein Rigoletto oder kein Canio? Dürfen wir Sie irgendwann in diesen Rollen erleben?

Jago und Rigoletto wären z.Zt. das vollkommen falsche Repertoire. Ob das einmal kommen wird, wird die Zeit entscheiden.

In einem Film über Sie wurde geschildert, dass Sie bei der Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule nur mit einem 'Naja' genommen wurden. Heute sind Sie ein Weltstar; und nicht nur das: Sie sind auch ein weltweit gefragter und anerkannter Künstler. Was denken Sie von der Jury, die Sie damals nicht mit Handkuss genommen hat? Können Sie darüber etwas erzählen?

Ja. Diese Entwicklung war zu dieser Zeit nicht absehbar. Daran habe ich selbst nur intuitiv geglaubt. Das sagt also über das Urteilsvermögen einer Jury nichts aus.

Ich hatte die Gelegenheit, Sie am 31.7.1999 in Salzburg als "Papageno" zu erleben. (Ein unvergessliches Erlebnis übrigens). Ist Ihrerseits geplant, eine Einspielung der Zauberflöte vorzunehmen?

Im Moment leider nicht. :-( Sie können aber vielleicht einmal in die "Arias"-CD hineinhören, da gibt es einiges aus der Zauberflöte.

Was interessiert Sie an einem Online-Event?

Die Möglichkeit, von unterschiedlichsten Leuten die unterschiedlichsten Fragen beantworten zu können, die in einem "normalen Interview" nicht gestellt werden würden.

Was halten Sie von Tauschbörsen wie Napster?

Generell eine gute Idee wenn nicht eine Unterwanderung von Lizenz- und Urheberrechten damit verbunden ist. Die Künstler und die Plattenfirmen haben meiner Meinung nach ein Recht auf Einnahmen.

Haben Sie schon einmal MP3?s heruntergeladen?

Ja.

Sehen Sie im Internet Chancen für die klassische Musik?

Ja. Da sehe ich grosse Chancen für die klassische Musik. Es wird hoffentlich so sein, dass irgendwann einmal der Zugriff direkt auf die gewünschte Musik/Einspielung möglich ist.

Denken Sie, daß klassische Musik und Internet sich widersprechen?

Nein. Internet wird solch eine globale Bedeutung bekommen und für das tägliche Leben eine grosse Rolle spielen, dass auch die Musik Ihren Anteil daran erhalten wird.

Besitzen Sie eine Internetzugang?

Ja.

Würden Sie Ihren Kindern erlauben, Musiker zu werden?

Warum denn nicht? ;-)

In welcher Stadt tut sich nach ihrer Meinung zur Zeit musikalisch am meisten?

Für Deutschland: Berlin. Generell: New York und London.

Was halten Sie von André Rieu?

Er hat den 3/4-Takt wirklich drauf! ;-)

Nach welchen Kriterien sollte ein junger Mensch heutzutage entscheiden, ob er ein Musikstudium beginnt oder nicht?

Ob seine Leidenschaft und sein unbedingter Ausdruckswille groß genug sind, sich vorstellen zu können, diesen Beruf für sein Leben zu ergreifen und bereit sein zu wollen, auch Entbehrungen in Kauf nehmen zu müssen. Der Beruf hat sehr viel mit Disziplin zu tun und Disziplin ist das, was einem sehr leicht schwer fallen kann.

Ist Musik für Sie primär Arbeit oder Kunst?

Sowohl als auch.

Wer hat Ihre Begabung entdeckt?

Ich selbst.

Rückblickend gesehen: Wie sollte eine musikalische Ausbildung aussehen; wie auf keinen Fall?

Die technisch fundierte Ausbildung halte ich für die wichtigste. Die künstlerische Interpretation wird erst möglich, wenn handwerkliche Dinge sekundärer Natur sind. Sich nur auf emotionale Dinge zurückzuziehen und zu versuchen, technischen Problemen begegnen zu wollen, halte ich für einen Irrtum.

Wie alt waren Sie, als Sie das erste Mal Gesangsunterricht erhalten haben?

Eigentlich kurz vor dem Studienbeginn mit achtzehn Jahren. Davor gab es eigentlich nur ein "allgemeines Chorsingen" in einem Kinderchor am Theater.

Seit wann stand für Sie fest, Sänger zu werden? Hat es danach noch einmal Zweifel gegeben?

Mit 9 Jahren habe ich das erste Mal formuliert, dass ich Sänger werden wollte. Direkte Zweifel im Sinne von einem vollkommen anderen Berufswunsch gab es danach nicht.

Haben Sie noch immer Vorbilder?

Nein. Ich hatte nie wirkliche "Vorbilder". Es gab und gibt aber immer Personen, an denen ich mich orientiert bzw. die ich sehr geschätzt habe.

Wer hat Sie am meisten geprägt?

Mein Elternhaus.

Wann kann man mit dem Erscheinen Ihrer ?Arias?-CD rechnen?

Die CD erscheingt Mitte/Ende Februar im deutschen Handel. (Anm. der Redaktion: Details gibt es bei klassik.com)

Gibt es ein Konzert, an das Sie nicht erinnert werden wollen?

Nein, gibt es nicht.

Komponieren Sie selbst?

Nein.

Mit welchen Musikern möchten Sie gerne zusammenarbeiten?

Mit allen guten Musikern!

Wieviele Konzerte geben Sie jährlich?

Etwa sechzig Konzerte.

Lesen Sie Kritiken eigener Aufnahmen oder Auftritte?

Natürlich!

Hören Sie Sich Ihre eigenen Aufnahmen an?

Ja, beim Schneiden.

Was für einen Eindruck haben Sie von Claudio Abbado?

Ein großer Künstler, mit dem ich unvergessliche Konzerte hatte.

Was für ein Gefühl war es, sich plötzlich in der Carnegie Hall wiederzufinden?

Der erste Auftritt in der Carnegie Hall war für mich ein unvergessliches Gefühl.

Fragen Sie, wenn möglich, den Komponisten selbst nach seiner Interpretation?

Ist bei Schubert, Schumann usw. schwer möglich. ;-) Würde ich aber gerne...

Haben Sie manchmal vor Auftritten Lampenfieber?

Nein.

Wann singen Sie wieder in Barcelona?

In der nächsten Saison.

Alfred Brendel bot Ihnen nach nur einigen Begegnungen die Zusammenarbeit an. Was hat ihn an Ihrer Kunst speziell beeindruckt?

Das sollten Sie Herrn Brendel fragen... Das ist schwer für mich, zu beantworten.

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